„Da aber erschien unsere Rettung…“ (Vers 4a)
So beginnt unser heutiger Predigttext zum Christfest 2025.
Unsere Rettung ist erschienen.
Dies könnte aufhorchen lassen. Es gibt eine Rettung – wir sind nicht hoffnungslos/rettungslos verloren!
Und was ist unsere Rettung?
„Die göttliche Freundlichkeit und Menschenliebe.“ (Vers 4b)
Oh je, oh je!
„Wer’s glaubt wird selig!“ Mit Freundlichkeit und Menschenliebe wird man diese unsere aus den Fugen geratene Welt wohl nicht retten können. Eher schon mit „Kriegstüchtigkeit“, soll heißen: „Verteidigungsbereitschaft“. „Schwerter zu Pflugscharen“ – das war einmal. Aufrüstung ist das Wort der Stunde. Demgegenüber sind der Klimawandel und die mit ihm einhergehenden Probleme in den Hintergrund getreten.
Und überhaupt: Wer sollte uns retten?
Ist das nicht dieser naiv-christliche Trost, der das Christentum so unglaubwürdig gemacht hat – mit der logischen Folge, dass sich viele Menschen von ihm abwenden? Ein Trost, der in Wirklichkeit kein Trost sondern eine Vertröstung auf eine bessere Zukunft ist. Es waren schon wir, die den Karren in den Dreck gefahren haben. Jetzt bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn da wieder raus zu kriegen. Und ich bin sehr dankbar für all die vernunftbegabten, besonnenen und der Demokratie verpflichteten Mitmenschen, die sich mit aller Kraft um diplomatische Lösungen bemühen – sehr zum Missfallen derjenigen Mitmenschen, die ihre Hoffnung auf selbst ernannte autokratische Führer setzen.
Ist das nicht viel eher unsere Rettung – falls es überhaupt (noch) eine gibt? – als vollmundige Sätze aus religiösen Schriften? Noch dazu, wenn diese aus einem Brief stammen, dessen Verfasser genau die Werte vertritt, die zur Zeit in der rechten bis rechtsextremen Szene wieder (oder nach wie vor) Konjunktur haben: Die Frauen sollen sich „den eigenen Männern“ unterordnen (Titus 2, 5), die Sklaven sollen sich ihren Herren unterordnen (Vers 9) und die Christen im Ganzen sollen den staatlichen Gewalten und Mächten untertan sein (3, 1). Es sind genau jene Werte, mit denen die populistisch-autokratischen Führer der Gegenwart Mehrheiten bekommen.
Und wenn eine Bischöfin dem amtieren Präsidenten der USA versucht, ins Gewissen zu reden: „Haben Sie Erbarmen, Herr Präsident!“ … dann bekommt sie als einzige Antwort, sie müsse sich entschuldigen, denn sie sei eine „Trump-Hasserin“.
„Als aber die Güte und Menschenliebe unseres Retter-Gottes erschien…“ – so könnte man auch übersetzen -, da wurde eben diese abgelehnt: „In das ihr Eigene kam sie, aber die Ihrigen haben sie nicht aufgenommen.“ (Johannes 1, 11)
So ist es – und dass es so ist, das ist nüchtern anzuerkennen und schwer auszuhalten.
Vor kurzem war in der PSYCHE, einer Fachzeitschrift für psychoanalytische Therapeuten und Therapeutinnen, von der „hohlen Nächstenliebe, wie das Christentum sie predigt … “ zu lesen! Bischöfin Mariann Budde – so heißt die amerikanische Bischöfin – hatte keine hohle Nächstenliebe gepredigt – ganz im Gegenteil: Sie verfügte über den Mut, dem frisch gewählten Präsidenten der Vereinigten Staaten beinahe liebevoll ins Gewissen zu reden. Sie hat sich – Gott sei Dank – genau nicht an die Ermahnungen der Briefes an Titus gehalten! Als Frau und Amtsträgerin hat sie sinngemäß gesagt: Wir glauben an einen Gott der Menschlichkeit, an einen Gott, der so sehr menschlich ist, dass er selbst Mensch geworden ist. Dies nämlich ist unsere Rettung: Sich daran zu erinnern, dass wir Menschen sind und keine Maschinen, und dass wir umgeben von Menschen sind und dass unsere Aufgabe als Menschen genau eines ist: das, was wir von Gott bekommen haben – unsere Menschlichkeit – weiter zu geben – nicht indem wir kluge Predigten halten, sondern indem wir es vorleben!
Also, noch einmal: Es ist die“göttliche Freundlichkeit und Menschenliebe“ – „Sie hat uns aus dieser Verstrickung gerettet, keineswegs aufgrund gerechter Taten, die wir vollbracht hätten, sondern allein, weil Gott Mitgefühl mit uns hatte. So hat uns Gott gerettet durch das Bad, in dem wir noch einmal geboren und neu geschaffen werden durch die heilige Geistkraft.“ (V. 5)
Unser Gott ist ein Gott, der zu Mitgefühl (griechisch: Empathie) fähig ist. Ob es der Verfasser unseres Briefes auch ist, bleibt für mich offen, glaube ich aber eher nicht. In den vorhin zitierten Sätzen finde ich kein Mitgefühl mit den Frauen (auch nicht mit den Männern), kein Mitgefühl mit den Sklaven. An seine Stelle, an die Stelle des Mitgefühls, ist die Erwartung oder Forderung der Unterordnung getreten. Und die, die sich nicht unterordnen wollen, „die sinnloses Geschwätz von sich geben und den Verstand beirren“… „denen muss man das Maul stopfen, da sie ganze Familien zerstören, indem sie lehren, was nicht sein darf, und das zu dem schändlichen Zweck, sich zu bereichern.“ (Titus 1, 10b-11) Schöner hätte es ein Trump, ein Musk auch ein Putin nicht ausdrücken können.
Also stimmt es doch: im Christentum wird hohle Nächstenliebe gepredigt! Es stimmt genau so lange, wie es der Predigerin oder dem Prediger nicht möglich ist, „sich selbst über die Schulter zu schauen“. Damit meine ich die Fähigkeit, sich stets ehrlich damit auseinander zu setzen, wofür ich meine veröffentlichten Gedanken verwende. Um diese Frage beantworten zu können, brauche ich die Bereitschaft und Fähigkeit, mich selbst kennenzulernen. Theresa von Avila schreibt zu Beginn ihres Werkes „Die innere Burg“: „… so hoch die Seele auch stehen mag – nie wird etwas anderes die Selbsterkenntnis ersetzen können, ob man dies nun will oder nicht.“ (S.30) „Ohne sie geht alles verloren.“ (ebd.) Selbsterkenntnis hat aber nichts damit zu tun, in endlosen Schleifen um sich selbst zu kreisen. Deshalb fügt Theresa hinzu: „Bedenkt aber, dass die Biene es nicht versäumt, hinauszufliegen, um den Nektar zu sammeln. Genau so muss es die Seele mit der Selbsterkenntnis halten. Glaubt es mir und fliegt zuweilen aus, um die Größe und Majestät eures Gottes zu betrachten.“ (ebd.)
Eures mit-fühlenden Gottes! – ergänze ich.
Mein persönliches Glaubensbekenntnis beginnt nicht mit einem allmächtigen Gott. Ein allmächtiger Gott ist für mich ein uninteressanter weil unglaubwürdiger Gott, der mehr Interesse an seiner eigenen Allmacht als an seiner Schöpfung hat. Und es gibt schon genug selbst ernannte oder gewählte vermeintlich allmächtige „Führer“ unter uns Menschen, die genug Unheil angerichtet haben und anrichten. Wir brauchen keinen allmächtigen Gott.
Was wir brauchen, das ist ein empathischer Gott!
Empathie heißt wörtlich: „Hinein-Fühlung“. Einfühlung entsteht, indem ich bereit und fähig werde, meine eigene Perspektive zu verlassen und in die Perspektive eines anderen Lebewesens „hinein zu gehen“. Nicht nur eines Menschen, auch in die Perspektive eines Tieres oder einer Pflanze. Wer Fleisch isst, sollte sich auch die Bilder von Schlachtviehtransport anschauen. Oder das Geschrei von Schweinen sich anhören, kurz von dem sie betäubenden (erlösenden?) Bolzenschuss!
Ich vertraue einem Gott, der dazu fähig ist. Der im Weg seines Sohnes Jesus Christus gerade nicht seine Allmacht demonstriert hat, sondern sich hinein-gefühlt hat in diese, unsere Welt – mit allen ihren Ungerechtigkeiten und ihrer ganzen Grausamkeit. Ich vertraue einem Gott, der uns an dieser, seiner Empathie Anteil schenkt im „Bad“, gemeint ist unsere Taufe: durch sie sind wir „noch einmal geboren“ und „neu geschaffen worden durch die heilige Geistkraft“. In diesem Geschehen liegt unsere Freiheit begründet: wir sind frei geworden für unser einmaliges Leben hier auf Erden.
Frei geworden heißt: Das Grämen darüber, was wir nicht erreicht haben im Leben, was wir uns selbst schuldig und was Andere uns schuldig geblieben sind, erübrigt sich. Es findet keinen Nährboden mehr. Es ist nämlich in dem „Bad“ unserer Taufe weg gewaschen worden. Stattdessen lebt eine neue Verbindung in uns: die Verbindung mit der „heiligen Geistkraft“, vermittelt durch unseren „Retter“ Jesus Christus. In dieser Verbindung zu leben ist „ewiges Leben“ insofern, als die Lebendigkeit, die schon immer in uns gewesen ist, in ihr auf die Welt kommt. Unsere Lebensaufgabe ist es, eben diese Lebendigkeit immer wieder auf die Welt kommen zu lassen. Nicht nur zur Weihnachtszeit!
„Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren“ (Angelus Silsius)
Und indem unsere Lebendigkeit auf die Welt kommt, leuchtet in die dunkle Nacht unseres Lebens „Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe“. Gerade so, wie es in einer chassidischen Geschichte erzählt wird:
Ein alter chassidischer Rabbi fragte seine Schüler, woran man den Zeitpunkt zwischen dem Ende der Nacht und dem Anfang des Tages erkennen könne. Denn das ist die Zeit für bestimmte Gebete. „Ist er gekommen?“ schlug ein Schüler vor, „sobald man erkennen kann, ob ein in der Ferne gesehenes Tier ein Schaf oder ein Hund ist?“ „Nein“, antwortete der Rabbi.
„Ist er gekommen, sobald man auf der Handfläche die Linien klar erkennt?“
„Oder wenn man von einem Baum in einiger Entfernung sagen kann, ob es ein Feigen- oder ein Birnbaum ist?“
„Nein“, antwortete der Rabbi jedes Mal.
„Wann ist er gekommen?“, fragten die Schüler.
„Er ist da, wenn du deine Mitgeschöpfe, Pflanzen, Tiere, Menschen als deine Brüder und Schwestern erkennen kannst. Bis dahin ist es noch Nacht (in dir)…“
