Predigt über Römer 5, 1 – 4 am Sonntag Reminiscere 2026

„Wir können in Gottes Frieden leben, weil Gott uns auf Grund unseres Vertrauens gerecht spricht und wir dem Messias Jesus gehören!“

So lautet der erste Satz unseres heutigen Predigttextes (Römer 5,1)

Und weiter: „Durch ihn, (also durch den „Messias Jesus“) haben wir Zugang in den Raum der Freundlichkeit Gottes. Das ist unser Ort.“

Wie schön. Ist das nicht wirklich eine gute Botschaft?

Wir können in Gottes Frieden leben. Durch Jesus ist uns der Raum der Freundlichkeit Gottes eröffnet.

Was wollen wir mehr?

Was brauchen wir mehr?

Gott allein ist genug, sagt Theresa von Avila. Mehr brauchen wir nicht. In Gott ist Frieden. In Gott ist Platz. Der Raum der Freundlichkeit Gottes.

Theresa schildert in ihrem großartigen Buch „Die innere Burg“ diesen Raum der Freundlichkeit Gottes. Sie vergleicht ihn mit einer „Burg“ in unserem Inneren, „die ganz aus Diamant oder einem sehr klaren Kristall besteht und in der es viele Gemächer gibt, gleichwie im Himmel viele Wohnungen sind.“

Dies sei die „Seele des Gerechten“; sie ist nichts anderes „als ein Paradies, in dem der Herr, wie er selbst sagt, seine Lust hat.

Gott liebt den Garten. Und wer von uns das Glück hat, einen Garten sein Eigen nennen zu können, weiß vielleicht aus eigenem Erleben, wie schön so eine Abendstimmung bei einem Glas kühlen Lammsbräu oder perligem Rosee oder samtigem Rotwein sein kann. Freundlich-gelassen kann man zurück blicken auf getane Arbeit, der Rasen ist gemäht, die Pflanzen sind gegossen … ein Gefühl der Behaglichkeit breitet sich aus.

„Wir können uns glücklich preisen, weil wir darauf hoffen, dass Gottes Gegenwart alles durchdringt.“ Und in dieser alles durchdringenden Gegenwart ist auch der Grillgeruch des Nachbarn nicht mehr so stechend und die Discomusik des anderen Nachbarn, wo eine Party sich ankündigt nicht mehr so dröhnend.

Unerträglich wird es erst, wenn wir den Raum der Freundlichkeit Gottes verlassen. In unserer Seele gibt es nämlich genauso wenig wie auf unserer Erde kein Vakuum. Indem wir den Raum der Freundlichkeit Gottes verlassen, betreten wir unweigerlich den Raum der Unfreundlichkeit, des Missmutes, der Gereiztheit und des Ärgers. Kann man nicht einmal in Ruhe hier im eigenen Garten sitzen, heißt es dann. Und dann kommt die Idee: Ich muss mir das nicht länger bieten lassen. Und wenn jetzt die Wut so richtig hoch kocht wird die Polizei verständigt, und, und , und…

Was lernen wir daraus? Der „Raum der Freundlichkeit Gottes“ ist kein Besitz, er gehört uns nicht. Wir dürfen ihn betreten, wir dürfen in ihm wohnen „aus unserem Vertrauen heraus„. Aus „unserer Unfreundlichkeit heraus“ verlieren wir ihn wieder.

Und, aber: Die gute Nachricht:

Wir können den Ort der Freundlichkeit Gottes jederzeit aufs Neue betreten; er geht uns nicht verloren, er ist immer da. Nicht der Ort der Freundlichkeit Gottes verlässt uns, sondern wir verlassen den Ort der Freundlichkeit Gottes!

Aber warum nur? Im Raum der Freundlichkeit Gottes ging es uns doch so gut!

Ich glaube, die größte Verführung, die uns alltäglich „heimsucht“ ist unser Zwang, alles und jeden zu bewerten.

Die Guten ist Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.

Ich habe mir in der letztjährigen Passionszeit vorgenommen, nicht oder möglichst wenig zu bewerten. Ich nannte es „Bewertungsfasten“. Den Versuch, mich meiner Wertungen, Bewertungen und vor allem Entwertungen zu enthalten. Mein innerer Kritiker findet das unerträglich. Er kämpft um seine Existenz. Er lebt ja davon, zu kritisieren. Dabei heißt „kritisieren“ (griechisch krinein) eigentlich nur „unterscheiden“. Aber es scheint einen Zwang in uns Menschen zu geben, nicht nur „einfach zu unterscheiden“, sondern: wertend zu unterscheiden, zu beurteilen.

Und genau das macht Bewertungsfasten so schwierig. Es ist gegen unsere Intuition und gegen all das, was wir gelernt haben.

Ich glaube im übrigen, wenn der Freund von Teresa von Avila, der Heilige Johannes vom Kreuz, von den drei dunklen Nächten der Seele spricht, meint er genau das Gleiche. Die dunkle Nacht der Sinne bedeutet: das Urteil unserer Sinne z.B. „hässlich“ und „schön“ ist abzudunkeln. Die dunkle Nacht des Verstandes bedeutet, das kritische Licht unseres Verstands, die permanenten Beurteilungen „runter“ zu dimmen. Und schließlich die „dunkle Nacht Gottes: Im Bewertungsfasten trenne ich mich auch von meinem Glauben. Im Bewertungsfasten verschwindet ein Gott, der „das Gute“ verkörpert. Und es gibt auch keinen Teufel (mehr), der „das Böse“ verkörpert. Nebenbei: Spannend wie mit einem Mal deutlich wird, dass die Existenz Gottes als moralisch höchstes Gut von der Existenz des Bösen abhängt.

Wenn wir im Ort der Freundlichkeit Gottes bleiben, oder zu ihm wieder zurückkehren, wird sich auch das Erleben unserer Nöte und Bedrängungen verändern. So sagt er im letzten Abschnitt unseres Predigttextes:

„3 Auch in Stunden großer Not können wir uns glücklich preisen, denn wir haben die Erfahrung gemacht, dass große Not die Kraft zum Widerstehen stärkt. 4 Diese Kraft stärkt uns, dass wir standhalten können; die Erfahrung standzuhalten stärkt die Hoffnung. 5 Die Hoffnung führt nicht ins Leere, denn die Liebe Gottes ist durch die heilige Geistkraft in unsere Herzen gegossen. Sie ist uns geschenkt.“

So weit die Gedanken unseres heutigen Predigttextes. Für mich ist der entscheidende Satz: „Durch den Messias Jesus haben wir Zugang in den Raum der Freundlichkeit Gottes. Das ist unser Ort.

Unser Ort, unsere Heimat, da wo wir hingehören, jedenfalls als Christen, das ist die Freundlichkeit Gottes. Von daher wird auch der Name des heutigen Passionssonntags verständlich: „Reminiscere“: „sich erinnern“. Es ist ein Vers aus dem 25. Psalm: „Erinnere dich an deine Zuneigung, an deine Freundlichkeit Gott – die waren immer schon da. An die Verfehlungen meiner Jugend erinnere dich nicht… Weil du freundlich bist, erinnere dich an mich, du!“ (Vers 6 und 7)

Angewendet auf mein Bewertungsfasten heißt das: Wenn du schon meinst, bewerten zu müssen, dann mach‘ es so wie Gott: Sei freundlich, bewerte wohlwollend. Bleibe im Raum der Freundlichkeit deines Gottes.

Gerade in unserer Zeit, in der Unfreundlichkeit viel zu viele „follower“ hat.

Und was heißt das jetzt für unseren Alltag? Wie lässt sich das leben?

Theoretisch ganz einfach: Indem ich „bei mir bleibe“.

Indem ich aufhöre, mich über das Verhalten meiner Mitmenschen zu empören.

Stattdessen mich selbst radikal ernst nehme. Das hat nichts mit humorlos zu tun. Empören muss ich mich nämlich nur dann, wenn ich meinen Eigen-Raum verliere. Dazu zwingt mich niemand. Auch wenn ich als Kind immer wieder erlebt habe, dass für mich kein Platz da ist, trauriger noch: dass ich unerwünscht bin – jetzt, wo ich erwachsen bin, bin es „Ich“ ganz allein, der sich aufregt, sich ärgert, sich nicht abfinden will oder kann mit dem, „was es ist“! Meist steckt hinter Empörung auch Neid! Gerade dann, wenn ich mich selbst sehr einschränke und gleichzeitig vor Augen geführt bekomme, wie jemand anders es gar nicht in den Sinn kommt, sich zurückzunehmen, sich zurückzuhalten. Dann brauche ich ein starkes „Ich“; ein starkes „Selbst-Gefühl“ aus dem heraus ich mein einmaliges Leben mit genau meinen Werten lebe.

Der Raum der Freundlichkeit unseres Gottes ist ein „Liebes-Raum“.

Die Liebe allein ist es, die die Kraft hat, ja zu sagen zu all dem, was sie vorfindet – ohne sich dabei an einen Ort ziehen zu lassen, an dem sie nicht sein möchte.

Dies ist meine persönliche zweite Aufgabe in der Fastenzeit, dass ich mich möglichst wenig beirren oder gar verunsichern lasse, von all dem, was auf mich von außen einströmt. Und in Zeiten von social media ist das jede Menge!

Dazu brauche ich eine Verankerung, die mir Sicherheit bietet. Das kann ein Bild sein, ein Musikstück, eine Schnitzarbeit oder ein Gedicht. Zum Beispiel das folgende, es ist von Erich Fried:

Es heißt: „Es ist was es ist, sagt die Liebe“.

Ich lese es Ihnen abschließend vor:

Es ist Unsinn, sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe… AMEN. (E. Fried)

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