Nüchterne Selbsterkenntnis ist in kirchlichen Gemeinschaften nicht erwünscht. Man hat ja „den Herrn“. Es genügt, an ihn zu glauben. Als Pfarrer und Psychotherapeut war und ist das durchaus ernüchternd. Aber die Realität ist nun einmal ziemlich nüchtern. Dass dem so ist bildet den Hintergrund folgender Geschichte, deren Grundgedanken ich bei A. de Mello kenenlernen durfte.
Erkenne dich selbst!
„… so hoch die Seele auch stehen mag – nie wird etwas anderes die Selbsterkenntnis ersetzen können, ob man dies will oder nicht.“ (Theresa von Avila)
Alle Religionen ruhen auf drei Säulen: dem Gottesdienst, den Heiligen Schriften und der Nächstenliebe. Eines Tages traten diese drei Säulen zu Gott und klagten ihr Leid.
„Ich habe an Achtung verloren“, sagte der Gottesdienst. „Zu mir kommen die Menschen vor allem, um sich selbst zu feiern. Oder wenn es ihnen schlecht geht. Dann kommen sie, weil sie wollen, dass es ihnen besser geht. Dabei besteht mein Sinn doch darin, einmal nicht sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Sich als kleiner Teil in Beziehung zu einem Größeren und Ganzen zu erleben.“
„Uns geht es ähnlich“, sagten die Heiligen Schriften. „Wir werden für wissenschaftliche Studien verwendet,sagte das Alte Testament. Oder für den naiven Glauben, dass es keinen Tod gibt, sagte das Neue Testament. Oder für Gewalt, sagte der Koran. Dabei besteht unser Sinn doch darin, den Menschen ein gutes Leben zu lehren. Den Respekt vor allem Geschaffenen. Die Liebe zu allem, was da ist.“
„Genau“, sagte die Liebe. „Genau das ist auch mein Problem. Ich werde mit Sehnsucht verwechselt. Mit einer Harmonie, in der es keine Konflikte geben soll.
Dabei ist meine Stärke doch gerade Toleranz. Die respektvolle Wahrnehmung des Fremden, des Unbekannten.“
„Ich kann euer Leid verstehen“, antwortete ihnen Gott.
„Ich werde euch jemand an die Seite stellen“, der euch stärken wird.
„Wer wird das sein?“ fragten sie.
„Die Selbsterkenntnis!“ antwortete Gott.
Als der Teufel davon hörte, lachte er. „Ein unverbesserlicher Optimist ist er schon, der Alte,“ rief er aus. Und er holte seine Helfer zu sich: Die Angst verbunden mit Unsicherheit und Ambivalenz, den Geiz, den Perfektionismus, den Stolz, den Neid, den Zorn, den Betrug, die Trägheit und die Gewalt.
„Passt auf“, sagte er. „Gott will die drei Säulen der Religion stärken, indem er ihnen als besondere Kraft die Selbsterkenntnis an die Seite gibt.“
„Was ist das?“ fragten seine Helfer. Denn Selbsterkenntnis war ihnen fremd.
„Das müsst ihr nicht wissen“, antwortete der Teufel hämisch grinsend.
„Es ist etwas Sinnloses, etwas, das nichts bringt.“
„Wieso hast du uns dann zu dir gerufen?“ wollten sie wissen.
„Damit ihr gewappnet seid. Wenn die Menschen anfangen, sich selbst zu erkennen, dann müsst ihr ihnen klar machen, dass Selbsterkenntnis keinen Nutzen hat.“
„Hat sie ja auch nicht“, sagten seine Helfer. „Wie kann etwas Nutzen haben, das wir nicht verstehen.“ „Gut so,“ antwortete der Teufel. Und seine Augen blitzten triumphierend.
Und so geschah es.
Und da teuflische List bei den Menschen mächtiger ist als göttliche Weisheit, kam die Selbsterkenntnis nicht wirklich weit.
„Du bringst mir nichts“, sagten die Menschen, und wendeten sich von ihr ab.
„Du machst mich höchstens unglücklich“, sagten Andere. „Am Ende bekomme ich noch eine Depression!“
„Das ist mir zu komplex,“ war auch eine Antwort. „Ich verstehe dich nicht!“
Oder: „So genau will ich mich gar nicht kennen lernen. Wer weiß, was da alles zutage tritt.“
Auch die Wissenschaftler bezogen Stellung:
„Wir müssen erst deine Validität überprüfen“, sagten sie. „Und du musst uns deine Signifikanz und Effizienz nachweisen.“
Die Selbsterkenntnis war frustriert. In ihrer Not wandte sich sie sich direkt an Gott. Als er sie kommen sah, sagte er: „Du siehst müde und erschöpft aus. Was ist denn los?“ Sie antwortete: „Ich fürchte, ich bin nicht hilfreich. Tut mir leid, aber es ist mir nicht geglückt, die Menschen zu erreichen. Ich fühle mich ausgehöhlt. Man verwendet meine Kraft, um andere auszubeuten. Man verwendet mich für Werbung und für Verführung. ‚Träume nicht dein Leben, lebe deine Träume,‘ heißt es. Aber man interessiert sich nicht dafür, was das ist: ‚Mein Leben.‘ Man redet von Selbst-Verwirklichung. Aber wie soll man ein Selbst verwirklichen, das man gar nicht kennt? Wie soll man Sorge tragen für eine Seele, die einem unbekannt ist? Warum nur haben die Menschen so wenig Interesse, daran, sich selber kennenzulernen?
Mein Gott – das alles ist derart ernüchternd. Ich glaube, ich kann nicht mehr… Und ich mag auch nicht mehr. Ich fürchte, du hattest keinen guten Tag, als du beschlossen hast, den Menschen zu erschaffen!“
„Ja“, sagte Gott lächelnd, „ich denke mir manchmal auch, ob das wirklich eine gute Idee gewesen ist.“
Und er fuhr fort:
„Es ist Meister Eckhardt – einer meiner getreuesten Mitarbeiter – gewesen, der gesagt hat: ‚Manche Leute, die wollen Gott mit den den Augen ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen und wollen Gott lieben, wie sie eine Kuh lieben. Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens. So halten‘s alle jene Leute, die Gott um äußeren Reichtums oder inneren Trostes willen lieben; die aber lieben Gott nicht recht, sondern sie lieben ihren Eigennutz.‘
Und – vielleicht ein kleiner Trost für dich, liebe Selbst-Erkenntnis:
Meister Eckhardt hat auch nicht viel erreicht. Wäre er nicht rechtzeitig gestorben, hätte ihn das Establishment der katholischen Kirche wegen Ketzerei zum Tode verurteilt.“
„Und wie gehst du damit um?“ fragte die Selbsterkenntnis Gott. „Macht dich das nicht depressiv?“
„Nein“, antwortete Gott. „Ich bin zwar Mensch geworden, aber ich bin kein Mensch.
Im Schicksal meines Sohnes habe ich gelernt, was es heißt, Ohne-Macht-Sein zu ertragen. Die Menschen wollen einen allmächtigen Gott. Weil sie selber allmächtig sein wollen. Ich aber habe mich offenbart als einfühlsamer, als empathischer Gott.
Das wird mir oft als Schwäche ausgelegt. Oder als Beweis, dass ich überflüssig bin. Dass es mich gar nicht gibt, dass ich eine Illusion der Menschen bin.
„Das klingt ja nicht sehr optimistisch,“ erwiderte die Selbsterkenntnis.
„Es geht nicht um Optimismus“, sagte Gott. „Es geht um Realismus.“
„Und Realismus heißt, der Wirklichkeit nüchtern ins Auge zu schauen. Und die Wirklichkeit ist, dass sich Menschen nur sehr schwer verändern können. Meistens erst dann, wenn sie Gefühle einer Katastrophe erleben. Vorher wollen sie sich nicht verändern. Und sie hassen es, aus ihren eigenen Erfahrungen zu lernen.“
„Und was sagst du den Menschen, die sich in ihrer Not an dich wenden?“
„Es sind nicht viele, die das tun. Die meisten verwenden auch die Katastrophen dafür, nichts ändern zu müssen. Oder sie ändern äußere Lebensumstände, ohne zu merken, dass es um einen Wandel ihres Denkens, ihrer Grund-Haltungen zum Leben ginge. Eben um dich, um Selbst-Erkenntnis…
…. weißt du: – auch ich kann nur diejenigen erreichen, die mich ernsthaft suchen …“
„Ja – und dann: was sagst du denen, die sich von dir erreichen lassen?“
„Ich bin Gott. Ich spreche nicht direkt. Die Menschen würden mein Wort nicht ertragen. Ich spreche indirekt, über meine Schöpfung. Und die Menschen, die mich wirklich suchen, die hören auf einmal meine Botschaft ‚zwischen den Zeilen‘, da wo man nichts sieht. Sie hören die Botschaft der Bäume und der Grashalme, und sie sehen mit anderen Augen: die Ameisen und die Krähen, den Regen und den Sonnenstrahl… die Wellen der Meere und die Wolken am Himmel … auch meine Heiligen Schriften, und die Gottesdienste …. und sogar ihre Mitmenschen … überall entdecken sie die Schönheit dessen, was da ist und werden durchflutet von dankbarer Liebe zu dem, was kommt und geht … Und sie bekommen eine Ahnung davon, was Jesus Christus wirklich gewollt hat. Der übrigens, anders als Meister Eckhardt, wirklich mit dem Tod bestraft worden ist. Seine Predigten haben die damals vorhandenen Möglichkeiten zu verstehen zerstört. Deshalb musste der Prediger zerstört werden.“
„Ja, und was hilft mir das jetzt?“ murrte die Selbsterkenntnis. „Das ist mir kein Trost! Höchstens eine Vertröstung, die ja oft genug gepredigt wird!“
„Meine liebe Selbsterkenntnis – du brauchst etwas mehr Selbstbewusstsein“ antwortete da Gott lächelnd. „Mach‘ dich doch nicht so abhängig davon, wie du ankommst. Dein Wert hängt doch nicht daran, wer dich braucht. Du sagst doch selbst den Menschen, dass nützlich zu sein allein nicht glücklich macht.
Dein Nutzen liegt in deinem Da-Sein. Das gilt für dich und für alles Geschaffene. Nimm dein Da-Sein ernst und verbinde es mit mir – dem Grund allen Seins. Und indem du dies tust, befriedest du dich und alles, was dich umgibt – innen wie außen – und du wirst allmählich die ‚verschwebende Stimme‘ meines Schweigens hören und spüren: Es ist, was es ist, und es ist gut.“
Die Selbsterkenntnis schwieg.
„Erreicht dich das?“ fragte Gott die Selbsterkenntnis und schaute sie liebevoll an.-
Die Selbsterkenntnis schwieg. Und sie spürte: Hinter ihrem Hader und ihrer Enttäuschung und ihrem Zorn und ihrer Angst und ihrer Gekränktheit gab es etwas … etwas Unbekanntes und irgendwie doch Bekanntes.
Noch nie hatte sie sich so danach gesehnt wie jetzt. Auf einmal erkannte sie, es war die Angst gewesen, die Angst davor, die vertraute Art ihres Denkens, ihres Fühlens loszulassen. … Wer würde sie sein, ohne ihre vertrauten Gefühle von Unzufriedenheit, Angst und Sorge? Gäbe es sie dann überhaupt noch? Oder würde sie dann verrückt werden?
Und noch ein weiterer Gedanke stieg in ihr auf: Ob das der Grund war, weswegen die Menschen sich so schnell wieder von ihr abwendeten: Weil die Menschen dieselbe Angst vor dem Loslassen der ihnen vertrauten Gefängnisstäbe hatten, wie sie selbst?
„Vertraue deiner Intuition,“ sagte Gott noch. „Sie wird dich zu mir führen.“
Da konnte die Selbsterkenntnis nicht mehr. Tränen brachen aus ihr heraus. Es war, als hätte sich in ihr eine Schleuse geöffnet, eine uralte Schleuse, die sie vor gefühlten 100 Jahren fest verschlossen hatte. Und wie sie so da stand und weinte, kamen der Gottesdienst und die Heiligen Schriften und die Liebe zu ihr und nahmen sie in ihre Mitte.
„Wie schön, dass du das bist“, sagten sie.“ Und: „Du gehörst doch zu uns. Und wir stehen zu dir. Du bist nämlich gar nicht so einsam, wie du denkst, auch nicht so nutzlos, wie du glaubst. Jedenfalls nicht für uns und auch nicht für die Menschen, die sich für Religion interessieren. Nur mit dir, der Selbst-Erkenntnis, können sie verstehen, wofür sie ihren Glauben verwenden. Nur mit dir können sie nüchtern überprüfen, was hinter ihren Haltungen und Entscheidungen steckt. Ob die tiefste Quelle ihres Antriebes Hass oder aber Liebe ist.“
