Februar 2011

Sexagesimae

Predigt über Markus 4,26-29 am Sonntag Sexagesimae in Pullach (27.2.11)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

„man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Das ist das Geheimnis des Fuchses, das er dem kleinen Prinzen schenkt als Dank dafür, dass dieser ihn gezähmt hat. Zähmen heißt, „sich vertraut machen“: auch das hatte der schlaue Fuchs dem kleinen Prinzen erklärt. „Du siehst die Weizenfelder da drüben“, hatte der Fuchs ihm gesagt. „Ich esse kein Brot. Für mich ist der Weizen zwecklos. Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. Das ist traurig. Aber du hast weizenblondes Haar. Es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal gezähmt hast. Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern. Und ich werde das Rauschen des Windes in den Weizenfeldern lieb gewinnen.“

Mit dem Herzen schauen heißt, da etwas sehen, wo nichts ist. Heißt: Verbindungen sehen, die sich der Welt der Sinne entziehen. Man kann sein täglich Brot essen und dabei Zeitung lesen. Man kann sein täglich Brot essen und dabei eingedenk sein, was alles „zusammengekommen, miteinander in Verbindung gekommen“ ist für dieses eine Stück Brot. Vom Säen über das Wachsen des Getreides bis hin zur Ernte, zum Mahlen des Mehles, zum Backen des Brotes. Man kann sein Schnitzel essen und dabei Fernsehschauen. Man kann sein Schnitzel essen und dabei eingedenk sein, dass ein Tier auf die Welt kam, gewachsen ist, gelebt hat, geschlachtet wurde: und ich esse jetzt Fleisch von diesem Lebewesen.

Sie merken: mit dem Herzen schauen ist eine Haltung zum Leben.

„Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.“
Dieses Wort aus dem 95. Psalm gibt unserem Gottesdienst einen Rahmen.

Ein verstocktes Herz ist blind geworden, es sieht keine Verbindungen. Ein verstocktes Herz versteht nicht, was es heißt, dass das „Gold der Weizenfelder mich an dich erinnert“. Wie unser Auge eines lebendigen Sehnerves bedarf, um zu sehen, so bedarf unser Herz einer inneren Lebendigkeit, um „hinter die sichtbaren Dinge“ zu blicken.
 
„Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Um das „Wesen“ der Dinge, die mich tagtäglich umgeben, zu verstehen, bedarf es eines freien, lebendigen, schwingenden Herzens. Mit einem verstockten Herzen sehe ich eine Ansammlung von Dingen, deren Bedeutung ich nicht verstehen kann. Ich fühle mich bedeutungslos in einer bedeutungslos gewordenen Welt. Das Gefühl der Bedeutungslosigkeit ist die Quelle für verantwortungsloses Tun (nicht Handeln). Gibt es keine Bedeutung, keinen Sinn mehr im Leben, so bleibt ein Hohl-Überhebliches: „man gönnt sich ja sonst nichts…“

Die Gleichnisse Jesu sind geradezu Etüden zum Lernen, in Verbindungen zu denken. Sie sind eine Art Yoga oder Pilates für ein fröhliches Herz. Wer sich auf sie einlässt, kann Herzverhärtungen vorbeugen. Wobei ich mit einlassen mehr meine, als nur zu hören.

Wer Ohren hat zu hören, der lasse diese Gleichnisse in sich lebendig werden! Und halte aus, dass jedes Verstehen vorläufig und unvollständig ist. „Unser Wissen ist Stückwerk“. Ein fröhliches Herz bekennt sich heiter zu seinem Nicht-Wissen.

Wir haben vorhin das Gleichnis vom Sämann in der Version des Lukas gehört. Der heutige Predigttext ist ein weiteres Gleichnis, das sich nur bei Markus findet:

„Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.“ (c. 4)

Schon der Anfang ist bemerkenswert. Es heißt nicht: das Reich Gottes ist … – sondern: „mit dem Reich Gottes ist es so, wie…“ Das Reich Gottes lässt sich nicht in Sätzen begrenzen; das Reich Gottes geschieht.

Das Reich Gottes ist ein Wachstums-Geschehen.

In unserer Zeit wird zwar großer Wert auf Wirtschaftswachstum gelegt. Dass aber Lebendiges auch wächst, dass nicht nur der Körper, sondern auch die Seele im Wachsen ist – dem wird wenig Bedeutung beigemessen.

Das Zähmen als ein geduldiges Vertraut-Werden hat wenig Ansehen. Es soll schnell gehen und effektiv sein. Zeit ist teuer. Man versucht schnellwachsendes Getreide zu züchten: dann kann man dreimal im Jahr säen und ernten.

Ganz anders in unserem Gleichnis: zur Entwicklung gehört der geordnete Rhythmus: Nacht und Tag, schlafen und aufstehen, ruhen und arbeiten. Reich Gottes geschieht da, wo Menschen, Tiere und Pflanzen in ihrem eigenen Rhythmus leben dürfen. Reich Gottes geschieht in Selbst-Bestimmung des Lebendigen und nicht in Fremd-Bestimmung.

Zur Entwicklung gehört der Gedanke: „es geht von selbst“. Man muss einem Apfel nicht sagen, dass er im Herbst rot werden soll, er reift von selbst. Man muss einem Kind nicht sagen, dass es spielen soll: ein gesundes, neugieriges Kind spielt von sich aus. Es will sogar von sich aus Lesen, Schreiben und Rechnen lernen: ein gesundes Kind will sich die Welt aneignen. Nur, was es nicht will, ist, permanent gefördert und gegängelt zu werden. Im Reich Gottes herrscht eine spielerische Freiheit der Kinder Gottes.

Im Reich Gottes werden weder Kinder noch Tiere dressiert. Sie werden „gezähmt“. Zähmung geschieht über Vertrauen. Vertrauen schließt den Missbrauch von Herrschaft aus. Die Großen im Reich Gottes demütigen die Kleinen (Abhängigen) nicht. Sie verwenden ihre Autorität (nicht Macht) für die Förderung gemeinschaftlichen (sozialen) Wachstums. Störenfriede werden nicht bestraft; natürlich muss die Gemeinschaft vor ihnen geschützt werden. Aber Ziel ist es, dass auch sie lernen, ihrem Leben Bedeutung zu verleihen. Dies geschieht, indem ihnen bedeutsame Aufgaben übertragen werden. Z.B. sich um ein Lebewesen zu kümmern. Wer gelernt hat, fürsorglich zu leben: für sich und für die ihm Anvertrauten, dem ist das Reich Gottes schon recht nahe herbei gekommen.

Das Reich Gottes ist eine Gemeinschaft der Freien. Diese Freien leben friedlich und freudig zusammen.  Es eint sie die Leidenschaft für „das Wesen der Dinge“ und die Anerkenntnis der Relativität allen Wissens. Nicht die blendende Oberfläche interessiert, sondern der Blick mit dem Herzen. Nicht der schnelle, anonyme Kontakt hat Bedeutung, sondern das sich vertraut werden.

Kehren wir zurück zu dem kleinen Prinzen und dem schlauen Fuchs:
„So machte denn der kleine Prinz den Fuchs mit sich vertraut. Und als die Stunde des Abschieds nahe war: „Ach“, sagte der Fuchs, „ich werde weinen.“
„Das ist deine Schuld“, sagte der kleine Prinz, „ich wünschte dir nichts Übles, aber du hast gewollt, dass ich dich zähme …“
„Gewiss“, sagte der Fuchs.
„Aber nun wirst du weinen!“ sagte der kleine Prinz.
„Bestimmt“ sagte der Fuchs.
„So hast du also nichts gewonnen!“
„Ich habe“; sagte der Fuchs, „die Farbe des Weizens gewonnen“.

Was der Fuchs durch den kleinen Prinzen gewonnen hat, ist für die Augen unsichtbar. Auch das Reich Gottes ist nicht sichtbar. Es entzieht sich, wenn man versucht, es konkret zu machen. Das Reich Gottes lässt sich nicht herstellen – es entzieht sich dem Fabrizieren. Fabrizierte Reiche Gottes sind die Perversion des Reiches Gottes. Das musste Calvin und andere lernen, die aus bester Absicht heraus ein Reich Gottes auf Erden errichten wollten.

Unserer Homo-faber-Mentalität ist diese Erkenntnis zuwider. Wir wollen machen und tun – aber nicht erleiden.

Das Reich Gottes aber lässt sich nicht machen, so wie sich Wachstum und Entwicklung nicht machen lassen. Es lässt sich nur erleiden. „Selig sind die da Leid tragen – sie werden getröstet werden.“ Dieses Erleiden hat der Fuchs ganz selbstverständlich akzeptiert: „Bestimmt werde ich zum Abschied weinen“, sagt er. Und niemand ist daran schuld! Das Erleiden, der Schmerz gehört zum sich Einlassen auf das Leben dazu, wie die Nacht zum Tag.

Ein verstocktes Herz spürt keinen Schmerz. Das ist das Problem.

Wenn wir vom Fuchs lernen wollen, müssen wir bereit sein, Schmerz zu erleiden. Einen Schmerz, für den es kein Aspirin gibt.

Wahrheit ist schmerzhaft. Nur die Lüge ist schmerzfrei. Deshalb ist lügen und betrügen so verführerisch. Und deshalb helfen moralische Appelle nicht.

Wir können nur in uns die Sehnsucht nach der Wahrheit wecken. Wir können nur  in uns das Bedürfnis stärken, mit dem Herzen zu sehen.
Ich möchte Ihnen zum Abschluss eine talmudische Geschichte erzählen:
Rabbi Joshua ben Levi fragte Elija:
“Wann wird der Messias kommen?” „Geh und frag ihn selbst“, war seine Antwort. „Wo sitzt er?“ „An den Eingangstoren der Stadt“
„Und an welchem Zeichen werde ich ihn erkennen?“
„Er sitzt unter den armen Aussätzigen: wenn sie sich neu verbinden, nehmen sie die Verbände ihrer Geschwüre auf einmal ab; nicht so der Messias: er verbindet jedes Geschwür einzeln, denn er denkt, wenn ich gebraucht werden soll, um zu erscheinen, darf ich durch meine Verbände nicht aufgehalten werden.
So ging er zu den Eingangstoren der Stadt, fand den Messias und sprach: „Friede sei mit dir, Meister und Lehrer.“
„Friede sei mit dir, Sohn Levis“, erwiderte er.
„Wann wirst du kommen, Meister?“ fragte er.
„Heute“, lautete die Antwort.
Als er zu Elija zurückkam, frage dieser: „Nun, was hat er zu dir gesagt?“
„Er hat mir Falsches gesagt“, erwiderte er, „er sagte, er käme heute, aber er ist nicht gekommen.“
Elija antwortete: „Was er dir sagte, war: „Heute, wenn du seine Stimme hörst, so verstocke dein Herz nicht!“
Und der Friede Gottes, der höher ist als unser Verstand, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus,  AMEN.

Fürbitten zu Sexagesimä

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Letzter Sonntag nach Epiphanias

Liebe Gemeinde,

zwei Geschichten stehen im Mittelpunkt des heutigen Gottesdienstes, zwei Geschichten, die veranschaulichen, was der Wochenspruch aus Jesaja bedeuten kann: „Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ (60,2)

Wir sind ja ganz selbstverständlich daran gewöhnt, Gott irgendwo „oben“ zu suchen. So verwundert es uns nicht, dass der Herr „über dir“ aufgeht. Bei der Taufe Jesu kommt eine Stimme „von oben“ – aus dem Himmel. Die Verklärung Christi geschieht auf einem Berg. Das Reich Gottes heißt auch Reich der Himmel.

Wir vermuten, suchen, erhoffen Gott in der vertikalen Achse. Die vertikale Achse bestimmt aber nicht nur die Höhe, sondern auch die Tiefe. Lateinisch „altus“ heißt beides, hoch und tief. So sagen wir auch: diese Begegnung hat mich tief berührt, oder diese Erfahrung hat mich tief erschüttert. Auch der Teufel, die Hölle liegt auf der vertikalen Achse: irgendwo unten.

Die vertikale Achse scheint mit der Intensität der Erfahrung zu tun zu haben. Wenn wir sagen: das war oberflächlich, heißt das, man ist nicht tiefer in die Materie hinein-gedrungen. Die Bewegung auf der Oberfläche ist eine horizontale Bewegung, eine Bewegung entlang des Horizontes – keine vertikale.  

Die vertikale Achse ist die Achse des gefühlsmäßigen Berührt-Seins. Dies muss keinesfalls angenehm sein: die Jünger erschraken …

In gleichförmiger Routine gibt es kein Erschrecken. Vielleicht dient Routine genau dazu, nicht erschrecken zu müssen. Die Routine im Gottesdienst heißt Liturgie. Sie beruhigt – und steht in der Gefahr, nur mehr routiniert zu sein. Routine, die um sich selbst kreist, kann nicht Neues mehr entdecken. Zuviel Routine führt zur Erstarrung.

Wenn wir uns jetzt unserem Predigttext zuwenden, so wollen wir ihn nicht routiniert lesen und verstehen. Versuchen wir eine Haltung, die auf Unbekanntes ausgerichtet ist und Bekanntes vergisst.

Ex 3: „1 Mose war Hirt der Schafe Jethros, seines Schwiegervaters, Priesters von Midian. Als er die Schafe hinter die Wüste trieb, kam er an den Berg Gottes, zum Choreb.“

Moses, der Schafhirt. Schafe hüten heißt, sich um anvertrautes Leben sorgen. Es vor Zerstreuung zu bewahren. Und dafür sorgen, dass es zu essen gibt. Hinter die Wüste treibt Moses die Schafherde des Priesters, seines Schwiegervaters.  Moses bewegt sich in geographischer Hinsicht klar und eindeutig. Aber was bedeutet „hinter die Wüste“? Gibt es ein jenseits der Wüste? Hinter der Wüste ragt der Berg Gottes empor. Gott wird in und zugleich hinter der Wüste erfahren. So bei Moses. So bei Jesus. Wer die Leere innerer Wüste erträgt, gelangt über sie hinaus, ohne sie je zu verlassen.

„2a SEIN Bote ließ von ihm sich sehen in der lodernden Flamme eines Feuers mitten aus dem Dornbusch.“

Nicht Gott selbst – Gott ist auf für Moses unsichtbar – sondern sein Bote wird sichtbar und lässt sich von Moses erblicken. Aber Moses sieht nicht den Boten Gottes, sondern das merkwürdige Phänomen eines nicht verbrennenden Dornbusches.

„2b Er sah: da, der Dornbusch brennt im Feuer, doch der Dornbusch wird (vom Feuer) nicht verzehrt.“

Der Dornbusch und der Bote Gottes sind so sehr eins, dass sie getrennt bleiben. Würde das Feuer den Dornbusch verzehren, würde es mit dem Dornbusch verschmelzen, ihn sich einverleiben. Vom Dornbusch bliebe nur mehr Asche. Würde der Dornbusch das Feuer verlöschen, würde das Feuer erkalten: der Dornbusch hätte das Feuer zerstört. Dornbusch und Feuer sind ununterscheidbar vereint.

„3 Mose sprach: ich will doch hintreten und ansehen dieses große Gesicht – warum der Dornbusch nicht verbrennt.“

Das ist der Geist der Rationalität, der aus Mose spricht: wie, weshalb warum, wer nicht fragt bleibt dumm. Aber das Warum-Fragen führt nicht zum Erleben des Lebendigen:

„4 Als ER aber sah, dass er hintrat, um anzusehn, rief Gott ihn mitten aus dem Dornbusch an, er sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Da bin ich!“

Unbemerkt ist aus dem Boten Gottes Gott selbst geworden. Gott nennt Mose zweimal bei seinem Namen. Und Moses antwortet lapidar: „Da bin ich!“ So einfach und ehrlich ist diese Begegnung. Warum das Feuer den Dornbusch nicht verbrennt, ist nicht mehr von Interesse.

„5 ER sprach: Nahe nicht herzu, streife deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist Boden der Heiligung.“

Gott beschränkt: nahe nicht herzu. Schranken können lebenswichtig, lebensrettend sein. Falsche Nähe kann Leben verwirren und zerstören: die falsche Nähe zwischen Mutter und Sohn, Vater und Tochter, Lehrer und Schüler. Es gibt auch eine falsche Nähe zu Gott, ein falsches Du auf Du. Moses soll barfuss, auf dem Boden der Tatsachen stehend, Gott gegenübertreten! Der Boden der Tatsachen ist der Boden der Gesundung, der Heil-(ig)-ung. Nicht um Unterwürfigkeit oder Demütigung geht es, sondern um Demut und Respekt – bloßen Fußes stehend auf dem Boden der Wirklichkeit findet die Begegnung mit Gott statt.

„6a Und (Gott) sprach:
Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Jizchacks, der Gott Jaakobs.“

Jetzt gibt sich Gott zu erkennen als der Gott, der in der Tiefe der Geschichte der Väter so wirkt, dass diese Geschichte verständlich wird. Gott ist die Verbindung, (י: das Jod) zu der hin und von der aus die Geschichten der Väter zu lesen sind. Gott ist nie das eine, oder das andere – Gott ist immer „dazwischen.“ So ist Gott niemals ein Ding, eher schon ein Nicht-Ding (englisch: no thing ànothing).

Der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs: das konstante Verbindungsglied ist Gott.
 
Eine alte chassidische Geschichte erzählt: „Der Baalschem sprach: ‚Wir sagen: Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs, und  sagen nicht Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs; denn Isaak und Jakob stützten sich nicht auf Forschung und Dienst Abrahams, sondern selber forschten sie nach der Einheit des Schöpfers und seinem Dienst.“ (M. Buber, S.128)

Selber-Foschen ist von Gott her nicht verboten – sondern im Gegenteil: es ist erwünscht, es ist von Gott erwünscht, jedenfalls von dem Gott, auf dessen Boden Mose steht, auf dessen Boden wir stehen. Die alles verbindende Einheit Gottes ist im Werden, sie wird/geschieht im Forschen nach ihm. So ist der eine Gott eine bewegliche Konstante. Der Gott Abrahams ist ein anderer Gott als der Gott Isaaks. Und der Gott Isaaks ist ein anderer Gott als der Gott Jakobs. Gott ist einer und wirkt doch verschieden in der Verschiedenheit jedes Menschen. Wer dies (an-)erkennt, kann Gott nicht mehr als Waffe fanatischer Gedanken missbrauchen. Wer es wagt, sich von Gott sehen zu lassen, der erkennt sich in seiner Freiheit und im selben anerkennt er die Freiheit des anderen, seines Mitmenschen, seines Mitgeschöpfes. Und so geschieht der EINE Gott in der Vielfalt – wie die verschiedensten Wellenberge und -Täler doch nichts anderes als Bewegungen ein und desselben Meeres sind. Und das Meer selbst ist nichts anderes als die unendliche Verbindung unendlich vieler Tropfen. Jeder auf Verbindung trachtende Gedanke wird zu einem Tropfen im Meer Gottes.

Wer es wagt, sich von Gott sehen zu lassen, der wagt es, den dunklen Weg des Nichts-Wissens zu beschreiten:

„6b Mose verhüllte sein Antlitz, denn er fürchtete sich, zu Gott hin zu blicken.“

Das, was Moses erlebt, kann nur sichtbar werden in einer Verdunkelung des Blickes. Hochglanzpolituren blenden: sie machen blind für Gott.

„7 ER aber sprach: Gesehn habe ich, gesehn die Bedrückung meines Volks, das in Ägypten ist, ihren Schrei vor seinen Treibern habe ich gehört, ja, erkannt habe ich sein Leiden.“   

Gott ist ein Gott der sieht, der hört, der erkennt. Gott ist nicht blind, nicht taub, nicht dumm. Mehr noch: erkannt habe ich das Leiden (meines Volkes): das ist dasselbe Erkennen, mit dem Adam sein Weib Eva erkannte, das aus der Tiefe kommende ganzheitliche Wahrnehmen des Anderen, das nur im Mit-Leid in der Empathie möglich ist. Gott ist ein empathischer Gott.

„8 Nieder zog ich, es aus der Hand Ägyptens zu retten, es aus jenem Land hinaufzubringen, nach einem Land, gut und weit, nach einem Land, Milch und Honig träufend, nach dem Ort des Kanaaniters und des Chetiters, des Amoriters und des Prisiters, des Chiwwiters und des Jebusiters.“

Nieder zog … es hinaufzubringen: das ist die vertikale, die göttliche Achse, die  zur Errettung führt, die herausführt aus der inneren wie äußeren Sklaverei und der damit verbundenen Enge. Das verheißne Land ist gut und weit: Güte und Weite entsteht in der Verbindung von Vertikalem mit Horizontalem – es entsteht die Bewegung der sich öffnenden Spirale – Abbild seelischen Wachstums.

„9-10 Nun, da ist der Schrei der Söhne Israels zu mir gekommen, und gesehn habe ich auch die Pein, mit der die Ägypter sie peinigen:
nun geh, ich schicke dich zu Pharao, führe mein Volk, die Söhne Israels aus Ägypten!“

Nun ist offenbar, weshalb Gott sich dem Mose offenbarte: er beauftragt ihn zum Führer, zum Befreier von Gottes Volk. —

„Über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“

Von diesem Wort sind ausgegangen, wir haben versucht, es unroutiniert zu verstehen. Zu Hilfe kam uns die Geschichte der Berufung des Mose zum Befreier aus dem Land der Knechtschaft und zum Führer in ein Land, wo Milch und Honig fließen.

Sie wissen, dass Mose Führerschaft alles andere als einfach war, er hatte es mit einem Volk zu tun, das murrte und meuterte, das um ein goldenes Kalb tanzte, das ihn so in Rage brachte, dass er die zehn Gebote – eben erst von Gott empfangen – zerschmetterte!

Mit anderen Worten: Man weiß nicht so recht, ob man es sich wünschen soll, einer von denen zu sein, über denen der Herr aufgeht, über denen die Herrlichkeit des Herrn erscheint. Beliebt haben sie sich nicht gemacht, die Diener Gottes, sei es ein Martin Luther, ein Meister Eckehart, ein Johannes vom Kreuz. Und auch ein Jesus aus Nazareth: als Messias verehrt und als Verbrecher hingerichtet. Beides scheint zusammen zu gehören: so als wäre es Fluch und Segen zugleich, von Gott beauftragt zu werden.

Nicht ganz: denn wer sich von Gott beauftragen lässt, der erlebt etwas, was ihn aus der engen Routine seines Alltags herausheben (vertikal) lässt: ich meine jene Zusage, die wenige Verse nach unserem Predigttext zu hören ist. Auf die Frage des Mose, was er denn dem Volk sagen soll, welcher Gott ihn beauftragt hat, erfährt er: „Ich werde dasein, als der ich da sein werde.“ (Ehje ascher Ehje). Dieser daseiende Gott ist der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Er ist auch der Gott Jesu Christi und er ist nicht zuletzt der Gott von Ihnen und der Gott von mir. Und auch wenn er in jedem von uns in einer anderen persönlichen Färbung sich zeigt, so will er doch nichts weiter, als sich mit uns vereinen und aus uns heraus strahlen einem nicht-verbrennenden Dornbuschfeuer gleich. Einem Wassertropfen gleich, der in den Farben des Regenbogens schimmert bis er von der Sonne erhoben wird und in das Unendliche hinein sich erlösen lässt.

„Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir“ – oder schlicht: „du bist nicht einsam, ich bin da…“ Möge dieses „Ich bin da“-Feuer des Dornbusches in uns allen brennen und aus uns heraus leuchten, mögen wir  zu einem Dornbusch werden, in dem SEIN ich-bin-da-Feuer leuchtet, AMEN.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unser Verstand, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus,  AMEN.

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