Oktober 2011

Fürbittengebet am 17. Sonntag nach Trinitatis

Fürbitten am 17. Sonntag n. Tr.

Barmherziger Gott,

wir stehen hier gemeinsam vor dir, so wie wir sind:
mit unseren Ängsten, mit unseren Sorgen, mit unseren Zweifeln.
Mit unserem Misstrauen.

Mögen wir glauben, Gott, in allem Unglauben, in allem Zweifel, in aller Unsicherheit.

Mögen wir glauben, Gott, im Angesicht des Misstrauens.

Mögen wir glauben, Gott, im Gegenüber des Schweigens, des Ignoriert-und Verlacht-Werdens.

Mögen wir glauben, Gott, im Erleiden von Krankheiten und der Schmerzen unseres Altwerdens.

Mögen wir glauben, Gott, im Angesicht unserer Sünden, unseres verfehlten Lebens.

Mögen wir glauben, Gott, mit der glühenden Liebe, die allein du uns zu schenken vermagst;

Mögen wir glauben, Gott, an das, worum wir bitten mit den Worten von Jesus Christus:

Vater unser

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17. Sonntag nach Trinitatis

Predigt über Markus 9, 17- 27 am 17. Sonntag nach Trinitatis in Pullach
16.10.2011

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

„unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“. Mit diesem vollmundigen Wort aus dem ersten Johannesbrief begann unser heutiger Gottesdienst.
Können wir das auch  erleben? So dass es mehr ist, als eine Sprach-Hülse?

„Unser Glaube…“ – was ist das eigentlich?
Es scheint etwas sehr starkes zu sein, wenn es die ganze Welt überwinden kann. Und was ist das: die Welt überwinden? Die Welt scheint eine Gegenmacht zu „unser Glaube“ zu sein.
Gegen-Macht:
Was ist das Gegenteil von Glaube?
Unglaube.
Glaube und Unglaube stehen einander gegenüber.
Oder Glaube und Zweifel.
Oder Vertrauen und Misstrauen.

„Unser Vertrauen ist der Sieg, der die Welt überwunden hat …“

„Unser Vertrauen ist der Sieg über das Misstrauen…“

In Ver-Trauen ist „Treue“ versteckt: Treue verweist auf Bestand, auf Sicherheit. Im Vertrauen siegt die Sicherheit über die Unsicherheit: „in der Welt habt ihr Angst, doch siehe: ich habe die Welt überwunden.“

Im Hebräischen drückt das Verbum „aman“ (lautmalerisch: ma-ma – ham-ham) (vgl. „Amen“) „glauben“ aus. Es bedeutet auch:

„Sicher sein“, „dauerhaft beständig sein“, „zuverlässig treu sein“, „getragen werden“ (!) von einem Kinde und schließlich „glauben“ im Sinne von „vertrauen“ (pistis).

Substantiviert bedeutet es „Erzieher“, „Amme“ (Numeri 11,12!)

Vertrauen ist Ausdruck der guten, „sicheren“ inneren wie äußeren Beziehung:
Jes. 7, 9b: „Vertraut ihr nicht, so bleibt ihr nicht betreut.“ (Übersetzung M. Buber)
In der Welt des Misstrauens (M. Klein: paranoide Position) fühle ich mich verraten: Kürzlich hörte ich anlässlich des Wetterumbruchs jemand empört sagen: „Ich hasse den Herbst. Er betrügt uns um die Wärme, um den Biergarten, um das Baden gehen.“ Jemand, der dies sagt, fühlt sich „betrogen“. Er hat kein Vertrauen in den natürlichen Jahreskreislauf von Werden und Vergehen, sondern erlebt einen Betrüger, der ihm durch das schlechte Wetter „eine auswischen will“.

Die Position des Misstrauens entsteht, dass ich etwas „Gutes“ nicht mehr habe. Misstrauen hat mit Abwesenheit des Guten und Anwesenheit von Unangenehmem zu tun. Ich hörte einen alten Menschen voller Resignation sagen: „Man hat mir alles weg genommen – nur mein Appetit bleibt übrig.“ Das unbewusste Zentrum solcher Misstrauensgedanken ist ein „Gott“ der mich hasst, der sich an mir rächt, der mich quält, der ein unbarmherziges Spiel mit mir treibt. Ein Gott, wie der Hiobs.

Die Position des Misstrauens ist die eines ganz kleinen Babys, das großen Hunger hat und überzeugt davon ist, dass es besessen wird von einem Dämon, der darauf zielt, es verhungern zu lassen.

Das Vertrauen in einen gütigen und betreuenden Gott, in eine lebensspendende Quelle, die mich nährt, die Freude an meinem Wachstum hat, wächst langsam. Und es wächst durch Erfahrung. Von daher ist es viel leichter und uns näher misstrauisch zu sein als vertrauensvoll.
 
Unser heutiger Predigttext ist so eine Vertrauensgeschichte – und zwar eine solche, in der die Unauflösbarkeit von Vertrauen und Misstrauen, von Glaube und Unglaube (oder Zweifel) zum starken Ausdruck kommt. Es ist die (bekannte) Geschichte von der Heilung des an Epilepsie leidenden Jungen.

 „Einer aus der Menge sagte: ‚Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen und sie konnten’s nicht. Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir! Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist’s, dass ihm das widerfährt? Er sprach: von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube, hilf meinem Unglauben! Als nun Jesus sah, dass das Volk herbei lief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so dass die Menge sagte: Er ist tot. Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.“

Das Beeindruckende, ja Unglaubliche an diesem Jesus aus Nazareth ist sein Eins-Sein mit einem allmächtigen Prinzip, das er „abba“, „mein Vater“ nennt. „Nichts ist unmöglich dem, der da glaubt“ – ein Jesuswort, das übrigens auf der
Hitliste der Konfirmationssprüche bei den Jungs ganz oben steht. „Nichts ist unmöglich …“ erinnern Sie sich noch an den Werbeslogan einer Automarke?

Schon ein wenig größenwahnsinnig das Ganze, oder?
Andererseits gibt es das alte Medizinermotto: „wer heilt hat, recht.“

Aber hat Jesus wirklich geheilt? Auf einer Internetseite, der es um Bibelkritik geht, findet man eine harsche Kritik an unserer Geschichte: sie wie andere würden die Missachtung psychischer Krankheiten begünstigen: Jesus zeige keinerlei Verständnis für den Jungen, stattdessen wird krank sein verbunden mit, von einem bösen Geist besessen zu sein. Von hieraus führe eine direkte Linie bis zu den Hexenprozessen. Und im übrigen sei es auch noch Scharlatanerie gewesen: denn nach einem epileptischen Anfall wäre man in der Regel symptomfrei, und wenn der nächste Anfall kommt, ist der vermeintliche Wundertäter bereits über alle Berge.

Vielleicht ist diese Kritik auf einer rein historischen Ebene berechtigt. Der kleine Satz: „und als nun Jesus sah, dass das Volk herbei lief, bedrohte er den unreinen Geist…“ könnte ein Hinweis darauf sein, dass es Jesus auch sehr um die Außenwirkung ging. Aber ist unsere Geschichte damit erledigt?

Ich  lese die Geschichte nicht in erster Linie als Heilungsgeschichte. Ich lese sie wie gesagt als Vertrauensgeschichte, als Geschichte, die davon handelt, wie heilsam Vertrauen sein kann. Und dann ist ihr Mittelpunkt auch nicht die Heilung, sondern der kurze Dialog zwischen dem Vater und Jesus:

Vater: „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns.“
Jesus: „Du sagst: wenn du aber etwas kannst – nichts ist unmöglich dem der glaubt.“
Vater: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

Der erste Schritt zum Vertrauen ist die Anerkenntnis meines Nicht-Könnens. „Erbarme dich unser und hilf uns!“ Jemand, der meint, aus sich selbst heraus leben zu müssen, sich selbst erschaffen zu müssen, in dem kann kein Vertrauen wachsen. So jemand wird auch nie zugeben, dass er hilfsbedürftig ist. Es ist zu kränkend für ihn. Das sind die Menschen, die geben bis zum Umfallen – aber sie können nicht nehmen. Sie können nicht empfangen. Für sie gälte: nehmen ist seliger als geben. Aber das Nehmen ist mit Misstrauen vergiftet: wenn ich nehme, dann liefere ich mich ja aus, zeige ein Blöße, bin gar dem anderen noch was schuldig. „Ich werde mich für das gute Essen revanchieren“ heißt es dann. „Revanchieren“ – das heißt wörtlich: „sich rächen, Vergeltung üben.“  Also: wenn sich jemand bei Ihnen revanchieren will, denken sie dran: der will sich rächen!

Nein – im Ernst: nehmen zu können heißt, mich hingeben zu können; und Hingabe setzt Vertrauen in die Beständigkeit, in den „Halt“ der Beziehung zum Anderen voraus. Hingeben heißt mich loslassen – und dazu benötige ich Vertrauen, gehalten zu werden. Der Vater in unserer Geschichte hat anfangs dieses Vertrauen nicht. Er scheint am Ende zu sein, verzweifelt über das Leiden seines Sohnes. Ihm ist jede Hilfe recht. Es ist sich keineswegs sicher, ob Jesus helfen kann: „Wenn du aber kannst…“ – dahinter steht sein ganzer Zweifel, ob irgend jemand ihm helfen kann.

Jesus wäre nicht Jesus, würde er nicht genau darauf den Finger legen: „was heißt wenn du kannst? Es geht nicht ums Können, es geht ums Glauben: nichts ist unmöglich dem, der da glaubt!“

Das ist seine einfache Antwort.

Und damit scheint er bei dem Vater irgendwo durchgebrochen zu sein, irgend ein altes Abwehrschild scheint überflüssig geworden zu sein. Und so ruft er:
“Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

Wie weise sind diese schlichten fünf Worte. Sie erkennen an: ein Leben ohne Unglauben, ein Leben ohne Zweifel, ein Leben ohne Misstrauen gibt es nicht.
Es geht nicht darum, das Misstrauen auszurotten, sondern es geht darum, das Vertrauen zu stärken. Je sicherer jemand im Land des Vertrauens lebt, desto weniger anfällig ist er für die Angriffe des Misstrauens. Und desto weniger muss er kontrollieren: sich selber und die anderen.

„Ich vertraue, hilf meinem Misstrauen“ – das ist der Sieg unseres Vertrauens über die Welt. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.
Und wenn mir jemand sagt, er habe den vollkommenen Glauben gefunden, er kenne keinen Zweifel, dann werde ich sehr misstrauisch. Glaube ohne Zweifel – wie soll das gehen? Ebenso misstrauisch werde ich allerdings auch bei den notorischen Nur-Zweiflern. Mir scheint, dass beide, die „Nur-Gläubigen“ wie die „Nur-Zweifler“ etwas zerrissen haben, was zusammengehört: Glaube und Unglaube. Gerade diese Zusammengehörigkeit schützt vor Überheblichkeit: sowohl des Gläubigen als auch des Ungläubigen.
 
Von dieser Zusammengehörigkeit erzählt auch eine chassidische Geschichte, die ich Ihnen abschließend erzählen möchte:

Eine chassidische Geschichte: „Ich glaube“

„Rabbi Noach hörte einst von seiner Kammer aus, wie im dranstoßenden Lehrhaus einer seiner Treuen die Glaubenssätze zu sprechen begann, dann aber, sogleich nach den Worten: „Ich glaube in vollkommenen Glauben“ abbrach und sich zuflüsterte: „Das versteh ich nicht!“ und nochmals: „Das versteh’ ich nicht!“ Der Zaddik trat aus der Kammer ins Lehrhaus. „Was ist es, das du nicht verstehst?“ fragte er. „Ich verstehe nicht, was das für ein Ding ist“, antwortete der Mann. „Ich sage: ich glaube. Glaube ich wirklich, wie geht es dann zu, dass ich sündige? Glaube ich aber nicht wirklich, warum sage ich dann eine Lüge her?“ „Es heißt“ sagte Rabbi Noach, „der Spruch ‚ich glaube’ sei ein Gebet. ‚Ich möge glauben’, das bedeutet er.“ Da glühte der Chassid auf. „So ist es recht“, schrie er, „so ist es recht! Möge ich glauben, Herr der Welt! Möge ich glauben!“ (M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim, S. 626)

Mögen wir glauben Herr der Welt, AMEN.

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Fürbittengebet 16. Sonntag nach Trinitatis 2011

Fürbitten am 16. Sonntag n. Tr.

Barmherziger Gott,

immer wieder verstecken sich Teile von uns vor dem Leben.
Sie sind liegen geblieben oder haben sich zurückgezogen:
in selbstgemauerten Grabhöhlen.

In uns hinterlassen sie Gefühle von Sinnlosigkeit und Anstrengung.

Wir bitten dich, Gott des Lebens:

Wecke uns auf, lass uns wach sein und wach bleiben.

Und wenn die Ängste kommen, so stärke unser Vertrauen:
Schenke uns Sicherheit, die sich dir zuwendet,
und nicht unseren selbstgemachten Götzen und Illusionen.

Schenke uns die Klarheit, den Unterschied zu erkennen,
zwischen der Kraft wirklichen Lebens und der Schalheit eingebildeten, selbst hergestellten Lebens.

Und verwandle unsere Worte in Botschaften, die vom Leben künden: in Demut, Liebe und Respekt vor der Andersartigkeit des anderen.

Verwandle unsere Worte in Botschaften die künden: „Das von dir geschenkte Leben ist wertvoll und schön!“

Gelassen und heiter, in der Freiheit der Kinder Gottes beten wir mit den Worten von Jesus Christus:

Vater unser

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16. Sonntag nach Trinitatis

Predigt am 16. Sonntag nach Trinitatis in der Thomaskirche Grünwald (9.10.11)
 Klagelieder 3,21-32

«… inquietum est cor nostrum …»

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

es ist Herbst geworden.

Herbst ist die Jahreszeit des Erntens. Und des Abschied-Nehmens. Und des Anerkennens: es ist so, wie es ist. Je älter das Jahr wird, je älter der Mensch wird, desto kleiner wird der Spielraum für Neues – und desto größer wird das, was nun Mal so ist, wie es ist. „Gelebtes Jahr – gelebtes Leben.“ Oder auch ungelebtes Jahr – ungelebtes Leben. Es ändert nichts. Es ist, wie es ist.

Es gibt Menschen, die den Herbst nicht mögen. Der Herbst erinnere sie an die Vergänglichkeit des Lebens. Kürzlich hörte ich anlässlich des Wetterumbruchs jemand empört sagen: „Ich hasse den Herbst. Er betrügt uns um die Wärme, um den Biergarten, um das Baden gehen.“ Der Herbst ein Betrüger? Haben wir den Sommer gekauft mit einer Zusatzgarantie für Biergarten, Baden und Sonne? Vor kurzem hörte ich einen Friseur-Slogan: „Lassen Sie sich Ihre Haare färben. Ihre grauen Haare betrügen Sie um ihre Jugend!“ Meine grauen Haare betrügen mich? Ich denke, meine grauen Haare sagen mir, dass ich alt werde. Und der Herbst sagt mir, dass der Sommer vorbei ist. Was ist eigentlich so schlimm daran? Dass wir an unser Sterben-Werden erinnert werden?

Und was ist so schlimm daran, dass wir wieder vergehen? „Von Erde bist du genommen, zur Erde kehrst du zurück.“ Das ist der Lauf des Lebendigen. Nur Unlebendiges ist dauerhafter. Nicht dauerhaft: sogar Sterne haben ihre Lebenszeit, brennen aus, vergehen. So werde auch ich kleiner Mensch mit meinem kleinen Ich verschwinden, vergehen. Irgendwann wird der Strom meines Lebens, in dem ich schwimme, in das große Meer münden. Und mein Ich wird sich auflösen – hinein sich lösend in die große Ganzheit des Seins oder auch des Nichts.

Und derweilen lebe ich. Derweilen leben wir.

Unser heutiger Predigttext – aus dem kleinen Buch alttestamentlichen Buch „Klagelieder“ –  handelt von einem guten Leben im Angesicht des Vergehens, im Angesicht der Vergänglichkeit, auch im Angesicht des Leides:

Dieses lasse ins Herz ich mir kehren,
um des willen harre ich:
‚SEINE Hulden, dass sie nicht dahin sind,
dass sein Erbarmen nicht endet’
Neu ists an jedem Morgen,
groß ist deine Treue,
‚Mein Anteil ist ER’, spricht meine Seele,
‚um des willen harre ich sein.’
Gut ist er zu denen, die ihn erhoffen,
zu der Seele, die ihn sucht,
gut ists, wenn still einer harrt
auf SEINE Befreiung.
Gut ists dem Mann,
wenn in seiner Jugend er ein Joch trug,
Er sitze einsam und still,
wenn Er es ihm auferlegt, –
er halte seinen Mund in den Staub hin:
‚Vielleicht west eine Hoffnung!’
Er halte seine Wange hin, der ihn schlagt,
er sättige sich an der Schmach.
Denn mein Herr verwirft nicht für immer,
denn betrübt er, erbarmt er sich
nach der Größe seiner Huld,
denn nicht aus Herzenslust demütigt er
und betrübt seine Menschensöhne. (Übersetzung von M. Buber)

„Dies lasse ich ins Herz mir kehren“, so übersetzt M. Buber. Luther sagt: „Dies nehme ich mir zu Herzen…“ „Ins Herz mir kehren“, da steckt die „Kehre“ (Heidegger), die „Wende“, die Umkehr drin. Eine Umkehr, die ich nicht aktiv machen kann, die ich mir nur in mein Herz hinein kehren lassen kann, so wie ich mir etwas zu Herzen nehmen kann ohne Garantie, dass ich es auch immer befolgen werden können.

„Um des willen harre ich“ – „harren“, ein altes, fast ausgestorbenes deutsches Verb (geläufiger ist beharren, ausharren) – es klingt nach Zähigkeit, nach Ausdauer, nach nicht aufgeben.

Was ist „das“ – was ich mir zu Herzen nehme, das, was mich zäh werden lässt?

‚SEINE Hulden, dass sie nicht dahin sind,
dass sein Erbarmen nicht endet’
Neu ists an jedem Morgen,
groß ist deine Treue.“

Am Morgen – da kommen wir aus dem Dunkel der Nacht unseres Unbewussten. Mal wohlig ausgeschlafen, mal müde und zermürbt. Mal eben verwehende Traumbilder erinnernd, mal mit dem Gefühl, aus dem Nichts zu kommen.

Jeden Morgen aufs Neue wachen wir auf.

Und jeden Morgen aufs Neue können wir erleben: ER ist nicht verschwunden, „seine Hulden und sein Erbarmen endet nicht.“ Seine Hulden, Luther übersetzt: „Die Güte des Herrn ists, dass wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende“ –
ER ist nicht verschwunden, ER ist uns „hold“. Er ist kein Unhold, kein Alb; und selbst die Albträume der Nacht lösen sich im Licht des Morgens:

– „die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern…“

Aber was – wenn wir das Licht des Morgens nicht sehen können? Wenn wir aufwachen, als hätten wir nicht geschlafen. Wenn wir uns am Morgen so bleiern müde fühlen, dass wir keine Kraft finden aufzustehen? Aber was –  wenn wir uns in der depressiven Höhle des Lazarus befinden und keiner da ist, der uns heraus ruft?

Wenn dies ist, dann hat der Tod(estrieb) über das Leben, über den Lebenstrieb gesiegt.

Die große Frage ist das allererste „Lasse…“ in unserem Text: lasse ich Gottes Güte ins Herz mir kehren? Lasse ich es zu, dass mein Herz sich zu IHM kehrt? Schon am Morgen? Wenn es noch düster ist, wenn ich mich noch müde, nicht bereit für den Tag fühle?

Lasse ich es zu, dass seine „Hulden“ und seine „Barmherzigkeit“ von mir Besitz ergreifen?

Es gibt Menschen, die sagen: „Ich würde ja gerne, aber ich kann nicht.“ Ich kann nicht aufstehen. Ich kann mich nicht freuen. Um mich herum ist alles grau. Solche Menschen tragen viel „Tod“ in sich. Es kann der reale Tod von nahen Angehörigen in der Kindheit gewesen sein. Es kann auch das Sich-Verlassen-Fühlen von guten, liebevollen Bezugspersonen („Objekten“) sein. Oder das gar nicht erst Erleben von liebevoller, freundlicher, „barmherziger“ Zuwendung. Oder sie erlebten als Babys eine „tote Mutter“ (A. Green), eine Mutter, die ih-rerseits voller Melancholie und Tod gewesen ist. So dass sie schon als Baby keine lebendige, lebensspendende Milch tranken, sondern die „schwarze Milch der Frühe“, wie Paul Celan in seiner Todesfuge ergreifend gedichtet hat. Das Problem ist, dass Babys wenig Schutz gegenüber dem haben, was in sie „hinein-kommt“. Und das Problem ist, dass „Güte“, „Barmherzigkeit“ zunächst nur leere Worte sind. Auch das Wort „Gott“ gehört dazu. Um diese Wörter mit Leben füllen zu können, bedarf es eines Er-Lebens.

Wenn ich wenig „Gutes“ in meinem Leben erleben konnte, wie soll ich da auf einmal etwas mit der „Güte Gottes“ anfangen können? Und wenn ich umgeben von hartherzigen Menschen aufgewachsen bin – wie soll ich da an „Barmherzigkeit“ glauben? Wenn ich mich verkauft und verraten gefühlt habe – wie soll ich da mit „Gottes Treue“ etwas anfangen können?

Auf diese Fragen gibt unser Text keine Antwort, und ich weiß auch keine – außer der: „Gut ist er zu denen, die ihn erhoffen, zu der Seele, die ihn sucht. Gut ists, wenn still einer harrt auf SEINE Befreiung.“

„… quia fecisti nos ad te et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.“ (denn geschaffen hast du uns zu dir und solange ist  unruhig  unser Herz bis es in dir ruht) Augustinus, Confessiones I,1.

Um „auf Gott hoffen“, „um Gott suchen“ zu können, um diesen Satz erleben zu können, bedarf es eines Beziehungsdenkens. „…geschaffen hast du uns zu dir…“ Ist die Beziehung zum Anderen/zu Gott vergiftet oder gar zerstört, ist auch das Denken in Beziehung vergiftet oder zerstört. An seiner Stelle ist ein „Einsamkeits-Denken“ entstanden: „Ich muss mich selbst und alleine durchs Leben schlagen. Es ist keiner da, der mir hilft.“ Die andere Seite desselben Denkens lautet: „ich musste mir auch alles selbst aufbauen; warum soll ich davon abgeben, warum teilen mit anderen?“ Der gegenwärtig oft beklagte geizig-habgierige Egoismus unserer Gesellschaft ist so gesehen Ausdruck eines einsa-men, sich vom Anderen im Stich gelassen fühlenden Ichs.

„Gut ists, wenn still einer harrt auf SEINE Befreiung.“
“ – „SEINE“ – das ist die zu erleidende Befreiung, das ist die Befreiung, die ich mir selbst nicht geben, nicht machen kann, auf die ich nur harren kann.

Gut ists dem Mann,
wenn in seiner Jugend er ein Joch trug,
Er sitze einsam und still,
wenn Er es ihm auferlegt, –
er halte seinen Mund in den Staub hin:
‚Vielleicht west eine Hoffnung!’
Er halte seine Wange hin, der ihn schlagt,
er sättige sich an der Schmach.“

Ich weiß schon: das klingt hart, und sehr missverständlich. (Vielleicht ist es des-halb „offiziell“ aus dem heutigen Predigttext weggelassen worden.) Das klingt so, als ginge es um einen Lobpreis der Qual und des Leidens.

Ich verstehe es anders: wer schon in jungen Jahren gelernt hat, ein Joch zu tra-gen, der kommt leichter durchs Leben, der ist weniger gefährdet, nur als Erfüllungsgehilfe dafür zu leben, seine Lüste zu befriedigen. Wer gelernt hat, ein Joch zu tragen, der hat gelernt, dass Leben nicht bedeutet, möglichst oft das zu machen, worauf ich gerade Lust („Bock“) habe. „Sinn“, „Bedeutung“, „Zufriedenheit“ entsteht nicht und kann nicht entstehen in der Hetze von einem Lust-Event zum Nächsten. In der Hetze mache ich mich zum Sklaven meiner Lüste. Die versklavte Seele versucht ihre Verzweiflung zu vertuschen: „Man gönnt sich ja sonst nichts“.

Die zufriedene Seele sagt: „Dankbar empfange ich mein Leben von dir und mein Joch nehme ich mit Freuden an – bin ich doch deiner nirgends so gewiss, als da, wo ich sicher bin, dass es nicht nach meinem Willen geht.“

Und so wird in allem Schweren, in größter Verzweiflung aufs Neue Hoffnung geboren, und so geschieht, was unfassbar scheint:
Der tote Lazarus verlässt seine Sterbehöhle.

„Denn mein Herr verwirft nicht für immer, denn betrübt er, erbarmt er sich nach der Größe seiner Huld, denn nicht aus Herzenslust demütigt er und betrübt die Menschensöhne.“

Mein Herr verwirft nicht für immer – nur so lange, wie ich in meine Einsam-keitshöhle mich zurück ziehen muss, aus Angst vor dem Leben „draußen“, vor dem Leben in „Freiheit“. Solange erlebe ich mich von Gott verworfen, solange spielt Gott in meinem Leben keine Rolle: ich mich selbst immun gemacht – auch und gerade immun gegenüber dem Erleben von Nähe, Wärme und Geborgenheit. In der Kälte kann ich Gottes Barmherzigkeit nicht spüren.

Im selben Augenblick, in dem mich zu Gott hin öffne, erlebe ich nichts als „Erbarmen“.

„Mir ist Erbarmen wiederfahren – Erbarmen, dessen ich nicht wert.“

Gott geschieht – in dem Augenblick, in dem meine Seele es wagt, sich aus ihrer eingekapselten Einsamkeit zu lösen; es wagt sich zu öffnen, in dem Augenblick, in dem meine Seele erlebt: „ich bin ein Teil Gottes“, oder, was auf dasselbe hinausläuft, „ich bin ein Teil des Lebens“  – bekommt sie auch schon Anteil an ihm. In diesem Augenblick ist „der Stein weggewälzt“: sei es der vom Grab Jesu, sei es der vor der Höhle des Lazarus. 

Die depressive Seele ist die teilnahmslos gewordene Seele – sie kann keinen Anteil am Leben nehmen, sie kann nicht teilen – verzweifelt setzt sie sich selbst absolut. So versucht sie der Vergänglichkeit zu trotzen. Und gerade so verliert sie ihre Lebendigkeit.

Denn Lebendigkeit bedeutet Vergänglichkeit – nur Unlebendiges ist (scheinbar) ewig. So treibt die verzweifelt-trotzige Weigerung, das Vergehen des Lebens anzuerkennen, geradewegs in den Tod – in den Tod der eigenen Seele.

Liebe Gemeinde,

es ist Herbst geworden. Keiner von uns weiß, wie viele Jahreszeiten er auf dieser Erde noch erleben darf oder auch muss. Keiner von uns weiß, welche Leiden, welche Schmerzen ihm noch bevorstehen. Keiner von uns weiß, von welchen geliebten Menschen (und Tieren) er noch wird Abschied nehmen müssen.

Nur eines ist gewiss, so gewiss, wie es ist, dass wir sterben werden:

„Seine Hulden sind nicht dahin, sein Erbarmen endet nicht!“

Gebe Gott, dass wir in unseren Ängsten und Schmerzen, in unseren Unsicherheiten und Zweifeln sein Erbarmen spüren können, ein Erbarmen, das uns nährt, uns sichert und uns beruhigt:
denn unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir, barmherziger Gott,
                                                                                                                  AMEN.

Und die Liebe Gottes, die höher ist als all unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus AMEN.

 

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