Februar 2012

Fürbitten Sonntag Invokavit (2012)

Fürbittengebet Sonntag Invokavit 2012

Barmherziger Gott,

unser Zusammensein geht zu ende.
Jeder von uns kehrt wieder zu sich, in seinen Alltag zurück.

Wir bitten dich:
Dass die Kraft deiner Stille in uns wirken möge,
uns bewahren möge vor Hektik und Zerstreutheit.

Wir bitten dich:
Dass die Kraft deiner Liebe in uns wirken möge,
unseren Bewertungen und Beurteilungen Einhalt bieten möge.

Wir bitten dich:
Dass die Kraft deines Friedens in uns wirken möge,
unsere Unzufriedenheit mit uns und unseren Mitmenschen befrieden möge.

Wir bitten dich:
Dass die Kraft deiner Gnade in uns wirken möge
und uns genug sein möge, AMEN.

Wir beten gemeinsam mit den Worten unseres Lehrers und Bruders:

Vater unser

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Predigt am Sonntag Invokavit 2012 (Thomaskirche Grünwald)

Predigt über 1. Korinther 6,1-10
am Sonntag Invokavit 2012 in Grünwald (Thomaskirche)
von Lothar Malkwitz

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde, lieber Paulus!

Ja, auch und gerade lieber Paulus. Ich wende mich mit dieser Predigt direkt an dich, der du mir nicht zum ersten Mal erhebliche Probleme machst. Ich fürchte mich allmählich schon davor, wenn wieder eine Stelle aus deinen Briefen der Text ist, über den ich zu predigen habe. Ich bin aber auch zu stolz, mich einfach über den vorgegebenen Predigttext hinweg zu setzen. Also bleibt mir nichts übrig, als mich mit dir auseinander zusetzen.

Nun weiß ich als Beobachter menschlichen Seelenlebens, wie häufig es sich so verhält, dass das, was mich an anderen Menschen ärgert, empört usw. in der Tiefe Teile meiner eigenen Seele sind. Unbewusste Teile meiner eigenen Seele, mit denen mein Bewusstsein, mein denkendes Ich nichts zu tun haben will, über die sich mein moralisches Ich empört. „Was siehst du die Splitter im Augen deines Nächsten, die Balken in deinem eigenen Auge aber siehst du nicht.“

Die große Verführung besteht darin, das Denken des Anderen dafür zu verwenden, gegen diese (meine eigenen mir unbewussten) Teile anzukämpfen. Dies führt zu immer tieferen Gräben mit den dazugehörigen „Grabenkämpfen“, von denen die Geschichte der Religionen, auch die des Christentums voll ist. Der Weg heraus ist unangenehm: er geht nämlich über die Anerkenntnis, dass in mir selbst sich eben dies findet, was ich im Anderen so sehr bekämpfe. Der Weg heraus aus den Gräben führt also „in mich hinein“: erst wenn ich es wage, in mich hinein zu hören, mich mit meinen eigenen unangenehmen Seiten kennen zu lernen, lerne ich verstehen, wie sehr ich den Anderen als „Entsorger“ meiner eigenen dunklen Seiten verwendet habe. Der heutige Sonntag „Invocavit“ ist ein Psalmwort, wo es heißt: „er ruft mich an, darum will ich ihn erhören“. Heißt für mich: mein „ich rufe hinein“ verhallt nicht ins Leere, die Bewegung nach „innen“ führt paradoxerweise aus meiner Verzweiflung, aus meinem Gefängnis heraus.

Übrigens: Die drei Versuchungen des Teufels handeln davon, Jesus dazu zu verführen, nicht nach innen zu rufen, die äußere Welt an die Stelle der inneren zu setzen. Und Jesus weist die Versuchungen zurück, indem er auf die Bedeutung und Ordnung seiner inneren Beziehung zu Gott verweist: der Mensch lebt von den Worten, die aus Gottes Mund fließen; du sollst niemand anbeten, außer Gott; du sollst Gott deinen Herrn nicht verführen.

Gestärkt und identifiziert mit diesem Jesus möchte ich mich dem heutigen Predigttext zuwenden, in dem du, lieber Paulus, Einblicke in dein Leben als Apostel Jesu Christi gibst. Du scheinst mit dem Rücken zur Wand zu stehen und verteidigst dich kraftvoll, indem du darauf hinweist, wie du als „Mitarbeiter der Gemeinde Christi“ lebst:

2. Korinther 6,1-10:

„1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. 2 Denn ER spricht (Jes. 49,8): ‚Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tag des Heils geholfen.’

Siehe jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils.

3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde; 4 sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, 5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, 6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, in heiligem Geist, in ungefärbter Liebe, 7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, 8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; 9 als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; 10 als die Traurigen, aber allzeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.“

„Als Mitarbeiter ermahnen wir euch…“ parakaleo im griechischen hat etwas freundliches, liebevolles: herbeirufen, ermuntern, freundlich auffordern, einladen … ohne Gewalt, ohne Zwang.

„Wir ermuntern euch, damit ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.“ Das scheint deine Sorge zu sein, dass Gemeindeglieder, obwohl formal zum Christentum bekehrt, die „Gnade“ vergeblich empfangen. Was das heißt, sagst du nicht so genau, aber es hat natürlich schon Schärfe, dem Anderen zu sagen, er hätte die Gnade Gottes vergeblich empfangen. Zugleich betonst du: „Siehe, jetzt ist der Tag des Heils, jetzt ist die Stunde der Gnade.“ Und diese Betonung wird untermauert mit dem Hinweis auf den Propheten Jesaja: „Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tag des Heils geholfen“ (Jes. 49,8). Du rufst uns in die Gegenwart. Und das tut gut. „Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart“, sagt Meister Eckhart. Wir haben letzte Woche, als wir zusammen in dem Predigtvorbereitungskreis diesen Text heftig und kontrovers diskutierten, dieses „jetzt“ erleben dürfen. Zeit der Gnade heißt nicht: langweilige Harmonie. Zeit der Gnade heißt lebendige Auseinandersetzung, aber in Liebe zu einander; heißt sich am Ende wieder die Hand geben können, heißt sich im Gebet zusammen finden und sich auf die unsichtbare Mitte zurück zu besinnen.

„Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert wird.“ Das glaube ich dir sofort, lieber Paulus, und es macht dich recht menschlich, dass du das so betonst. Man möchte dich beinahe trösten und sagen: ja, ja, beruhige dich doch, du bist ein bedeutender Apostel, ein Kämpfer des Glaubens für den Glauben an Jesus Christus. Aber so leicht bist du nicht zu beruhigen. Wenn du einmal in Fahrt bist, dann bricht deine Leidenschaft mit dir durch:

„…sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, 5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, 6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, in heiligem Geist, in ungefärbter Liebe, 7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, 8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; 9 als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; 10 als die Traurigen, aber allzeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.“

Im Laufe des Predigtvorbereitungskreises habe ich erfahren können, lieber Paulus, was mein Problem mit dir ist: dass ich so misstrauisch bin, ob du mit erhobenem Zeigefinger hier hinter mir stehst. Dann kommt dein Satz so bei mir an, als würdest du dich dessen brüsten, was du für ein herausragender Diener Gottes du bist. Und dann fühle ich mich klein gemacht, und dann beginne ich mich zu ärgern. Und dann kann ich dir nicht mehr offen zuhören. Das ist das Problem von Strafpredigten: sie bleiben so wirkungslos, weil sie den Anderen in der Tiefe nicht erreichen, und gar nicht erreichen wollen. Strafpredigten führen nicht zu einer Veränderung aus dem Herzen heraus, sondern zu einer Veränderung aus Angst. Der Glaube aber, der dir und mir so wichtig ist, Paulus, geschieht gerade nicht aus Angst heraus. Das ist ja doch eine deiner Kernideen, dass wir nicht vor Gott rechtfertigt sind, indem wir ängstlich seine Gesetze erfüllen. Aus Glauben, aus dem tiefen Vertrauen auf Jesus Christus und seine Botschaft von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes werden wir rechtfertigt. Und niemals können wir uns selbst rechtfertigen!

Wenn ich deinen langen Satz von deiner Rechtfertigungslehre her lese, wenn ich ihn ohne erhobenen Zeigefinder hören kann, dann klingt er ganz anders. Dann klingt er für mich so: wer Mitarbeiter Gottes sein will, der sei ein Diener Gottes: und er möge sich von vorne herein darüber im Klaren sein, dass dies keine  Freikarte in das Paradies immerwährender Glückseligkeit ist. Diener Gottes sein heißt: Geduld aufbringen können, Trübsale, Nöte, Ängste ertragen, heißt Schläge, Rück-Schläge hinnehmen, heißt im Gefängnis (auch der eigenen Ängste, des eigenen Unvermögens) eingesperrt sein, heißt verfolgt werden (auch von hässlichen Gedanken und bedrückenden Gefühlen),  heißt sich abmühen, heißt wachsam sein gegenüber teuflischen Verführungen, heißt Fasten im Sinne von sich zurückhalten können, heißt ehrlich sein, heißt sich offen halten dafür, Neues zu  erkennen, heißt langmütig und nicht gleich gereizt sein, heißt freundlich und so im Heiligen Geist bleiben, heißt zu lieben ohne Partei zu ergreifen, heißt sich bemühen, die wahren, gerade passenden Worte zu finden, heißt nicht aus eigener sondern in der Kraft Gottes zu leben und keine anderen Waffen als die der Gerechtigkeit zu verwenden; und in alledem geschieht dem Diener Gottes Ehre ebenso wie Schande und beides erträgt er genauso wie die guten und die bösen Gerüchte über ihn; und natürlich verführt er auch, aber so, dass er hinführt zu einem Leben in Wahrhaftigkeit vor seinem Gewissen, seinem Nächsten und vor Gott; der Diener Gottes lebt davon, sich überflüssig zu machen, er verschwindet hinter seiner Botschaft – so ist er unbekannt, bekannt nur als der, der für die Botschaft eintritt, und natürlich ist er ein Sterbender und Sterblicher, wie alle anderen Menschen auch – aber immer wieder: „und siehe wir leben“ wird er erleuchtet und gekräftigt vom Gott des Lebens, in dessen Dienst er steht und bleibt, auch wenn er sich gezüchtigt und ungerecht behandelt fühlt, und so setzt sich doch seine lebendige Beziehung zum lebendigen Gott über alle diese Widrigkeiten hinweg. Und natürlich sind die Diener Gottes traurig, eine Trauer, die aber getragen ist von einer noch tieferen Fröhlichkeit – „mich wundert, dass ich so fröhlich bin“ – und natürlich sind die Diener Gottes „arm“ – jedenfalls arm im Herzen, weil sie versuchen leer zu sein, um sich so von Gott füllen zu lassen und mit dieser Fülle auch andere reich machen können. Sie haben nichts in Händen und haben doch alles, was sie zum Leben brauchen: „Ich glaube“, bekennt ein Diener Gottes, D. Bonhoeffer, „dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen, aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf IHN verlassen.“

Es ist für mich selbst völlig überraschend, welche anderen, neuen Gedanken mir kommen, wenn ich die Freiheit verspüre, mich auf deinen Briefausschnitt einzulassen können, mein lieber Paulus. An dieser Stelle möchte ich dem Predigtvorbereitungskreis Danke sagen, da mir im Laufe des Abends diese Freiheit begann zu dämmern. Ich glaube, diese Freiheit ist viel viel wirkmächtiger als jeder eifernde Zwang. Und der rechtfertigende, barmherzige Gott bedarf keiner Eiferer. Im Gegenteil: die Eiferer, die Fanatiker machen die Botschaft der Barmherzigkeit Gott unglaubwürdig. Es ist ein unglaubwürdiger Gott, in dessen Namen Gewalt ausgeübt wird, Bomben geworfen werden. Es ist ein Gott, der in seinem eigenen Hass stecken geblieben ist. Dies gilt auch für die Prediger des Zornes.

So brauchen wir uns nicht über die Abwendung von Gott und die Hinwendung zur Vernunft bei uns in Westeuropa wundern. Es steckt so tief die Erfahrung in uns, dass wegen des sogenannten „richtigen“ Glaubens an Gott sich die Menschen die Köpfe eingeschlagen haben! Dabei ist der wahre Gott seinem Wesen nach unerkennbar, jenseits und höher als all’ unsere menschliche Vernunft, unverfügbar und von niemandem in Besitz zu nehmen. „Gott wohnt in einem Lichte, zu dem niemand kommen kann…“ (1. Tim 6,16b) So dass angemessenes Reden von Gott dem Stammeln eines kleinen Kindes gleicht, so unfassbar, so gewaltig so über unseren kleinen Verstand erhaben ist er.

Und auf der anderen Seite ist echtes Reden von Gott wieder so einfach: „Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1. Joh. 4, 16b). Im Grunde genommen lässt sich das, was du uns heute alles aufgezählt hast, was das Leben eines Mitarbeiter Gottes ausmacht, zusammenfassen zu der einfachen Botschaft: „in der Liebe bleiben – und zwar gerade angesichts der Widrigkeiten und Schicksalsschläge des Lebens“. Und: nicht irgendwann, sondern heute: „Heute ist die Zeit der Gnade, jetzt ist die Stunde des Heils.“

Du sagst an anderer Stelle, wenn Jesus nicht von den Toten auferstanden ist, dann ist unser Glaube nichtig. Ich finde, wir sollten dem nicht so viel Gewicht geben, unseren Glauben nicht so leicht aufs Spiel setzen. Viel wichtiger ist doch, ein auf dem Fundament unseres Glaubens heraus verantwortungsvolles Leben in der Gegenwart zu führen. Unser Glaube hängt doch nicht an einem historischen Faktum; unser Glaube hängt an der Wahrheit der Barmherzigkeit Gottes. Und Gott braucht keine Beweise. Alles was Gott braucht, ist unser Vertrauen. Unser Glaube vertraut, dass es möglich ist, ein Leben in innerer wie äußerer liebevoller Begleitung, ein Leben in hinein und aus Gott heraus zu führen. Unser Glaube ist sich sicher, dass Gott nur eines will: uns lieben. Und unser Glaube erkennt an, dass nicht wir es sind, die unser Leben im Griff haben, sondern dass wir von IHM oder ES gelebt werden. Ich darf dich noch einmal zitieren: ‚Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben, wir so sterben wir dem Herrn; ob wir also leben oder sterben, wir sind des Herrn.’ (Röm 14,7) Mir ist das genug. Ich lasse mir an deiner Gnade genügen.

Lieber Paulus,

da ich nicht weiß, ob du mich hören kannst, kann ich jetzt auch keine direkte Antwort von dir erwarten. Du hast so viele kluge und schöne Gedanken entwickelt, die weitergetragen werden wollen. In Freiheit und Liebe. Ich bin mir nämlich sicher, dass, falls unsere Welt noch zu retten ist, dann nur über die Liebe zum Leben. Die Liebe, die allein die Kraft hat, das Leben in seinem Werden und Vergehen anzuerkennen, die Liebe, die die eigene Schwäche und Vergänglichkeit erträgt, und die Liebe, die nichts mehr braucht, nichts mehr will, nichts mehr sucht, weil sie angekommen ist in IHM, den unendlichen, barmherzigen, liebevollen Gott.

Mögen wir in ihn uns immer tiefer hineinbilden, mögen wir in ihm unserer eigenen Wahrheit begegnen und so zu einem Frieden finden, der höher ist als all’ unsere menschliche Vernunft AMEN.

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Fürbittengebet an Septuagesimae 2012

Fürbittengebet Septuagesimä

Barmherziger Gott,

unser Gottesdienst neigt sich seinem Ende zu.

Wir müssen wieder unserer Wege gehen.

Jeder für sich.

Was uns bleibt, ist die Erinnerung an das gemeinsam Erlebte.

Und auch sie wird verblassen, Neues wird auf uns einströmen,

unsere Aufmerksamkeit erfordern.

 

Und wir werden deine Barmherzigkeit wieder vergessen,

werden unsere Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellen,

werden kämpfen und uns ärgern,

werden unsere Ängste wieder spüren,

und uns wieder schuldig fühlen.

 

Bis wir vielleicht uns neu erinnern,

neu vertrauen

auf deine große Barmherzigkeit, AMEN.

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Predigt an Septuagesimae 2012 (Jakobuskirche Pullach)

Predigt über Jeremia 9, 22-23 am Sonntag Septuagesimä 2012
„Wer sich rühmen will, rühme sich des Herrn!“
Von Lothar Malkwitz

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, wie es Ihnen mit dem bislang Gehörtem geht; bei mir löst es jedenfalls ganz schön heftige Gefühle aus.

„Wir liegen vor DIR mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf DEINE große Barmherzigkeit“ (Dan. 9,18)

Wann liegen wir vor Gott mit unserem Gebet? Vor Gott im Gebet liegen: das ist das Bild des Untertanen, der sich vor seinem König in den Staub wirft. Es bedeutet, sich IHM, seinem Willen voll und ganz hinzugeben, sich IHM zu unterwerfen. Sind wir nicht freie, mündige Bürger, mit Vernunft begabt. Vor wem sollten wir uns niederwefen? Das war einmal – zu Zeiten absolutistischer Herrscher, aber heute?

Und wenn wir beten, sagen wir dann nicht: lieber Gott, mach, dass es so und so wird. So und so, wie wir es uns wünschen. So und so, wie wir es als gerecht empfinden. „… und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit…“ eigentlich hätten wir ja angesichts der Ungerechtigkeiten auf dieser Welt, angesichts unseres Unvermögens, eine gerechte Weltwirtschaftsordnung zu verwirklichen allen Grund, nicht auf unsere Gerechtigkeit zu vertrauen. Aber natürlich haben wir unser Rechtsempfinden mit dem wir die Zeitung lesen, unsere Kinder erziehen, Einkaufen, Auto fahren usw. Was soll das heißen, wir vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf „DEINE große Barmherzigkeit“?

Die Arbeiter im Weinberg: natürlich sind diejenigen  ärgerlich, enttäuscht, die den ganzen Tag für ihren Groschen gearbeitet haben und am Ende dasselbe bekommen wie die, die nur eine Stunde gearbeitet haben. Das ist doch zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit! Wird hier nicht wiederum einem absolutistischen und auch noch willkürlichen Machthaber das Wort geredet?

Auf der anderen Seite: Der Besitzer des Weinberges hat ja Recht, wenn er sagt, dass er sich durchaus an seine Vereinbarung hält. Die Provokation entsteht erst dadurch, dass die ersten Arbeiter sich verständlicherweise mit den Hinzugekommenen vergleichen. Und dass sie dann eben „auch mehr haben wollen“. Schließlich haben sie auch länger gearbeitet.

„Auch haben…!“: ein kurzer Appell, den schon recht kleine Kinder beherrschen.
Es ist die „Will-auch-Haben“-Gerechtigkeit, die es als ungerecht empfindet, dass der andere etwas hat, was ich nicht habe, oder etwas bekommt, was ich nicht bekommen habe. (Dies ist meines Erachtens der tiefere emotionale Grund dafür, dass das Zölibat nicht abgeschafft wird: es müsste ja von denen abgeschafft werden, die sich selbst mehr oder weniger damit abgequält haben.)

Oft besteht der Wert des „Auch-Haben-Dinges“ nur darin, dass ihn der andere hat – und nicht ich. In dem Moment, wo ich ihn habe, verschwindet mein Interesse. Die Werbung versteht es geschickt, unsere Bedürfnisse genau an dieser Stelle zu manipulieren.

Die „Will-auch-haben-Gerechtigkeit“ lebt vom Vergleich. Und hier liegt die Provokation unserer heutigen Texte: sie stellen nicht Gerechtigkeit an sich, sondern unsere „Will-auch-haben-Gerechtigkeit“ massiv in Frage! Sie brüskieren unser Vergleichen und unser Gleich-Machen. Sie weisen uns zurück, in des Wortes doppelter Bedeutung: sie weisen unsere Sehnsucht nach dem Vergleich zurück und sie (ver-)weisen uns zurück auf IHN.

Der Prophet Jeremia drückt das so aus:

So hat ER gesprochen:
Nimmer rühme sich der Weise seiner Weisheit,
nimmer rühme sich der Held seines Heldenmuts,
nimmer rühme sich der Reiche seines Reichtums,
sondern dessen rühme sich, wer sich rühmt:
zu begreifen
und mich zu erkennen,
dass ICH es bin,
der Huld, Recht und Wahrhaftigkeit macht auf Erden.
Ja, an solchem habe ich Gefallen,
spricht ER. (Jeremia 9,22-23, unser heutiger Predigttext)

Vielleicht denken Sie sich jetzt: was hat denn das Sich-Rühmen mit der „Das- will-ich-auch-haben-Gerechtigkeit“ zu tun?

Die Klammer zwischen beidem ist ein ziemlich ursprüngliches und ziemlich unangenehmes Gefühl, über das man eher nicht spricht: die Klammer ist der Neid.

Der, der sich rühmt, erzeugt Neid im Anderen („gell, da schaust du, ich hab’ was, kann was, was du nicht hast/kannst“) – der, der „es auch haben will“, erlebt Neid auf den Anderen. Wobei das Sich-Rühmen subtil ist: keiner stellt sich hin, klopft sich auf die Schultern und sagt, „schaut mal, was ich Tolles habe!“ Es ist ein gesellschaftliches Agreement, was toll ist: es sind die Marken, die Namen, der Status und die damit verbundenen Fantasien, die das „Tolle“ erzeugen. Ein So-und-so-Auto fahren, ein Einfamilienhaus besitzen, einen tollen Urlaub machen, einen Titel haben, ein wichtiges Amt ausüben, ein Star sein…

„Auch haben…“

Und so entsteht eine Beziehung, die von Neid durchtränkt, die durch Neid vergiftet ist. Eine Steigerung des Giftes ist es, nicht nur „es auch haben zu wollen“, sondern auch so sein zu wollen, wie der andere, sich an die Stelle des Anderen zu setzen:

„Ihr werdet sein wie Gott…“ mit dieser Verführung fing alles an.

Es ist die Sehn-Sucht nach „mit dem anderen gleich sein“, die zu der Sucht führt, sich selbst an die Stelle des Anderen zu setzen. Der dahinter liegende Gedanke ist einfach: wenn ich den anderen ersetze, dann bin ich endlich der Bestimmer, der Mächtige, der das Ohnmächtig-sein nicht länger ertragen muss.  Ohnmächtig-sein wird nämlich als gedemütigt-sein erlebt.

Hätten Adam und Eva der Schlange antworten können: „wir wollen gar nicht so sein, wie Gott – Gott ist Gott und wir sind wir und wir leben in einer guten Beziehung zusammen…“ es wäre uns Vieles erspart geblieben. Das Problem ist: Adam und Eva haben sich (zurecht) so willkürlich klein gemacht gefühlt, nicht vom Baum der Erkenntnis essen zu dürfen. Die Verführung des „ihr werdet sein wie, ich setze mich an die Stelle des Anderen“ greift an bei den Gefühlen des klein gehalten Werdens.

Könnten die Arbeiter im Weinberg sagen: wir werden nach unserer Abmachung bezahlt und wenn der Herr des Weinberges so großzügig ist, den später Hinzugekommenen dasselbe wie uns zu geben: wie schön! Dann freuen wir uns mit den Anderen mit! – und schon wäre das Problem erledigt. Dies geht aber nur, wenn ich an dem, was ich bekomme, mich sättigen kann. Wenn es mich befriedet!

Die Frage ist, ob ich es mir materiell und emotional leisten kann, statt neidisch großzügig zu sein. Auch materiell: es ist Zynismus, vom Harz-IV-Empfänger zu erwarten, er solle großzügig sein, sich am Wohlstand der Reichen erfreuen – und nicht schwarz arbeiten, weil das den Staat schädige. Die Großzügigkeit sollte von den Reichen ausgehen – die Großzügigkeit könnte von uns ausgehen.

Wer aber in der Welt des Neides gefangen ist, der ist – auch bei äußerlichem Reichtum – in (innerer) Wahrheit ein ziemlich armer Wicht: er hat nichts herzugeben, er muss an sich raffen, was er nur gerade kriegen kann, er ist getrieben nach mehr und mehr …
Und so wird verständlich, was von außen betrachtet unverständlich erscheint: dass materieller Reichtum nicht vor einem gefühlten „Am-Verhungern-Sein“ schützt. Dies ist ein innerer, ein emotionaler Hunger: die neidische Seele ist eine Seele, die panische Angst vor dem Verhungern hat: und in ihrer Panik glaubt sie, sie muss alles und ohne Grenzen von Moral und Anstand zu sich nehmen, was es nur gibt: jede Möglichkeit nach Anerkennung, nach Ruhm, nach Macht, nach Einfluss und natürlich nach Materiellem. In ihrer Panik merkt sie nicht, dass dies alles äußere Dinge sind, die sich für Vieles eignen, aber nicht dafür, satt zu werden. Und so sucht sie immer weiter, wird immer getriebener, immer verzweifelter, immer gieriger…

Aus diesem Hamsterrad von Neid, innerer Getriebenheit und Gier kann sich niemand selbst befreien. Es bedarf eines Anderen, eines, der draußen steht (extra nos), auf festem Boden, eines, der sich nicht mitdreht. Es bedarf des Erkennens, „dass ICH es bin, der Huld, Recht und Wahrhaftigkeit macht auf Erden“, wie der Prophet Jeremia sagt.

Aber wie soll die hungrige Seele dort hinkommen : die im Hamsterrad gefangene Seele  – zu IHM, der Huld, Recht und Wahrhaftigkeit macht auf Erden.

An der Stelle sind sich die großen Denker des Glaubens alle einig:
Allein durch Glaube!
Allein durch Gnade!

Aber wie kann der Glaube, wie kann die Gnade in das Hamsterrad hinein finden?
Oder anders: Wie kann dem Hamster bewusst werden, dass er selbst, und nur er selbst es ist, der das Rad am Laufen erhält?
Zunächst einmal überhaupt nicht.
Solange der Hamster läuft, solange „es läuft“, gibt es keine Chance. Erst wenn „es“ nicht mehr so läuft, wenn eine unerwartete Krankheit sich ereignet, eine Trennung, eine Kündigung, ein Todesfall, entstehen Chancen. Es bedarf einer kleineren bis mittleren Katastrophe, wenn sich etwas ändern soll. Bis dahin „läuft“ alles wie gewohnt. Das gilt für die individuelle Geschichte wie für Geschichte der Menschheit: alle Änderungen sind erzwungene, üblicherweise durch Krieg oder Revolution.

Individuell heißt das: ohne starkes Leiden an dem, wie es ist, gibt es nichts Neues. Wobei: nicht wenige Menschen kommen in die Sprechstunde des Therapeuten mit der Bitte: es soll wieder so laufen wie früher. Ihnen ist völlig unbewusst, dass eben das Frühere sie dorthin gebracht hat, wo sie jetzt sind.

Erschwerend kommt hinzu, dass Glaube und Gnade zwar etwas sehr Schönes sind, aber das Leiden auf die Schnelle nicht wegnehmen können. Sie sind keine Betäubungsmittel. Mit Betäubungsmittel meine ich nicht nur Tabletten – auch das sich Zu-Dröhnen mit Arbeit, mit Terminen, mit Aktivitäten kann wirksam betäuben. Nur nicht „inne halten“, nur nicht zur Ruhe kommen, nur nicht sich besinnen: das ist gefährlich. Das Strampeln im Hamsterrad ist selbst ein recht wirksames Betäubungsmittel.

Die Stille ist Gottes Schwäche und Stärke zugleich: in ihr kann der Glaube entstehen, in ihr kann die Gnade wirken, in ihr hören wir auf, um etwas zu bitten, in ihr ergeben wir uns in Gottes Willen, in ihr liegen wir Gott zu Füßen im Gebet und vertrauen auf seine Barmherzigkeit. Aber die Stille will ausgehalten sein. Wer in die Stille kommt, der hat alles, was er machen kann, aus der Hand gegeben. In diesem Loslassen sind Gefühle schwerer Enttäuschung zu durchleiden. Mein Stolz will nicht zugeben, wie sehr ich mich in meinem Hamsterrad getäuscht habe. Wie sehr ich mich täuschte, in der Überzeugung, ich hätte etwas im Griff. Wie sehr ich mich täuschte in der Idee, die Lösung meiner Ohnmacht wäre, ich muss selbst (all-)mächtig werden, autark und unabhängig von allem, auf nichts und niemand angewiesen. Wie sehr ich mich täuschte in der Idee, ich könnte mich und andere retten, oder auch nur bewahren vor dem, wie es wirklich ist. „Wer immer strebend sich bemüht…“:  welch’ eine Täuschung. Ohn-mächtig, ohne Macht bin ich vor IHM, ergebe mich vor dem, wie es gerade ist, und erleide aufs Neue meine alten Ohnmachtsgefühle. Das kann ich nur im Vertrauen darauf, dass meine Ohnmacht nicht von neuem ausgenützt wird, dass SEINE Macht SEINE Barmherzigkeit ist. („SO spricht der HERR: Ich habe kein Gefallen am Tod des Gottlosen, sondern dass sich der Gottlose bekehre von seinem Wesen und lebe.“ (Hes. 33,11).In diesem Vertrauen führt der steinige Kreuzweg über das Kreuz hinaus mitten hinein ins Leben des Reiches Gottes. Und im Reich Gottes ist anerkannt, dass ER es ist, der Huld, und Recht und Wahrhaftigkeit macht auf Erden.

In dieser Anerkenntnis der Hoheit Gottes  – und nicht der Hoheit eines anderen Menschen – wird meine Seele lebendig, wird zufrieden und satt, mein Jammern und Klagen findet ein Ende, mein Neid auf die Anderen und das, was sie haben, löst sich auf. Nur dass dies alles kein Besitz ist, sondern ein unendlicher, unverfügbarer, ewiger Weg der Anerkenntnis meines Seins, meines Geworden-Seins, meines In-Beziehung-Seins mit dem Lebendigen, mit Gott, dessen Barmherzigkeit keine Grenzen kennt. Und wer sich dann immer noch rühmen will, der rühme sich dessen, dass er teilnehmen darf am unbegreiflichen Geheimnis des Lebens,                                                                             AMEN.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Streben und Bemühen, bewahre unser Herz und unsere Sinne in Christus Jesus, AMEN.

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