Predigten

Predigt am Sonntag Sexagesimae 2005

Predigt über Markus 4,26-29 am Sonntag Sexagesimae 2005 in Pullach

Von Lothar Malkwitz

Liebe Gemeinde,

 

ich möchte Sie heute am Beginn meiner Predigt um etwas Ungewöhnliches bitten: vergessen Sie alles, was Sie über Jesus gehört und gelernt haben. Vergessen Sie, dass heute Bibelsonntag ist. Vergessen Sie, dass es überhaupt eine Bibel gibt. Vergessen Sie, dass wir hier in der Kirche sind und Gottesdienst feiern.

 

Vergessen Sie Ihre Wünsche an meine Predigt. Vergessen Sie Ihre Wünsche an Gott. Vergessen Sie Ihre Vorstellung von Gott! Vergessen Sie Ihre Erwartungen, dass Sie jetzt etwas kriegen. Ein Wort zur Erbauung oder so was.

 

Oder anders ausgedrückt: ich bitte Sie, machen Sie sich leer. Lassen Sie los von dem Gewicht Ihrer Erinnerungen an Früheres, von dem Gewicht Ihrer Wünsche für Zukünftiges und von Ihrer Hoffnung auf Verstehen.

Gar nicht so leicht – oder?

Und natürlich gefährlich. Warum will der das von uns? Um uns manipulieren zu können? Dass er jetzt in unsere Leere seine Worte hineinsetzen kann? Der ist doch auch noch Psychotherapeut. Leben die nicht davon, ihren Patienten was einzureden?

 

Misstrauen ist angesagt. Zurecht. Aus dem Misstrauen erwächst die Vorsicht – was will der von mir?

 

Nichts – außer dass Sie die Freundlichkeit haben mir weiter zu zuhören.-

Aber Sie haben doch gesagt, ich soll das alles vergessen: meine Erinnerungen, meine Wünsche, mein Verstehen.

Stimmt. Aber nicht ich will das von Ihnen, sondern ich möchte Ihnen anbieten, sich in eine bestimmte Art des Erlebens zu versetzen. Ein Erleben, bei dem die alten Sicherheiten des Wissens und Verstehens aufgegeben sind.

 

Ja und dann?

Irgendwann muss doch jetzt der Predigttext kommen? Will er uns darauf vorbereiten?

 

Ich möchte Sie nicht auf einen Text vorbereiten, sondern versuchen mit Ihnen gemeinsam etwas zu erleben. Etwas was sich nur über den Weg des sich Leer-Machens erleben lässt.

 

Ich gebe diesem etwas jetzt noch keinen Namen, weil jede Benennung einengt.

 

Stattdessen möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen.

 

Die geht so: „Mit dem Reiche Gottes ist es so, wie wenn ein Mann den Samen auf die Erde streut und dann schlafen geht und wieder aufsteht, bei  Nacht und bei Tage, und der Samen geht auf und wächst empor, ohne dass er selbst davon weiß. Von selbst bringt die Erde Frucht, erst den Halm, dann die Ähre, und endlich das volle Korn in der Ähre. Sobald aber die Frucht es zulässt, legt er die Sichel an, denn die Ernte ist da.“

 

Diese Geschichte stammt nicht von mir, sondern von einem jüdischen Wanderprediger. Er zog vor vielen Jahren durch die Lande des heutigen Palästinas und erzählte Geschichten. Er erzählte nicht von sich, sondern von dem altehrwürdigen Gott, den seine Zeitgenossen Jahwe nannten. Jahwe das war Geheimsprache – das hieß soviel wie: der, dessen Name nicht genannt werden darf (Harry Potter lässt grüßen) nur dieser Gott galt nicht als eine finstere Macht, kein Lord Voldemort, sondern der allmächtige, Schöpfer usw. Dieser jüdische Rabbi hat diesen Gott „abba“ genannt –  das ist Kleinkindersprache, „Papa“. Und dazu passte seine Botschaft: habt Vertrauen, wurde er nicht müde zu sagen, Vertrauen zu diesem „abba“ – es ist doch unser aller „Papa“: Sein bekanntestes Gebet geht mit diesem „Papa“ an: „Vater unser!“ Dafür wurde er verlacht. Dieser allmächtige Gott ist doch kein Papa – das ist vielleicht kindisch – sagten die einen. Der ist ja größenwahnsinnig, sagten die anderen. Der tut ja so, als hätte er eine ganz besondere Beziehung zu unserem Gott, gerade so, als wäre er sein Sohn – sagten die dritten. Diese Stimmen missverstanden unseren jüdischen Lehrer: es gibt keine Stelle, an der er sagt: „Ich bin der Sohn Gottes“ – alle Stellen im NT (Johannes: „Ich bin der Weg etc. wurden ihm nachträglich in den Mund gelegt.) Auch in der Geschichte, die ich Ihnen vorhin vorlas, geht es nicht um den, der diese Geschichte erzählt. Das ist ein wichtiges Zeichen dafür, dass diese Geschichte wirklich von diesem Lehrer stammt also historisch ist. Es geht auch nicht einfach um Gott, sondern um das Reich Gottes. Und was da über das Reich Gottes gesagt wird, ist weder kindisch noch größenwahnsinnig, sondern sehr nüchtern. Das Reich Gottes wird verglichen (deshalb hat man diesen Text ein Gleichnis genannt) mit – ja womit eigentlich?

In moderneren Übersetzungen heißt unsere Geschichte „Das Gleichnis vom Wachsen der Saat, oder von der selbstwachsenden Saat“. In älteren Lutherbibeln kann man auch „Gleichnis vom geduldigen Landmann“ lesen. Wie dem auch sei – es geht um Wachsen. Unsere Geschichte ist eine Wachstumsgeschichte. Wachstum – und zwar von etwas Lebendigem.

Wachsen. Wie geht das eigentlich? Unser Geschichtenerzähler sagt: Wachsen geht von selbst, ohne dass der Bauer etwas davon mitbekommt geht der Same auf und ein Halm wächst empor.

 

Lächerlich – wendet da unsere fortschrittliche Vernunft ein: mag sein vor 2000 Jahren, die hatten keine Ahnung: was eine Zelle ist, wie Zellteilung geht, dass es eine DNA gibt, die man sogar manipulieren kann. Dass man düngen muss, Schädlinge bekämpfen muss usw. Von wegen selbst wachsende Saat!

Stimmt das? Haben wir mehr Ahnung vom Wachstum als die Menschen vor 2000 Jahren?

 

 

Nehmen wir z.B. unsere Lebenserwartung: vor kurzem hörte ich von einer Statistik, dass eine heute 65jährige Frau nach statistischer Wahrscheinlichkeit 100 Jahre alt werden wird – ein 65jähriger Mann wird 98 Jahre alt.

Ist das nicht Wachstum? Sind wir nicht Meister im Vergrößern, Verbreitern, Verlängern, Erhöhen, Vermehren, Expandieren …?

Aber warum vergrößert sich das Reich Gottes nicht – warum hören die Kriege nicht auf, warum hören die Naturkatastrophen nicht auf, warum hört das Leiden nicht auf, warum immer diese Schmerzen?

 

Ganz einfach: weil das Reich Gottes nicht das Paradies ist.

 

Und weil die Wachstumsregeln des Reiches Gottes nichts mit Mengenwachstum zu tun haben. Und das ist zugleich das Problem: Mengenwachstum ist quantitatives Wachstum: und das ist messbar und sichtbar. Das Reich-Gottes-Wachstum ist qualitatives Wachstum – und deshalb unsichtbar. Was ich sehen kann und messen kann ist das Gewachsene – der Halm des Getreides, die Länge eines Kindes – aber nicht das Wachstum selber. Mengenwachstum ist die Vermehrung desselben. Ob ich einen oder 10 Äpfel in einem Korb habe – das ändert an den Äpfeln gar nichts. Es bleibt bei der 1. Mathematisch ausgedrückt geht es um das Problem, wie sich Veränderung abbilden lässt. Qualitatives Wachstum ist Transformation: wie komme ich von der 1 zu 2 zur 3 zur 4? Differential- und Integralrechnung beschäftigen sich mit dieser Fragestellung und ich denke auch die Quantenphysik, von der ich leider viel zu wenig verstehe.

 

Jesus – Sie wissen es längst, von ihm stammt das Gleichnis vom Wachsen – hatte eine tiefe Intuition für die Wachstumsgesetze des Reiches Gottes: Vertrauen, Geduld und Todesangst sind die wesentlichen Elemente seiner Lehre vom Wachstum des Reiches Gottes. Und wie hängen diese Elemente miteinander zusammen?

Nun – Jesus sagt: Indem ihr anfangt zu vertrauen beginnt auch schon das Reich Gottes. Ihr müsst viel weniger „machen und tun“ als ihr meint. Statt „machen und tun“ ist Geduld angesagt: die Geduld, die das Nicht-machen-Können aushält. Und nicht machen können heißt nicht kontrollieren können. Wenn ich jeden Tag das Samenkorn, das ich eingepflanzt habe, ausbuddele, um es zu kontrollieren, störe ich sein natürliches Wachstum – im schlimmsten Fall wird es absterben. Hinter dem alltäglichen „ich meine es doch nur gut mit dir“ steckt oft ein ungeduldiges: „Ich halte es nicht aus, wenn du deinen eigenen Weg gehst.“ „Bitte entwickle dich so, wie ich dich brauchen kann!“ Die weniger liebevolle Variante davon lautet: „Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast …“ Misstrauen, Angst und Ungeduld führen zur Macht. Macht aber verhindert natürliches Wachstum – es geht nicht mehr um Wachsen, sondern um unterwerfen.

 

Aber warum gibt es so wenig Vertrauen in dieser Welt – warum spielen Kontrolle und Sicherheit und Macht eine so große Rolle in unserer Welt?

 

Weil der Weg in das Reich des Vertrauens über den Tod führt. Das Getreidekorn muss absterben: damit geht es los und nur damit geht es los!

 

Lukas hat eine andere Variante des Gleichnisses überliefert: das Korn das auf den Weg fällt und das auf den Felsen fällt: meidet die Finsternis der Erde, des Todes. So bleibt es unfruchtbar.

 

An der Stelle war Jesus unbeirrt – und das ist sein Messias-Sein, seine messianische Idee: der Weg in das Reich Gottes, in das Reich des Vertrauens führt durch die Todesangst hindurch. Etwas von dieser Todesangst können Sie erleben, wenn Sie sich in der Tiefe auf das einlassen, wovon ich am Anfang sprach: auf das Vergessen. Das Sterben des Getreidekorns ist das Aufgeben von allem, was es hat und ist. Ist ein sich hineinbegeben in das Fremde, das Andere, das Unbekannte – im Bild: die Erde. Nur wenn sich Erde und Korn wechselseitig befruchten entsteht Neues – tausendfaches Leben!

Nun sind wir alle keine Getreidekörner – sondern Lebewesen, die fühlen und spüren. Und das macht die Sache so schwierig. Bei uns löst das Sich-Hinein-Begeben in das Fremde, Unbekannte Todesängste aus, die weiteres Wachstum blockieren können.

 

Wer sich wirklich auf dieses Absterben einlässt – der steht in der Finsternis. Und wer schon einmal völlige Finsternis erlebt hat – so dass man nicht die eigene Hand vor Augen sieht, der weiß, wie bedrohlich dieses Gefühl ist. Und doch ist dieses Gefühl nötig für den Ruf

„Dein Wort sei unseres Fußes Leuchte“!

Das Licht, das in meine Gottesfinsternis hineinleuchtet – das ist das wirklich rettende Licht, das gänzlich unerwartete, völlig neue Licht, das alles in neuem Licht erscheinen lässt. Im Gleichnis: das Korn hat ausgetrieben, es spitzt aus der Erde heraus – und entdeckt die Sonne. Zu diesem Licht ist es gelangt, weil es vertraut hat in der Dunkelheit der Mutter Erde – vertraut hat, dass es da jemand oder etwas gibt – das sein Wachstum will. Und dieses Dritte, diese neue dritte Kraft ist nichts anderes als das Wort.

Das Wort Gottes ist es, das Vertrauen stiftet, das das Reich Gottes zum Reich des Vertrauens macht. Im Reiche Gottes wird miteinander gesprochen – in gegenseitigem Respekt und völliger Gleichwertigkeit. Dieses Reich ist nicht von dieser Welt und kann nicht von dieser Welt sein. Es lässt sich nicht materialisieren. Aber es ragt in diese Welt hinein – und es steht jedem Menschen frei, sich immer wieder auf die Suche nach diesem Reich zu machen.

Die Ausrüstung für den langen Weg in dieses Reich ist:

 

Vertrauen, Geduld und sich von den eigenen Ängsten nicht blockieren lassen.

Der Kompass aber ist das Wort Gottes: diesen Kompass zu gebrauchen heißt, sich immer wieder neu auf das Fremde, Unbekannte, Unverstandene einzulassen, immer wieder neu unsere Todesangst zu besiegen.

 

Allerdings haben wir einen Weggenossen und Vorläufer.

 

Gebe Gott, dass dieser Christus in uns lebendig werde und bleibe, uneingeplant und unkontrolliert dem Neuen zugewandt – auf dass wir wachsen und aufgehen und Frucht bilden in unserer natürliche Bestimmung hinein in das Reich Gottes.

AMEN.

Predigt am 3. Advent 2004

Predigt am 3. Advent 2004

Predigt über Lukas 3,1-14 in der Jakobuskirche in Pullach

Liebe Gemeinde,

Das eben gehörte Evangelium ist der heutige Predigttext: die Rede von Johannes dem Täufer in der Fassung des Lukas Evangeliums. Da es ein langer und nicht ganz einfacher Text ist, werde ich als erstes den Text noch einmal in Erinnerung rufen und kommentieren.
Lukas, der präzise Historiker, beginnt in der Art griechisch-römischer Geschichtsschreibung: das, was berichtet wird, erhält eine präzise zeitliche Einordnung: im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius…Dieses Jahr ging vom Oktober 27 n.Chr. bis September 28 n.Chr. Historiker haben ausgerechnet, dass Jesus zu dieser Zeit mindestens 33 Jahre alt war, vielleicht auch schon 35 oder 36. Dann kommt die Ortsangabe: am Jordan – wahrscheinlich ist die Gegend um Jericho gemeint. Johannes – der „Erfinder“ der Taufe – war der Meinung, nur von Umkehr reden ist zu wenig, es muss auch ein Zeichen her: und das war das sich eintauchen lassen in den Jordan. Über Jesus, dem Schüler von Johannes, ist die ursprünglich johanneische – also wie so vieles andere auch aus dem Judentum stammende Taufe – zu uns gelangt. Johannes greift in seinem Taufritus natürlich auf eine lange religiöse Tradition zurück, die sich auch in ganz anderen Religionen findet: die Grund-Idee ist das Bedürfnis, sich  zu reinigen von dem Alten, dem Schmutz, dem, was man nicht mehr bei sich haben will. Zurück zu Lukas: ER lässt Johannes exakt einen Text aus dem AT zitieren, nämlich Jesaja 40, die Berufung des Propheten Deuterojesaja durch Gott. „Bereitet dem Herrn den Weg …. – unser Wochenspruch!“ Diese Worte gehören ursprünglich in die Zeremonie der Inthronisation des Königs. Lukas zitiert bis zu der für ihn entscheidenden Stelle: „die ganze Menschheit soll Gottes Heil schauen!“ Hierin blitzt die Theologie des Lukas auf: Jesus ist Gottes Sohn nicht nur für die Juden, sondern für die ganze Welt – und gerade auch für die Armen, die sozial Schwachen! (So sind bei Lukas es auch die Hirten, die als erstes den neuen Messias entdecken und erkennen – und nicht die Gelehrten, wie bei Matthäus, dem es darum geht zu zeigen, dass Jesus der Retter Israels ist.) Dann folgt die Rede des Johannes mit dem Zentrum, Früchte zu bringen, die der Umkehr entsprechen – und der Drohung, andernfalls wird der Baum, der fruchtlos blieb, gefällt. Sich auf sein Herkommen zu berufen, ich habe doch Abraham zum Vater – also ich stehe doch in der Tradition des von Gott auserwählten Volk bringt nichts. Es geht um die Früchte der Umkehr – ohne Ansehen der Herkunft der Person. Was sind das für Früchte. In dem unseren Predigtteil abschließenden Lehrgespräch veranschaulicht Lukas an zwei Beispielen, was er unter Früchte der Umkehr versteht: Teilen (Kleidung und Nahrung), sich an die Verordnungen halten, an die Gesetze und sich seiner Aggression auch wenn es möglich wäre nicht hinzugeben: nicht zu plündern nicht zu erpressen. Dahinter steht die Ethik des Lukas: er will deutlich machen, dass alle Berufsstände, auch solche, die damals wenig beliebt waren, (wie die Soldaten und Zöllner – welche modernen Berufsgruppen das wohl sind?) durchaus zum Leben in „Umkehr“ fähig sind.

Soweit in großen Zügen unser heutiger Predigttext. Und was machen wir jetzt damit?

Bei mir hat der Text ganz Unterschiedliches ausgelöst: Ich mag Johannes den Täufer in seinem Mantel aus Kamelhaar und dem Ledergurt um die Lenden – wie ihn Matthäus uns schildert. Gegessen hat er Heuschrecken und wilden Honig – ein Eremit aber auch ein leidenschaftlicher Prediger, der sein Publikum beschimpft: „Natterbrut!“ brüllt er sie an –  er war wohl unter anderem Vorbild für den Bußprediger in Schillers Wallenstein – ich muss auch an die Bußprediger am Nockherberg denken – das Politiker „dablecken“. Das hat schon was – aber bringt es auch viel? Das war meine zweite Stimmung – zwischen Resignation, Ärger und Verzweiflung kippend, eigentlich ein ganz ähnliches Gefühl, das ich habe, wenn ich abends die Tagesthemen oder das Heutejournal anschaue. Es ist zum Heulen wie viel Unrecht, Elend, Grausamkeit, Korruption tagtäglich geschieht – jetzt in dieser Minute geht vielleicht gerade eine Bombe hoch, verhungert vielleicht gerade ein Kind, wird vielleicht gerade ein illegales Waffengeschäft perfekt gemacht …Und wir können es nicht beeinflussen. Mit anschauen müssen, wie ein italienischer Spitzenpolitiker wieder einmal völlig unschuldig war, ein ukrainischer Oppositioneller vergiftet worden ist! Und wir können nichts tun. Ärger kam hoch, als ich an die Sonntagsredner  – Rednerpult mit Blumenschmuck – denken mußte, an die Weihnachts- und Neujahrsansprachen, an die sicher gut gemeinten Phrasen vom Umdenken, Umkehren, vom „Ruck, der durch unsere Gesellschaft“ gehen muss. Und dann dachte ich mir – ja und du – was machst du denn anders, du bist auch ein Sonntagsredner, oder von mir aus Sonntagsprediger – und was ist deine Botschaft, was hast du anzubieten?

Nun – ich weiss wenigstens, was ich nicht anbieten will: irgendwelche Phrasen von die Hoffnung nicht aufgeben, bald ist Weihnachten, uns geht’s ja gut, den Blick nach vorne richten, positiv Denken, wir haben ja den Messias, den Jesus Christ Superstar. bla,bla,bla…

Dann fiel mir Wittgenstein ein: „Worüber man nicht reden kann, sollte man schweigen“ – Aber wenn hier meine Predigt zu ende ist – dann habe ich kapituliert. Und das tu ich nur sehr ungern. – Also – was jetzt?

Wenn man nicht weiter kommt muss man stehen  bleiben. Manchmal hilft es auch, zurück zu gehen. Manche Hindernisse, die sich einen in den Weg stellen, sind auf dem geraden Weg des Fortschreitens (Fortschritt) nicht zu beseitigen. Um-Kehren – das heißt, zurückgehen. Und sich eingestehen, dass der Weg, von dem man dachte, so geht es immer weiter, nicht stimmt. Sich eingestehen, dass man sich getäuscht hat. Ich gehe noch einmal zurück – zu Lukas. Dieses Evangelium – wie übrigens die anderen Evangelien auch, wie übrigens das ganze NT – gibt es nur, weil sich Menschen getäuscht haben – und die Kraft hatten, sich das einzugestehen und mit der Enttäuschung weiter zu leben, bzw. sie in etwas Neues Lebendiges zu verwandeln.
Um welche Enttäuschung handelte es sich? Die Menschen in Palästina zurzeit Jesu lebten in einem hitzigen Glauben der Naherwartung. Naherwartung heißt, dass man felsenfest davon überzeugt war, dass demnächst innerhalb der jüdischen Gemeinschaft ein König auf die Welt kommen würde, der das erlittene Unrecht wieder gut machen würde. Und damit ein neues Reich, ein Reich Gottes anbrechen würde, in dem Gerechtigkeit und Friede und gegenseitiges Teilen im Mittelpunkt stehen würden. Für die Anhänger Johannes des Täufers war Johannes selbst dieser Messias – der aber verwies auf Jesus. („Ich taufe euch mit Wasser … aber es wird einer kommen, der wird mit heiligem Geist und Feuer taufen“ steht wenige Verse nach unserem Text.) Nun war aber zur großen Enttäuschung der Anhänger Jesu nicht das Reich Gottes auf die Erde gekommen, sondern im Gegenteil – man hatte den Hoffnungsträger gekreuzigt!-
Sie wissen wie es weiterging – mit der These, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, ist auch der Glaube an ihn als der Messias wieder auferstanden. Dieser Glaube aber hatte noch immer die sichere Gewissheit, dass ja das Reich Gottes demnächst anbrechen werde: und so entstand die Idee, Jesus werde in kürzester Zeit als der Messias herab auf die Erde kommen und dann endgültig das Reich Gottes begründen. Aber auch diese Idee trug nicht, Menschen starben, Israel blieb ein besetztes Land – und kein Messias kam vom Himmel herab. Inzwischen waren Jahrzehnte vergangen, und es entstand die Idee, wir müssen aufschreiben, was die Leute damals sich von Jesus erzählten – das darf nicht verloren gehen, auch wenn er noch nicht zurückgekommen ist, so muss doch in die Welt hinein getragen werden, dass der Messias schon da war, das wir ihn kennen, dass er den Tod überwunden hat und, und, und …

Umgehen mit Enttäuschung. Lukas war nicht nur Historiker sondern auch kreativer Theologe: er sagte (vereinfacht): in Jesus aus Nazareth ist die Zeit erfüllt, wir brauchen nicht länger suchen, er ist die „Mitte der Zeit“ und ein „Vor-Schein“ der Ewigkeit. Und alle Menschen – nicht nur die Juden – könnten aus dem Leben dieses Menschen Gewinn und Heil schöpfen.

Wir Christen bekennen uns zum Leben des Nazareners und versuchen in unserem Alltag etwas von dem Licht seines Lebens leuchten zu lassen.
Aber wo leuchtet denn dieses Licht, wenn ich mit an sehe, wie die nächste Autobombe hochgegangen ist?
Das Licht leuchtet in dem Aushalten eigener Ohnmachtsgefühle. Resignation, ohnmächtige Wut aber auch die Euphorie von „Jesus lebt – uns kann nichts passieren“ sind die Gegenspieler dieses Lichtes: wenn sie überhand nehmen, wird das Licht Jesu in uns ausgeblasen. Jesus resignierte nicht – bis zum letzten Atemzug blieb er in lebendiger Verbindung zu seinem Gott – und er widerstand der Versuchung, aus ohnmächtiger Wut heraus einen politischen Aufstand anzuzetteln. Er war aber auch kein Mario im Wunderland mit 7 Leben wie manche stellen im NT versuchen glauben zu machen. Das ist (sehr verständliche) Enttäuschungsabwehr durch manische Überhöhung. Das Licht Jesu in uns leuchten lassen im Aushalten meiner Ohnmacht-Gefühle heißt auch:  meine Grenzen und die Grenzen meiner Mitmenschen zu akzeptieren. Wer gelernt hat, seine Grenzen zu akzeptieren, der hat gelernt, sich zu halten. „Haltung bewahren“ – ein vielleicht etwas aus der Mode gekommenes Wort weil vergiftet mit dem militärischen „Haltung annehmen“ – ist eine große Kunst. Die so verbreitete Volkskrankheit „Rückenschmerzen“ hat auf der konkreten Ebene was mit einer Fehlhaltung zu tun; sie drückt aber auch das Ungehaltene in uns aus. „Ungehalten sein“ heißt im Deutschen auch „sehr ärgerlich sein“.

Wie aber erlernt man: sich zu halten? Nun: wir waren alle einmal Gehaltene. Ein Baby kann sich nämlich noch nicht selber halten. Und aus dieser frühen Zeit stammen auch unsere ersten Erfahrungen mit Gehalten-Werden. Und in der Tiefe unseres Unbewußten erinnern wir uns – wenn wir ungehalten sind – an die Geschichte unseres Nicht-gehalten-worden-Seins. Der Ungehaltene ist der Einsame – das ungehaltene Baby ist das verlassene Baby.

Ich glaube, dass die besondere Stimmung, die sich um Weihnachten rankt – übrigens genau damit zu tun hat: Weihnachten ist ja auch das Fest des Babys und der Kinder – und so werden in unserem Unbewussten vor und an Weihnachten alle die unter dem Jahr meist vergessenen oder auch verdrängten Wünsche, Sehnsüchte aber auch Ängste und Enttäuschungen unserer Kindheit und Babyzeit wieder wach. Die bekannte Weihnachts-Depression, das Anschnellen der Selbstmorde in dieser Zeit hat mit diesen Erinnerungen zu tun. Denn Babys sind weise – sie fühlen noch ganz genau, was sie brauchen. Die materielle Milch zum Wachsen ihres Körpers und die emotionale Milch der Wahrheit über sich selbst.

Die Hinwendung zu unseren inneren kindlichen Anteilen, ja zu unseren Erlebnissen als Baby – das wäre eine Umkehr! Auf diesem Weg liegen aber auch die vielen Schmerzen und Enttäuschungen, die wir erleiden mussten, bis wir der oder die wurden, die wir heute sind. Ungehalten –sein hat in der Tiefe damit zu tun, das innere Kind, das innere Baby nicht halten zu können. Die Gefahr von Weihnachten ist die Wiederholung einer leider sehr verbreiteten Verdrehung: statt sich dem Baby, dem Kind wirklich zu zuwenden und versuchen, mit ihm in Kontakt zu kommen, wird es einmal mehr zugemüllt mit Materiellem!  Steine statt Brot, Diamanten statt Liebe, DVDs statt gemeinsamer Spiele und, und … Sie wissen es ja eh alle selber. Unser inneres Baby hat sich eine Ahnung davon bewahrt, dass wirkliche Zufriedenheit, tiefes Glück nur in der lebendigen Zuwendung zum eigenen Leben und in eins damit  zum Leben anderer sich ereignet. Zuwendung aber geht nur über die Bereitschaft, sich zu öffnen, sich leer zu machen von allen Vorurteilen über sich und den anderen.
Ein Bild für dieses Sich-leer-Machen ist: dem Herrn den Weg zu bereiten – jenseits von Resignation, ohnmächtiger Wut und manischer Überhöhung.

Und dann? Ja dann kann etwas Neues einziehen, etwas Ungedachtes und Unvorhersehbares.

Und doch in der Tiefe unseres Unbewußten längst Bekanntes.
Das „ungedachte Bekannte“ – das sich nicht machen lässt – auch nicht
im Jahr 2004. Es geschieht – unvorhergesehen und unvorhersehbar.
Alles was wir Menschen machen können, ist, ihm den Weg zu bereiten AMEN.

Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis 2004

Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis (10. Oktober 2004) in der Jakobuskirche in Pullach
über Röm 12, 17-19

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

als ich den Beginn unseres heutigen Predigttextes zum ersten Mal las, war ich nicht glücklich: „Das Reich Gottes besteht ja nicht in Speise und Trank, sondern in Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist!“
Ein innerliches Brummen gegen diesen Satz ließ sich nicht wegschieben. Es war dieses „nicht…sondern“. Gegen Gerechtigkeit, Freude und Friede ist ja nichts einzuwenden – aber warum bitte soll es im Reich Gottes nicht auch Speise und Trank, will sagen so etwas wie Genießen geben? Hat nicht eine liebevoll zubereitete Speise, eine wohl gekelterte und gereifte Flasche Wein, ein gepflegtes Bier, eine mit Bedacht genossene Tasse Tee auch und gerade mit Reich Gottes zu tun? Ja, gibt es irgendwo eine Stelle, die berichten würde, Jesus hätte sich gegen ein gutes Mahl mit allem was dazu gehört ausgesprochen? Das Gegenteil scheint der Fall gewesen zu sein, so sehr, dass gehässige Zungen ihn zynisch als „Fresser und Weinsäufer“ betitelten.

Nun – der zitierte Satz aus dem Römerbrief ist aus seinem Kontext gerissen. So kontextlos ließe er sich missbrauchen für eine Botschaft gegen den sinnlichen Genuss. Das ist aber nicht gemeint. Wir müssen versuchen, den Satz in seinem Zusammenhang zu verstehen.

Der große Zusammenhang ist die Ethik. Wie sollen, wie können  Christen miteinander im Alltag leben? Diese Frage beschäftigt Paulus ab dem 12. Kapitel seines Römerbriefes. Seine Antwort ist einfach: sie sollen eins sein im Glauben an den rechtfertigenden Jesus Christus. Diese Einheit im Glauben vollzieht sich in der liebenden gegenseitigen Anerkennung und Achtung, die wichtiger ist als alle Streitereien untereinander. Zu diesen Streitereien gehörte die Frage, was zu essen ist. Die Judenchristen brachten ihre Tradition ein, derzufolge es reine und unreine Gerichte gibt, wie z.B. Schweinefleisch – oder die bestimmte Art des Schlachtens, das Schächten, oder die strikte Trennung von Milchgerichten und Fleischgerichten. Die Heidenchristen kannten dies nicht, und wollten an ihrer Freiheit gegenüber dem Essen ohne Einschränkungen festhalten, ja brüsteten sich mit ihrer Freiheit gegenüber den genau bestimmten Regeln der Judenchristen. Und jede Partei wähnte sich im Recht, fand ihre Art zu leben die richtige und kritisierte entsprechend die andere!  In diese Situation hinein schreibt Paulus:

„Lasst doch Euer Gut nicht Anlass zur Lästerung sein. Das Reich Gottes besteht ja nicht in Speise und Trank, sondern in Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist. Denn wer hierin Christus dient, ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen anerkannt. So lasst uns also nach dem streben, was dem Frieden und der gegenseitigen Erbauung dient.“

Wesentlich ist das Wort „besteht“ – das Reich Gottes besteht aus Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist – nicht aber aus Speise und Trank. Will sagen: es ist zu unterscheiden zwischen dem, was menschliches Zusammenleben in der Tiefe begründet und was nicht.

Nun wird es eine weltweite Einigkeit darüber geben, dass Friede menschliches Zusammenleben begründen sollte. Das Problem ist nicht, dass es Frieden geben soll, sondern welchen Frieden. Damals hieß das Problem: wenn die Heidenchristen sich an unsere Regeln des Essens halten, dann ist Frieden – aus der Sicht der Judenchristen.  Oder: wenn die Judenchristen aufhören mit ihren Essensregeln und so essen wie wir, dann ist Frieden – aus der Sicht der Heidenchristen. Das ist die Problemlösung nach der Art: Du brauchst dich nur zu ändern und schon ist Frieden. Oder, allgemeiner ausgedrückt: der andere soll sich ändern. Der andere ist es doch, der meinen Frieden stört!

Wer Kinder hat weiß, dass die Haltung „der andere ist Schuld“ eine unvermeidliche und völlig normale Entwicklung im Leben eines Menschenkindes ist. Der andere, das sind am Anfang die Eltern („du bist so blöd!“) später werden es die Erzieher, die Lehrer, die Vorgesetzten, der oder die Partnerin, allgemeiner die Schule als solche, der Staat, die Kirche, die Konzerne und ganz zum Schluss muss noch das Wetter herhalten um eigene Unzufriedenheit und Frust abzuladen. Klar – der Vorteil von „der andere ist schuld“ ist die Entlastung von einem selbst – wenigstens das steht fest: ich kann nichts dafür! Für ein Kind ist das ganz wichtig, diese Entwicklung durchlaufen zu können – das heißt Eltern zu haben, die die Beziehung nicht abbrechen, wenn sie als die Blöden hingestellt werden. Oder anders: die sich in der Tiefe die Liebe zu ihrem Kind nicht nehmen lassen.

„Lasst doch euer Gut nicht Anlass zur Lästerung sein!“ Händeringend erlebe ich den Paulus, indem er versucht in Erinnerung zu bringen: wir Christen haben doch ein Gut empfangen, das über diesen Streitereien steht – setzt das doch bitte nicht aufs Spiel! Was ist das für ein Gut? Dieses Gut ist die Liebe, die alles trägt, aber nichts nachträgt, die duldet ohne zurückzuschlagen, die den anderen sein lässt in seiner Andersartigkeit. Dieses Gut ist kein Besitz und kein Mensch der in dieser Liebe ist, wird sagen: ich habe sie, sondern im Gegenteil: je tiefer dieses Gut von mir Besitz ergreift, desto stärkerer erlebe ich seine völlige Unverfügbarkeit. Alles was ich machen kann, ist, mich je und je aufs Neue bereit zu halten, diese Liebe zu empfangen und mich darüber mit Gleichgesinnten auszutauschen, die Gemeinschaft zu suchen – also das, was wir gerade tun.

Leider, leider ist bis zum heutigen Tag die Geschichte des Christentums auch
eine Geschichte davon, dass dieses Gut verloren gegangen ist, es gelästert und entwertet wurde. Das hat damit zu tun, dass wir Menschen nicht mit diesem Gut auf die Welt kommen; zwar sind wir von Geburt an fähig zur Liebe aber eben genauso fähig zum Hass. Die wachsende Fähigkeit zur Liebe hat mit einem wachsenden Vertrauen zu tun, dass es eine gute Brust gibt, die mich am Leben erhalten will, mich nicht verhungern lässt, der Hass hat mit der Panik zu tun, dass diese gute Brust verschwunden ist, stattdessen eine böse Brust regiert, die mich verhungern lässt! Im Schreien der Säuglinge, das unter die Haut geht, ist diese Panik enthalten. Und so tragen wir alle in uns nicht nur das Vertrauen, dass uns jemand gut will, sondern eben auch das Misstrauen, dass uns jemand böse will. Und am Beginn unseres Lebens, wo wir noch sehr nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip fühlen und erleben, heißt böse wollen: jemand will mich vernichten. Und diese Panik, der andere vernichtet mich, wenn ich mich auf sein Anders-Sein einlasse ist es, die das Gut der Liebe immer wieder verloren gehen lässt. Von daher ist es verständlich, dass gerade auch die negativen Emotionen dort am Heftigsten sind, wo die Nähe zum Anderen groß ist.

Vielleicht kennen Sie das auch: bei mir fällt mir jedenfalls immer wieder auf, dass ich sehr tolerant mit den Schwächen von anderen umgehen kann, wenn ich in der Beobachterposition bin. Wenn aber meine Frau, mein Sohn, meine Tochter,  … ich hüte mich an der Stelle etwas Konkretes zu sagen … jedenfalls sehr anders sind, als ich es mir gerade wünsche, dann ist das gar nicht so leicht auszuhalten. So war das auch in der jungen christlichen Gemeinde – in dem Glauben, dass es sich lohnt, diesem Jesus aus Nazareth zu vertrauen, ihm nachzufolgen, war man sich schwer einig. Er verband die Unterschiede, in der Gemeinschaft mit ihm fühlte man sich nahe und verbunden – und gerade wegen dieser Nähe und Verbundenheit nahm man Anstoß an dem Anders-Sein der Brüder und  Schwestern.

Lassen Sie uns versuchen, uns in die Judenchristen- und Heidenchristen von damals einzufühlen – um ihre Situation dann auf die unsrige zu übertragen. Judenchristen wie Heidenchristen kämpften um ihre jeweilige Tradition: es ging um ihr Geworden-Sein, um ihre Identität. Die Judenchristen hatten eine andere Heimat, ein anderes Zuhause, ein anderes Aufwachsen als die Heidenchristen – und umgekehrt. Und jede Seite wollte an ihrer Identität festhalten. Das ist doch sehr verständlich. Das Gefühl meiner Identität gibt mir Sicherheit. Vielleicht kennen Sie auch die Freude – ich jedenfalls kenne sie gut – im Ausland, gerade wenn ich der dortigen Sprache nicht mächtig bin – einen Landsmann zu treffen. Wie schön! Jemand aus der Heimat! Man kann sich verständigen, weil man sprachlich und auch kulturell einen gemeinsamen Hintergrund hat. Welch ein warmes, angenehmes Gefühl! Aus der Angst, die eigene Kultur aufgeben zu müssen, aus der Panik heraus, der andere will von mir, dass ich mich ihm anpasse und dabei meine Identität verliere, hatten die Heiden- und Judenchristen ihren Konflikt.

Und in dieser Situation erinnert Paulus daran: was habt ihr denn so Angst – ihr habt doch eine neue Identität – die Identität des getauften Christen: „Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir!“ Und wenn ihr in diesem Christus verbunden seid, dann seid Ihr viel elastischer – auch wenn die anderen rigide an ihrem festhalten – eure Identität steht doch gar nicht mehr auf dem Spiel, die anderen können euch doch gar nicht mehr vernichten! Das ist die neue Gerechtigkeit, die neue Freude und der neue Friede im Reich Gottes, die im Heiligen Geist und nicht in irgend einem menschlichen Geist erlebbar sind. Aber der Weg zu dieser neuen Identität führt über den Tod der alten Identität – „nun lebe nicht mehr Ich“, ein Tod der symbolisch in der Taufe stattfindet in Wirklichkeit aber ein lebenslanger Prozess ist. Deshalb ist es gut, dass Paulus noch hinzufügt: „So lasst uns nach dem streben, was dem Frieden und der gegenseitigen Erbauung dient.“ Mehr als sich Mühe geben, eben „streben“ geht nicht – aber weniger ist es auch nicht.

Danach streben, was dem Frieden und der gegenseitigen Erbauung dient!

Mir ist die Auseinandersetzung mit dem Text, die in diese Predigt, die sie gerade hören mündete, nicht leicht gefallen. Es gibt einen ziemlich fortgeschrittenen ersten Entwurf,  in dem ich immer wieder in ein „gegen“ gekommen bin: gegen den Fundamentalismus, der sich selbst an die Stelle des Heiligen Geistes setzt, gegen die Beliebigkeit der Werte in unserer Gesellschaft gegen die Spass-Gesellschaft und so fort. Bis ich merkte, dass ich auch zu einem Heiden- oder Judenchristen geworden bin, der Veränderung anmahnt – statt zu verstehen. Gegenseitige Erbauung findet in gegenseitigem Verständnis statt. Verstehen kann ich den anderen aber erst, wenn ich nicht mehr gegen ihn bin, sondern mit ihm, wenn es mir gelingt, mich in ihn einzufühlen. Sich in den anderen einfühlen, ist leicht, wenn mir der andere ähnlich ist – ist schwer, vom Erleben her ein kleiner Tod des Eigenen, wenn es meine eigene Identität in Frage stellt. Der erste Impuls ist dann Abwendung statt Einfühlung.

Sie können das selbst testen: sie müssen sich nur vor Augen halten, wem Sie in dieser Woche am liebsten überhaupt nicht begegnen wollen oder  mit wem Sie nichts zu tun haben wollen – und dann versuchen, diesem ein Gefühl von Verständnis entgegen zu bringen. Verständnis dafür, dass er oder sie oder es eben so ist, wie er/sie/es  ist: der ungeliebte Lehrer, der provozierende Schüler, der nervige Kollege, der gehasste Vorgesetzte, die stumpfsinnige Bürokratie – aber auch das grausame Schicksal, die schwere Krankheit des geliebten Menschen, das abscheuliche Wetter, die  viele Arbeit, die vor einem liegt. Oder einfach dieser Montagmorgen, wo das schöne, viel zu kurze Wochenende schon wieder vorbei ist.

Ich wünsche Ihnen und mir – dass wir im Alltag unseres Lebens unser Gut, das wir in Christus empfangen haben, nicht verlieren, sondern wachsen und reifen lassen. Auf dass die Macht des Zerstörerischen nicht das letzte Wort bekommt, sondern immer wieder und immer fester eingebunden und verwandelt wird in die Kraft der alles verstehenden Liebe – das verleihe Gott  uns allen, AMEN.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus AMEN.

Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis 2004

Predigt über 2. Könige 25, 8- 12 gehalten in der Jakobuskirche
am 10. Sonntag nach Trinitatis 2004

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

wenn wir im September den 50. Geburtstag unserer Jakobuskirche begehen, geht es um Erinnerung. Geburtstag-Feiern heißt, sich daran erinnern, dass jemand auf die Welt gekommen ist. Anlässlich so eines Geburtstages gibt es dann oft Gespräche, die mit „weißt Du noch?“ anfangen. „Weißt Du noch, damals, als wir die Kirche umbauten…“. Ich weiß es noch. Mit anderen Worten: ich erinnere mich. Aber was ist das eigentlich genau: sich erinnern. Es hat mit „innen“ zu tun. Offensichtlich gibt es in mir ein Innen, in dem sich Bilder, ja ganze Szenen aus der Vergangenheit hinein-gebildet haben. Diese Bilder waren einmal im draußen: meine Erinnerung an eine Kirchenvorstandssitzung vor 25 Jahren beginnt mit dem äußeren Rahmen, dem Raum in dem sie stattfand. Dann tauchen Erinnerungen an die Menschen auf, die zugegen waren. Das sind die Fakten. Daneben gibt es Gefühle: diese bestimmen die emotionale Qualität einer Erinnerung: das geht von freudig über neutral bis entsetzlich. An das eine erinnere ich mich gerne – an anderes „möchte ich lieber nicht erinnert“ werden! In den Gefühlen ist das rein Faktische verlassen: woran sich der eine gerne erinnert – kann für den anderen eine höchst unangenehme Erinnerung sein.

Unser heutiger Sonntag heißt Israelsonntag. Es ist ein Erinnerungssonntag. Er steht zeitlich in Zusammenhang mit dem jüdischen Festjahr, und zwar dem 9. Ab. (Ab ist im babylonischen Kalender der 5. Monat (zwischen Juli und August) – diese Zeitrechnung wurde in Israel übernommen.) Am 9. Ab erinnert sich die jüdische Gemeinde traditionell der Zerstörung des „ersten Tempels“ von Jerusalem 586 v.Chr., der Zerstörung des „zweiten Tempels“ 70 n.Chr., der blutigen Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes 135 n.Chr. und der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492. Erst der Holocaust hat in unseren Tagen einen eigenen Gedenktag erfordert. Das sind alles keine schönen Erinnerungen, an denen wir heute in Solidarität mit unseren jüdischen Brüdern und Schwestern teilhaben wollen.
So berichtet unser Predigttext, 2.Kön 25, 8-12 von der Zerstörung des Jerusalemer Heiligtums:

„In der fünften Mondneuung, am siebenten auf die Neuung, das war das neunzehnte Jahr der Jahre des Königs Nebukadnezar, des Königs von Babel, musste dann noch der Diener des Königs von Babel, Nebusaradan, der Führer der Leibdegen, nach Jerusalem kommen, er verbrannte sein Haus, das Königshaus und alle Häuser von Jerusalem, alljedes größere Haus verbrannte er im Feuer, die Mauern Jerusalems ringsum schleiften sie, alles Heer der Chaldäer, das mit dem Führer der Leibdegen war. Das übrige Volk, das noch in der Stadt als Rest verblieben war: die Abgefallenen, die zum König von Babel abgefallen waren, und den übrigen Haufen verschleppte Nesudaran, der Führer der Leibdegen, aber von der Landesarmut ließ der Führer der Leibdegen einen Rest zurück, zu Winzern und zu Pflügern.“ (Übersetzung: M. Buber)

In seiner nüchternen Sprödigkeit kommt der Text wie ein Nachrichtentext daher – ohne den Hauch einer Emotion. Keine Klage an Gott, keine Schuldzuweisung, keine Deutung. „So war’s“ – scheint der Text zu sagen. „That’s it!“

Nun steht unser Text ganz am Ende der beiden Königsbücher, der Geschichtsbücher des israelitischen Königtums. In diesem Kontext wurde der die Geschichte des israelitischen Königtums abschließende Text gedeutet als das endgültige Gericht Gottes. In und mit seinem Königtum ist Israel von seinem Gott abgefallen, die Strafe ist seine Zerstörung als Staat. „Selber schuld“ wäre die lapidare und gefährliche Botschaft. Das moralische Fazit würde dann lauten: Wer nicht nach dem Willen Gottes lebt, ist böse; wer böse ist, muss bestraft werden. Leider ist diese platte Strafgerichtstheologie immer noch aktuell, in der alles Leiden, alles Katastrophale als Ausdruck des Gerichtes Gottes über die sündige Kreatur verstanden wird. In unserem Text ist davon nichts zu hören. Es ist auch nicht die Rede von vollständiger Zerstörung: im Gegenteil: ein Rest bleibt übrig, der Rest der kleinen Leute, die Winzer und Ackerbauer. Die  einfachen Leute, die Wein und Brot herstellen. Wein und Brot – das gibt es noch, das wurde nicht zerstört, und die kleinen Leute, die einfachen Leute, die gab es auch noch, und aus ihnen sollte einmal einer geboren werden, in einem einfachen Stall, den Armen sich zuwendend, von den Hirten erkannt, ein Friedensfürst, ein Heilsbringer …

Also – von wegen bloß Gericht und Strafe.

Doch lassen Sie uns noch einen Augenblick bei den harten Fakten bleiben: historisch gesehen ist die Eroberung und Zerstörung im Jahre 587 v.Chr. die Konsequenz des aufständischen Verhaltens des letzten Königs von Israel: Zedekias. Er war als Nachfolger Jojachins von Nebukadnezar, dem mächtigen Herrscher des neubabylonischen Reiches eingesetzt worden. Beeinflußt von machtbesessenen Beratern an seinem Hof hat er sich gegen Nebukadnezar aufgelehnt. Daraufhin wurde Jerusalem belagert und nach eineinhalb Jahren erobert: Zedekia wurde geblendet, seine Söhne ermordete man vor seinen Augen. Im Zusammenhang damit ist dann auch die Entscheidung gefallen, der staatlichen Existenz Judas – des israelitischen Südreiches – ein Ende  zu machen. Die Ausführung dieser Entscheidung schildert unser Text.

Soweit die dürren Fakten. Und daran sollen wir uns heute am Israelsonntag erinnern. Ich gestehe – ich fühle mich hilflos. Es will sich kein Gefühl einstellen. Es ist so weit weg – so lange her. Und Katastrophen haben wir heute auch genug. Und Gericht predigen ist meine Sache nicht.

Ja – und jetzt? Fakten ist das eine, was sich zum erinnern eignet, habe ich vorhin gesagt. Das andere sind Gefühle. Emotionen machen eine Erinnerung für mich bedeutsam – sei es im Guten, sei es im Schlechten. Bedeutsam. Es geht um Bedeutung. Und Bedeutung hat mit Verstehen zu tun. Eine Bedeutung der Zerstörung des Tempels haben wir kennengelernt: Gericht Gottes. Da gibt es nichts zu verstehen, stattdessen wird aufgespalten: in Gut und in Böse.
Ließe sich die Geschichte von der Zerstörung des Tempels auch anders verstehen? Jenseits moralischer Spaltungen? Wir könnten ja mal zu unseren jüdischen Schwestern und Brüdern rüber schauen: wie feiern die denn ihren „Israelsonntag“ – wie gedenken sie denn dem vielen Leid und den Katastrophen in ihrer Geschichte?

Nun – sie erzählen sich Geschichten. Eine davon, eine chassidische Geschichte die traditioneller Weise am 9.Ab erzählt wird, möchte ich Ihnen jetzt vorlesen:

„Man fragte Rabbi Pinchas: ‚Warum soll, wie uns überliefert ist, der Messias am Jahrestag der Zerstörung des Tempels geboren werden?’
‚Das Korn’, sprach er, ‚das in die Erde gesät ist, muß zerfallen, damit die neue Ähre sprieße. Die kraft kann nicht auferstehen, wenn sie nicht in die große Verborgenheit eingeht. Gestalt ausziehen, Gestalt antun, das geschieht im Augenblick des reinen Nichts. In der Schale des Vergessens wächst die Macht des Gedächtnisses. Das ist die Macht der Erlösung. Am Tag der Zerstörung, da liegt die Macht auf dem Grunde und wächst. Darum sitzen wir an diesem tag am Boden, darum gehen wir an diesem Tag auf die Gräber, darum wird an diesem Tag der Messias geboren.“

In dieser Geschichte ist die Welt des Faktischen und die Welt des Moralischen verlassen. Wir betreten  eine ganz andere Welt – und mit einem Mal wird es lebendig. „In der Schale des Vergessens wächst die Macht des Gedächtnisses. Und das geschieht im Augenblick des reinen Nichts“ – welch ein Gedanke!
Die Fähigkeit, vergessen zu können lässt das Gedächtnis wachsen. Und dieses neue, gewachsene Gedächtnis ist die Macht der Erlösung. Was heißt das?
Jedenfalls etwas ganz anderes als „die Gnade der späten Geburt“. Das ist die Verleugnung von Erinnerung, die Weigerung, sich einzulassen. Es ist der Blick, den man hat, wenn man das Fernglas verkehrt herum hält: alles ist viel zu weit weg – es gibt keine Erde für das Korn, das Korn fällt ins Leere, Wachstum und Entwicklung bleiben aus.

Rabbi Pinchas meint aber auch etwas anderes als jene, die sich an Erinnerungen klammern, die appellieren, dies oder jenes dürfe nie vergessen werden, es müssen Mahnmäler und Museen der Erinnerung aufgebaut werden. Hier wird das Korn eingesargt, in einem Wunderschönen Mausoleum begraben, verziert … und auch so kommt kein Wachstum, keine Entwicklung zustande.
Bestenfalls bleibt es bei den Mahnmälern, schlimmstenfalls gebiert die eingefrorene Erinnerung neuen Hass und neue Gewalt: um wiederum dem andern spüren zu lassen, was einem selbst angetan worden ist. Wenn sich dies paart mit einem Gottesbild, in dem Gott selbst zum Rächer geworden ist, und die eigne Seligkeit verknüpft wird mit der Idee, zum Instrument dieses rächenden Gottes zu werden, dann ist der Teufelskreis von Gewalt gegen Gewalt perfekt.- Es geht nicht mehr um Wachstum oder Entwicklung, sondern nur noch um die Explosion von Hass.

Rabbi Pinchas verwendet das Bild vom fruchttragenden Korn – übrigens in guter Tradition zu einem anderen Rabbi, Rabbi Jesus, der auch gerne Getreidekörner als Bilder für Gleichnisse verwandte – als Bild für Verwandlung von Katastrophalem. In der Schale des Vergessens (der Katastrophe) stirbt das Korn und wird zu einem ganz neuen Keim: ihn nennt er die Macht des Gedächtnisses, die Macht der Erlösung. „Vergessen“ im Sinne von Rabbi Pinchas meint „loslassen“ – übrigens wörtlich: to for-get – to get bekommen – for (zer) kehrt ins Gegenteil – also das Bekommene weggeben, loslassen. Dies geht aber nur „in der Erde drinnen“ – am Boden – also ganz unten, wo das Unbewusste wirkt, am Grunde unserer Seele.

Der Vorgang des Loslassens aber schafft Unsicherheit und Angst – kann ich mir leisten loszulassen von allem, was ich mir mühsam aufgebaut habe? Loszulassen von dem, was meine Eltern mit der Überschrift: ‚Das darfst du nie vergessen!‘ versehen haben? Was passiert denn im Loslassen? Es ist nicht vorhersehbar – nichts ist mehr vorhersehbar, es wird dunkel, der dunkle Weg durch das „reine Nichts“. Das Licht leuchtet in der Dunkelheit“ – nur im Dunkeln öffnen sich die Augen für dieses neue Licht, das die Welt nicht annahm. So hängt los-lassen und er-lösen zusammen. Dieses erlösende Loslassen gebiert Wachstum, neues Wachstum, ein neues Gedächtnis, das erlösend wirksam wird, neue Bilder, die Altes verwandelt haben. In diesem Geschehen wird der Neue Friedensstifter, der Messias in uns geboren. Dies aber ist erst möglich, wenn Raum geschaffen wurde, weil die alten Mächte ihre Macht über uns verloren haben. Die alten Mächte, das sind im letzten jene Kräfte, die Endlichkeit und Begrenztheit, Sterben und Tod nicht anerkennen wollen. Das Vergessen, das Rabbi Pinchas meint, ist selbst eine Art Sterben; und sterben müssen die alten, versteiften Mächte, die hartnäckig den Zusammenhang von Leben und Tod verleugnen. Wenn Königtum und Tempel (als Symbole für Macht und Sicherheit) für diese reaktionären Mächte stehen, dann müssen sie sterben, damit Neues wachsen kann. Dieses Neue ist im Alten keimhaft angelegt: es ist der Rest der kleinen Leute, in deren Mitte das Neue geboren wird, selbst klein und arm. Die neuen Waffen sind Wahrheit und Liebe – in Ihnen reift die Macht des neuen Gedächtnisses. Dieses neue Gedächtnis bedarf nicht mehr der Strafpredigt, um etwas zu bewirken, es klammert sich auch nicht mehr an die konkretistische Kraft des Faktischen – im Gegenteil – die neue Kraft ist die Kraft des Vertrauens auf das Nicht-Faktische. Davon handelt eine andere Geschichte, die in der jüdischen Gemeinde ebenfalls am 9. Ab verlesen wird. Ich möchte sie Ihnen nicht vorenthalten:

„Wenn der Großrabbi Israel Baal-Schem-Tow sah, dass dem jüdischen Volk Unheil drohte, zog er sich für gewöhnlich an einen bestimmten Ort im Wald zurück; dort zündete er ein Feuer an, sprach ein bestimmtes Gebet, und das Wunder geschah: Das Unheil war gebannt. – Später, als sein Schüler, der berühmte Maggrid von Mesritsch, aus den gleichen Gründen im Himmel vorstellig werden sollte, begab er sich an denselben Ort im Wald und sagte: Herr des Weltalls, leihe mir dein Ohr. Ich weiß zwar nicht, wie man ein Feuer anzündet, doch ich bin noch imstande, das Gebet zu sprechen. Und das Wunder geschah.- Später ging auch der Rabbi Mosche Leib von Sasow, um sein Volk zu retten, in den Wald und sagte: Ich weiß nicht, wie man ein Feuer entzündet, ich kenn’ auch das Gebet nicht, ich finde aber wenigstens den Ort und das sollte genügen. Und es genügte: wiederum geschah das Wunder. – Dann kam der Rabbi Israel von Rizzin an die Reihe, um die Bedrohung zu vereiteln. Er saß im Sessel, legte seinen Kopf in beide Hände und sagte zu Gott: Ich bin unfähig das Feuer zu entzünden, ich kenne nicht das Gebet, ich vermag auch nicht den Ort im Walde wiederzufinden. Alles was ich tun kann ist diese Geschichte zu erzählen. Das sollte genügen. Und es genügte.“

AMEN

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, AMEN.

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis (2004)

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis (4.7.2004) in der Jakobuskirche Pullach über Römer 14,10-13

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

das ist ein merkwürdiger „Lastenausgleich“, der da von Paulus angemahnt wird: „Einer trage des anderen Last!“ Ein schlichtes Wort, das uns in dieser Woche begleiten will – aber: was bedeutet es? Der Zusammenhang ist klar: es geht um „Fehltritte“. Frei umschrieben meint Paulus in etwa: „In einer lebendigen christlichen Gemeinde werden die Fehler der einzelnen aufgefangen und gemeinsam getragen.“ Das kommt so leicht daher – ist aber ein radikal anderer Blickwinkel für menschliches Zusammenleben als damals und heute üblich. Der springende Punkt ist: es fehlt die Verurteilung! Üblich war damals in der griechischen Welt sich auf die Vernunft als die absolute, übergeordnete Instanz zu berufen. Was der Vernunft, dem Logos entsprach, hatte Geltung, alles andere wurde als unvernünftig – non-sense verurteilt. In der jüdischen Welt war die übergeordnete Instanz das Gesetz: wer es erfüllte, der  galt als gerecht, der Ungerechte war der „Sünder“, der aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde – es sei denn er „tat Buße“. Paulus stellt in seinen Briefen beide Instanzen in Frage: der Weisheit der Welt stellt er die Weisheit Gottes gegenüber (Korintherbriefe) der Gerechtigkeit aus den Werken des Gesetzes stellt er die Gerechtigkeit aus dem „Sein in Christus“ gegenüber (Römer und Galaterbrief).

Und dem abwertenden Verurteilen oder gar Ausschließen stellt er die integrative Kraft der Liebe entgegen. So schreibt er in Röm 14, 10-13, unserem heutigen Predigttext:

 

 

Ein aufregender Text! Es geht schon los mit dem „Du aber…!“ Völlig unvermittelt, vorher war von Euch die Rede, von wir, von jeder muss usw. – und plötzlich leuchtet dieses existenzielle „du!“ auf

Ja Du – Du bist gemeint – hör auf dich in einem Kollektiv zu verstecken – es geht um dich und um deinen Umgang mit deinen Brüdern und Schwestern. Bruder und Schwester – das sind im engeren Sinne die Gemeindeglieder, im weiteren Sinne sind es die Zeitgenossen, Mitmenschen. „Hör’ auf, Deinen Mitmenschen zu richten!“ Krineo – wörtlich „unterscheiden“, dann richten, zu Gericht sitzen, beurteilen, verurteilen, der Übergang zu verachten ist fließend – so sagt Paulus auch: „oder, was verachtest du deinen Bruder?“ Exouteneo -verachten, die Vorsilbe ex- verweist auf das hinaus, das hinausstoßen, das Ex-Kommunizieren. Dagegen wendet sich Paulus. Und dann fährt er mit dem kollektiven „Wir“ fort: „wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen.“ Vorsicht – dieser Satz darf nicht platt konkretistisch verstanden werden: „weil wir wissen, dass es ein zukünftiges Gericht Gottes gibt, deshalb verurteilen und verachten wir nicht.“ Paulus so mißverstanden öffnet die Türe genau für die Form des Richtens und Verachtens gegen die Paulus sich wendet. Dann wären plötzlich wir, die Getauften und Gerechtfertigten die Bessser-Wisser; aber das wäre nur ein Austausch absoluter Instanzen; statt griechischer Vernunft, statt jüdischem Gesetz der Gekreuzigte-Auferstandene als die letzte absolute Instanz. Es bliebe dasselbe Muster – es bliebe bei dem „von oben herab“ der Wissenden gegenüber den Unwissenden, es bliebe bei den Urteilenden gegenüber den zu Beurteilenden, es bliebe bei der Moral der Guten gegenüber den nicht so Guten.

Die frohe Botschaft, das Evangelium Jesus Christi aber ist kein weiterer Appell an irgend etwas … – davon gab und gibt es genug.

 

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht; es ist ja eine Gotteskraft zum Heil für jeden, der glaubt…Wird doch in ihm Gottes Gerechtigkeit aus Glaube zu Glauben enthüllt…“ das ist das Leitthema der Paulinischen Theologie des Gerechtfertigten und deshalb freien Christenmenschen! Und das Gefäß, der Container für diesen radikalen Gedanken ist der Glaube, das Vertrauen auf einen im letzten unerkennbaren … Hier gehört das Wort „Gott“ hin – aber ich scheue mich, es zu verwenden – denn im kirchlichen Sprachspiel ist auch das Wort Gott gezähmt, domestiziert – „fromm“ geworden. Und steht in der Gefahr, den Gemeinten, den Bedeuteten – eben den unverfügbaren Gott – zu verwässern, zu vergewissern zu versichern.

 

Wo Gott ist, ist keine Sicherheit sondern Unsicherheit – Gott beginnt da, wo das Gewohnte, Vertraute aufhört. Dieses Ende und diesen radikalen Neuanfang hat Paulus erlebt – in seinem Damaskus – in seiner Wandlung vom Verfolger der frühen Christen zu deren leidenschaftlichen Verteidiger und Befürworter.–

 

Und jetzt? Was heißt das alles hier für uns? Hier – und heute?

 

Ich möchte Ihnen eine Begebenheit erzählen, die ich vor kurzem erlebte und die mir sofort einfiel, als ich unseren Predigttext zum ersten Mal las: „es war ein schöner Nachmittag; ich war mit dem Fahrrad unterwegs, zusammen mit meiner 5jährigen Tochter und ihrer gleichaltrigen Freundin. Beide hatten vor kurzem Radfahren gelernt, und waren stolze, wenn auch noch etwas unsichere neue Verkehrsteilnehmer. Sie fuhren auf dem Bürgersteig und ich neben ihnen auf der Strasse. Ein besonderes Abenteuer sind immer die Seitenstrassen, die es zu überqueren gilt – und wenn die „anderen“ auch noch die Vorfahrt haben. Wir kamen also an so eine Stelle und mussten bremsen, weil ein mächtiger schwarzer Sportwagen von rechts kam. Natürlich – er hatte die Vorfahrt. Nur – die wollte er gar nicht wahrnehmen – sondern er parkte – direkt vor unserer Nase im absoluten Halteverbot. Für uns bedeutete das: Absteigen, um den Wagen herum die Fahrräder schieben und wieder aufsteigen. Das ist alles etwas mühsam und mein Blutdruck begann zu steigen. Als ich dann noch den Fahrer des Wagens sah, ein sonnenbebrillter in teures dunkles Tuch gehüllter junger Mann, der wippenden Schrittes seines Weges ging als wäre er allein auf der Welt… kochte es in mir. Nachdem wir es geschafft hatten, den Bürgersteig zu erreichen fuhren die Mädchen langsam mit ihren kleinen Rädern weiter und ich ebenso langsam hinterher. Wir überholten den Sportwagenfahrer und es zischte aus mir heraus: „Wirklich toll geparkt!“ Darauf bekam ich zur Antwort: „Es ist wohl ein größeres Vergehen, mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig zu Fahren, als da zu  parken.“ Darauf ich, völlig verdattert irgendwie dagegen argumentierend. Als er zur Bank abbog versuche ich es noch mit: „Nur nicht sich von anderen erreichen lassen!“ Aber er hat es wohl nicht mehr gehört.“

 

Warum erzähle ich Ihnen diese wenig erfreuliche Geschichte?

 

Erstens um Ihnen zu sagen, dass ich es nicht leicht finde, wirklich christlich im paulinischen Sinne zu leben.

Zweitens, weil ich der Überzeugung bin, dass das, was Paulus erlebt hat, und wovon er so leuchtend schreibt, kein Zustand ist, den man irgend wann einmal „besitzt“, sondern ein beständiges Ringen um ein Geschehen, dem man sich mal mehr mal weniger annähern kann. Es gibt kein jenseits des „zugleich Sünder und Gerechtfertigt-Seins“. Aber in dem Annehmen dieses Geschehens kann sich tiefe Zufriedenheit ereignen.

Drittens glaube ich eignet sich die Geschichte ganz gut zur Veranschaulichung unseres Textes.

Was ist passiert? Jemand tut etwas Unrechtes. Keine Frage, der Fahrer parkte seinen Wagen im absoluten Halteverbot. Man könnte also die Polizei rufen. Wäre das im Sinne des Paulus? Ich glaube nicht. Es wäre noch einmal mit einer größeren Macht operiert. Das mag manchmal in Welt nötig sein – ich hätte dann die Genugtuung bekommen, dass der andere bestraft wird – ein zweifelhafter Gewinn. Ist mein Ärger im Sinne des Paulus? Schwer zu sagen, aber Paulus kann auch sehr impulsiv schreiben und verbirgt seinen Ärger nicht. Ich glaube, sich in einer Situation, in der man sich „überfahren“ fühlt zu ärgern ist völlig menschlich und angemessen. Die Frage ist, wie es dann weiter geht. Und darauf gibt Paulus eine verblüffende Antwort. Er sagt: Du tust Dir selbst nichts Gutes, wenn Du Dich aus Ärger über Deinen Mitmenschen stellst! Denn „jeder von uns muss über sich selbst Gott Rechenschaft geben!“ Das ist der Dreh- und Angelpunkt. Übersetzt heißt das nämlich: Vor Gott, vor dieser Instanz „extra nos“ – die etwas mit Gewissen zu tun hat, aber weit darüber hinaus geht – gibt es kein Entrinnen. Als ich mich an diesen Gott wandte, weil ich mein Verhalten alles andere als toll fand, aber auch das Unrecht, das mir doch widerfahren war, nicht einfach wegwischen wollte, entstand in mir folgender Dialog: eine Stimme, freundlich aber sehr deutlich sagte zu mir: „Du kannst niemand dazu zwingen, dich zu sehen oder gar sich in deine Bedürfnisse einzufühlen. Der Autofahrer wusste selbst auch ganz genau, dass er sich ins absolute Halteverbot stellte. In dem du ihm daraus noch einmal einen Vorwurf machst, bleibt ihm nichts anderes mehr übrig als sich zu verteidigen. Und manchmal ist Angriff die beste Verteidigung – und so hat er dich auf dein eigenes Vergehen aufmerksam gemacht!“ Okay. Das leuchtet ein. Ja – und – weiter will ich sagen. Da  scheint mir die Stimme ein wenig zu lächeln, indem sie fort fährt: „Kann es sein, dass du auch deshalb dich so geärgert hast, weil du ganz im Inneren – du würdest es nie zugeben – auch ein kleines bisschen diesen Mann um sein schickes Auto beneidet hast. – Und dann geht er auch noch zur  Bank! Und du sitzt auf Deinem Fahrrad und begleitest zwei kleine Mädchen! Vielleicht bist Du kurzfristig einem Klischee von Männlichkeit aufgesessen, demgegenüber Du Dich etwas  – minderwertig fühltest?“

 

Aha. Soll ich das glauben? Mein Ärger über den „Fehltritt“ meines Mitmenschen hätte dann mit meiner eigenen Bedürftigkeit zu tun! Theoretisch kenne ich ja diese Zusammenhänge. Sie sind das tägliche Brot einer Therapiestunde. Wer sich selbst minderwertig, in der schwachen Position fühlt, fängt an zu beneiden. Neid aber ist die Ursache des Hasses; aus ihm entspringt dann, sich über den anderen zu stellen, ihn zu richten und zu verachten. Sich seinen eigenen Neidgefühlen anzunähern, ist aber deshalb so schwierig, weil es beschämend ist. Und Scham ist ein ekelhaftes Gefühl, das sich wehrt, offenbar zu werden. „In den Boden versinken wollen vor Scham“ – d.h. ja nichts anderes als weg damit – dieses Gefühl halte ich nicht aus. Wenn Paulus schreibt, ich schäme mich nicht des Evangeliums – weiß er, wovon er spricht – er, der Christenhasser und –verfolger, der sich dieser ganz neuen emotionalen Erfahrung vor Damaskus gestellt hat, sich von ihr hat überwältigen lassen, er hat verstanden, weil er es erlebt hat, dass wer in Christus ist, ist eine neue Kreatur. Neid, Scham Hass alle diese dunklen unangenehmen Gefühle, mit denen wir nichts zu tun haben  wollen –  die haben jetzt einen Platz gefunden – in Christus, dem Gehassten, dem Beschämten, den Verspotteten. Der in Christus offenbare Gott liebe Gemeinde, ist kein Sonntagsgott – er ist ein Alltagsgott, alltäglich zu gebrauchen, um über das Erlebte Rechenschaft abzulegen, zu re-flektieren und daraus neue Kraft zu schöpfen. Denn alles, was einen Platz findet, muss nicht mehr frei herumirren. Es muss nicht mehr verfolgen. Der von Neid und Hass verfolgte Mensch hat sich seinen Verfolgern noch nicht zugewandt, ist ihnen noch nicht angemessen begegnet. Um dieser Begegnung standzuhalten, bedarf es des Vertrauens auf eine Instanz, die nicht von dieser Welt ist. Dies aber ist Gott. Gott eignet sich nicht als verlängerter Arm irgendeiner weltlichen Instanz! Als solcher verkümmert Gott zu einem Götzen, der mir sein Urteil, sei es moralischer, sei es logischer Art aufzwingen möchte.

 

Gott lässt frei – weil er die Liebe ist – wie Paulus nicht müde wird zu sagen. Und vor der Liebe – der in Christus offenbar gewordenen Liebe – muss sich keiner schämen, auch nicht und gerade nicht seiner Schattenseiten. Die Liebe beschämt nicht, sie bleibt freundlich – aber sie ist auch ganz klar. Sie verschleiert nicht, sondern deckt liebevoll auf. Die Liebe aber ist nichts anderes als die Fähigkeit, sich in sich selbst und in den anderen einfühlen zu können, Fürsorge für das eigene und das anvertrautes Leben zu tragen. Auf diesem Hintergrund ist der letzte Satz unseres Textes zu verstehen: Statt unsere Mitmenschen zu richten, sollen wir darauf achten, den anderen keinen Anstoß zum Ärger zu geben. Je tiefer ich für meinen Mitmenschen – auch wenn er sich mir in den Weg stellt, auch wenn er mich beeinträchtigt – Achtung empfinden kann, desto elastischer werde ich auch in schwierigen Situationen bleiben. Dieses in der Achtung für den anderen bleiben heißt für mich: einer trage des anderen Last! Den anderen achten geht aber nur, wenn ich mich selbst achte, und mich selbst achten geht wiederum nur, wenn ich mein Leben in Gott, in jenem dritten Punkt außerhalb verankere – und von ihm her immer wieder aufs Neue reflektiere. Verankert sein in Gott, das heißt mit Paulus: „Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir also leben oder sterben – wir sind des Herrn.“ Dieser Satz steht übrigens unmittelbar vor unserem Predigttext.

 

Liebe Gemeinde,

 

ich habe versucht, Ihnen anhand eines persönlichen Erlebnisses zu veranschaulichen, wie ich das „vor Gott Rechenschaft ablegen“ verstehe.

Im Verlauf dieses Geschehens haben sich folgende Gedanken herausgebildet, die ich noch einmal zusammenfassen möchte:

1.     Einsicht, Einfühlung, Rücksicht etc. lässt sich nicht erzwingen. Über Zwang, Macht, Gewalt kann man oberflächliche Verhaltensänderung erreichen. Neue Einstellungen, verwandeltes Erleben lässt sich nicht erzwingen. Dies gilt auch für die Politik: alltäglich sind wir Zeugen davon, dass sich Frieden und Demokratie nicht erzwingen lassen.

2.     Gefühle wie  Neid, Wut, Trauer, Empörung, Angst gehören zum Leben dazu. Sie lassen sich nicht weg-glauben und nicht weg-therapieren. Dies gilt auch für das Erleben von Endlichkeit, Krankheit und Tod.

3.     Aber (!) – Verwandlung ist möglich! Verwandlung ist die Alternative zu verachten und ausscheiden. Verwandlung geschieht auf dem Weg des „vor Gott Rechenschaft Abgebens.“ Allerdings bedarf es des Mutes, sich dem Schmerz der ehrlichen Auseinandersetzung mit sich selbst zu stellen und den eigenen Schattenseiten zu begegnen. Wahrheit ist die Milch der Seele. Diese Milch nährt  und führt zu der unglaublich frohen Botschaft:

Es gibt die Möglichkeit der Wandlung, der Verwandlung von Hass in Liebe, von Angst in Sicherheit, von Misstrauen in Vertrauen, von Neid in Dankbarkeit. Oder – noch einmal mit Paulus: nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir – mein Ich ist hineinverwandelt und hineingestaltet in Christus. Und umgekehrt: der historische Jesus der Geschichte ist transformiert in den Christus des Glaubens. Äußere Welt ist zu innerer Welt geworden: Seele wächst und gedeiht. Oder, in der wunderschönen Poesie Paul Gerhardts:

„Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum und lass mich Wurzel treiben.“ AMEN.

 

Und die Liebe Gottes, die höher ist als all unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus AMEN.

 

 

 

Predigt zur Ernennung als Pfarrer im Ehrenamt über 1. Petrus 2,18-25

Predigt zur Einführung in das Amt des „Pfarrers im Ehrenamt“
am Sonntag Misericordias Domini in der Jakobuskirche in Pullach
(25. April 2004) über 1. Petrus 2,18-25

Gnade sei mit Euch und Friede – von Gott unserem Vater und Jesus Christus unserem Henrren.

Liebe Gemeinde,

als ich mit Herrn Pfr. Bordon den heutigen Sonntag vereinbarte, an dem ich als Pfarrer i.E. in die Gemeinde eingeführt werden sollte, freute ich mich sehr. Ich schlug sofort nach, um welchen Sonntag nach Ostern es sich handeln würde: Misericordias Dei – die Barmherzigkeit Gottes!  In der jüdischen Tradition wird das große Hallel (Ps. 126) gesungen – der die Wunder der Schöpfung Gottes preist – mit dem Refrain: „Preist Jahwe, denn er ist gut, in Ewigkeit währt sein Erbarmen.“ Jahwe, der barmherzige Gott. Das ist der gute Hirte, verdichtet in Ps. 23 und von uns Christen in besonderer Weise auf Jesus Christus angewandt. Ein Sonntag fast zum Jubeln also (Halleluja heißt ja jubeln, jauchzen). Wie von selbst kamen mir Melodien ins Ohr, aus Haydns Schöpfung irgendwie vermischt mit  „Morning has broken“ von C. Stevens. – Jetzt noch ein schöner Preditgttext dachte ich mir – dann kann eigentlich nichts mehr passieren!

Und wie das so ist im Leben, folgen auf Hochgefühle gerne Ernüchterungen. Und das gelang dem heutigen Predigttext aus dem 1. Petrusbrief mühelos – mich zu ernüchtern, mich ratlos zu machen, mich stark zu verunsichern. Es geht schon damit los, dass man sich nicht einigen konnte, ab wo der Text angehen sollte: in der alten Predigtreihe beginnt er bei Vers 21, in der neuen bei Vers 21 b – und liest man die Kommentare von Neutestamentlern, so erfährt man verblüfft, dass alle der Meinung sind, nur wenn man auch noch die Verse 18 und 19 hinzu nimmt, ist der Text in seiner Ganzheit zu verstehen. Wenn also schon formal solche Probleme sind – um welchen Inhalt muss es sich dann erst handeln? Kurz noch ein Wort zur Geschichte des Textes: der 1. Petrusbrief wurde wohl zwischen 80 und 100 n.Chr. in Rom als theologisches Rundschreiben  verfasst; sein Verfasser bediente sich der Autorität des Heiligen Petrus, um diesem Schreiben Gewicht zu verleihen. Das Schreiben sucht Hilfestellungen für den Alltag der Christen zu geben – in unserem Abschnitt wendet sich der Verfasser explizit an die Sklaven unter den Christen, um an deren Schicksal seine Auffassung über die Nachfolge Christi zu veranschaulichen.
Und jetzt: hören Sie selbst: 1. Petrus 2, 18-25.

„Ihr Sklaven sollt in allem Respekt euren Herren untergeben sein, und zwar nicht nur den Guten und freundlichen, sondern auch den unguten. Denn das ist Gnade, wenn jemand in der Bindung an Gott Schweres hinnimmt und ungerecht leidet. Welcher Ruhm liegt nämlich darin, wenn ihr für Verfehlungen Mißhandlungen zu ertragen habt? Aber wenn ihr Gutes tut und deshalb Leiden ertragen müßt, das ist Gnade vor Gott. Dazu seid ihr ja berufen, weil auch Christus für euch gelitten hat und euch ein Vorbild hinterließ, damit ihr seinen Spuren folgt. Er hat keine Sünde getan, und man fand keine Falschheit in seinem Mund; er wurde beschimpft und schimpfte nicht zurück, mußte leiden und drohte nicht, sondern überließ (alles) dem gerechten Richter. Er selbst hat unsere Sünden an seinem Leib aufs Holz hinaufgetragen, damit wir den Sünden absterben und der Gerechtigkeit leben. Durch seine Strieme seid ihr geheilt. Ihr irrtet nämlich umher wie die Schafe, aber jetzt seid ihr umgekehrt zum Hirten und Beschützer eures Lebens.“

Einerseits: Jubel über die Schönheit der Schöpfung, die Wunder des Lebens, die Barmherzigkeit des Schöpfers, die Güte des Hirten – das ist der Eingangsakkord des Sonntags –
und dann diese Modulierung: Ungerechtigkeiten, Unterordnungen vielleicht sogar Demütigungen, bis hin zu Gewalt und Grausamkeiten („Striemen“ ) sind hinzunehmen, ja gelten als Ausdruck von Gnade.
Wie geht das zusammen? Das ist die entscheidende Frage. Denn: bleiben die beiden Seiten zerrissen, dann bleiben auch die Menschen in zerrissenen Gefühlen stecken: einerseits im manischen Triumph des „mir kann nichts passieren, ich stehe über den Dingen“ und andererseits im Essigtopf des: „jetzt ist es zu spät, es hat doch eh alles keinen Sinn, man muß halt das Leben über sich ergehen lassen.“

Der Autor unserer Briefstelle stellt folgende, höchst aktuelle These auf: Nur wer sich traut, durch den Schmerz (das Leiden) zu gehen, der bekommt auch wirklich am Leben Anteil. Vorbild und Vermittler dieses Geschehens ist kein anderer als Jesus Christus selbst. In dem Sinne ist er der „gute Hirte“, weil in seiner Art und Weise mit Leiden umzugehen, die Barmherzigkeit Gottes offenbar geworden ist, er sie uns offenbart hat. Was aber war die Besonderheit seines Umganges mit Leid? Er hat – wie der Neutestamentler Norbert Brox so schön schrieb, „die Multiplikation des Bösen“ durchbrochen. Indem er nicht Hass mit Hass, Ungerechtigkeit mit Ungerechtigkeit vergolten hat. Also nicht mehr Auge um Auge. Aber mehr noch: und  das ist der bleibende Stachel des Lebens Jesu und seines Evangeliums (der eigentliche „Skandal“) – jedenfalls nach meinem Verständnis: Er hat nicht nur Ungerechtigkeit nicht mit Ungerechtigkeit vergolten – er hat sie auch nicht mit Recht vergolten. Er hat Ungerechtigkeit überhaupt nicht vergolten! Er hat sie „erlitten“ in des Wortes ursprünglicher Bedeutung – er hat sie geschehen lassen – aber nicht so, dass er depressiv eingebrochen wäre, sondern so, dass er in seiner Passivität seine Aktivität und Vitalität ganz neu entdeckt hat: nämlich sein nicht brechbares Vertrauen in seinen Gott. Sogar in diesem harten, scheinbar verzweifelten Satz des „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, wendet er sich an seinen Gott! Sterben müssen ist die Herausforderung für das Vertrauen in Gott – einer Herausforderung, die ich umgehe, wenn ich vorschnell den Gedanken der Auferstehung hinzunehme: Jesu Besonderheit ist seine Fähigkeit, sich der „dunklen Nacht Gottes“ – wie der Heilige Johannes v. Kreuz so schön schreibt – zu überlassen. Das heißt sich nicht aus dem Vertrauen an den barmherzigen Gott bringen zu lassen – gerade dann, wenn kein Licht am Ende des Tunnels leuchtet!
Das hat der Verfasser von 1. Petrus verstanden – und deshalb eignen sich die Sklaven in ganz besonderer Weise dafür, um  seine Anschauung der Bedeutung der vita Jesu deutlich zu machen – deutlich zu machen für alle Christen! Es wäre ein großes Mißverständnis und ein Mißbrauch unseres Textes, ihn in irgendeinerweise politisch auszuschlachten. Darum geht es nicht.

Der theologische Schlüsselsatz unserer Textstelle und des ganzen Briefes ist Vers 19 – den man nicht weglassen sollte: „Denn das ist Gnade, wenn jemand in der Bindung an Gott Schweres hinnimmt und ungerecht leidet.“

„Gnade“ (Charis – wörtlich: Anmut, Schönheit, dann Geschenk, nicht zu Machendes) und „Leiden“ (Paschein – wörtlich erleben – Angenehmes wie Unangenehmes) gehört untrennbar zusammen.
Wir leben in einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der Leiden, Schmerz und Tod hinter sterilen Glasfassaden abgeschirmt, betäubt und entkeimt wird. Welche Kreativität hat die Menschheit jedenfalls in unserer westeuropäischen Kultur darauf verwandt, sich mit Tod, Krankheit, Schmerz, Trauer, Schwäche nicht konfrontieren zu müssen. Dabei ist in Vergessenheit geraten, was in unserem Brief zusammengehalten wird: Anmut und Schönheit – Gnade – zu erleben heißt sie zu erleiden. Wer verlernt hat aus der Tiefe heraus zu weinen, kann sich auch nicht aus der Tiefe heraus freuen. Und wer „Leiden“ als Kränkung für die eigene vermeintliche Stärke und Unverwundbarkeit erlebt, kann auch nicht mehr sagen: „es tut mir leid!“ Ein weitgehend aus der Mode gekommenes Wort – das eine so wohltuende und versöhnende Wirkung haben kann, wenn es wirklich so erlebt wird.
In dem schönen alten Wort „Wachstumsschmerzen“ ist das Wissen um die Zusammengehörigkeit erhalten: zu wachsen, körperlich wie seelisch, tut immer auch weh, weil wachsen, sich entwickeln ein nicht Machbares und in diesem Sinn ein zu Erleidendes ist. „Wachsen“ „Entwicklung“ geschieht.

Das sich drein fügen in den Schmerz (auch der Ungerechtigkeit) setzt allerdings eine Intuition dafür voraus, dass der Schmerz, das Leiden ja der Tod nicht das letzte Wort haben. Denn Schmerzen bloß um der Schmerzen willen auf sich zu nehmen – hat eher mit Masochismus als mit Wachstum zu tun. Durch die dunkle Nacht der Unsicherheit, des Schmerzes zu gehen, setzt eine Vorahnung von „Leben“ voraus – und zwar: und jetzt scheine ich mir selbst zu widersprechen: jenseits von Krankheit, Schwäche Tod und  Schmerz! Ich meine mit jenseits des Schmerzes etwas, was in unserer Briefstelle in einem Bild ausgedrückt wird: „Ihr irrtet nämlich umher wie Schafe, aber jetzt seid ihr umgekehrt zum Hirten und Beschützer eures Lebens.“ Dieses Bild ist die Veranschaulichung dafür, warum es Gnade ist, „wenn jemand in der Bindung an Gott Schweres hinnimmt und ungerecht leidet“. Ich möchte diesen Zusammenhang mit Hilfe eines eigenen Traumbildes verdeutlichen, das zu einem Traum gehört, den ich in der Zeit der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst träumte:
„Ich predige in einem Raum, der so aussieht wie diese Kirche, aber auf einer Seite ist eine große milchige Wand, wobei unklar ist, ob es eine Milchglasscheibe ist, oder Nebel. Es sind vornehmlich ältere Menschen im Raum und wir blicken gemeinsam auf dieses diffuse Etwas. Während ich rede – ich weiß nicht mehr worüber – lichtet sich der Nebel und man sieht ein herrliches Bergpanaorama, mild  erleuchtet von den letzten Strahlen einer rötlichen Abendsonne. Wir schweigen gemeinsam, sind angerührt von dem wunderbaren Blick. Und ehe wir uns versehen, ist die Sonne am Untergehen und wird abgelöst von einem sternenklaren Himmel. Und jemand sagt vorwurfsvoll: das hat doch alles keinen Sinn – was nützt es, die Sonne zu sehen, wenn sie eh gleich untergeht. Lieber hätte ich sie nicht gesehen! Und jemand anderes sagt: wer die Sonne gesehen hat, hält die Nacht leichter aus. Und vielleicht wird morgen ja wieder ein schöner Tag. Und überhaupt: schau doch, wie schön diese Nacht ist.“

Die Stimme die sagt: es tut mir zu weh, die Sonne zu sehen, weil ich nicht aushalten kann, dass sie untergehen wird; lieber bleibe ich im Nebel, das tut wenigstens nicht weh – das  ist die Stimme des vermeidenden Schmerzes. Sie sagt: „Warum muss gerade jetzt die Sonne untergehen?“ „Warum habe ich das nicht früher gesehen – überhaupt: warum gerade ich?“ Diese Stimme verweigert sich der Hingabe an das Jetzt – paradoxerweise auch dem Genießen der Schönheit – aus Angst vor dem Schmerz der Vergänglichkeit. Dem Schmerz der Trennung.
Die zweite Stimme ist wachstumsfördernd und lebensbejahend. Sie sagt: auch wenn die Sonne nicht mehr scheint, gibt es eine Erinnerung daran – und eine Hoffnung auf einen neuen Tag. Und ein Sich-Einfügen in das was jetzt ist: nämlich Nacht. Diese Stimme hat gelernt, darauf zu vertrauen, dass es Wandlungen und Verwandlungen gibt. Die Gegenwart ist nicht festgeschrieben, sondern ist selbst im Werden. Diese Stimme hat gelernt, dass Trennungen zum Leben gehören, ja lebensdienlich sind. Diese Stimme hat erlebt und erlitten, dass sich Neues nur einstellen kann, wenn Altes freundlich verabschiedet worden ist. Und das tut weh. Wir können dies übrigens mit jedem Atemzug wahrnehmen: indem ich ausatme, den verbrauchten, alt gewordenen Atem loslasse und die dunkle Nacht des Nicht-Atmens wage, erlebe ich, wie aufs Neue die Luft das Leben in meine Lungen strömt: es atmet mich.
Aber was ist, wenn kein freundlicher Abschied möglich war – was ist, wenn das kleine Kind seine Mama oder seinen Papa durch einen Unfall verliert? Was ist, wenn man – warum auch immer, die eigene Heimat verlassen muss – und nicht ohne weiteres zurückkehren kann. Was ist, wenn der Freund, den man so gern mochte, der Führer, dem man so viel zu verdanken hat als Straftäter hingerichtet wird? Was ist, wenn Trennung verklebt ist mit Gewalt, mit Unrecht, ja mit Verbrechen? Das ist das Schicksal der Hinterbliebenen Jesu – seiner ersten Jüngerinnen und Jünger Jesu – ihr geliebter Rabbi wurde in ihren Augen völlig ungerecht hingerichtet. Und das ist die Keimzelle des Evangeliums, der frohen Botschaft – die Idee, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass sich Hass verwandeln lässt in Liebe, Angst verwandeln lässt in Vertrauen, Sterben verwandeln lässt in Leben. Das ist eine ganz andere Botschaft als die, man dürfe Ohnmacht nicht hinnehmen, man darf sich Ungerechtigkeit nicht bieten lassen, man muß das Böse ausrotten.

Liebe Gemeinde,
Jesus hat als Christus vorgelebt, dass sich Leiden, ja der Tod verwandeln läßt. Durch Jesus  – und so wurde er zum Christus – ist der völlig neue Gedanke auf die Welt gekommen, dass Leiden, Schmerzen auch Schuld nicht abgespalten, nicht exkommuniziert werden müssen – sondern ertragen werden können in dem Vertrauen auf ihre Verwandlung. Dieses unbedingte Vertrauen hatte Jesus zu seinem Gott, dieses Vertrauen ist die „Bindung an Gott“ unserer Briefstelle und dieses Vertrauen lässt sich in keine Todesgruft einsperren. Psychologen haben herausgefunden, dass gut an ihre Eltern gebundene Kinder die besten Chancen für ein freies und zufriedenes Leben haben. Gut gebunden sein, heißt, sich trennen zu können, ohne den anderen zu verlieren. Gut in Gott gebundene Menschen fühlen sich von ihrem Gott wie von einem guten Hirten begleitet – einem Hirten, dem es um das Wohlergehen seiner Schafe geht und nicht um deren Gängelung oder Knechtung. Jesus hat zu diesem Gott „abba“ gesagt und bis in die Gealt seines Todes hinein vertraut, dass dieser Gott barmherzig ist: ein Herz hat gerade für die Verwirrten und Verzagten, gerade für die, die  Schmerzen erleiden und ungerecht behandelt werden, gerade für die, die sich verlassen – mutterseelen allein – fühlen.

So ist Jesus zum Christus geworden, zum guten Hirten und „Beschützer“ unseres Lebens. In  dem Vertrauen auf diesen Christus und in der Bindung an diesen Gott des Lebens können wir neu zurückkehren zu unserem Ausgangspunkt: durch den Schmerz hindurch gegangen können wir jetzt neu mit dem Psalmisten singen: Das Leben ist schön – preist Jahwe, den Schöpfer und barmherzigen Gott, durch ihn und mit ihm und in ihm lebt und webt seine Schöpfung – und wir haben daran Anteil – welch eine Gnade!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Sinne in Christus Jesus Amen.

Scroll to Top