Predigten

Letzter Sonntag nach Epiphanias

Liebe Gemeinde,

zwei Geschichten stehen im Mittelpunkt des heutigen Gottesdienstes, zwei Geschichten, die veranschaulichen, was der Wochenspruch aus Jesaja bedeuten kann: „Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ (60,2)

Wir sind ja ganz selbstverständlich daran gewöhnt, Gott irgendwo „oben“ zu suchen. So verwundert es uns nicht, dass der Herr „über dir“ aufgeht. Bei der Taufe Jesu kommt eine Stimme „von oben“ – aus dem Himmel. Die Verklärung Christi geschieht auf einem Berg. Das Reich Gottes heißt auch Reich der Himmel.

Wir vermuten, suchen, erhoffen Gott in der vertikalen Achse. Die vertikale Achse bestimmt aber nicht nur die Höhe, sondern auch die Tiefe. Lateinisch „altus“ heißt beides, hoch und tief. So sagen wir auch: diese Begegnung hat mich tief berührt, oder diese Erfahrung hat mich tief erschüttert. Auch der Teufel, die Hölle liegt auf der vertikalen Achse: irgendwo unten.

Die vertikale Achse scheint mit der Intensität der Erfahrung zu tun zu haben. Wenn wir sagen: das war oberflächlich, heißt das, man ist nicht tiefer in die Materie hinein-gedrungen. Die Bewegung auf der Oberfläche ist eine horizontale Bewegung, eine Bewegung entlang des Horizontes – keine vertikale.  

Die vertikale Achse ist die Achse des gefühlsmäßigen Berührt-Seins. Dies muss keinesfalls angenehm sein: die Jünger erschraken …

In gleichförmiger Routine gibt es kein Erschrecken. Vielleicht dient Routine genau dazu, nicht erschrecken zu müssen. Die Routine im Gottesdienst heißt Liturgie. Sie beruhigt – und steht in der Gefahr, nur mehr routiniert zu sein. Routine, die um sich selbst kreist, kann nicht Neues mehr entdecken. Zuviel Routine führt zur Erstarrung.

Wenn wir uns jetzt unserem Predigttext zuwenden, so wollen wir ihn nicht routiniert lesen und verstehen. Versuchen wir eine Haltung, die auf Unbekanntes ausgerichtet ist und Bekanntes vergisst.

Ex 3: „1 Mose war Hirt der Schafe Jethros, seines Schwiegervaters, Priesters von Midian. Als er die Schafe hinter die Wüste trieb, kam er an den Berg Gottes, zum Choreb.“

Moses, der Schafhirt. Schafe hüten heißt, sich um anvertrautes Leben sorgen. Es vor Zerstreuung zu bewahren. Und dafür sorgen, dass es zu essen gibt. Hinter die Wüste treibt Moses die Schafherde des Priesters, seines Schwiegervaters.  Moses bewegt sich in geographischer Hinsicht klar und eindeutig. Aber was bedeutet „hinter die Wüste“? Gibt es ein jenseits der Wüste? Hinter der Wüste ragt der Berg Gottes empor. Gott wird in und zugleich hinter der Wüste erfahren. So bei Moses. So bei Jesus. Wer die Leere innerer Wüste erträgt, gelangt über sie hinaus, ohne sie je zu verlassen.

„2a SEIN Bote ließ von ihm sich sehen in der lodernden Flamme eines Feuers mitten aus dem Dornbusch.“

Nicht Gott selbst – Gott ist auf für Moses unsichtbar – sondern sein Bote wird sichtbar und lässt sich von Moses erblicken. Aber Moses sieht nicht den Boten Gottes, sondern das merkwürdige Phänomen eines nicht verbrennenden Dornbusches.

„2b Er sah: da, der Dornbusch brennt im Feuer, doch der Dornbusch wird (vom Feuer) nicht verzehrt.“

Der Dornbusch und der Bote Gottes sind so sehr eins, dass sie getrennt bleiben. Würde das Feuer den Dornbusch verzehren, würde es mit dem Dornbusch verschmelzen, ihn sich einverleiben. Vom Dornbusch bliebe nur mehr Asche. Würde der Dornbusch das Feuer verlöschen, würde das Feuer erkalten: der Dornbusch hätte das Feuer zerstört. Dornbusch und Feuer sind ununterscheidbar vereint.

„3 Mose sprach: ich will doch hintreten und ansehen dieses große Gesicht – warum der Dornbusch nicht verbrennt.“

Das ist der Geist der Rationalität, der aus Mose spricht: wie, weshalb warum, wer nicht fragt bleibt dumm. Aber das Warum-Fragen führt nicht zum Erleben des Lebendigen:

„4 Als ER aber sah, dass er hintrat, um anzusehn, rief Gott ihn mitten aus dem Dornbusch an, er sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Da bin ich!“

Unbemerkt ist aus dem Boten Gottes Gott selbst geworden. Gott nennt Mose zweimal bei seinem Namen. Und Moses antwortet lapidar: „Da bin ich!“ So einfach und ehrlich ist diese Begegnung. Warum das Feuer den Dornbusch nicht verbrennt, ist nicht mehr von Interesse.

„5 ER sprach: Nahe nicht herzu, streife deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist Boden der Heiligung.“

Gott beschränkt: nahe nicht herzu. Schranken können lebenswichtig, lebensrettend sein. Falsche Nähe kann Leben verwirren und zerstören: die falsche Nähe zwischen Mutter und Sohn, Vater und Tochter, Lehrer und Schüler. Es gibt auch eine falsche Nähe zu Gott, ein falsches Du auf Du. Moses soll barfuss, auf dem Boden der Tatsachen stehend, Gott gegenübertreten! Der Boden der Tatsachen ist der Boden der Gesundung, der Heil-(ig)-ung. Nicht um Unterwürfigkeit oder Demütigung geht es, sondern um Demut und Respekt – bloßen Fußes stehend auf dem Boden der Wirklichkeit findet die Begegnung mit Gott statt.

„6a Und (Gott) sprach:
Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Jizchacks, der Gott Jaakobs.“

Jetzt gibt sich Gott zu erkennen als der Gott, der in der Tiefe der Geschichte der Väter so wirkt, dass diese Geschichte verständlich wird. Gott ist die Verbindung, (י: das Jod) zu der hin und von der aus die Geschichten der Väter zu lesen sind. Gott ist nie das eine, oder das andere – Gott ist immer „dazwischen.“ So ist Gott niemals ein Ding, eher schon ein Nicht-Ding (englisch: no thing ànothing).

Der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs: das konstante Verbindungsglied ist Gott.
 
Eine alte chassidische Geschichte erzählt: „Der Baalschem sprach: ‚Wir sagen: Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs, und  sagen nicht Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs; denn Isaak und Jakob stützten sich nicht auf Forschung und Dienst Abrahams, sondern selber forschten sie nach der Einheit des Schöpfers und seinem Dienst.“ (M. Buber, S.128)

Selber-Foschen ist von Gott her nicht verboten – sondern im Gegenteil: es ist erwünscht, es ist von Gott erwünscht, jedenfalls von dem Gott, auf dessen Boden Mose steht, auf dessen Boden wir stehen. Die alles verbindende Einheit Gottes ist im Werden, sie wird/geschieht im Forschen nach ihm. So ist der eine Gott eine bewegliche Konstante. Der Gott Abrahams ist ein anderer Gott als der Gott Isaaks. Und der Gott Isaaks ist ein anderer Gott als der Gott Jakobs. Gott ist einer und wirkt doch verschieden in der Verschiedenheit jedes Menschen. Wer dies (an-)erkennt, kann Gott nicht mehr als Waffe fanatischer Gedanken missbrauchen. Wer es wagt, sich von Gott sehen zu lassen, der erkennt sich in seiner Freiheit und im selben anerkennt er die Freiheit des anderen, seines Mitmenschen, seines Mitgeschöpfes. Und so geschieht der EINE Gott in der Vielfalt – wie die verschiedensten Wellenberge und -Täler doch nichts anderes als Bewegungen ein und desselben Meeres sind. Und das Meer selbst ist nichts anderes als die unendliche Verbindung unendlich vieler Tropfen. Jeder auf Verbindung trachtende Gedanke wird zu einem Tropfen im Meer Gottes.

Wer es wagt, sich von Gott sehen zu lassen, der wagt es, den dunklen Weg des Nichts-Wissens zu beschreiten:

„6b Mose verhüllte sein Antlitz, denn er fürchtete sich, zu Gott hin zu blicken.“

Das, was Moses erlebt, kann nur sichtbar werden in einer Verdunkelung des Blickes. Hochglanzpolituren blenden: sie machen blind für Gott.

„7 ER aber sprach: Gesehn habe ich, gesehn die Bedrückung meines Volks, das in Ägypten ist, ihren Schrei vor seinen Treibern habe ich gehört, ja, erkannt habe ich sein Leiden.“   

Gott ist ein Gott der sieht, der hört, der erkennt. Gott ist nicht blind, nicht taub, nicht dumm. Mehr noch: erkannt habe ich das Leiden (meines Volkes): das ist dasselbe Erkennen, mit dem Adam sein Weib Eva erkannte, das aus der Tiefe kommende ganzheitliche Wahrnehmen des Anderen, das nur im Mit-Leid in der Empathie möglich ist. Gott ist ein empathischer Gott.

„8 Nieder zog ich, es aus der Hand Ägyptens zu retten, es aus jenem Land hinaufzubringen, nach einem Land, gut und weit, nach einem Land, Milch und Honig träufend, nach dem Ort des Kanaaniters und des Chetiters, des Amoriters und des Prisiters, des Chiwwiters und des Jebusiters.“

Nieder zog … es hinaufzubringen: das ist die vertikale, die göttliche Achse, die  zur Errettung führt, die herausführt aus der inneren wie äußeren Sklaverei und der damit verbundenen Enge. Das verheißne Land ist gut und weit: Güte und Weite entsteht in der Verbindung von Vertikalem mit Horizontalem – es entsteht die Bewegung der sich öffnenden Spirale – Abbild seelischen Wachstums.

„9-10 Nun, da ist der Schrei der Söhne Israels zu mir gekommen, und gesehn habe ich auch die Pein, mit der die Ägypter sie peinigen:
nun geh, ich schicke dich zu Pharao, führe mein Volk, die Söhne Israels aus Ägypten!“

Nun ist offenbar, weshalb Gott sich dem Mose offenbarte: er beauftragt ihn zum Führer, zum Befreier von Gottes Volk. —

„Über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“

Von diesem Wort sind ausgegangen, wir haben versucht, es unroutiniert zu verstehen. Zu Hilfe kam uns die Geschichte der Berufung des Mose zum Befreier aus dem Land der Knechtschaft und zum Führer in ein Land, wo Milch und Honig fließen.

Sie wissen, dass Mose Führerschaft alles andere als einfach war, er hatte es mit einem Volk zu tun, das murrte und meuterte, das um ein goldenes Kalb tanzte, das ihn so in Rage brachte, dass er die zehn Gebote – eben erst von Gott empfangen – zerschmetterte!

Mit anderen Worten: Man weiß nicht so recht, ob man es sich wünschen soll, einer von denen zu sein, über denen der Herr aufgeht, über denen die Herrlichkeit des Herrn erscheint. Beliebt haben sie sich nicht gemacht, die Diener Gottes, sei es ein Martin Luther, ein Meister Eckehart, ein Johannes vom Kreuz. Und auch ein Jesus aus Nazareth: als Messias verehrt und als Verbrecher hingerichtet. Beides scheint zusammen zu gehören: so als wäre es Fluch und Segen zugleich, von Gott beauftragt zu werden.

Nicht ganz: denn wer sich von Gott beauftragen lässt, der erlebt etwas, was ihn aus der engen Routine seines Alltags herausheben (vertikal) lässt: ich meine jene Zusage, die wenige Verse nach unserem Predigttext zu hören ist. Auf die Frage des Mose, was er denn dem Volk sagen soll, welcher Gott ihn beauftragt hat, erfährt er: „Ich werde dasein, als der ich da sein werde.“ (Ehje ascher Ehje). Dieser daseiende Gott ist der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Er ist auch der Gott Jesu Christi und er ist nicht zuletzt der Gott von Ihnen und der Gott von mir. Und auch wenn er in jedem von uns in einer anderen persönlichen Färbung sich zeigt, so will er doch nichts weiter, als sich mit uns vereinen und aus uns heraus strahlen einem nicht-verbrennenden Dornbuschfeuer gleich. Einem Wassertropfen gleich, der in den Farben des Regenbogens schimmert bis er von der Sonne erhoben wird und in das Unendliche hinein sich erlösen lässt.

„Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir“ – oder schlicht: „du bist nicht einsam, ich bin da…“ Möge dieses „Ich bin da“-Feuer des Dornbusches in uns allen brennen und aus uns heraus leuchten, mögen wir  zu einem Dornbusch werden, in dem SEIN ich-bin-da-Feuer leuchtet, AMEN.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unser Verstand, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus,  AMEN.

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Sonntag Judika (2010)

Predigt über Hebräer 5, 7-9 in Pullach Sonntag Judika 2010
Von Lothar Malkwitz
Gott zur Ehre

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

Sie haben es sicher schon gemerkt: Karfreitägliche Klänge geben diesem Gottesdienst seine besondere Tönung: „Ehre sei dir Christe, der du littest Not, an dem Stamm des Kreuzes, für uns bittren Tod!“ Dazu passend das Violett der Paramente: Violett: die Farbe des Leids, aber auch der Spiritualität, der Transzendenz, des Übergangs.

Das Evangelium weist auf Probleme des Übergangs hin: Der Streit der Jünger um die besten Plätze im Reich Gottes – eine aufschlussreiche Geschichte über die Probleme des jungen Christentums: war es doch entstanden, weil Jesus die Hierarchie der vorhandenen religiösen Gruppe reformieren wollte. Unsere Geschichte macht deutlich: wo Menschen zu Gruppen werden, wo Menschen sich gruppieren, entstehen unweigerlich Probleme von Macht und Einfluss, von oben und unten, von Hierarchie eben. Jesus löst diese Probleme nicht: er verweist auf Schranken, gibt narzisstischen Sehnsüchten Einhalt: „Die Plätze zu meiner Rechten und Linken zu vergeben steht nicht in meiner Hand“ ist seine unnarzisstische, „negative“ Antwort. Und, „positiv“: „Wer unter euch groß sein will, muss Diener, wer unter euch der Erste sein will, muss aller Knecht sein.“ Dabei verweist er auf sein eigenes Schicksal: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“

„Schau hin nach Golgatha!“ – das sollte die Blickrichtung derer sein, die ernsthaft sich auf Jesus und seine Botschaft einlassen wollen.

Und inmitten dieser Passions-Motive steht der heutige Predigttext, ein kurzer Abschnitt aus dem Hebräerbrief, wo es heißt:

7 Er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Gebete und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch wegen seiner Gottesfurcht erhört worden.
8 Und er lernte, obschon der Sohn seiend, an dem was er erlitt Gehorsam,
9 und als er vollendet war, ist er allen, die ihm gehorsam sind, der Urheber ewigen Heils geworden.

Unser Predigttext beginnt mit dem irdischen Leben Jesu, das auf Golgatha endete: „Er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Gebete und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte.“

Dies ist ein Satz darüber, dass der, den wir Christus nennen, ein Mensch war. Ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ein Mensch, dem „Versuchungen“ nicht fremd sind, wie es wenig früher heißt. Ein Mensch, der weint, der zweifelt, der fleht, der bittet – kurz: ein Mensch, der lebt. Arm dran ist nicht der, der weint, der leidet, der hofft, der liebt, der fehlt – arm dran ist der, dessen Tränen versiegt sind, der in einem steinernen Käfig ohne Gefühle Leben muss.

Und wenn es weiter heißt: dieses sein Mensch-Sein hat er „dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte“ dann heißt das: Jesus lebte sein Leben in Beziehung – in Beziehung zu seinem Gott! Jesus lebte sein Leben als frommer Jud’ könnte man sagen, in Gottesfurcht und Gehorsam zu seinem Gott, den er Vater nannte. Jesus weinte, schrie, flehte, betete nicht ins Leere hinein – sondern in die lebendige Beziehung zu diesem seinem Vater.

„Und er ist wegen seiner Gottesfurcht erhört worden.“ Man könnte auch übersetzen: „er ist aus seiner Angst heraus erhört worden.“ Die erste Übersetzung betont mehr die Ursache des Erhört-Werdens, die Gottesfurcht („weil er Gott in Ehren hielt“ übersetzt Luther), die zweite Übersetzung betont mehr die Folge des Erhört-Werdens: die Befreiung von der Angst. Beides sind aber nur verschiedene Seiten derselben Medaille: aus der Furcht, wörtlich „Scheu“ gegenüber Gott geschieht das „Erhört-Werden“ – und umgekehrt: das Erhört-Werden führt zu einer Er-Lösung, Befreiung von der Angst.

Was aber heißt Erhört-Werden? Erhört werden heißt: gehört werden. Meine Stimme ruft nicht ins Leere. Meine Stimme wird weder von der Stille verschluckt, noch tönt sie als leeres Echo auf mich zurück. Erhört werden heißt: meine Stimme findet ein Gegenüber, einen anderen, der mich hört. Erhört-Werden heißt: mein Leben geschieht in Beziehung: in Beziehung zu mir, zu meinen Mit-Menschen, zu meinem Gott. Solange ich mich in dieser Beziehung fühle, muss ich keine Angst haben. Und wieder gilt: arm dran ist nicht der, der schreit und fleht, der jammert und klagt – arm dran ist, wer sich aus dem Leben zurückgezogen hat, wer sich in unerreichbares Schweigen zurückgezogen hat. Arm dran ist, wer in seinen Gedanken um sich selbst kreist, wer unerreichbar geworden ist für den anderen. Nur wer ruft, hat die Chance gehört zu werden. Aber riskiert natürlich auch, überhört zu werden. Dieses Er-Leiden erspart sich, wer sich dem Leben, wer sich der Beziehung entzieht.

„Und er lernte, obschon der Sohn seiend, an dem was er erlitt, Gehorsam.“

Welch’ ein beruhigender Gedanke: jeder muss lernen, auch der Sohn Gottes selbst. Er kam nicht als erleuchteter Guru auf die Welt, über allem stehend. Wir glauben nicht an einen Supermann, sondern an einen Menschen aus Fleisch und Blut! Lernen müssen ist keine Schande, sondern eine Notwendigkeit. Und das heißt natürlich auch: Fehler machen ist keine Schande. Fehler sind dazu da, daraus zu lernen. Natürlich ist es schön, keine Fehler zu machen. Natürlich ist es gut, sich Mühe zu geben. Aber wir sind alle Menschen – und zum Mensch-Sein gehört das Fehler-Machen dazu.

So gesehen gäbe es überhaupt keinen Grund, sich über die Fehler anderer lustig zu machen. Ich sage bewusst gäbe, weil wir alle wissen, wie verführerisch es ist, sich über die Fehler und Schwächen der anderen zu erheben. Es ist ein Gefühl des Triumphes, auf das zu verzichten gar nicht so leicht ist. Die Kehrseite dieses Triumphes ist ein Gefühl der Kränkung: je weniger ein Mensch in seinem Selbst- und Gottvertrauen gefestigt ist, desto verletzender erlebt er es, wenn er einen Fehler macht, wenn ihm etwas misslingt. Es fehlt ihm eine gütige innere Stimme, die zu ihm sagt: „Ist doch nicht so schlimm! Jetzt geht es halt an der Stelle weiter.“

Wer keine Fehler machen darf, der hat es auch schwer mit dem Lernen aus Erfahrung. Der muss sich seine Erfahrungen so hinbiegen, dass der „Fehler“, dass das, was nicht glückte, ganz bestimmt nicht an ihm lag. Und er wird sich zurückziehen. Denn in der Einsamkeit kann man keine Fehler machen. Aber eben auch nichts lernen. Im um mich selbst kreisenden Rückzug gibt es keine Stimme, die mir wohlwollend zugewandt sagt: „Ist doch nicht so schlimm!“

Nur wer sich eingesteht, sich täuschen zu können, sich irren zu können, der kann auch lernen. Wobei dieses Lernen immer mit Schmerzen verbunden ist: es ist schmerzhaft, erfahren zu müssen, dass es nicht so ging, wie man es sich vorstellte. Ohne Leiden, ohne die Fähigkeit des Er-Leidens – geschieht kein Lernen aus Erfahrung. Es ist nötig „durch den Schmerz hindurch zu gehen“ – nicht um des Schmerzes willen, sondern um des Lernens, des Sich-Entwickelns willen!

Aus der Erfahrung seines Leidens hatte Jesus zu lernen – und zwar Gehorsam zu seinem Gott! Das Leben in Gottesfurcht ist also nicht nur keine Garantie für ein schmerzfreies Leben. Schlimmer noch: gerade erst im Schmerz, im Er-Leiden wächst, entwickelt sich der Gehorsam.

„Er lernte an dem, was er erlitt, Gehorsam.“ In „Gehorsam“ steckt „hören“. Heißt also freier übersetzt: „Er erlernte über sein Leiden das Hören – das Hören auf den Vater, das Hören auf Gott.“ Er lernte auf Gott zu hören in seinem Weinen, in seinem Ringen mit Gott. Er hörte so sehr auf Gott, dass er – obschon der Sohn seiend – zu seinem eigenen Sohn wurde.

Was heißt das? Wenn wir aufhören, Gott als alten Mann mit weißem Bart zu verniedlichen, dann bedeutet das Ringen mit Gott: das Ringen mit dem Leben selbst. Das Ringen mit dem Leben, so wie es mir geschickt wurde – das Ringen mit meinem Schicksal. Ich vermute, nahezu jeder von uns, die wir hier zusammen sind, könnte etwas beitragen zu dem Thema: „So habe ich  mir mein Leben nicht vorgestellt!“ Ich vermute, auch Jesus hat sich sein Leben anders vorgestellt. Er hatte gehofft, die Menschen zu erreichen mit seiner Predigt von der Liebe. Er hatte sich solche Mühe gegeben zu überzeugen. Und er hatte überzeugt. Viele waren ihm zugetan. Aber er hatte nicht mit der Macht des Establishments gerechnet. Das fühlte sich von seinen Gedanken, von seiner Lehre im Kern bedroht. Das Establishment ist wesentlich konservativ – und hierarchisch.  Jesus war ein Angreifer, ein Provokateur. Sicherlich auch aus Liebe. Aber auch aus Leidenschaft zur Wahrheit und zu seinem Gott. Und wohl auch aus Hass auf die religiösen Erstarrungen, repräsentiert durch die führende religiöse Schicht: durch die Pharisäer. Jesu radikale Gedanken brachten ihn neben der Zustimmung der Menge den vernichtenden Hass des religiösen Establishments ein. Die Denk-Gefäße des Establishments zerbrachen an der Wucht der Gedanken dieses Mannes aus Nazareth. So musste er hingerichtet werden. Seine Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes, die keine Unterschiede macht zwischen arm und reich, oben und unten, Mann und Frau, Jude und Heide  sollte mit ihm sterben!

Jesus hatte also lernen, dass seine Entdeckung der Botschaft von einem nahen, von einem liebenden Gott nicht mit Jubel begrüßt wurde. (Das ist im übrigen das Schicksal vieler Entdecker und Neuerer, dass ihre Entdeckungen gerade nicht bejubelt werden) Und er musste lernen, dass dieser Gott, den er als seinen Vater verstand, ihm nicht machtvoll zur Seite stand. Er musste seine Ohnmacht und die Ohnmacht seiner Vaters aushalten. Und den Verrat durch seine engsten Freunde: Judas, aber auch Petrus. Jesus musste lernen, wie sich Verlassenheit anfühlt – bis hin zum „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Dieses Allein-Sein muss aushalten, wer es wagt, eigene Wege zu beschreiten. Wer eine Passion (eine Leidenschaft) hat, der riskiert, darin abgelehnt zu werden. Und wer als Passion die Predigt von der bedingungslosen Liebe Gottes hat, und erwartet, dass die anderen Menschen dieselbe Passion entwickeln, der muss sich eigentlich nicht wundern, dass er sich unbeliebt macht. Jesus ist seiner Passion treu geblieben. Darin ist er seinem Gott treu geblieben. Das ist seine „Leistung“, das ist das, weshalb wir „Ehre sei dir Christe!“ beten und singen – nicht für die Qualen der Kreuzigung, nicht für sein Märtyer-Sein – nein: für seine unerschütterliche Treue zu Gott, zu seinem Vater: auch in der Stunde größten Schmerzes, tiefster Ohnmacht. Und diese Treue zu Gott, dieses ganz tiefe Vertrauen zu Gott ist es, was ihn „vollendet hat“.

Der Weg des Gehorsams, des Hörens auf Gott und auf seine Gebote, führt zwar nicht zu schmerzfreiem Leben, aber es führt zu einem „vollendet werden“, zu einem „ganz werden“, zu einem „heil werden“. Der Weg Jesu führt zwar in die Schmerzen tiefer Verlassenheit, aber er führt gerade so darüber hinaus. Er führt zu einem neuen Heil, einer neuen Ganzheit, die wir als „Auferstehung“ bezeichnen.

Die „Auferstehung“ Jesu erscheint mir als die kopernikanische Wende seiner Gottesbeziehung. Wurde er in seinem irdischen Leben nicht müde, auf Gott hin zu predigen und zu leben – was ihn schließlich ans Kreuz führte, so lebte er nach der Katastrophe, nach der Vollendung seines Kreuzweges, von Gott her. Für den Auferstandenen ist die Last des Kreuzes abgefallen, sein Leben ist leicht und ruhig, sein „Joch ist sanft“ geworden. Er muss Gott nicht mehr gehorsam sein, weil er zum Gehorsam Gottes selbst geworden ist. Er muss keine Liebe mehr predigen, weil er zur Liebe selbst geworden ist. Er muss keinen Tod mehr fürchten, weil er zum Leben selbst geworden ist.

Und wenn es heißt: „so ist er allen, die ihm gehorsam sind, der Urheber ewigen Heils geworden“ – dann sind damit wir gemeint. Trauen wir uns, seiner Botschaft denselben unbedingten Gehorsam zu schenken, wie er seinem Vater gehorchte? Trauen wir uns, nicht nur über Liebe zu reden, sondern zu Liebenden zu werden? Trauen wir uns, eigene Wege zu beschreiten, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit zu uns selbst und zu unseren Mitmenschen wichtiger zu nehmen als die Frage, ob wir dafür Anerkennung bekommen? Trauen wir uns, die unweigerlichen Schmerzen des Allein-Seins, des Nicht-Verstanden-Werdens zu ertragen? Trauen wir uns, von dem auferstandenen Gekreuzigten her zu leben?

Ich denke, diese Frage kann man nicht ein für allemal beantworten. Zum Glaube gehört der Zweifel, zum Leben gehört der Tod, zur Kreuzigung gehört die Auferstehung. Wenn wir dies in der Tiefe unserer Seele bejahen können, dann kann uns nicht mehr so viel passieren. Denn dieses Ja zum Leben gibt uns die Kraft, jeden Tag, der sich uns eröffnet, auch wirklich zu leben, neugierig darauf, was uns dieser Tag schenkt, und was wir vielleicht gerade zu lernen haben. Merken Sie den Passiv? Passiv und Passion hängen zusammen. Der Tag kommt auf uns zu und das beste, was wir machen können, ist, sich  ihm hinzugeben! Das vergessen wir so leicht, wenn wir in unser alt-vertrautes Gefühl des Sich-Abstrampelns kommen – so als müssten wir unser Leben neu erfinden! Müssen wir aber gar nicht! Und können wir auch gar nicht!

Und wenn der Tag dann zu Ende geht, dann können wir ihn freundlich loslassen, und ihn zurück legen in Gottes ewigen Schoß. Dankbar darüber, dass wir an dem Wunder des Lebens Anteil bekommen durften und das getan und gelassen haben, was uns eben gerade möglich war. Wenn wir das ehrlichen und treuen Herzens vor uns selbst und vor Gott tun – dann wirkt Jesu Gehorsam in uns weiter und wir können vertrauensvoll und zufrieden uns der dunklen Nacht überlassen. Und so „vollendet“ sich in den vielen Tagen, die uns geschenkt sind, unser Leben bis hin zu jenem unwiderruflich letzten Tag – an dem wir, wenn wir Glück haben, vielleicht noch einmal beten können:
„Ehre sei dir Christe, der du littest Not,
an dem Stamm des Kreuzes, für uns bittren Tod,
lebest mit dem Vater in der Ewigkeit,
führst uns arme Sünder zu der Seligkeit.“                                                                   AMEN.

Und die Liebe Gottes, die höher ist als all unsere menschliche Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus AMEN.

7. Sonntag n. Trinitatis (2009)

Predigt über Johannes 6, 1-15 am 26. Juli 2009 in der Apostelkirche
Von Lothar Malkwitz

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

wenn man mich fragen würde, worüber ich heute predige, wäre meine Antwort jetzt, nachdem meine Predigt so weit gediehen ist, dass ich es wage, sie hier zu veröffentlichen: über menschlich-christliche Verführungen.

Wenn Sie jetzt glauben, dass ich eine alte Predigt über die Versuchungsgeschichte Jesu herausgezogen habe, weil ich zu faul war, mich mit dem heutigen Predigttext zu beschäftigen, dann täuschen Sie sich. Nein: meine Predigt über den heutigen Text – Sie haben ihn vorhin gehört: es ist die Geschichte von der Speisung der 5000 in der Version des Johannesevangeliums – meine Auseinandersetzung mit die-sem Text ist zu einer Predigt über menschlich-christliche Verführungen geworden. Ich kann nicht sagen, dass ich dies beabsichtigte. Eher: es hat sich so ergeben. Sie kennen das vielleicht auch: wenn man sich in eine Geschichte vertieft, selbstvergessen eine Geschichte auf sich wirken lässt, dann weiß man nicht, wo es hin geht.

Es ist nicht leicht sich einzugestehen: „Ich weiß auch nicht, wo es hingeht.“ Ängste und Unsicherhei-ten lauern allerorten. Wir versuchen sie mit Sicherheiten zu bekämpfen, um ein Gewissheits-Fundament zu bekommen. Bezüglich unseres Textes wäre ein Fundament die Behauptung: wir müssen diesen Text wörtlich verstehen, dies ist ein naturwissenschaftlich unerklärbares Wunder, einer der vielen Beweise, dass dieser Jesus aus N. wirklich Gottes Sohn, wirklich Gott ist. Und Gott, der Schöp-fer alles Lebens hat es ja wohl nicht nötig, sich an naturwissenschaftliche Gesetze oder gar Grenzen zu halten. Das Gegen-Fundament sagt logischerweise das Gegenteil: das ist doch alles Lug und Trug, Ausdruck von magisch-allmächtigem Wunschdenken, eine Mischung aus Schlaraffenlandfantasien und unrealistischen Retter-Erwartungen.

Beide Fundamente sind ob ihrer Eindeutigkeit verführerisch. „So ist es – und nicht anders“: diese Ein-deutigkeit ist die Verführung, in der ein Fundament des Denkens sich zum Fundamentalismus des Denkens verschiebt. Ein-Deutig: d.h. es gibt nur eine Deutung, nur ein Verstehen. Verlassen wir die ein-deutige Position, kommen wir in das Gebiet des Zwei-Deutigen, Drei-Deutigen und schließlich (n +1)-Deutigen, um es mathematisch zu formulieren. Umgangssprachlich nennt man das Pluralismus. Salopp heißt es: multi-kulti. Bayerisch heißt es vielleicht: „Leben und leben lassen“. Der Vorteil der pluralistischen Position besteht zweifelsohne darin, dass ihr fanatischer Fundamentalismus fremd zu sein scheint. Ihr Nachteil ist, dass sie die Frage nach der Wahrheit wenn nicht aufgegeben so zumin-dest stark relativiert hat. Versuche ich, Wahrheit zu formulieren, kann ich mich nicht mit Pluralität zufrieden geben. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als die vielen Standpunkte miteinander zu ver-knüpfen, zu integrieren. Dies ist ein recht mühsamer Weg. Ich glaube aber, dass wir Menschen Lebe-wesen sind, denen eine Sehnsucht nach Wahrheit eingepflanzt, wie den Pflanzen eine Sehnsucht nach Sonne und Wasser. Der Missbrauch dieser Sehnsucht führt zu Fundamentalismus und Fanatismus. Das Ernst-Nehmen dieser Sehnsucht führt auf den dunklen Weg des Glaubens an einen Gott, der ebenfalls in diesem Leben dunkel bleibt – wie der Heilige Johannes v. Kreuz nicht müde wird zu sagen. Und ich glaube, weil ich es erlebe: dieser dunkle Weg des Glaubens zu Gott macht satt und befreit von fesseln-den Süchten und Sehn-Süchten.

Damit sind wir bei unserer Geschichte. Eine Geschichte, die vom Satt-Werden handelt.

„Jesus fuhr auf die andere Seite des Sees“ heißt es, es beginnt also mit einer Bewegung: Jesus, der Heiler, dem die Kranken nachfolgen, zieht weiter, hin „zur anderen Seite des Sees“. Die deutsche Sprache kennt noch die Verwandtschaft von Seele und See, so dass man sagen könnte: eine andere, eine weitere Seite der Seele bedarf der heilsamen Zuwendung: es ist der Umgang mit dem Hunger. Hunger, das ist keine Krankheit, sondern eine ganz natürliche Strebung, die uns mit den Tieren und den Pflanzen verbindet: es gibt kein Leben ohne Stoffwechsel. Wir sprechen aber auch von Hunger nach Wahrheit oder Gerechtigkeit: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit – denn sie sollen satt werden“ – so lautet eine Seligpreisung Jesu am Beginn der Bergpredigt. Auch in unserer Geschichte ist Jesus im übrigen auf einen Berg gegangen – vielleicht haben Matthäus und Johannes sogar dieselbe Szene im Auge. Aber in unserer Geschichte redet Jesus nicht über das Satt-Werden, sondern unsere Geschichte handelt vom Satt-Werden. Sie handelt davon, wie Menschen in der Ge-meinschaft miteinander und mit Jesus satt werden. Die Anspielung auf das Passah-Fest: (V. 4: „Es war aber das Passah nahe, das Fest der Juden“) könnte ein erster Hinweis darauf sein, was Johannes in unserer Geschichte eigentlich erzählen möchte: dass es um ein Gesättigt-werden im übertragenen Sin-ne geht. Passah, Pessach, hier wird kein Festmahl gefeiert, sondern eilig wird ein Lamm gebraten, es ist keine Zeit, es heißt Abschied nehmen, aufbrechen, der erste Tag der neuen Freiheit steht vor der Tür! Auch die Speisung der 5000 handelt nicht von einem Festmahl, von schön gedeckter Tischdecke und wohlbereiteten Speisen. Es erinnert eher an „fish and chips“, an schnelles Essen. Und so wie Johannes seine Leser prüfen will, ob sie verstehen, worum es ihm geht, so prüft Jesus den Philippus: „Woher sollen wir Brote kaufen, dass diese essen?“ fragt er ein wenig scheinheilig. Die Antwort des Philippus ist diplomatisch: „Für 200 Denare Brote würden nicht reichen“ sagt er. (Zur Orientierung: 1 Denar entspricht dem Tagesgehalt eines Taglöhners.) Also: mit Geld kommen wir hier nicht weiter heißt das. Und mit kaufen auch nicht. Das, worum es in unserer Geschichte geht, lässt sich mit Geld gar nicht kaufen!

Ein anderer Jünger, Andreas, macht darauf aufmerksam, dass da ein kleiner Junge herum stehe, mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen. Aber klar – was ist das für so viele? Das scheint genauso wenig weiter zu helfen, wie die Idee, man könnte Brot kaufen. Jesus aber veranlasst, dass die Leute lagern, nimmt die Brote und den Fisch, spricht ein Dankgebet, lässt Brote und Fisch austeilen – und siehe da – alle werden satt.

Dieser Jesus, von dem Johannes hier erzählt, scheint ein ganz anderer zu sein als der Jesus der Versu-chungsgeschichte. Dort war es der Teufel, der eine scheinheilige Frage stellte: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann verwandle diese Stein in Brot!“ Und Jesus hatte glasklar mit Moses ablehnend geantwortet: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Hat der Jesus unserer Geschichte seine Distanz dem Mate-riellen gegenüber aufgegeben? Der historisch richtige Hinweis, dass dies eben der Christus des Johan-nesevangeliums sei, und jenes der Jesus der Synoptiker, befriedigt mich nicht. Ich möchte einen integ-rierenden und integrativen Jesus Christus glauben und predigen!

Aber wie dahin kommen?  

Ich will so versuchen weiterzukommen: es gibt eine Sättigung für die Seele und eine Sättigung für den Körper. In unserer Geschichte wird die Sättigung des Körpers betont. In der Versuchungsgeschichte wird die Sättigung der Seele betont: die Seele braucht kein Brot, wohl aber der Körper. Andersherum heißt das: es gibt einen körperlichen und einen seelischen Hunger. Ein körperliches und seelisches Nicht-Satt-Sein. Bekannte Krankheiten wie Anorexia nervosa oder Bulimie lehren uns, wie nahe die Verbindungen zwischen körperlichem und seelischem Hunger sind. Wir  Menschen sind nicht Seele und Körper, sondern wir sind beseelte Körper, oder verkörperte Seelen. Die Übergänge zwischen kör-perlichen und seelischen Phänomenen sind fließend – und zwar in beide Richtungen. Und genau an diesem Ort des Übergangs, der kein Ort, sondern ein Geschehen, eine Dynamik ist, spielt unsere Ge-schichte. Wie das Passahmahl, (Pessach heißt wörtlich „vorüber gehen“) so handelt unsere Geschichte der Speisung der 5000 von der dynamischen Bewegung zwischen Materialität und Spiritualität, zwi-schen Konkretem und Geistigem, zwischen Brot und Wort, zwischen Körper und Seele.

In diesem Zusammenhang verstehe ich ihren Schluss: „Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Dieser ist wahrhaftig der Prophet, der in die Welt kommen soll. Da nun Jesus merkte, dass sie kommen und ihn ergreifen wollten, um ihn zum König zu machen, zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.“
So scheinen wir „Menschen“ zu sein: gerade in unvorhergesehener, überraschender Weise satt gewor-den – und schon überfällt uns ein neuer Hunger – „sie wollten ihn ergreifen“ griechisch „harpazo“, wörtlich „raffen“, „rauben“ (wie die „Raptoren“, jene gefährlichen fleischfressenden Saurier) – um ihn zum König zu machen. Das ist die Minus-Bewegung der genannten Dynamik: statt vom Materiellen hin zum Geistigen schnellt es wieder zurück zum „Haben-Wollen“, „Fassen-Wollen“, „Ergreifen-Wollen“. Nicht ein Moment des Inne-Haltens, der Dankbarkeit, des „es ist genug“. Getrieben von unserer Gier wollen wir halten und fassen, wollen besitzen: ein Land, in dem Milch und Honig fließt, einen König, der uns ewig satt machen soll, ein Kaufhaus der Sinne, in dem es alles geben soll.

Ich halte dies für die größte Verführung des Christentums und damit die größte Herausforderung: mit dem Glauben daran umzugehen, dass der Messias in Jesus Christus erschienen ist. Man könnte sagen, Jesus wurde in eine Zeit hineingeboren, die geradezu gierte nach einem Messias. Man war des War-tens überdrüssig, man war über die Fülle der nichterfüllten Verheißungen zu frustriert. In der explosi-ven Erfüllung des: „ER ist es!“ sehe ich die große Verführung des Christentums, nämlich die Verleug-nung des Negativen, des Nicht! „La re´ponse est le malheure de la question“ (die Antwort ist das Un-glück der Frage) sagt Maurice Blanchot. Die große Verführung des Christentums ist die manisch-euphorische Botschaft: „Wir haben die Antwort! Wir haben IHN! Er gehört uns!“ Die Kehrseite dieser Euphorie ist die depressive Leere, die unvermeidlich auf jede Euphorie folgt – wie der Kater auf den Rausch! Denn: die Manie des „Wir haben ihn!“ ist eine Illusion. Und Illusionen zerfallen wie Sand-burgen. Sie haben keinen Bestand. Weil das aber so schwer aushaltbar ist, ist die Verführung nahelie-gend, möglichst viele andere Menschen davon zu überzeugen, dass „wir IHN doch haben“ – wir nen-nen das dann missionieren. Aber die Geschichte der Titanic lehrt uns: auch wenn alle davon überzeugt sind, auf einem unsinkbaren Schiff zu sein –  es genügt ein einziger Eisberg und die ganze schöne Illu-sion geht unter!

Liebe Gemeinde,

wenn wir Christen in dieser Welt und für diese Welt glaubwürdig sein wollen – und mit glaubwürdig meine ich sehr wörtlich, dass man es für wert findet, unseren Gedanken und unserem Glauben Ver-trauen zu schenken -, dann muss sich unser Bekenntnis zu Jesus Christus unterscheiden lassen von Allmachtsfantasien, die nur den einen Zweck haben: unsere menschliche Wirklichkeit in ihrer Be-grenztheit, in ihrer Bescheidenheit, in ihrer Gebrechlichkeit, in ihrer Bedürftigkeit zu verschleiern. Wenn unser Glaube wirklich tragen soll, dann darf er nicht auf dem fundamentalistischen Sand von Illusionen und Größenfantasien aufgebaut werden.

Im Zuge dieser Gedanken erblicke ich das eigentliche Wunder in unserer Geschichte, in der „negati-ven Kraft“ dieses Menschen aus Nazareth. Mit „negativ“ meine ich jene Kraft, die nötig ist, um meine Sehnsucht nach Verschmelzung mit den anderen zu ertragen – ohne ihr nachzugeben. Hätte Jesus sich dieser Sehnsucht unterworfen, wäre er König geworden. Er aber zieht sich zurück. Er zieht sich in sein Allein-Sein mit Gott zurück: der Berg ist natürlich der Berg der Offenbarung Gottes, der Ort, an dem Gott seinen großen Propheten begegnet ist. Erst in diesem Satz: „und er zog sich auf den Berg zurück, er ganz allein“ scheint mir unsere Geschichte ihr Ende und Ziel zu erreichen. Wer diesen Jesus ernst nimmt, wer sich aufmacht, ihm „nachzufolgen“, wer sich traut, sein eigenes Kreuz d.h. sein eigenes Lebensschicksal zu tragen – der sammle all’ seine Fähigkeit, allein zu sein: denn der Weg ist steinig und die äußere Anerkennung gering. Und so manche hat dieser Weg nach den Maßstäben dieser Welt nicht weiter als bis ans Kreuz der Verspottung und Verachtung geführt.

Und doch wurden sie nicht müde, bis zuletzt vom Reich Gottes zu predigen, von jenem Reich, das nicht erlangt und nicht besessen werden kann; in dem die Könige sind, die keinen Wert darauf legen, Könige zu sein! In diesem Sinne bekenne ich dankbar: Christus ist König: ein Nicht-König in einem Nicht-Reich: „Nicht von dieser Welt!“ Wir glauben einen Nicht-König! Das ist unsere Stimme im Chor der Gemeinschaft der Wahrheit-Suchenden, die sich mit der pluralistischen Kapitulation nicht zufrieden geben wollen. Die Wahrheit selbst wohnt übrigens auch in so einem Nicht-Reich: das grie-chische Wort für Wahrheit lautet: „a-letheia“ – wörtlich das Nicht-Vergessene. Sie erinnern sich: Le-the: der Fluss des Vergessens, der den Hades, die Unterwelt, die Schattenwelt von der Welt des Le-bens trennt. Die A-Letheia, die Wahrheit ist selbst eine negative Kraft: die Kraft des Nicht-Vergessens, oder, anders ausgedrückt, die Kraft des Aufdeckens, des Gewahr-Werdens, des Entde-ckens. Und so gesehen ist das Wunder der Speisung der 5000 selbst das Wunder der „negativen Kraft“: nahezu aus „Nichts“, mit fünf Broten und zwei Fischen geschieht etwas, und das macht ganz viele satt! Fünf plus zwei ist sieben. Unschwer zu erkennen, dass unsere Geschichte mit der Schöp-fungsgeschichte spielt, wo die Welt von Gott in sieben Tagen erschaffen wird. Übrigens: so wenig Gott aus dem Nichts schafft, so wenig geschieht die wunderbare Brotvermehrung aus dem Nichts: ein kleiner Junge mit seinen fünf Broten und seinen zwei Fischen löst alles aus. Eine kindliche Seite, die noch unverdorben und unverstellt die Wirklichkeit sieht, löst die wunderbare Sättigung aus! Der naive, von Vorurteilen und Denkschablonen geläuterte Blick auf die Wirklichkeit, schafft wirklich Neues!

Liebe Schwestern und Brüder,
lassen Sie uns diesem Rabbi Jeshua, wie ihn Pinchas Lapide nennt, nachfolgen, und zwar so, dass wir unseren je eigenen und je einmaligen Weg gehen – zu uns selbst und eben darin zu Gott. Das Gehen dieses Weges – das hat uns Jesus vorgelebt – ist ein wirksamer Schutz sowohl gegen die Einflüsterun-gen des Teufels in unserem eigenen Inneren als auch gegen die Verführungen unserer Mitmenschen im außen. Und das Gehen dieses Weges schenkt uns eine Nahrung, die viel sättigender ist als die Fast-Food-Illusionen der schnellen Euphorie.

Gebe Gott, dass wir für seine Berührungen empfänglich sind, und dass wir darin Ahnungen empfan-gen von jener tiefen Wahrheit, die jenseits unseres Vergessensstromes liegt, gebe Gott, dass wir diesen Ahnungen immer tiefer vertrauen, gebe Gott, dass sich unser Leben hin zu einer einzigen großen Ah-nung seiner Gegenwart in dieser Welt entfalten möge, die uns und unsere Mitmenschen sättigt,   A-MEN.

Und die Liebe Gottes, die unseren Verstand übersteigt, wird unser Fühlen und unser Denken bewahren in Chris-tus Jesus, AMEN.

Predigt am Gründonnerstag 2009

Predigt über Johannes 13, 1-15 am Gründonnerstag in Pullach

von Lothar Malkwitz

Gelobt sei Jesus Christus

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

 

Liebe Gemeinde!

 

Finden Sie nicht auch: dieser schöne Kirchenraum und diese abendliche Stunde laden zu einer meditativen Begegnung geradezu ein. Lassen Sie uns also versuchen, in träumerischer Ge-Löstheit unserem heutigen Predigttext – es ist das vorhin gehörte Evangelium von der Fußwaschung durch Jesus – zu begegnen.

Ich werde ihn abschnittsweise in einer eigenen Übersetzung, die sich sehr eng am griechischen Text hält, vorlesen und Ihnen jeweils meine Gedanken dazu sagen. Vielleicht kommen wir auch in einen kleinen Dialog: scheuen Sie sich nicht, mich zu unterbrechen und eigene Gedanken beizusteuern.

 

Vor dem Passahfest aber, als Jesus wusste, dass die Stunde gekommen war, wo er hinübergehen würde aus dieser Welt zu dem Vater – da er seine Eigenen, die in dieser Welt waren, liebte, liebte er sie bis zur Erfüllung.“

 

Sie merken sogleich: dieser Satz geht nicht auf.  Etwas stößt sich. Auf der einen Seite ist Jesus und sein  Wissen: es ist soweit. Auf der anderen Seite stehen die Jünger, die Freunde Jesu. Zwischen beiden  – ein abweisender Gedankenstrich. Inhaltlich trennt Jesus und seine Freunde die unterschiedliche Stellung in der Welt, (dem „Kosmos“). Jesus ist dabei, diese Welt zu verlassen, die Jünger „sind“ und bleiben in dieser Welt. Zum Problem wird dies freilich erst dadurch, dass Jesus liebt. „Agape“: das ist die Liebe die von Gott ausgeht; Agape, das ist das Band zwischen Vater und Sohn und Agape, das ist die Liebe, mit der Jesus „seine Eigenen“, wie die Jünger hier genannt werden, liebt. Der Sohn Gottes, das Wort Gottes „geht hinüber“ in sein Eigenes, zu seinem Vater und lässt seine Eigenen zurück. Das ist der Konflikt. Wie soll das gehen – ohne dass die Liebe des Sohnes ihn selbst zerreißt? Entweder er lässt seine „Eigenen“ verlassen, alleine zurück, oder er verweigert sich seiner Bestimmung, zum Vater und das heißt, zu sich selbst hinüber zugehen. Der Konflikt entsteht am „Übergang“ – lateinisch „trans-itus“ – nur gibt es keinen Transrapid, der weiterhelfen würde. Der Konflikt verschärft sich, weil das Wort Gottes keine Abbrüche kennt. Es liebt die Seinen „bis zum Telos“: „telos“ das heißt: es ist genug, es ist vollbracht, es ist befriedet, es ist erfüllt! „Telos“ heißt: „das Zeitliche segnen.“ Wie also kann dieser Konflikt des Übergangs gelöst werden? Jesu Auflösung erzählt die nun folgende Geschichte von der Fußwaschung.

 

Und bei einem Abendessen, als der Teufel schon dem Judas (Simons Sohn, dem Iskariot) ins Herz geschleudert hatte, dass er ihn überliefere, steht Jesus – wissend, dass der Vater ihm alles in die Hände gegeben und dass er von Gott ausgegangen war und zu Gott hingehe – von dem Abendessen auf, legt die Oberkleider ab, nahm ein leinenes Tuch und umgürtete sich damit.“

 

Im Zusammenhang des bisher Betrachteten ist dieses Abendessen viel mehr als einfach ein gemütliches Abendessen. Es geht um Abschied, um Trennung und darum, wie diese Trennung gut gehen kann. Bewusst allerdings ist das von den Teilnehmern des Abendessens nur zweien: Jesus und – Judas! Der eine weiß es als Messias, der andere als der, der den Messias „überliefert“. Merkwürdig, dass Johannes das, was Judas getan hat, als paradidomi – wörtlich „übergeben“ – be- zeichnet – dasselbe Wort verwendet er für Jesu Sterben: „er übergab den Geist“ (Joh 19,30). Johannes verweist auf den unauflöslichen, paradoxen  Zusammenhang zwischen Verräter und Messias – vor der katastrophalen Wende! Erst im warmen Schein des Auferstehungslichtes löst sich dieser Knoten. Erst in diesem Licht gibt es Barmherzigkeit für beide: für den Gekreuzigten wie für seinen Verräter! Vor der Katastrophe, vor der radikalen Wende, gibt es in allen vier Evangelien den Messias nicht ohne seinen Gegenspieler – der Satan taucht in den Versuchungsgeschichten auf und bleibt an Jesu Seite bis zu seiner Kreuzigung!

 

Die kleine Gruppe ist also inmitten des Abendessens, als Jesus mit einem Mal aufsteht. Der nochmalige Einschub, dass Jesus wusste, „dass der Vater ihm alles in die Hände gegeben hatte und dass er von Gott ausgegangen war und zu Gott hingehe“ scheint mir wie einen kurzen Einblick in das Denken Jesu selbst zu gewähren: als hätte er noch eines kleinen inneren „Anstupsers“ gebraucht, dass es richtig ist, was er sich vorgenommen hatte zu tun. Als hätte eine für die anderen unhörbare Stimme zu ihm gesagt: „Traue dich, folge deiner Intuition und handle nach dem, was du für richtig hältst! Darin geschieht mein Wille.“ Und dann steht er also auf, legt seine Oberbekleidung ab, umgürtet sich mit einem Tuch aus grobem Leinen. Ich sehe geradezu die staunenden Blicke seiner Freunde. ‚Was hat er vor?’ ‚Er ist ja immer für eine Überraschung gut – aber was will er denn jetzt? Warum bleibt er nicht sitzen und  isst mit uns weiter? Und warum zieht er sein Gewand aus und legt sich einen Schurz um – wie ein Dienstbote, wie ein Sklave?’

 

Dann gießt er Wasser in das Waschbecken und fing an, die Füße der Jünger zu waschen und mit dem leinenen Tuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war.

 

Offenbar waren die Jünger sprachlos. Sie ließen an sich geschehen, was der Meister tat – ohne Worte. Einmal mehr ist es Simon Petrus, der in seiner naiv-liebenswürdigen, manchmal ein wenig polternden Art Worte findet:

 

Er kommt zu Simon Petrus, der spricht zu ihm: Herr, du wäschst mir die Füße?

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, weißt du noch nicht. Du wirst es aber danach verstehen. Sagt Petrus zu ihm: Nie und nimmer wirst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, erhältst du keinen Anteil an mir. Darauf Simon Petrus: Herr, nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und den Kopf. Sagt Jesus zu ihm: Wer gebadet ist muss sich nicht mehr waschen – außer die Füße -, sondern er ist ganz gereinigt. Ihr seid gereinigt, aber nicht alle. Er wusste nämlich den, der ihn üb erliefern würde, deshalb sagte er: Ihr seid nicht alle gereinigt.

 

Petrus ist fassungslos: Herr, du wäschst mir die Füße? Das stellt doch alles auf den Kopf! Nicht der Herr wäscht dem Diener die Füße, sondern der Diener seinem Herrn! Jesus antwortet freundlich: Was ich jetzt tue, das kannst du nicht verstehen. Aber – habe etwas Geduld, du wirst es noch verstehen. Petrus hat diese Geduld nicht. Warten, nachdenken, sich Zeit lassen ist nicht seine Sache. „Nie und nimmer wirst du mir die Füße waschen!“ poltert es aus ihm heraus. Doch Jesus steht nicht der Sinn zu streiten. Er ist zu sehr von einem anderen Licht umgeben, er ist zu weit auf dem Weg zu seinem Vater gegangen, als dass er sich noch in Streitereien verwickeln ließe. So antwortet er sehr nüchtern: „Wenn ich dich nicht wasche, erhältst du keinen Anteil an mir.“ Kein Hauch eines Vorwurfs, nicht der kleinste missionarische Impetus, kein Ziehen, kein Drängen. ‚Du musst selbst entscheiden, was du willst. Und dann die Konsequenzen tragen.’ Genau das wollte Petrus natürlich überhaupt nicht hören. Keinen Anteil an seinem Meister – um Gottes Willen – nein, das ist das Allerletzte: ‚wenn das so ist, dann wasche mich ganz, alles: Füße, Hände, Kopf!’ Ich mag diesen Petrus in seiner Menschlichkeit und Leidenschaftlichkeit, diesen ungestümen und doch so treuen Kämpfer. Er ist wirklich ein wohltuender Fels in der Brandung menschlicher Lauheiten und Vagheiten!  Ich sehe wie Jesus seinen Freund Petrus anlächelt, wenn er ihm erwidert: ‚Verstehe bitte richtig, das was ich hier tue ist eine Handlung, die auf etwas anderes verweist – es geht in der Tiefe nicht um die Handlung als solche. Deshalb muss ich dich auch nicht ganz waschen. Ich wasche dir deine Füße, damit du spürst: ich reinige dich von deiner großen Zehe an – also von ganz unten, von da, wo du stehst und wo du hingehst. Alles aber hängt ab davon, ob ihr dazu bereit seid, euch von mir reinigen zu lassen. Dafür müsst ihr euren Stolz überwinden. Denn nur der kann reingewaschen werden, der anerkannt hat, dass er schmutzig ist. Und – der anerkannt hat, dass dies ein Schmutz ist, den er selbst nicht von sich abwaschen kann. Das ist am Schwierigsten, weil es uns mit unserem Ohnmächtig-Sein konfrontiert. Ich hoffe, ihr als meine Freunde und Schüler seid dazu bereit – und werdet diesen Weg weitergehen – außer einem! Leider ist einer unter euch, der schämt sich so sehr über mich. Der hält genau das nicht aus, was ihr, meine ‚Eigenen’, ertragt: dass ich kein Macher bin, dass ich nicht deswegen gekommen bin, um als Revolutionär und König ein neues Reich zu gründen. Er hat vergessen, dass das Zentrum meiner Botschaft machtlose Liebe und nicht unterwerfende Gewalt ist. In seiner ohnmächtigen Wut auf mich – die ich im übrigen gut verstehen kann -, wird er tun, was er tun muss.’

 

Ich vermute, in das Staunen der Jünger über ihren Lehrer, Freund und Meister mischt sich jetzt die Angst. Was meint er genau? Und wen unter uns meint er? Aber Jesus schweigt – und keiner traut sich etwas zu sagen.

 

Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Oberkleider und setzte sich wieder hin. Und er sagte zu ihnen: Begreift ihr, was ich euch getan habe?

 

Ihr nennt mich Lehrer und Herr (kyrios) und ihr sagt es recht: ich bin es. Wenn also ich, euer Herr und Lehrer, euch die Füße gewaschen habe, so seid auch ihr es schuldig, euch gegenseitig die Füße zu waschen. Ein Beispiel habe ich euch nämlich gegeben, damit ihr einander so tut, wie ich euch getan habe. Amen, Amen ich sage euch: Der Diener ist nicht größer als sein Herr und der Gesandte ist nicht größer, als der, der ihn gesandt hat. Wenn ihr dies wisst – selig seid ihr, wenn ihr danach handelt.

 

Obwohl Jesus zu Petrus gesagt hatte‚ er kann es erst später verstehen, was hier geschieht, so will er doch noch eine wenigstens vorläufige Deutung geben – wissend, dass alles wirklich klar werden wird erst an Ostern. ‚Begreift ihr, was ich euch getan habe? Verbindet doch das, was ich euch getan habe, mit eurem Glauben an mich. Ich bin euer Lehrer und Meister. Das stimmt. Und als dieser habe ich euch eure Füße gewaschen. Als dieser habe ich euch etwas getan, was normalerweise Sklavenarbeit ist. Deshalb musste sich Petrus vorhin so empören! Ihr müsst das beides zusammen denken: das, was ich euch getan habe, mit dem, wer ich für euch bin. Dann könnt ihr verstehen, worum es mir geht. Wenn ihr wirklich meine Jünger, meine Schüler seid, – und ihr seid meine Schüler so, wie ich euer Meister bin – dann tragt das, was ihr mit mir erlebt habt, ganz tief in eurem Herzen. Bewahrt es in eurem Herzen auf. Indem ihr dies tut, bleibe ich ganz lebendig bei euch. Wenn ihr euch aber übereinander stellt, wenn ihr von oben herab auf einander seht – dann geschieht das, was heute Nacht geschieht. Ich und meine Botschaft werden verraten. Weil ihr aber alle auch Menschen dieser Welt seid, fechten euch die Verführungen dieser Welt an: diese Welt denkt in Kategorien von Macht und Stärke, von reich und arm, von Haben und Besitzen. Als meine Schüler wisst ihr um diese Anfechtungen und habt gelernt, euch davon immer wieder zu reinigen. Aber so wie ich in dieser Nacht verraten werde, so werde ich immer wieder verraten werden: letztlich aus Enttäuschung darüber, dass ich und meine Botschaft scheinbar so wenig bewege in dieser Welt. Aber vergesst nie: mein Reich ist nicht von dieser Welt – deshalb wird diese Welt mit ihren Statussymbolen der Macht mich auch nie kennen lernen können.’

 

Liebe Gemeinde!

 

Wenn wir jetzt gemeinsam an diesem Gründonnerstag in Gedenken an unseren Lehrer und Meister das Abendmahl feiern werden, so lassen Sie es uns auch im Geiste unseres Lehrers tun. Lassen Sie uns das Abendmahl nicht als magisch gebrauten Zaubertrank verstehen, der uns übermenschliche Kräfte verleiht. Lassen Sie es uns als einen Keim erleben, der zu einem neuen Denken und zu neuen Handlungen und zu einer neuen Welt führt. Einer Welt, in der die äußeren Symbole von Reichtum und Anerkennung, in der unsere Titel und Leistungen, auf die unsere Welt so stolz ist, belanglos werden. Einer Welt, in der nur eines zählt: mein in Ehrlichkeit erhobenes Herz, das sich nicht mehr dem eigenen Stolz, sondern nur mehr der Wahrheit Gottes selbst unterwirft.

Das Abendmahl steht genau an jenem Schnittpunkt zwischen unserer uns so vertrauten Welt und jener Welt, die Jesus das „Reich Gottes“ nennt.

 

Und lassen Sie nicht nur unser Abendmahl, sondern unsere Gemeinschaft, ja unser ganzes Leben zu einem Ausdruck dieses „Reiches Gottes“ werden, in dem nur ein einziges Gebot gilt, und in diesem ist alles gesagt, und in diesem bleibt unser Lehrer und Meister hier gegenwärtig unter uns. Jesus sagt dieses Gebot ganz am Ende der Fußwaschungs-Szene, nachdem Judas schon nicht mehr im Kreise der Jünger ist:

 

„Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe, und so wie ich von meinem Vater geliebt werde. Indem ihr in dieser Liebe bleibt, bleibt mein Vater und ich bei euch – und an eben dieser Liebe wird man erkennen, dass ihr meine Jünger seid!“ (V.34-35)

 

So einfach ist das – und so schwierig zugleich.                                          AMEN.

 

 

Und die Liebe Gottes, die unseren Verstand übersteigt, wird unser Fühlen und unser Denken bewahren in Christus Jesus, AMEN.

 

 

 

 

 

Predigt am vierten Advent 2008

Predigt über Lukas 1, 46 – 55 (Magnifikat) am 4. Advent 2008 in der Thomaskirche

 

Meine Seele erhebt den Herren

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

 

Liebe Gemeinde,

 

der Predigttext des heutigen Sonntags – das vorhin gehörte Evangelium –  hat viele Künstler über die Zeiten hinweg inspiriert. Musiker haben das „Magnifikat“ – so heißt dieser Hymnus wegen seines lateinischen Anfangs: „magnificat anima mea dominum“ – in Töne verwandelt, Dichter haben es nachgedichtet, Theologen haben es immer wieder ausgelegt – wie z.B. Martin Luther im Jahr 1521.

 

Nun ist die Gefahr groß, dass man bei einem allzu bekannten Text immer wieder nur das hineinliest und heraushört, was man eh schon kennt. Ich glaube, es war Leonard Bernstein, der einmal gefordert hat, es solle ein weltweites Verbot geben, Beethovens Symphonien öffentlich zu spielen. Und zwar für wenigstens 10 Jahre! Nicht weil sie so schlecht sind, sondern damit man sie neu erfinden, neu entdecken kann.

Ob es uns jetzt gelingt, das Magnifikat neu zum Klingen zu bringen?

Jedenfalls lässt sich das nicht „machen“, es gibt keine Maschine, die „machen“ kann, dass etwas klingt. „Es“ klingt. Und schon sind wir beim Anfang unseres Textes, der wörtlich übersetzt auch mit „es“ anfängt: „es erhebt meine Seele Gott, den Herrn“ heißt es da  – und nicht „ich erhebe den Herrn“. Welches Ich soll denn auch in der Lage sein, Gott selbst zu erheben? Luther hat dies erkannt, wenn er den ersten Satz so auslegt: „als wollte Maria sagen: ‚Es schwebt mein Leben samt all meinen Sinnen in Gottes Liebe, Lob und hohen Freuden, dass ich, meiner selbst nicht mächtig, mehr erhoben werde als mich selber erhebe zu Gottes Lob.’

 

Spüren Sie die Schönheit dieser Worte? ‚Es schwebt mein Leben samt all meinen Sinnen in Gottes Liebe, Lob und hohen Freuden, dass ich, meiner selbst nicht mächtig, mehr erhoben werde als mich selber erhebe zu Gottes Lob.’

 

Glücklich, wer so etwas von sich sagen kann. „Meine Seele erhebt den Herrn“ – das ist weder das depressive „ich bin bedrückt und nieder-geschlagen, die meine Ängste und Sorgen nagen an meiner Seele“ noch das manisch-euphorische „ich stehe über den Dingen, meine Seele kann fliegen.“

 

„Meine Seele erhebt den Herrn“ ist Ausdruck der schwanger gewordenen Seele, ist Ausspruch der Gewissheit: es wächst in mir, in mir geschieht Entwicklung. Das Unfassbare dabei ist; dieses Wachstum ist „radikal“, von der Wurzel her neu. Deshalb muss Maria, eine Jungfrau sein, was natürlich nicht konkretistisch-biologisch miss zu verstehen ist –: Jungfrau, das ist das Bild für die Neuheit und Unversehrtheit des Gefäßes, mit dem sich Gottes Geist selbst paart. Die Geburt dessen, der die alten Systeme dieser Welt, die alten Mächte und Herrschaftsverhältnisse radikal, weil qualitativ durchbricht, die Geburt des Messias, bedarf schon bei der Konzeption, beim zeugenden Empfangen eines Paares, das nicht vom Alten verseucht ist. Deshalb heißt es Jungfrau.

 

Die geradezu naive, eben jungfräuliche Offenheit Marias für das Ungeheuerlich-Neue drückt sich in ihrer gelassenen Gelöstheit aus. Kein „Ich bilde mir was darauf ein, dass ich den Messias gebären werde“ ist da zu spüren. Im Gegenteil: Das Ich, das sich gerne etwas auf sich selbst einbildet, fehlt ja gerade in den ersten beiden Sätzen: „Meine Seele erhebt den Herrn, mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilands.“

 

So einfach ist das.

 

„Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“.

 

Das Griechische „tapeinos“, das Luther mit Niedrigkeit übersetzt, ist mehrdeutig. Es meint sowohl die materielle Armseligkeit als auch die „Demut“ im Sinne von Bescheidenheit. Es kann aber auch „Unterwürfigkeit“ bedeuten, in Richtung „Speichel lecken“ oder dem anderen „hinten hinein kriechen“.

 

Für Lukas, dem gerade auch an der materiell-sozialen Umwertung der Werte so viel liegt, weshalb die armen Hirten den Heiland als erstes entdecken dürfen, für Lukas, den Befreiungstheologen, geht es sicher an erster Stelle um die materielle Armut Marias. Gott wurde Mensch unter den Armen, ja er wurde von einer Armen geboren. Wie immer, wenn man die Bibel zu konkret nimmt, gerät man aber dann in unglückliche, widergöttliche Spaltungen. Gott ist weder ein Gott der Armen, noch ein Gott der Reichen. Gott ist im „weder – noch“ überhaupt nicht zu finden. Ebenso wenig lässt Gott im Materiellen finden – „das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt“ – das sagt Jesus auch im Lukasevangelium. Wenn wir das „Arm-Sein“ ein wenig nur von seiner materiellen Dimension entheben, leuchtet sofort ein Arm-Sein im Sinne eines Bedürftig-Seins auf. Maria ist nicht vor-besetzt mit Urteilen, Wertungen, Moralvorstellungen, Falschheiten und Richtigkeiten. In dieser ihrer Fähigkeit zur Selbst-Beschränkung und Selbst-Zurücknahme ist Maria arm und niedrig – und genau darin wird sie von Gottes Geist wahrgenommen.

 

Es gab und gibt gerade bei uns Christen leider immer wieder das Missverständnis, als führe der Weg zu Gott über ein Sich-Geiseln, Buckeln und in den anderen hineinkriechen. Verbunden damit ist oft ein gemeinsames Herabschauen auf die Anderen, die Nicht-Gläubigen. Wenn dieser Weg irgendwo hinführt, dann in die eigene Überheblichkeit – aber gewiss nicht zu Gott. Gott sucht aufrechte und aufrichtige Menschen, die bereit sind, ihr Leben anzunehmen, ihr eigenes Kreuz zu tragen und rücksichtsvoll und höflich mit ihren Mitmenschen umzugehen.

 

Wenn ich solche Sätze sage, liebe Gemeinde, dann als einer, der weiß, dass ich Gottes Liebe nicht verdient habe. Viel zu lange habe ich mich vor Gott und meinen Mitmenschen gebrüstet mit meinem theologischen Wissen, später setzte sich das vermeintliche psychologische Wissen an dessen Stelle. Ich war besetzt mit dem Hochmut Bescheid zu wissen und mit der Überheblichkeit, es moralisch besser zu wissen. Und gleichzeitig war ich von Gott und allen guten Geistern verlassen.

 

Ich kann Gott nur aus tiefstem Herzen danke sagen, dass er mich nicht aufgegeben hat – verdient habe ich es gewiss nicht.

 

„Von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.“

 

Wer sich so sicher ist, dass es wirklich Gott ist, dem er sich hingegeben hat, wer sich so sicher ist, dass es wirklich Gottes Geist ist, der in ihm wächst und aus ihm spricht, wer diese Sicherheit hat, mit der Ewigkeit in Verbund zu sein, der kann ohne Arroganz sagen: „es werden mich selig preisen alle Kindeskinder“. Wir normal Sterblichen, jedenfalls so jemand wie ich, sollte sich vor solchen Sätzen hüten.

 

„Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und des Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für bei denen, die ihn fürchten.“

 

„Epoiesen“ – das griechische Verb für „tun“ – lateinisch facere – meint hier nicht das flache „Machen“, das uns so geläufig ist, nicht dieses Schrödersche: „Wir machen das!“, nicht das Tun, das der homo faber, der homo „Macher“ kann – sondern es ist das Schöpferische Schaffen Gottes selbst. Es ist das „Tun“ – das in Genesis 1 genannt wird: Am Anfang „schuf“ Gott Himmel und Erde. In Maria und mit Maria wiederholt sich die Schöpfung Gottes – aber nicht so, dass halt alles noch mal gemacht wird, sondern dieser wiederholte Schöpfungsakt Gottes ist eine Neu-Schöpfung, eine unglaublich verdichtete, in dem Gefäß Maria enggeführte Neu-Schöpfung und Neu-Deutung alles bisher Da-Gewesenen.

 

Wie aber lässt sich Neues überhaupt denken – geschweige denn verwirklichen?

 

Man muss sich der Gefahr bewusst sein, dass sich Altes mit Neuem verkleiden kann. Der neue Haarschnitt, das neue Kleid, die neue Wohnung, der neue Job, der neue Partner, das neue Auto, dieses: „das ist jetzt mal was anderes“ – das ist nur neu Gemachtes – mit Neu-Schöpfung hat es meist nichts zu tun.

 

Heiraten und Kinderkriegen hat schon eher mit Neuschöpfung zu tun.

Warum?

Wesentliches Kriterium der Neuschöpfung ist die Unmöglichkeit der Rückkehr zum Alten. „The point of no return“. Und genau das ist es, was uns so Angst macht. Jede Frau erlebt es an ihrem eigenen Leib hautnah – viel hautnaher als wir Männer im übrigen: wer schwanger ist und die Schwangerschaft durchhält und ein Kind gebiert – für den ist das „Leben davor“ für allezeit vorbei. Dies verbunden mit der Trennung von dem Baby durch die Geburt ist der Stoff für die bekannte „Wochenbettdepression“.

Aber natürlich gilt auch für uns Männer: wer Vater geworden ist, kann nie mehr Nicht-Vater sein. Er kann nur so tun, als wäre er kein Vater – er kann die Neuschöpfung ablehnen. Aus diesem Stoff sind die vielen Trennungen und Scheidungen gewebt.

 

Und warum ist das wirkliche Erleben von Neuschöpfung notwendig schmerzhaft?

 

Weil es in seiner Endgültigkeit an den Tod gemahnt. Die letzte unvermeidbare Neuschöpfung, die wir alle zu erleben haben, ist unser aller Sterben. 

Und dieses Sterben beginnt mit dem Leben, beginnt mit unser aller Geburt. Wir würden zwar alle so gerne sagen: „Ich fühle mich wie neugeboren“, aber wir vergessen dabei nur allzu leicht, dass dieses Gefühl nur mit dem gleichzeitigen Absterben des Alten zu erleben ist. Die Fähigkeit zur Neu-Geburt bedingt die Fähigkeit zum inneren Sterben. Und dem weichen wir gerne aus und machen uns mit Pseudoneuerungen etwas vor. Ich glaube S. Freud hat einmal gesagt, dass er der Ansicht ist, in der Tiefe sind wir Menschen nicht in der Lage, uns unseren Tod vorzustellen.

 

Wie dem auch sei: Wirkliche Neugeburt, radikal Neues erwächst nur im Schmerz und durch den Schmerz hindurch. Wer diesem Schmerz ausweicht, der ist nicht „geschaffen für das Reich Gottes“, sagt Jesus hart und klar. Wer aber diesen Schmerz aushält, der kann an seinem eigenen Leibe und vor allem in seiner eigenen Seele die Neuschöpfung Gottes erleben. Dass diese Neuschöpfung alles andere als harmlos ist, davon gibt der das Magnifikat abschließende Abschnitt beredt Kunde:

„Er übt Macht mit seinem Arm; er zerstreut, die in der Gesinnung ihres Herzens hochmütig sind. Er stößt die Mächtigen vom Thron herab und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und die Reichen schickt er leer fort. Er nimmt sich Israel, seines Knechtes, an, er erinnert sich an seine Barmherzigkeit: gerade so, wie er zu den Vätern geredet hat, gegenüber Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.“

 

Neuschöpfung hat mit Absetzung zu tun. Die alten Machthaber in uns, die wollen keine Veränderung, keine Verwandlung, keine Erneuerung. Die alten Machthaber in uns wollen nur eines: dass „alles beim Alten“ bleibt. Der Vorteil dieser Haltung ist unübersehbar: das Alte ist das Vertraute, Bekannte, Gewohnte. Das Neue ist das Unbekannte, Fremde, Verunsichernde.

Die alten Machthaber sagen: „Wir wollen dich doch nur schützen, dich vor überflüssigem Schmerz bewahren. Bleibe bei uns, dann musst du keinen Tod und keine Vergänglichkeit erleben. Lebe nicht, dann musst du auch nicht sterben!“

 

Wir müssen diesen inneren Machthabern alles entgegensetzen, was wir haben – sonst bleiben wir in ihrer Gefangenschaft. Das Gefühl dieser Gefangenschaft ist die bedrückte Seele einerseits, die überhebliche Seele andererseits. Der Weg heraus aus dieser Bedrückung und Unterdrückung, der Weg in unsere innere und äußere Freiheit ist mühsam, eng und steinig. Und voller Verführungen. So meinen viele, die eine Ahnung von diesem Weg haben, es würde genügen, am Sonntag in die Kirche zu gehen, mal für eine Woche an einem Zen-Seminar teilzunehmen oder Einkehrtage zu besuchen. Oder man läuft zweimal in der Woche zum Psychotherapeuten, Körpertherapeuten, Yoga-Lehrer oder ich weiß nicht was. Auf diese Weise wird der Heiland nicht in uns geboren. Um den Satz „meine Seele erhebt den Herrn“ wahrhaftig sagen zu können, ist ein alltägliches Sich-einlassen-auf-diesen-Weg vonnöten. Es ist wirklich wie mit einer Schwangerschaft: wer sich nicht alltäglich auf das Schwanger-Sein einlässt und einstellt mit allen Konsequenzen, der riskiert einen Abgang.

 

Und wenn dann das Baby auf der Welt ist, ist es genauso: wer sich nicht alltäglich auf die Bedürfnisse seines Babys einstellt, der bekommt ein unzufriedenes Baby, das quengelt und schreit, was wiederum die eigene Unzufriedenheit und Genervtheit schürt. So entsteht ein Kreislauf des gegenseitig von einander genervt seins. Wenn man aber von einander genervt ist, hat man unweigerlich Schuldgefühle, die einen fesseln. Dann ist man „verstrickt“ – möchte am liebsten um sich schlagen, weiß aber nicht wogegen, weiß nicht wohin – die Fesseln sind unsichtbar. Was einem bleibt ist die Flucht – die Flucht in die Einkehrtage, in das Wellness-Hotel in die Arbeit, in das Schreiben von Predigten, ich weiß nicht was. Jeder hat seine eigenen Fluchtpunkte.

 

Solange wir vor Gott fliehen, kann sich sein Geist nicht in uns einnisten. Solange wir vor Gott fliehen, kann der Heiland nicht in uns geboren werden. Solange wir vor Gott fliehen, gilt, was Angelus Silesius sagt:

„Wär’ Christus tausendmal in Bethlehem geboren, doch nicht in dir, du wärest ewiglich verloren.“   

Verleihe uns, Gott, die Kraft der Geduld, die wir brauchen, um den langen dunklen Weg zu Gott alltäglich zu gehen. Verleihe uns, Gott, die Sicherheit des Vertrauens, die wir brauchen, dass wir alltäglich immer tiefer in IHN hinein geboren werden. Verleihe uns Gott die Zufriedenheit der Demut, in der wir alltäglich mit Maria sagen und singen:

„Meine Seele erhebt Gott den Herrn und mein Geist erfreut sich in Gott, meinem Heiland.“                                                                                                      Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, AMEN.

Predigt am Sonntag Sexagesimae 2005

Predigt über Markus 4,26-29 am Sonntag Sexagesimae 2005 in Pullach

Von Lothar Malkwitz

Liebe Gemeinde,

 

ich möchte Sie heute am Beginn meiner Predigt um etwas Ungewöhnliches bitten: vergessen Sie alles, was Sie über Jesus gehört und gelernt haben. Vergessen Sie, dass heute Bibelsonntag ist. Vergessen Sie, dass es überhaupt eine Bibel gibt. Vergessen Sie, dass wir hier in der Kirche sind und Gottesdienst feiern.

 

Vergessen Sie Ihre Wünsche an meine Predigt. Vergessen Sie Ihre Wünsche an Gott. Vergessen Sie Ihre Vorstellung von Gott! Vergessen Sie Ihre Erwartungen, dass Sie jetzt etwas kriegen. Ein Wort zur Erbauung oder so was.

 

Oder anders ausgedrückt: ich bitte Sie, machen Sie sich leer. Lassen Sie los von dem Gewicht Ihrer Erinnerungen an Früheres, von dem Gewicht Ihrer Wünsche für Zukünftiges und von Ihrer Hoffnung auf Verstehen.

Gar nicht so leicht – oder?

Und natürlich gefährlich. Warum will der das von uns? Um uns manipulieren zu können? Dass er jetzt in unsere Leere seine Worte hineinsetzen kann? Der ist doch auch noch Psychotherapeut. Leben die nicht davon, ihren Patienten was einzureden?

 

Misstrauen ist angesagt. Zurecht. Aus dem Misstrauen erwächst die Vorsicht – was will der von mir?

 

Nichts – außer dass Sie die Freundlichkeit haben mir weiter zu zuhören.-

Aber Sie haben doch gesagt, ich soll das alles vergessen: meine Erinnerungen, meine Wünsche, mein Verstehen.

Stimmt. Aber nicht ich will das von Ihnen, sondern ich möchte Ihnen anbieten, sich in eine bestimmte Art des Erlebens zu versetzen. Ein Erleben, bei dem die alten Sicherheiten des Wissens und Verstehens aufgegeben sind.

 

Ja und dann?

Irgendwann muss doch jetzt der Predigttext kommen? Will er uns darauf vorbereiten?

 

Ich möchte Sie nicht auf einen Text vorbereiten, sondern versuchen mit Ihnen gemeinsam etwas zu erleben. Etwas was sich nur über den Weg des sich Leer-Machens erleben lässt.

 

Ich gebe diesem etwas jetzt noch keinen Namen, weil jede Benennung einengt.

 

Stattdessen möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen.

 

Die geht so: „Mit dem Reiche Gottes ist es so, wie wenn ein Mann den Samen auf die Erde streut und dann schlafen geht und wieder aufsteht, bei  Nacht und bei Tage, und der Samen geht auf und wächst empor, ohne dass er selbst davon weiß. Von selbst bringt die Erde Frucht, erst den Halm, dann die Ähre, und endlich das volle Korn in der Ähre. Sobald aber die Frucht es zulässt, legt er die Sichel an, denn die Ernte ist da.“

 

Diese Geschichte stammt nicht von mir, sondern von einem jüdischen Wanderprediger. Er zog vor vielen Jahren durch die Lande des heutigen Palästinas und erzählte Geschichten. Er erzählte nicht von sich, sondern von dem altehrwürdigen Gott, den seine Zeitgenossen Jahwe nannten. Jahwe das war Geheimsprache – das hieß soviel wie: der, dessen Name nicht genannt werden darf (Harry Potter lässt grüßen) nur dieser Gott galt nicht als eine finstere Macht, kein Lord Voldemort, sondern der allmächtige, Schöpfer usw. Dieser jüdische Rabbi hat diesen Gott „abba“ genannt –  das ist Kleinkindersprache, „Papa“. Und dazu passte seine Botschaft: habt Vertrauen, wurde er nicht müde zu sagen, Vertrauen zu diesem „abba“ – es ist doch unser aller „Papa“: Sein bekanntestes Gebet geht mit diesem „Papa“ an: „Vater unser!“ Dafür wurde er verlacht. Dieser allmächtige Gott ist doch kein Papa – das ist vielleicht kindisch – sagten die einen. Der ist ja größenwahnsinnig, sagten die anderen. Der tut ja so, als hätte er eine ganz besondere Beziehung zu unserem Gott, gerade so, als wäre er sein Sohn – sagten die dritten. Diese Stimmen missverstanden unseren jüdischen Lehrer: es gibt keine Stelle, an der er sagt: „Ich bin der Sohn Gottes“ – alle Stellen im NT (Johannes: „Ich bin der Weg etc. wurden ihm nachträglich in den Mund gelegt.) Auch in der Geschichte, die ich Ihnen vorhin vorlas, geht es nicht um den, der diese Geschichte erzählt. Das ist ein wichtiges Zeichen dafür, dass diese Geschichte wirklich von diesem Lehrer stammt also historisch ist. Es geht auch nicht einfach um Gott, sondern um das Reich Gottes. Und was da über das Reich Gottes gesagt wird, ist weder kindisch noch größenwahnsinnig, sondern sehr nüchtern. Das Reich Gottes wird verglichen (deshalb hat man diesen Text ein Gleichnis genannt) mit – ja womit eigentlich?

In moderneren Übersetzungen heißt unsere Geschichte „Das Gleichnis vom Wachsen der Saat, oder von der selbstwachsenden Saat“. In älteren Lutherbibeln kann man auch „Gleichnis vom geduldigen Landmann“ lesen. Wie dem auch sei – es geht um Wachsen. Unsere Geschichte ist eine Wachstumsgeschichte. Wachstum – und zwar von etwas Lebendigem.

Wachsen. Wie geht das eigentlich? Unser Geschichtenerzähler sagt: Wachsen geht von selbst, ohne dass der Bauer etwas davon mitbekommt geht der Same auf und ein Halm wächst empor.

 

Lächerlich – wendet da unsere fortschrittliche Vernunft ein: mag sein vor 2000 Jahren, die hatten keine Ahnung: was eine Zelle ist, wie Zellteilung geht, dass es eine DNA gibt, die man sogar manipulieren kann. Dass man düngen muss, Schädlinge bekämpfen muss usw. Von wegen selbst wachsende Saat!

Stimmt das? Haben wir mehr Ahnung vom Wachstum als die Menschen vor 2000 Jahren?

 

 

Nehmen wir z.B. unsere Lebenserwartung: vor kurzem hörte ich von einer Statistik, dass eine heute 65jährige Frau nach statistischer Wahrscheinlichkeit 100 Jahre alt werden wird – ein 65jähriger Mann wird 98 Jahre alt.

Ist das nicht Wachstum? Sind wir nicht Meister im Vergrößern, Verbreitern, Verlängern, Erhöhen, Vermehren, Expandieren …?

Aber warum vergrößert sich das Reich Gottes nicht – warum hören die Kriege nicht auf, warum hören die Naturkatastrophen nicht auf, warum hört das Leiden nicht auf, warum immer diese Schmerzen?

 

Ganz einfach: weil das Reich Gottes nicht das Paradies ist.

 

Und weil die Wachstumsregeln des Reiches Gottes nichts mit Mengenwachstum zu tun haben. Und das ist zugleich das Problem: Mengenwachstum ist quantitatives Wachstum: und das ist messbar und sichtbar. Das Reich-Gottes-Wachstum ist qualitatives Wachstum – und deshalb unsichtbar. Was ich sehen kann und messen kann ist das Gewachsene – der Halm des Getreides, die Länge eines Kindes – aber nicht das Wachstum selber. Mengenwachstum ist die Vermehrung desselben. Ob ich einen oder 10 Äpfel in einem Korb habe – das ändert an den Äpfeln gar nichts. Es bleibt bei der 1. Mathematisch ausgedrückt geht es um das Problem, wie sich Veränderung abbilden lässt. Qualitatives Wachstum ist Transformation: wie komme ich von der 1 zu 2 zur 3 zur 4? Differential- und Integralrechnung beschäftigen sich mit dieser Fragestellung und ich denke auch die Quantenphysik, von der ich leider viel zu wenig verstehe.

 

Jesus – Sie wissen es längst, von ihm stammt das Gleichnis vom Wachsen – hatte eine tiefe Intuition für die Wachstumsgesetze des Reiches Gottes: Vertrauen, Geduld und Todesangst sind die wesentlichen Elemente seiner Lehre vom Wachstum des Reiches Gottes. Und wie hängen diese Elemente miteinander zusammen?

Nun – Jesus sagt: Indem ihr anfangt zu vertrauen beginnt auch schon das Reich Gottes. Ihr müsst viel weniger „machen und tun“ als ihr meint. Statt „machen und tun“ ist Geduld angesagt: die Geduld, die das Nicht-machen-Können aushält. Und nicht machen können heißt nicht kontrollieren können. Wenn ich jeden Tag das Samenkorn, das ich eingepflanzt habe, ausbuddele, um es zu kontrollieren, störe ich sein natürliches Wachstum – im schlimmsten Fall wird es absterben. Hinter dem alltäglichen „ich meine es doch nur gut mit dir“ steckt oft ein ungeduldiges: „Ich halte es nicht aus, wenn du deinen eigenen Weg gehst.“ „Bitte entwickle dich so, wie ich dich brauchen kann!“ Die weniger liebevolle Variante davon lautet: „Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast …“ Misstrauen, Angst und Ungeduld führen zur Macht. Macht aber verhindert natürliches Wachstum – es geht nicht mehr um Wachsen, sondern um unterwerfen.

 

Aber warum gibt es so wenig Vertrauen in dieser Welt – warum spielen Kontrolle und Sicherheit und Macht eine so große Rolle in unserer Welt?

 

Weil der Weg in das Reich des Vertrauens über den Tod führt. Das Getreidekorn muss absterben: damit geht es los und nur damit geht es los!

 

Lukas hat eine andere Variante des Gleichnisses überliefert: das Korn das auf den Weg fällt und das auf den Felsen fällt: meidet die Finsternis der Erde, des Todes. So bleibt es unfruchtbar.

 

An der Stelle war Jesus unbeirrt – und das ist sein Messias-Sein, seine messianische Idee: der Weg in das Reich Gottes, in das Reich des Vertrauens führt durch die Todesangst hindurch. Etwas von dieser Todesangst können Sie erleben, wenn Sie sich in der Tiefe auf das einlassen, wovon ich am Anfang sprach: auf das Vergessen. Das Sterben des Getreidekorns ist das Aufgeben von allem, was es hat und ist. Ist ein sich hineinbegeben in das Fremde, das Andere, das Unbekannte – im Bild: die Erde. Nur wenn sich Erde und Korn wechselseitig befruchten entsteht Neues – tausendfaches Leben!

Nun sind wir alle keine Getreidekörner – sondern Lebewesen, die fühlen und spüren. Und das macht die Sache so schwierig. Bei uns löst das Sich-Hinein-Begeben in das Fremde, Unbekannte Todesängste aus, die weiteres Wachstum blockieren können.

 

Wer sich wirklich auf dieses Absterben einlässt – der steht in der Finsternis. Und wer schon einmal völlige Finsternis erlebt hat – so dass man nicht die eigene Hand vor Augen sieht, der weiß, wie bedrohlich dieses Gefühl ist. Und doch ist dieses Gefühl nötig für den Ruf

„Dein Wort sei unseres Fußes Leuchte“!

Das Licht, das in meine Gottesfinsternis hineinleuchtet – das ist das wirklich rettende Licht, das gänzlich unerwartete, völlig neue Licht, das alles in neuem Licht erscheinen lässt. Im Gleichnis: das Korn hat ausgetrieben, es spitzt aus der Erde heraus – und entdeckt die Sonne. Zu diesem Licht ist es gelangt, weil es vertraut hat in der Dunkelheit der Mutter Erde – vertraut hat, dass es da jemand oder etwas gibt – das sein Wachstum will. Und dieses Dritte, diese neue dritte Kraft ist nichts anderes als das Wort.

Das Wort Gottes ist es, das Vertrauen stiftet, das das Reich Gottes zum Reich des Vertrauens macht. Im Reiche Gottes wird miteinander gesprochen – in gegenseitigem Respekt und völliger Gleichwertigkeit. Dieses Reich ist nicht von dieser Welt und kann nicht von dieser Welt sein. Es lässt sich nicht materialisieren. Aber es ragt in diese Welt hinein – und es steht jedem Menschen frei, sich immer wieder auf die Suche nach diesem Reich zu machen.

Die Ausrüstung für den langen Weg in dieses Reich ist:

 

Vertrauen, Geduld und sich von den eigenen Ängsten nicht blockieren lassen.

Der Kompass aber ist das Wort Gottes: diesen Kompass zu gebrauchen heißt, sich immer wieder neu auf das Fremde, Unbekannte, Unverstandene einzulassen, immer wieder neu unsere Todesangst zu besiegen.

 

Allerdings haben wir einen Weggenossen und Vorläufer.

 

Gebe Gott, dass dieser Christus in uns lebendig werde und bleibe, uneingeplant und unkontrolliert dem Neuen zugewandt – auf dass wir wachsen und aufgehen und Frucht bilden in unserer natürliche Bestimmung hinein in das Reich Gottes.

AMEN.

Predigt am 3. Advent 2004

Predigt am 3. Advent 2004

Predigt über Lukas 3,1-14 in der Jakobuskirche in Pullach

Liebe Gemeinde,

Das eben gehörte Evangelium ist der heutige Predigttext: die Rede von Johannes dem Täufer in der Fassung des Lukas Evangeliums. Da es ein langer und nicht ganz einfacher Text ist, werde ich als erstes den Text noch einmal in Erinnerung rufen und kommentieren.
Lukas, der präzise Historiker, beginnt in der Art griechisch-römischer Geschichtsschreibung: das, was berichtet wird, erhält eine präzise zeitliche Einordnung: im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius…Dieses Jahr ging vom Oktober 27 n.Chr. bis September 28 n.Chr. Historiker haben ausgerechnet, dass Jesus zu dieser Zeit mindestens 33 Jahre alt war, vielleicht auch schon 35 oder 36. Dann kommt die Ortsangabe: am Jordan – wahrscheinlich ist die Gegend um Jericho gemeint. Johannes – der „Erfinder“ der Taufe – war der Meinung, nur von Umkehr reden ist zu wenig, es muss auch ein Zeichen her: und das war das sich eintauchen lassen in den Jordan. Über Jesus, dem Schüler von Johannes, ist die ursprünglich johanneische – also wie so vieles andere auch aus dem Judentum stammende Taufe – zu uns gelangt. Johannes greift in seinem Taufritus natürlich auf eine lange religiöse Tradition zurück, die sich auch in ganz anderen Religionen findet: die Grund-Idee ist das Bedürfnis, sich  zu reinigen von dem Alten, dem Schmutz, dem, was man nicht mehr bei sich haben will. Zurück zu Lukas: ER lässt Johannes exakt einen Text aus dem AT zitieren, nämlich Jesaja 40, die Berufung des Propheten Deuterojesaja durch Gott. „Bereitet dem Herrn den Weg …. – unser Wochenspruch!“ Diese Worte gehören ursprünglich in die Zeremonie der Inthronisation des Königs. Lukas zitiert bis zu der für ihn entscheidenden Stelle: „die ganze Menschheit soll Gottes Heil schauen!“ Hierin blitzt die Theologie des Lukas auf: Jesus ist Gottes Sohn nicht nur für die Juden, sondern für die ganze Welt – und gerade auch für die Armen, die sozial Schwachen! (So sind bei Lukas es auch die Hirten, die als erstes den neuen Messias entdecken und erkennen – und nicht die Gelehrten, wie bei Matthäus, dem es darum geht zu zeigen, dass Jesus der Retter Israels ist.) Dann folgt die Rede des Johannes mit dem Zentrum, Früchte zu bringen, die der Umkehr entsprechen – und der Drohung, andernfalls wird der Baum, der fruchtlos blieb, gefällt. Sich auf sein Herkommen zu berufen, ich habe doch Abraham zum Vater – also ich stehe doch in der Tradition des von Gott auserwählten Volk bringt nichts. Es geht um die Früchte der Umkehr – ohne Ansehen der Herkunft der Person. Was sind das für Früchte. In dem unseren Predigtteil abschließenden Lehrgespräch veranschaulicht Lukas an zwei Beispielen, was er unter Früchte der Umkehr versteht: Teilen (Kleidung und Nahrung), sich an die Verordnungen halten, an die Gesetze und sich seiner Aggression auch wenn es möglich wäre nicht hinzugeben: nicht zu plündern nicht zu erpressen. Dahinter steht die Ethik des Lukas: er will deutlich machen, dass alle Berufsstände, auch solche, die damals wenig beliebt waren, (wie die Soldaten und Zöllner – welche modernen Berufsgruppen das wohl sind?) durchaus zum Leben in „Umkehr“ fähig sind.

Soweit in großen Zügen unser heutiger Predigttext. Und was machen wir jetzt damit?

Bei mir hat der Text ganz Unterschiedliches ausgelöst: Ich mag Johannes den Täufer in seinem Mantel aus Kamelhaar und dem Ledergurt um die Lenden – wie ihn Matthäus uns schildert. Gegessen hat er Heuschrecken und wilden Honig – ein Eremit aber auch ein leidenschaftlicher Prediger, der sein Publikum beschimpft: „Natterbrut!“ brüllt er sie an –  er war wohl unter anderem Vorbild für den Bußprediger in Schillers Wallenstein – ich muss auch an die Bußprediger am Nockherberg denken – das Politiker „dablecken“. Das hat schon was – aber bringt es auch viel? Das war meine zweite Stimmung – zwischen Resignation, Ärger und Verzweiflung kippend, eigentlich ein ganz ähnliches Gefühl, das ich habe, wenn ich abends die Tagesthemen oder das Heutejournal anschaue. Es ist zum Heulen wie viel Unrecht, Elend, Grausamkeit, Korruption tagtäglich geschieht – jetzt in dieser Minute geht vielleicht gerade eine Bombe hoch, verhungert vielleicht gerade ein Kind, wird vielleicht gerade ein illegales Waffengeschäft perfekt gemacht …Und wir können es nicht beeinflussen. Mit anschauen müssen, wie ein italienischer Spitzenpolitiker wieder einmal völlig unschuldig war, ein ukrainischer Oppositioneller vergiftet worden ist! Und wir können nichts tun. Ärger kam hoch, als ich an die Sonntagsredner  – Rednerpult mit Blumenschmuck – denken mußte, an die Weihnachts- und Neujahrsansprachen, an die sicher gut gemeinten Phrasen vom Umdenken, Umkehren, vom „Ruck, der durch unsere Gesellschaft“ gehen muss. Und dann dachte ich mir – ja und du – was machst du denn anders, du bist auch ein Sonntagsredner, oder von mir aus Sonntagsprediger – und was ist deine Botschaft, was hast du anzubieten?

Nun – ich weiss wenigstens, was ich nicht anbieten will: irgendwelche Phrasen von die Hoffnung nicht aufgeben, bald ist Weihnachten, uns geht’s ja gut, den Blick nach vorne richten, positiv Denken, wir haben ja den Messias, den Jesus Christ Superstar. bla,bla,bla…

Dann fiel mir Wittgenstein ein: „Worüber man nicht reden kann, sollte man schweigen“ – Aber wenn hier meine Predigt zu ende ist – dann habe ich kapituliert. Und das tu ich nur sehr ungern. – Also – was jetzt?

Wenn man nicht weiter kommt muss man stehen  bleiben. Manchmal hilft es auch, zurück zu gehen. Manche Hindernisse, die sich einen in den Weg stellen, sind auf dem geraden Weg des Fortschreitens (Fortschritt) nicht zu beseitigen. Um-Kehren – das heißt, zurückgehen. Und sich eingestehen, dass der Weg, von dem man dachte, so geht es immer weiter, nicht stimmt. Sich eingestehen, dass man sich getäuscht hat. Ich gehe noch einmal zurück – zu Lukas. Dieses Evangelium – wie übrigens die anderen Evangelien auch, wie übrigens das ganze NT – gibt es nur, weil sich Menschen getäuscht haben – und die Kraft hatten, sich das einzugestehen und mit der Enttäuschung weiter zu leben, bzw. sie in etwas Neues Lebendiges zu verwandeln.
Um welche Enttäuschung handelte es sich? Die Menschen in Palästina zurzeit Jesu lebten in einem hitzigen Glauben der Naherwartung. Naherwartung heißt, dass man felsenfest davon überzeugt war, dass demnächst innerhalb der jüdischen Gemeinschaft ein König auf die Welt kommen würde, der das erlittene Unrecht wieder gut machen würde. Und damit ein neues Reich, ein Reich Gottes anbrechen würde, in dem Gerechtigkeit und Friede und gegenseitiges Teilen im Mittelpunkt stehen würden. Für die Anhänger Johannes des Täufers war Johannes selbst dieser Messias – der aber verwies auf Jesus. („Ich taufe euch mit Wasser … aber es wird einer kommen, der wird mit heiligem Geist und Feuer taufen“ steht wenige Verse nach unserem Text.) Nun war aber zur großen Enttäuschung der Anhänger Jesu nicht das Reich Gottes auf die Erde gekommen, sondern im Gegenteil – man hatte den Hoffnungsträger gekreuzigt!-
Sie wissen wie es weiterging – mit der These, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, ist auch der Glaube an ihn als der Messias wieder auferstanden. Dieser Glaube aber hatte noch immer die sichere Gewissheit, dass ja das Reich Gottes demnächst anbrechen werde: und so entstand die Idee, Jesus werde in kürzester Zeit als der Messias herab auf die Erde kommen und dann endgültig das Reich Gottes begründen. Aber auch diese Idee trug nicht, Menschen starben, Israel blieb ein besetztes Land – und kein Messias kam vom Himmel herab. Inzwischen waren Jahrzehnte vergangen, und es entstand die Idee, wir müssen aufschreiben, was die Leute damals sich von Jesus erzählten – das darf nicht verloren gehen, auch wenn er noch nicht zurückgekommen ist, so muss doch in die Welt hinein getragen werden, dass der Messias schon da war, das wir ihn kennen, dass er den Tod überwunden hat und, und, und …

Umgehen mit Enttäuschung. Lukas war nicht nur Historiker sondern auch kreativer Theologe: er sagte (vereinfacht): in Jesus aus Nazareth ist die Zeit erfüllt, wir brauchen nicht länger suchen, er ist die „Mitte der Zeit“ und ein „Vor-Schein“ der Ewigkeit. Und alle Menschen – nicht nur die Juden – könnten aus dem Leben dieses Menschen Gewinn und Heil schöpfen.

Wir Christen bekennen uns zum Leben des Nazareners und versuchen in unserem Alltag etwas von dem Licht seines Lebens leuchten zu lassen.
Aber wo leuchtet denn dieses Licht, wenn ich mit an sehe, wie die nächste Autobombe hochgegangen ist?
Das Licht leuchtet in dem Aushalten eigener Ohnmachtsgefühle. Resignation, ohnmächtige Wut aber auch die Euphorie von „Jesus lebt – uns kann nichts passieren“ sind die Gegenspieler dieses Lichtes: wenn sie überhand nehmen, wird das Licht Jesu in uns ausgeblasen. Jesus resignierte nicht – bis zum letzten Atemzug blieb er in lebendiger Verbindung zu seinem Gott – und er widerstand der Versuchung, aus ohnmächtiger Wut heraus einen politischen Aufstand anzuzetteln. Er war aber auch kein Mario im Wunderland mit 7 Leben wie manche stellen im NT versuchen glauben zu machen. Das ist (sehr verständliche) Enttäuschungsabwehr durch manische Überhöhung. Das Licht Jesu in uns leuchten lassen im Aushalten meiner Ohnmacht-Gefühle heißt auch:  meine Grenzen und die Grenzen meiner Mitmenschen zu akzeptieren. Wer gelernt hat, seine Grenzen zu akzeptieren, der hat gelernt, sich zu halten. „Haltung bewahren“ – ein vielleicht etwas aus der Mode gekommenes Wort weil vergiftet mit dem militärischen „Haltung annehmen“ – ist eine große Kunst. Die so verbreitete Volkskrankheit „Rückenschmerzen“ hat auf der konkreten Ebene was mit einer Fehlhaltung zu tun; sie drückt aber auch das Ungehaltene in uns aus. „Ungehalten sein“ heißt im Deutschen auch „sehr ärgerlich sein“.

Wie aber erlernt man: sich zu halten? Nun: wir waren alle einmal Gehaltene. Ein Baby kann sich nämlich noch nicht selber halten. Und aus dieser frühen Zeit stammen auch unsere ersten Erfahrungen mit Gehalten-Werden. Und in der Tiefe unseres Unbewußten erinnern wir uns – wenn wir ungehalten sind – an die Geschichte unseres Nicht-gehalten-worden-Seins. Der Ungehaltene ist der Einsame – das ungehaltene Baby ist das verlassene Baby.

Ich glaube, dass die besondere Stimmung, die sich um Weihnachten rankt – übrigens genau damit zu tun hat: Weihnachten ist ja auch das Fest des Babys und der Kinder – und so werden in unserem Unbewussten vor und an Weihnachten alle die unter dem Jahr meist vergessenen oder auch verdrängten Wünsche, Sehnsüchte aber auch Ängste und Enttäuschungen unserer Kindheit und Babyzeit wieder wach. Die bekannte Weihnachts-Depression, das Anschnellen der Selbstmorde in dieser Zeit hat mit diesen Erinnerungen zu tun. Denn Babys sind weise – sie fühlen noch ganz genau, was sie brauchen. Die materielle Milch zum Wachsen ihres Körpers und die emotionale Milch der Wahrheit über sich selbst.

Die Hinwendung zu unseren inneren kindlichen Anteilen, ja zu unseren Erlebnissen als Baby – das wäre eine Umkehr! Auf diesem Weg liegen aber auch die vielen Schmerzen und Enttäuschungen, die wir erleiden mussten, bis wir der oder die wurden, die wir heute sind. Ungehalten –sein hat in der Tiefe damit zu tun, das innere Kind, das innere Baby nicht halten zu können. Die Gefahr von Weihnachten ist die Wiederholung einer leider sehr verbreiteten Verdrehung: statt sich dem Baby, dem Kind wirklich zu zuwenden und versuchen, mit ihm in Kontakt zu kommen, wird es einmal mehr zugemüllt mit Materiellem!  Steine statt Brot, Diamanten statt Liebe, DVDs statt gemeinsamer Spiele und, und … Sie wissen es ja eh alle selber. Unser inneres Baby hat sich eine Ahnung davon bewahrt, dass wirkliche Zufriedenheit, tiefes Glück nur in der lebendigen Zuwendung zum eigenen Leben und in eins damit  zum Leben anderer sich ereignet. Zuwendung aber geht nur über die Bereitschaft, sich zu öffnen, sich leer zu machen von allen Vorurteilen über sich und den anderen.
Ein Bild für dieses Sich-leer-Machen ist: dem Herrn den Weg zu bereiten – jenseits von Resignation, ohnmächtiger Wut und manischer Überhöhung.

Und dann? Ja dann kann etwas Neues einziehen, etwas Ungedachtes und Unvorhersehbares.

Und doch in der Tiefe unseres Unbewußten längst Bekanntes.
Das „ungedachte Bekannte“ – das sich nicht machen lässt – auch nicht
im Jahr 2004. Es geschieht – unvorhergesehen und unvorhersehbar.
Alles was wir Menschen machen können, ist, ihm den Weg zu bereiten AMEN.

Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis 2004

Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis (10. Oktober 2004) in der Jakobuskirche in Pullach
über Röm 12, 17-19

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

als ich den Beginn unseres heutigen Predigttextes zum ersten Mal las, war ich nicht glücklich: „Das Reich Gottes besteht ja nicht in Speise und Trank, sondern in Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist!“
Ein innerliches Brummen gegen diesen Satz ließ sich nicht wegschieben. Es war dieses „nicht…sondern“. Gegen Gerechtigkeit, Freude und Friede ist ja nichts einzuwenden – aber warum bitte soll es im Reich Gottes nicht auch Speise und Trank, will sagen so etwas wie Genießen geben? Hat nicht eine liebevoll zubereitete Speise, eine wohl gekelterte und gereifte Flasche Wein, ein gepflegtes Bier, eine mit Bedacht genossene Tasse Tee auch und gerade mit Reich Gottes zu tun? Ja, gibt es irgendwo eine Stelle, die berichten würde, Jesus hätte sich gegen ein gutes Mahl mit allem was dazu gehört ausgesprochen? Das Gegenteil scheint der Fall gewesen zu sein, so sehr, dass gehässige Zungen ihn zynisch als „Fresser und Weinsäufer“ betitelten.

Nun – der zitierte Satz aus dem Römerbrief ist aus seinem Kontext gerissen. So kontextlos ließe er sich missbrauchen für eine Botschaft gegen den sinnlichen Genuss. Das ist aber nicht gemeint. Wir müssen versuchen, den Satz in seinem Zusammenhang zu verstehen.

Der große Zusammenhang ist die Ethik. Wie sollen, wie können  Christen miteinander im Alltag leben? Diese Frage beschäftigt Paulus ab dem 12. Kapitel seines Römerbriefes. Seine Antwort ist einfach: sie sollen eins sein im Glauben an den rechtfertigenden Jesus Christus. Diese Einheit im Glauben vollzieht sich in der liebenden gegenseitigen Anerkennung und Achtung, die wichtiger ist als alle Streitereien untereinander. Zu diesen Streitereien gehörte die Frage, was zu essen ist. Die Judenchristen brachten ihre Tradition ein, derzufolge es reine und unreine Gerichte gibt, wie z.B. Schweinefleisch – oder die bestimmte Art des Schlachtens, das Schächten, oder die strikte Trennung von Milchgerichten und Fleischgerichten. Die Heidenchristen kannten dies nicht, und wollten an ihrer Freiheit gegenüber dem Essen ohne Einschränkungen festhalten, ja brüsteten sich mit ihrer Freiheit gegenüber den genau bestimmten Regeln der Judenchristen. Und jede Partei wähnte sich im Recht, fand ihre Art zu leben die richtige und kritisierte entsprechend die andere!  In diese Situation hinein schreibt Paulus:

„Lasst doch Euer Gut nicht Anlass zur Lästerung sein. Das Reich Gottes besteht ja nicht in Speise und Trank, sondern in Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist. Denn wer hierin Christus dient, ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen anerkannt. So lasst uns also nach dem streben, was dem Frieden und der gegenseitigen Erbauung dient.“

Wesentlich ist das Wort „besteht“ – das Reich Gottes besteht aus Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist – nicht aber aus Speise und Trank. Will sagen: es ist zu unterscheiden zwischen dem, was menschliches Zusammenleben in der Tiefe begründet und was nicht.

Nun wird es eine weltweite Einigkeit darüber geben, dass Friede menschliches Zusammenleben begründen sollte. Das Problem ist nicht, dass es Frieden geben soll, sondern welchen Frieden. Damals hieß das Problem: wenn die Heidenchristen sich an unsere Regeln des Essens halten, dann ist Frieden – aus der Sicht der Judenchristen.  Oder: wenn die Judenchristen aufhören mit ihren Essensregeln und so essen wie wir, dann ist Frieden – aus der Sicht der Heidenchristen. Das ist die Problemlösung nach der Art: Du brauchst dich nur zu ändern und schon ist Frieden. Oder, allgemeiner ausgedrückt: der andere soll sich ändern. Der andere ist es doch, der meinen Frieden stört!

Wer Kinder hat weiß, dass die Haltung „der andere ist Schuld“ eine unvermeidliche und völlig normale Entwicklung im Leben eines Menschenkindes ist. Der andere, das sind am Anfang die Eltern („du bist so blöd!“) später werden es die Erzieher, die Lehrer, die Vorgesetzten, der oder die Partnerin, allgemeiner die Schule als solche, der Staat, die Kirche, die Konzerne und ganz zum Schluss muss noch das Wetter herhalten um eigene Unzufriedenheit und Frust abzuladen. Klar – der Vorteil von „der andere ist schuld“ ist die Entlastung von einem selbst – wenigstens das steht fest: ich kann nichts dafür! Für ein Kind ist das ganz wichtig, diese Entwicklung durchlaufen zu können – das heißt Eltern zu haben, die die Beziehung nicht abbrechen, wenn sie als die Blöden hingestellt werden. Oder anders: die sich in der Tiefe die Liebe zu ihrem Kind nicht nehmen lassen.

„Lasst doch euer Gut nicht Anlass zur Lästerung sein!“ Händeringend erlebe ich den Paulus, indem er versucht in Erinnerung zu bringen: wir Christen haben doch ein Gut empfangen, das über diesen Streitereien steht – setzt das doch bitte nicht aufs Spiel! Was ist das für ein Gut? Dieses Gut ist die Liebe, die alles trägt, aber nichts nachträgt, die duldet ohne zurückzuschlagen, die den anderen sein lässt in seiner Andersartigkeit. Dieses Gut ist kein Besitz und kein Mensch der in dieser Liebe ist, wird sagen: ich habe sie, sondern im Gegenteil: je tiefer dieses Gut von mir Besitz ergreift, desto stärkerer erlebe ich seine völlige Unverfügbarkeit. Alles was ich machen kann, ist, mich je und je aufs Neue bereit zu halten, diese Liebe zu empfangen und mich darüber mit Gleichgesinnten auszutauschen, die Gemeinschaft zu suchen – also das, was wir gerade tun.

Leider, leider ist bis zum heutigen Tag die Geschichte des Christentums auch
eine Geschichte davon, dass dieses Gut verloren gegangen ist, es gelästert und entwertet wurde. Das hat damit zu tun, dass wir Menschen nicht mit diesem Gut auf die Welt kommen; zwar sind wir von Geburt an fähig zur Liebe aber eben genauso fähig zum Hass. Die wachsende Fähigkeit zur Liebe hat mit einem wachsenden Vertrauen zu tun, dass es eine gute Brust gibt, die mich am Leben erhalten will, mich nicht verhungern lässt, der Hass hat mit der Panik zu tun, dass diese gute Brust verschwunden ist, stattdessen eine böse Brust regiert, die mich verhungern lässt! Im Schreien der Säuglinge, das unter die Haut geht, ist diese Panik enthalten. Und so tragen wir alle in uns nicht nur das Vertrauen, dass uns jemand gut will, sondern eben auch das Misstrauen, dass uns jemand böse will. Und am Beginn unseres Lebens, wo wir noch sehr nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip fühlen und erleben, heißt böse wollen: jemand will mich vernichten. Und diese Panik, der andere vernichtet mich, wenn ich mich auf sein Anders-Sein einlasse ist es, die das Gut der Liebe immer wieder verloren gehen lässt. Von daher ist es verständlich, dass gerade auch die negativen Emotionen dort am Heftigsten sind, wo die Nähe zum Anderen groß ist.

Vielleicht kennen Sie das auch: bei mir fällt mir jedenfalls immer wieder auf, dass ich sehr tolerant mit den Schwächen von anderen umgehen kann, wenn ich in der Beobachterposition bin. Wenn aber meine Frau, mein Sohn, meine Tochter,  … ich hüte mich an der Stelle etwas Konkretes zu sagen … jedenfalls sehr anders sind, als ich es mir gerade wünsche, dann ist das gar nicht so leicht auszuhalten. So war das auch in der jungen christlichen Gemeinde – in dem Glauben, dass es sich lohnt, diesem Jesus aus Nazareth zu vertrauen, ihm nachzufolgen, war man sich schwer einig. Er verband die Unterschiede, in der Gemeinschaft mit ihm fühlte man sich nahe und verbunden – und gerade wegen dieser Nähe und Verbundenheit nahm man Anstoß an dem Anders-Sein der Brüder und  Schwestern.

Lassen Sie uns versuchen, uns in die Judenchristen- und Heidenchristen von damals einzufühlen – um ihre Situation dann auf die unsrige zu übertragen. Judenchristen wie Heidenchristen kämpften um ihre jeweilige Tradition: es ging um ihr Geworden-Sein, um ihre Identität. Die Judenchristen hatten eine andere Heimat, ein anderes Zuhause, ein anderes Aufwachsen als die Heidenchristen – und umgekehrt. Und jede Seite wollte an ihrer Identität festhalten. Das ist doch sehr verständlich. Das Gefühl meiner Identität gibt mir Sicherheit. Vielleicht kennen Sie auch die Freude – ich jedenfalls kenne sie gut – im Ausland, gerade wenn ich der dortigen Sprache nicht mächtig bin – einen Landsmann zu treffen. Wie schön! Jemand aus der Heimat! Man kann sich verständigen, weil man sprachlich und auch kulturell einen gemeinsamen Hintergrund hat. Welch ein warmes, angenehmes Gefühl! Aus der Angst, die eigene Kultur aufgeben zu müssen, aus der Panik heraus, der andere will von mir, dass ich mich ihm anpasse und dabei meine Identität verliere, hatten die Heiden- und Judenchristen ihren Konflikt.

Und in dieser Situation erinnert Paulus daran: was habt ihr denn so Angst – ihr habt doch eine neue Identität – die Identität des getauften Christen: „Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir!“ Und wenn ihr in diesem Christus verbunden seid, dann seid Ihr viel elastischer – auch wenn die anderen rigide an ihrem festhalten – eure Identität steht doch gar nicht mehr auf dem Spiel, die anderen können euch doch gar nicht mehr vernichten! Das ist die neue Gerechtigkeit, die neue Freude und der neue Friede im Reich Gottes, die im Heiligen Geist und nicht in irgend einem menschlichen Geist erlebbar sind. Aber der Weg zu dieser neuen Identität führt über den Tod der alten Identität – „nun lebe nicht mehr Ich“, ein Tod der symbolisch in der Taufe stattfindet in Wirklichkeit aber ein lebenslanger Prozess ist. Deshalb ist es gut, dass Paulus noch hinzufügt: „So lasst uns nach dem streben, was dem Frieden und der gegenseitigen Erbauung dient.“ Mehr als sich Mühe geben, eben „streben“ geht nicht – aber weniger ist es auch nicht.

Danach streben, was dem Frieden und der gegenseitigen Erbauung dient!

Mir ist die Auseinandersetzung mit dem Text, die in diese Predigt, die sie gerade hören mündete, nicht leicht gefallen. Es gibt einen ziemlich fortgeschrittenen ersten Entwurf,  in dem ich immer wieder in ein „gegen“ gekommen bin: gegen den Fundamentalismus, der sich selbst an die Stelle des Heiligen Geistes setzt, gegen die Beliebigkeit der Werte in unserer Gesellschaft gegen die Spass-Gesellschaft und so fort. Bis ich merkte, dass ich auch zu einem Heiden- oder Judenchristen geworden bin, der Veränderung anmahnt – statt zu verstehen. Gegenseitige Erbauung findet in gegenseitigem Verständnis statt. Verstehen kann ich den anderen aber erst, wenn ich nicht mehr gegen ihn bin, sondern mit ihm, wenn es mir gelingt, mich in ihn einzufühlen. Sich in den anderen einfühlen, ist leicht, wenn mir der andere ähnlich ist – ist schwer, vom Erleben her ein kleiner Tod des Eigenen, wenn es meine eigene Identität in Frage stellt. Der erste Impuls ist dann Abwendung statt Einfühlung.

Sie können das selbst testen: sie müssen sich nur vor Augen halten, wem Sie in dieser Woche am liebsten überhaupt nicht begegnen wollen oder  mit wem Sie nichts zu tun haben wollen – und dann versuchen, diesem ein Gefühl von Verständnis entgegen zu bringen. Verständnis dafür, dass er oder sie oder es eben so ist, wie er/sie/es  ist: der ungeliebte Lehrer, der provozierende Schüler, der nervige Kollege, der gehasste Vorgesetzte, die stumpfsinnige Bürokratie – aber auch das grausame Schicksal, die schwere Krankheit des geliebten Menschen, das abscheuliche Wetter, die  viele Arbeit, die vor einem liegt. Oder einfach dieser Montagmorgen, wo das schöne, viel zu kurze Wochenende schon wieder vorbei ist.

Ich wünsche Ihnen und mir – dass wir im Alltag unseres Lebens unser Gut, das wir in Christus empfangen haben, nicht verlieren, sondern wachsen und reifen lassen. Auf dass die Macht des Zerstörerischen nicht das letzte Wort bekommt, sondern immer wieder und immer fester eingebunden und verwandelt wird in die Kraft der alles verstehenden Liebe – das verleihe Gott  uns allen, AMEN.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus AMEN.

Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis 2004

Predigt über 2. Könige 25, 8- 12 gehalten in der Jakobuskirche
am 10. Sonntag nach Trinitatis 2004

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

wenn wir im September den 50. Geburtstag unserer Jakobuskirche begehen, geht es um Erinnerung. Geburtstag-Feiern heißt, sich daran erinnern, dass jemand auf die Welt gekommen ist. Anlässlich so eines Geburtstages gibt es dann oft Gespräche, die mit „weißt Du noch?“ anfangen. „Weißt Du noch, damals, als wir die Kirche umbauten…“. Ich weiß es noch. Mit anderen Worten: ich erinnere mich. Aber was ist das eigentlich genau: sich erinnern. Es hat mit „innen“ zu tun. Offensichtlich gibt es in mir ein Innen, in dem sich Bilder, ja ganze Szenen aus der Vergangenheit hinein-gebildet haben. Diese Bilder waren einmal im draußen: meine Erinnerung an eine Kirchenvorstandssitzung vor 25 Jahren beginnt mit dem äußeren Rahmen, dem Raum in dem sie stattfand. Dann tauchen Erinnerungen an die Menschen auf, die zugegen waren. Das sind die Fakten. Daneben gibt es Gefühle: diese bestimmen die emotionale Qualität einer Erinnerung: das geht von freudig über neutral bis entsetzlich. An das eine erinnere ich mich gerne – an anderes „möchte ich lieber nicht erinnert“ werden! In den Gefühlen ist das rein Faktische verlassen: woran sich der eine gerne erinnert – kann für den anderen eine höchst unangenehme Erinnerung sein.

Unser heutiger Sonntag heißt Israelsonntag. Es ist ein Erinnerungssonntag. Er steht zeitlich in Zusammenhang mit dem jüdischen Festjahr, und zwar dem 9. Ab. (Ab ist im babylonischen Kalender der 5. Monat (zwischen Juli und August) – diese Zeitrechnung wurde in Israel übernommen.) Am 9. Ab erinnert sich die jüdische Gemeinde traditionell der Zerstörung des „ersten Tempels“ von Jerusalem 586 v.Chr., der Zerstörung des „zweiten Tempels“ 70 n.Chr., der blutigen Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes 135 n.Chr. und der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492. Erst der Holocaust hat in unseren Tagen einen eigenen Gedenktag erfordert. Das sind alles keine schönen Erinnerungen, an denen wir heute in Solidarität mit unseren jüdischen Brüdern und Schwestern teilhaben wollen.
So berichtet unser Predigttext, 2.Kön 25, 8-12 von der Zerstörung des Jerusalemer Heiligtums:

„In der fünften Mondneuung, am siebenten auf die Neuung, das war das neunzehnte Jahr der Jahre des Königs Nebukadnezar, des Königs von Babel, musste dann noch der Diener des Königs von Babel, Nebusaradan, der Führer der Leibdegen, nach Jerusalem kommen, er verbrannte sein Haus, das Königshaus und alle Häuser von Jerusalem, alljedes größere Haus verbrannte er im Feuer, die Mauern Jerusalems ringsum schleiften sie, alles Heer der Chaldäer, das mit dem Führer der Leibdegen war. Das übrige Volk, das noch in der Stadt als Rest verblieben war: die Abgefallenen, die zum König von Babel abgefallen waren, und den übrigen Haufen verschleppte Nesudaran, der Führer der Leibdegen, aber von der Landesarmut ließ der Führer der Leibdegen einen Rest zurück, zu Winzern und zu Pflügern.“ (Übersetzung: M. Buber)

In seiner nüchternen Sprödigkeit kommt der Text wie ein Nachrichtentext daher – ohne den Hauch einer Emotion. Keine Klage an Gott, keine Schuldzuweisung, keine Deutung. „So war’s“ – scheint der Text zu sagen. „That’s it!“

Nun steht unser Text ganz am Ende der beiden Königsbücher, der Geschichtsbücher des israelitischen Königtums. In diesem Kontext wurde der die Geschichte des israelitischen Königtums abschließende Text gedeutet als das endgültige Gericht Gottes. In und mit seinem Königtum ist Israel von seinem Gott abgefallen, die Strafe ist seine Zerstörung als Staat. „Selber schuld“ wäre die lapidare und gefährliche Botschaft. Das moralische Fazit würde dann lauten: Wer nicht nach dem Willen Gottes lebt, ist böse; wer böse ist, muss bestraft werden. Leider ist diese platte Strafgerichtstheologie immer noch aktuell, in der alles Leiden, alles Katastrophale als Ausdruck des Gerichtes Gottes über die sündige Kreatur verstanden wird. In unserem Text ist davon nichts zu hören. Es ist auch nicht die Rede von vollständiger Zerstörung: im Gegenteil: ein Rest bleibt übrig, der Rest der kleinen Leute, die Winzer und Ackerbauer. Die  einfachen Leute, die Wein und Brot herstellen. Wein und Brot – das gibt es noch, das wurde nicht zerstört, und die kleinen Leute, die einfachen Leute, die gab es auch noch, und aus ihnen sollte einmal einer geboren werden, in einem einfachen Stall, den Armen sich zuwendend, von den Hirten erkannt, ein Friedensfürst, ein Heilsbringer …

Also – von wegen bloß Gericht und Strafe.

Doch lassen Sie uns noch einen Augenblick bei den harten Fakten bleiben: historisch gesehen ist die Eroberung und Zerstörung im Jahre 587 v.Chr. die Konsequenz des aufständischen Verhaltens des letzten Königs von Israel: Zedekias. Er war als Nachfolger Jojachins von Nebukadnezar, dem mächtigen Herrscher des neubabylonischen Reiches eingesetzt worden. Beeinflußt von machtbesessenen Beratern an seinem Hof hat er sich gegen Nebukadnezar aufgelehnt. Daraufhin wurde Jerusalem belagert und nach eineinhalb Jahren erobert: Zedekia wurde geblendet, seine Söhne ermordete man vor seinen Augen. Im Zusammenhang damit ist dann auch die Entscheidung gefallen, der staatlichen Existenz Judas – des israelitischen Südreiches – ein Ende  zu machen. Die Ausführung dieser Entscheidung schildert unser Text.

Soweit die dürren Fakten. Und daran sollen wir uns heute am Israelsonntag erinnern. Ich gestehe – ich fühle mich hilflos. Es will sich kein Gefühl einstellen. Es ist so weit weg – so lange her. Und Katastrophen haben wir heute auch genug. Und Gericht predigen ist meine Sache nicht.

Ja – und jetzt? Fakten ist das eine, was sich zum erinnern eignet, habe ich vorhin gesagt. Das andere sind Gefühle. Emotionen machen eine Erinnerung für mich bedeutsam – sei es im Guten, sei es im Schlechten. Bedeutsam. Es geht um Bedeutung. Und Bedeutung hat mit Verstehen zu tun. Eine Bedeutung der Zerstörung des Tempels haben wir kennengelernt: Gericht Gottes. Da gibt es nichts zu verstehen, stattdessen wird aufgespalten: in Gut und in Böse.
Ließe sich die Geschichte von der Zerstörung des Tempels auch anders verstehen? Jenseits moralischer Spaltungen? Wir könnten ja mal zu unseren jüdischen Schwestern und Brüdern rüber schauen: wie feiern die denn ihren „Israelsonntag“ – wie gedenken sie denn dem vielen Leid und den Katastrophen in ihrer Geschichte?

Nun – sie erzählen sich Geschichten. Eine davon, eine chassidische Geschichte die traditioneller Weise am 9.Ab erzählt wird, möchte ich Ihnen jetzt vorlesen:

„Man fragte Rabbi Pinchas: ‚Warum soll, wie uns überliefert ist, der Messias am Jahrestag der Zerstörung des Tempels geboren werden?’
‚Das Korn’, sprach er, ‚das in die Erde gesät ist, muß zerfallen, damit die neue Ähre sprieße. Die kraft kann nicht auferstehen, wenn sie nicht in die große Verborgenheit eingeht. Gestalt ausziehen, Gestalt antun, das geschieht im Augenblick des reinen Nichts. In der Schale des Vergessens wächst die Macht des Gedächtnisses. Das ist die Macht der Erlösung. Am Tag der Zerstörung, da liegt die Macht auf dem Grunde und wächst. Darum sitzen wir an diesem tag am Boden, darum gehen wir an diesem Tag auf die Gräber, darum wird an diesem Tag der Messias geboren.“

In dieser Geschichte ist die Welt des Faktischen und die Welt des Moralischen verlassen. Wir betreten  eine ganz andere Welt – und mit einem Mal wird es lebendig. „In der Schale des Vergessens wächst die Macht des Gedächtnisses. Und das geschieht im Augenblick des reinen Nichts“ – welch ein Gedanke!
Die Fähigkeit, vergessen zu können lässt das Gedächtnis wachsen. Und dieses neue, gewachsene Gedächtnis ist die Macht der Erlösung. Was heißt das?
Jedenfalls etwas ganz anderes als „die Gnade der späten Geburt“. Das ist die Verleugnung von Erinnerung, die Weigerung, sich einzulassen. Es ist der Blick, den man hat, wenn man das Fernglas verkehrt herum hält: alles ist viel zu weit weg – es gibt keine Erde für das Korn, das Korn fällt ins Leere, Wachstum und Entwicklung bleiben aus.

Rabbi Pinchas meint aber auch etwas anderes als jene, die sich an Erinnerungen klammern, die appellieren, dies oder jenes dürfe nie vergessen werden, es müssen Mahnmäler und Museen der Erinnerung aufgebaut werden. Hier wird das Korn eingesargt, in einem Wunderschönen Mausoleum begraben, verziert … und auch so kommt kein Wachstum, keine Entwicklung zustande.
Bestenfalls bleibt es bei den Mahnmälern, schlimmstenfalls gebiert die eingefrorene Erinnerung neuen Hass und neue Gewalt: um wiederum dem andern spüren zu lassen, was einem selbst angetan worden ist. Wenn sich dies paart mit einem Gottesbild, in dem Gott selbst zum Rächer geworden ist, und die eigne Seligkeit verknüpft wird mit der Idee, zum Instrument dieses rächenden Gottes zu werden, dann ist der Teufelskreis von Gewalt gegen Gewalt perfekt.- Es geht nicht mehr um Wachstum oder Entwicklung, sondern nur noch um die Explosion von Hass.

Rabbi Pinchas verwendet das Bild vom fruchttragenden Korn – übrigens in guter Tradition zu einem anderen Rabbi, Rabbi Jesus, der auch gerne Getreidekörner als Bilder für Gleichnisse verwandte – als Bild für Verwandlung von Katastrophalem. In der Schale des Vergessens (der Katastrophe) stirbt das Korn und wird zu einem ganz neuen Keim: ihn nennt er die Macht des Gedächtnisses, die Macht der Erlösung. „Vergessen“ im Sinne von Rabbi Pinchas meint „loslassen“ – übrigens wörtlich: to for-get – to get bekommen – for (zer) kehrt ins Gegenteil – also das Bekommene weggeben, loslassen. Dies geht aber nur „in der Erde drinnen“ – am Boden – also ganz unten, wo das Unbewusste wirkt, am Grunde unserer Seele.

Der Vorgang des Loslassens aber schafft Unsicherheit und Angst – kann ich mir leisten loszulassen von allem, was ich mir mühsam aufgebaut habe? Loszulassen von dem, was meine Eltern mit der Überschrift: ‚Das darfst du nie vergessen!‘ versehen haben? Was passiert denn im Loslassen? Es ist nicht vorhersehbar – nichts ist mehr vorhersehbar, es wird dunkel, der dunkle Weg durch das „reine Nichts“. Das Licht leuchtet in der Dunkelheit“ – nur im Dunkeln öffnen sich die Augen für dieses neue Licht, das die Welt nicht annahm. So hängt los-lassen und er-lösen zusammen. Dieses erlösende Loslassen gebiert Wachstum, neues Wachstum, ein neues Gedächtnis, das erlösend wirksam wird, neue Bilder, die Altes verwandelt haben. In diesem Geschehen wird der Neue Friedensstifter, der Messias in uns geboren. Dies aber ist erst möglich, wenn Raum geschaffen wurde, weil die alten Mächte ihre Macht über uns verloren haben. Die alten Mächte, das sind im letzten jene Kräfte, die Endlichkeit und Begrenztheit, Sterben und Tod nicht anerkennen wollen. Das Vergessen, das Rabbi Pinchas meint, ist selbst eine Art Sterben; und sterben müssen die alten, versteiften Mächte, die hartnäckig den Zusammenhang von Leben und Tod verleugnen. Wenn Königtum und Tempel (als Symbole für Macht und Sicherheit) für diese reaktionären Mächte stehen, dann müssen sie sterben, damit Neues wachsen kann. Dieses Neue ist im Alten keimhaft angelegt: es ist der Rest der kleinen Leute, in deren Mitte das Neue geboren wird, selbst klein und arm. Die neuen Waffen sind Wahrheit und Liebe – in Ihnen reift die Macht des neuen Gedächtnisses. Dieses neue Gedächtnis bedarf nicht mehr der Strafpredigt, um etwas zu bewirken, es klammert sich auch nicht mehr an die konkretistische Kraft des Faktischen – im Gegenteil – die neue Kraft ist die Kraft des Vertrauens auf das Nicht-Faktische. Davon handelt eine andere Geschichte, die in der jüdischen Gemeinde ebenfalls am 9. Ab verlesen wird. Ich möchte sie Ihnen nicht vorenthalten:

„Wenn der Großrabbi Israel Baal-Schem-Tow sah, dass dem jüdischen Volk Unheil drohte, zog er sich für gewöhnlich an einen bestimmten Ort im Wald zurück; dort zündete er ein Feuer an, sprach ein bestimmtes Gebet, und das Wunder geschah: Das Unheil war gebannt. – Später, als sein Schüler, der berühmte Maggrid von Mesritsch, aus den gleichen Gründen im Himmel vorstellig werden sollte, begab er sich an denselben Ort im Wald und sagte: Herr des Weltalls, leihe mir dein Ohr. Ich weiß zwar nicht, wie man ein Feuer anzündet, doch ich bin noch imstande, das Gebet zu sprechen. Und das Wunder geschah.- Später ging auch der Rabbi Mosche Leib von Sasow, um sein Volk zu retten, in den Wald und sagte: Ich weiß nicht, wie man ein Feuer entzündet, ich kenn’ auch das Gebet nicht, ich finde aber wenigstens den Ort und das sollte genügen. Und es genügte: wiederum geschah das Wunder. – Dann kam der Rabbi Israel von Rizzin an die Reihe, um die Bedrohung zu vereiteln. Er saß im Sessel, legte seinen Kopf in beide Hände und sagte zu Gott: Ich bin unfähig das Feuer zu entzünden, ich kenne nicht das Gebet, ich vermag auch nicht den Ort im Walde wiederzufinden. Alles was ich tun kann ist diese Geschichte zu erzählen. Das sollte genügen. Und es genügte.“

AMEN

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, AMEN.

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis (2004)

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis (4.7.2004) in der Jakobuskirche Pullach über Römer 14,10-13

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

das ist ein merkwürdiger „Lastenausgleich“, der da von Paulus angemahnt wird: „Einer trage des anderen Last!“ Ein schlichtes Wort, das uns in dieser Woche begleiten will – aber: was bedeutet es? Der Zusammenhang ist klar: es geht um „Fehltritte“. Frei umschrieben meint Paulus in etwa: „In einer lebendigen christlichen Gemeinde werden die Fehler der einzelnen aufgefangen und gemeinsam getragen.“ Das kommt so leicht daher – ist aber ein radikal anderer Blickwinkel für menschliches Zusammenleben als damals und heute üblich. Der springende Punkt ist: es fehlt die Verurteilung! Üblich war damals in der griechischen Welt sich auf die Vernunft als die absolute, übergeordnete Instanz zu berufen. Was der Vernunft, dem Logos entsprach, hatte Geltung, alles andere wurde als unvernünftig – non-sense verurteilt. In der jüdischen Welt war die übergeordnete Instanz das Gesetz: wer es erfüllte, der  galt als gerecht, der Ungerechte war der „Sünder“, der aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde – es sei denn er „tat Buße“. Paulus stellt in seinen Briefen beide Instanzen in Frage: der Weisheit der Welt stellt er die Weisheit Gottes gegenüber (Korintherbriefe) der Gerechtigkeit aus den Werken des Gesetzes stellt er die Gerechtigkeit aus dem „Sein in Christus“ gegenüber (Römer und Galaterbrief).

Und dem abwertenden Verurteilen oder gar Ausschließen stellt er die integrative Kraft der Liebe entgegen. So schreibt er in Röm 14, 10-13, unserem heutigen Predigttext:

 

 

Ein aufregender Text! Es geht schon los mit dem „Du aber…!“ Völlig unvermittelt, vorher war von Euch die Rede, von wir, von jeder muss usw. – und plötzlich leuchtet dieses existenzielle „du!“ auf

Ja Du – Du bist gemeint – hör auf dich in einem Kollektiv zu verstecken – es geht um dich und um deinen Umgang mit deinen Brüdern und Schwestern. Bruder und Schwester – das sind im engeren Sinne die Gemeindeglieder, im weiteren Sinne sind es die Zeitgenossen, Mitmenschen. „Hör’ auf, Deinen Mitmenschen zu richten!“ Krineo – wörtlich „unterscheiden“, dann richten, zu Gericht sitzen, beurteilen, verurteilen, der Übergang zu verachten ist fließend – so sagt Paulus auch: „oder, was verachtest du deinen Bruder?“ Exouteneo -verachten, die Vorsilbe ex- verweist auf das hinaus, das hinausstoßen, das Ex-Kommunizieren. Dagegen wendet sich Paulus. Und dann fährt er mit dem kollektiven „Wir“ fort: „wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen.“ Vorsicht – dieser Satz darf nicht platt konkretistisch verstanden werden: „weil wir wissen, dass es ein zukünftiges Gericht Gottes gibt, deshalb verurteilen und verachten wir nicht.“ Paulus so mißverstanden öffnet die Türe genau für die Form des Richtens und Verachtens gegen die Paulus sich wendet. Dann wären plötzlich wir, die Getauften und Gerechtfertigten die Bessser-Wisser; aber das wäre nur ein Austausch absoluter Instanzen; statt griechischer Vernunft, statt jüdischem Gesetz der Gekreuzigte-Auferstandene als die letzte absolute Instanz. Es bliebe dasselbe Muster – es bliebe bei dem „von oben herab“ der Wissenden gegenüber den Unwissenden, es bliebe bei den Urteilenden gegenüber den zu Beurteilenden, es bliebe bei der Moral der Guten gegenüber den nicht so Guten.

Die frohe Botschaft, das Evangelium Jesus Christi aber ist kein weiterer Appell an irgend etwas … – davon gab und gibt es genug.

 

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht; es ist ja eine Gotteskraft zum Heil für jeden, der glaubt…Wird doch in ihm Gottes Gerechtigkeit aus Glaube zu Glauben enthüllt…“ das ist das Leitthema der Paulinischen Theologie des Gerechtfertigten und deshalb freien Christenmenschen! Und das Gefäß, der Container für diesen radikalen Gedanken ist der Glaube, das Vertrauen auf einen im letzten unerkennbaren … Hier gehört das Wort „Gott“ hin – aber ich scheue mich, es zu verwenden – denn im kirchlichen Sprachspiel ist auch das Wort Gott gezähmt, domestiziert – „fromm“ geworden. Und steht in der Gefahr, den Gemeinten, den Bedeuteten – eben den unverfügbaren Gott – zu verwässern, zu vergewissern zu versichern.

 

Wo Gott ist, ist keine Sicherheit sondern Unsicherheit – Gott beginnt da, wo das Gewohnte, Vertraute aufhört. Dieses Ende und diesen radikalen Neuanfang hat Paulus erlebt – in seinem Damaskus – in seiner Wandlung vom Verfolger der frühen Christen zu deren leidenschaftlichen Verteidiger und Befürworter.–

 

Und jetzt? Was heißt das alles hier für uns? Hier – und heute?

 

Ich möchte Ihnen eine Begebenheit erzählen, die ich vor kurzem erlebte und die mir sofort einfiel, als ich unseren Predigttext zum ersten Mal las: „es war ein schöner Nachmittag; ich war mit dem Fahrrad unterwegs, zusammen mit meiner 5jährigen Tochter und ihrer gleichaltrigen Freundin. Beide hatten vor kurzem Radfahren gelernt, und waren stolze, wenn auch noch etwas unsichere neue Verkehrsteilnehmer. Sie fuhren auf dem Bürgersteig und ich neben ihnen auf der Strasse. Ein besonderes Abenteuer sind immer die Seitenstrassen, die es zu überqueren gilt – und wenn die „anderen“ auch noch die Vorfahrt haben. Wir kamen also an so eine Stelle und mussten bremsen, weil ein mächtiger schwarzer Sportwagen von rechts kam. Natürlich – er hatte die Vorfahrt. Nur – die wollte er gar nicht wahrnehmen – sondern er parkte – direkt vor unserer Nase im absoluten Halteverbot. Für uns bedeutete das: Absteigen, um den Wagen herum die Fahrräder schieben und wieder aufsteigen. Das ist alles etwas mühsam und mein Blutdruck begann zu steigen. Als ich dann noch den Fahrer des Wagens sah, ein sonnenbebrillter in teures dunkles Tuch gehüllter junger Mann, der wippenden Schrittes seines Weges ging als wäre er allein auf der Welt… kochte es in mir. Nachdem wir es geschafft hatten, den Bürgersteig zu erreichen fuhren die Mädchen langsam mit ihren kleinen Rädern weiter und ich ebenso langsam hinterher. Wir überholten den Sportwagenfahrer und es zischte aus mir heraus: „Wirklich toll geparkt!“ Darauf bekam ich zur Antwort: „Es ist wohl ein größeres Vergehen, mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig zu Fahren, als da zu  parken.“ Darauf ich, völlig verdattert irgendwie dagegen argumentierend. Als er zur Bank abbog versuche ich es noch mit: „Nur nicht sich von anderen erreichen lassen!“ Aber er hat es wohl nicht mehr gehört.“

 

Warum erzähle ich Ihnen diese wenig erfreuliche Geschichte?

 

Erstens um Ihnen zu sagen, dass ich es nicht leicht finde, wirklich christlich im paulinischen Sinne zu leben.

Zweitens, weil ich der Überzeugung bin, dass das, was Paulus erlebt hat, und wovon er so leuchtend schreibt, kein Zustand ist, den man irgend wann einmal „besitzt“, sondern ein beständiges Ringen um ein Geschehen, dem man sich mal mehr mal weniger annähern kann. Es gibt kein jenseits des „zugleich Sünder und Gerechtfertigt-Seins“. Aber in dem Annehmen dieses Geschehens kann sich tiefe Zufriedenheit ereignen.

Drittens glaube ich eignet sich die Geschichte ganz gut zur Veranschaulichung unseres Textes.

Was ist passiert? Jemand tut etwas Unrechtes. Keine Frage, der Fahrer parkte seinen Wagen im absoluten Halteverbot. Man könnte also die Polizei rufen. Wäre das im Sinne des Paulus? Ich glaube nicht. Es wäre noch einmal mit einer größeren Macht operiert. Das mag manchmal in Welt nötig sein – ich hätte dann die Genugtuung bekommen, dass der andere bestraft wird – ein zweifelhafter Gewinn. Ist mein Ärger im Sinne des Paulus? Schwer zu sagen, aber Paulus kann auch sehr impulsiv schreiben und verbirgt seinen Ärger nicht. Ich glaube, sich in einer Situation, in der man sich „überfahren“ fühlt zu ärgern ist völlig menschlich und angemessen. Die Frage ist, wie es dann weiter geht. Und darauf gibt Paulus eine verblüffende Antwort. Er sagt: Du tust Dir selbst nichts Gutes, wenn Du Dich aus Ärger über Deinen Mitmenschen stellst! Denn „jeder von uns muss über sich selbst Gott Rechenschaft geben!“ Das ist der Dreh- und Angelpunkt. Übersetzt heißt das nämlich: Vor Gott, vor dieser Instanz „extra nos“ – die etwas mit Gewissen zu tun hat, aber weit darüber hinaus geht – gibt es kein Entrinnen. Als ich mich an diesen Gott wandte, weil ich mein Verhalten alles andere als toll fand, aber auch das Unrecht, das mir doch widerfahren war, nicht einfach wegwischen wollte, entstand in mir folgender Dialog: eine Stimme, freundlich aber sehr deutlich sagte zu mir: „Du kannst niemand dazu zwingen, dich zu sehen oder gar sich in deine Bedürfnisse einzufühlen. Der Autofahrer wusste selbst auch ganz genau, dass er sich ins absolute Halteverbot stellte. In dem du ihm daraus noch einmal einen Vorwurf machst, bleibt ihm nichts anderes mehr übrig als sich zu verteidigen. Und manchmal ist Angriff die beste Verteidigung – und so hat er dich auf dein eigenes Vergehen aufmerksam gemacht!“ Okay. Das leuchtet ein. Ja – und – weiter will ich sagen. Da  scheint mir die Stimme ein wenig zu lächeln, indem sie fort fährt: „Kann es sein, dass du auch deshalb dich so geärgert hast, weil du ganz im Inneren – du würdest es nie zugeben – auch ein kleines bisschen diesen Mann um sein schickes Auto beneidet hast. – Und dann geht er auch noch zur  Bank! Und du sitzt auf Deinem Fahrrad und begleitest zwei kleine Mädchen! Vielleicht bist Du kurzfristig einem Klischee von Männlichkeit aufgesessen, demgegenüber Du Dich etwas  – minderwertig fühltest?“

 

Aha. Soll ich das glauben? Mein Ärger über den „Fehltritt“ meines Mitmenschen hätte dann mit meiner eigenen Bedürftigkeit zu tun! Theoretisch kenne ich ja diese Zusammenhänge. Sie sind das tägliche Brot einer Therapiestunde. Wer sich selbst minderwertig, in der schwachen Position fühlt, fängt an zu beneiden. Neid aber ist die Ursache des Hasses; aus ihm entspringt dann, sich über den anderen zu stellen, ihn zu richten und zu verachten. Sich seinen eigenen Neidgefühlen anzunähern, ist aber deshalb so schwierig, weil es beschämend ist. Und Scham ist ein ekelhaftes Gefühl, das sich wehrt, offenbar zu werden. „In den Boden versinken wollen vor Scham“ – d.h. ja nichts anderes als weg damit – dieses Gefühl halte ich nicht aus. Wenn Paulus schreibt, ich schäme mich nicht des Evangeliums – weiß er, wovon er spricht – er, der Christenhasser und –verfolger, der sich dieser ganz neuen emotionalen Erfahrung vor Damaskus gestellt hat, sich von ihr hat überwältigen lassen, er hat verstanden, weil er es erlebt hat, dass wer in Christus ist, ist eine neue Kreatur. Neid, Scham Hass alle diese dunklen unangenehmen Gefühle, mit denen wir nichts zu tun haben  wollen –  die haben jetzt einen Platz gefunden – in Christus, dem Gehassten, dem Beschämten, den Verspotteten. Der in Christus offenbare Gott liebe Gemeinde, ist kein Sonntagsgott – er ist ein Alltagsgott, alltäglich zu gebrauchen, um über das Erlebte Rechenschaft abzulegen, zu re-flektieren und daraus neue Kraft zu schöpfen. Denn alles, was einen Platz findet, muss nicht mehr frei herumirren. Es muss nicht mehr verfolgen. Der von Neid und Hass verfolgte Mensch hat sich seinen Verfolgern noch nicht zugewandt, ist ihnen noch nicht angemessen begegnet. Um dieser Begegnung standzuhalten, bedarf es des Vertrauens auf eine Instanz, die nicht von dieser Welt ist. Dies aber ist Gott. Gott eignet sich nicht als verlängerter Arm irgendeiner weltlichen Instanz! Als solcher verkümmert Gott zu einem Götzen, der mir sein Urteil, sei es moralischer, sei es logischer Art aufzwingen möchte.

 

Gott lässt frei – weil er die Liebe ist – wie Paulus nicht müde wird zu sagen. Und vor der Liebe – der in Christus offenbar gewordenen Liebe – muss sich keiner schämen, auch nicht und gerade nicht seiner Schattenseiten. Die Liebe beschämt nicht, sie bleibt freundlich – aber sie ist auch ganz klar. Sie verschleiert nicht, sondern deckt liebevoll auf. Die Liebe aber ist nichts anderes als die Fähigkeit, sich in sich selbst und in den anderen einfühlen zu können, Fürsorge für das eigene und das anvertrautes Leben zu tragen. Auf diesem Hintergrund ist der letzte Satz unseres Textes zu verstehen: Statt unsere Mitmenschen zu richten, sollen wir darauf achten, den anderen keinen Anstoß zum Ärger zu geben. Je tiefer ich für meinen Mitmenschen – auch wenn er sich mir in den Weg stellt, auch wenn er mich beeinträchtigt – Achtung empfinden kann, desto elastischer werde ich auch in schwierigen Situationen bleiben. Dieses in der Achtung für den anderen bleiben heißt für mich: einer trage des anderen Last! Den anderen achten geht aber nur, wenn ich mich selbst achte, und mich selbst achten geht wiederum nur, wenn ich mein Leben in Gott, in jenem dritten Punkt außerhalb verankere – und von ihm her immer wieder aufs Neue reflektiere. Verankert sein in Gott, das heißt mit Paulus: „Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir also leben oder sterben – wir sind des Herrn.“ Dieser Satz steht übrigens unmittelbar vor unserem Predigttext.

 

Liebe Gemeinde,

 

ich habe versucht, Ihnen anhand eines persönlichen Erlebnisses zu veranschaulichen, wie ich das „vor Gott Rechenschaft ablegen“ verstehe.

Im Verlauf dieses Geschehens haben sich folgende Gedanken herausgebildet, die ich noch einmal zusammenfassen möchte:

1.     Einsicht, Einfühlung, Rücksicht etc. lässt sich nicht erzwingen. Über Zwang, Macht, Gewalt kann man oberflächliche Verhaltensänderung erreichen. Neue Einstellungen, verwandeltes Erleben lässt sich nicht erzwingen. Dies gilt auch für die Politik: alltäglich sind wir Zeugen davon, dass sich Frieden und Demokratie nicht erzwingen lassen.

2.     Gefühle wie  Neid, Wut, Trauer, Empörung, Angst gehören zum Leben dazu. Sie lassen sich nicht weg-glauben und nicht weg-therapieren. Dies gilt auch für das Erleben von Endlichkeit, Krankheit und Tod.

3.     Aber (!) – Verwandlung ist möglich! Verwandlung ist die Alternative zu verachten und ausscheiden. Verwandlung geschieht auf dem Weg des „vor Gott Rechenschaft Abgebens.“ Allerdings bedarf es des Mutes, sich dem Schmerz der ehrlichen Auseinandersetzung mit sich selbst zu stellen und den eigenen Schattenseiten zu begegnen. Wahrheit ist die Milch der Seele. Diese Milch nährt  und führt zu der unglaublich frohen Botschaft:

Es gibt die Möglichkeit der Wandlung, der Verwandlung von Hass in Liebe, von Angst in Sicherheit, von Misstrauen in Vertrauen, von Neid in Dankbarkeit. Oder – noch einmal mit Paulus: nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir – mein Ich ist hineinverwandelt und hineingestaltet in Christus. Und umgekehrt: der historische Jesus der Geschichte ist transformiert in den Christus des Glaubens. Äußere Welt ist zu innerer Welt geworden: Seele wächst und gedeiht. Oder, in der wunderschönen Poesie Paul Gerhardts:

„Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum und lass mich Wurzel treiben.“ AMEN.

 

Und die Liebe Gottes, die höher ist als all unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus AMEN.

 

 

 

Predigt zur Ernennung als Pfarrer im Ehrenamt über 1. Petrus 2,18-25

Predigt zur Einführung in das Amt des „Pfarrers im Ehrenamt“
am Sonntag Misericordias Domini in der Jakobuskirche in Pullach
(25. April 2004) über 1. Petrus 2,18-25

Gnade sei mit Euch und Friede – von Gott unserem Vater und Jesus Christus unserem Henrren.

Liebe Gemeinde,

als ich mit Herrn Pfr. Bordon den heutigen Sonntag vereinbarte, an dem ich als Pfarrer i.E. in die Gemeinde eingeführt werden sollte, freute ich mich sehr. Ich schlug sofort nach, um welchen Sonntag nach Ostern es sich handeln würde: Misericordias Dei – die Barmherzigkeit Gottes!  In der jüdischen Tradition wird das große Hallel (Ps. 126) gesungen – der die Wunder der Schöpfung Gottes preist – mit dem Refrain: „Preist Jahwe, denn er ist gut, in Ewigkeit währt sein Erbarmen.“ Jahwe, der barmherzige Gott. Das ist der gute Hirte, verdichtet in Ps. 23 und von uns Christen in besonderer Weise auf Jesus Christus angewandt. Ein Sonntag fast zum Jubeln also (Halleluja heißt ja jubeln, jauchzen). Wie von selbst kamen mir Melodien ins Ohr, aus Haydns Schöpfung irgendwie vermischt mit  „Morning has broken“ von C. Stevens. – Jetzt noch ein schöner Preditgttext dachte ich mir – dann kann eigentlich nichts mehr passieren!

Und wie das so ist im Leben, folgen auf Hochgefühle gerne Ernüchterungen. Und das gelang dem heutigen Predigttext aus dem 1. Petrusbrief mühelos – mich zu ernüchtern, mich ratlos zu machen, mich stark zu verunsichern. Es geht schon damit los, dass man sich nicht einigen konnte, ab wo der Text angehen sollte: in der alten Predigtreihe beginnt er bei Vers 21, in der neuen bei Vers 21 b – und liest man die Kommentare von Neutestamentlern, so erfährt man verblüfft, dass alle der Meinung sind, nur wenn man auch noch die Verse 18 und 19 hinzu nimmt, ist der Text in seiner Ganzheit zu verstehen. Wenn also schon formal solche Probleme sind – um welchen Inhalt muss es sich dann erst handeln? Kurz noch ein Wort zur Geschichte des Textes: der 1. Petrusbrief wurde wohl zwischen 80 und 100 n.Chr. in Rom als theologisches Rundschreiben  verfasst; sein Verfasser bediente sich der Autorität des Heiligen Petrus, um diesem Schreiben Gewicht zu verleihen. Das Schreiben sucht Hilfestellungen für den Alltag der Christen zu geben – in unserem Abschnitt wendet sich der Verfasser explizit an die Sklaven unter den Christen, um an deren Schicksal seine Auffassung über die Nachfolge Christi zu veranschaulichen.
Und jetzt: hören Sie selbst: 1. Petrus 2, 18-25.

„Ihr Sklaven sollt in allem Respekt euren Herren untergeben sein, und zwar nicht nur den Guten und freundlichen, sondern auch den unguten. Denn das ist Gnade, wenn jemand in der Bindung an Gott Schweres hinnimmt und ungerecht leidet. Welcher Ruhm liegt nämlich darin, wenn ihr für Verfehlungen Mißhandlungen zu ertragen habt? Aber wenn ihr Gutes tut und deshalb Leiden ertragen müßt, das ist Gnade vor Gott. Dazu seid ihr ja berufen, weil auch Christus für euch gelitten hat und euch ein Vorbild hinterließ, damit ihr seinen Spuren folgt. Er hat keine Sünde getan, und man fand keine Falschheit in seinem Mund; er wurde beschimpft und schimpfte nicht zurück, mußte leiden und drohte nicht, sondern überließ (alles) dem gerechten Richter. Er selbst hat unsere Sünden an seinem Leib aufs Holz hinaufgetragen, damit wir den Sünden absterben und der Gerechtigkeit leben. Durch seine Strieme seid ihr geheilt. Ihr irrtet nämlich umher wie die Schafe, aber jetzt seid ihr umgekehrt zum Hirten und Beschützer eures Lebens.“

Einerseits: Jubel über die Schönheit der Schöpfung, die Wunder des Lebens, die Barmherzigkeit des Schöpfers, die Güte des Hirten – das ist der Eingangsakkord des Sonntags –
und dann diese Modulierung: Ungerechtigkeiten, Unterordnungen vielleicht sogar Demütigungen, bis hin zu Gewalt und Grausamkeiten („Striemen“ ) sind hinzunehmen, ja gelten als Ausdruck von Gnade.
Wie geht das zusammen? Das ist die entscheidende Frage. Denn: bleiben die beiden Seiten zerrissen, dann bleiben auch die Menschen in zerrissenen Gefühlen stecken: einerseits im manischen Triumph des „mir kann nichts passieren, ich stehe über den Dingen“ und andererseits im Essigtopf des: „jetzt ist es zu spät, es hat doch eh alles keinen Sinn, man muß halt das Leben über sich ergehen lassen.“

Der Autor unserer Briefstelle stellt folgende, höchst aktuelle These auf: Nur wer sich traut, durch den Schmerz (das Leiden) zu gehen, der bekommt auch wirklich am Leben Anteil. Vorbild und Vermittler dieses Geschehens ist kein anderer als Jesus Christus selbst. In dem Sinne ist er der „gute Hirte“, weil in seiner Art und Weise mit Leiden umzugehen, die Barmherzigkeit Gottes offenbar geworden ist, er sie uns offenbart hat. Was aber war die Besonderheit seines Umganges mit Leid? Er hat – wie der Neutestamentler Norbert Brox so schön schrieb, „die Multiplikation des Bösen“ durchbrochen. Indem er nicht Hass mit Hass, Ungerechtigkeit mit Ungerechtigkeit vergolten hat. Also nicht mehr Auge um Auge. Aber mehr noch: und  das ist der bleibende Stachel des Lebens Jesu und seines Evangeliums (der eigentliche „Skandal“) – jedenfalls nach meinem Verständnis: Er hat nicht nur Ungerechtigkeit nicht mit Ungerechtigkeit vergolten – er hat sie auch nicht mit Recht vergolten. Er hat Ungerechtigkeit überhaupt nicht vergolten! Er hat sie „erlitten“ in des Wortes ursprünglicher Bedeutung – er hat sie geschehen lassen – aber nicht so, dass er depressiv eingebrochen wäre, sondern so, dass er in seiner Passivität seine Aktivität und Vitalität ganz neu entdeckt hat: nämlich sein nicht brechbares Vertrauen in seinen Gott. Sogar in diesem harten, scheinbar verzweifelten Satz des „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, wendet er sich an seinen Gott! Sterben müssen ist die Herausforderung für das Vertrauen in Gott – einer Herausforderung, die ich umgehe, wenn ich vorschnell den Gedanken der Auferstehung hinzunehme: Jesu Besonderheit ist seine Fähigkeit, sich der „dunklen Nacht Gottes“ – wie der Heilige Johannes v. Kreuz so schön schreibt – zu überlassen. Das heißt sich nicht aus dem Vertrauen an den barmherzigen Gott bringen zu lassen – gerade dann, wenn kein Licht am Ende des Tunnels leuchtet!
Das hat der Verfasser von 1. Petrus verstanden – und deshalb eignen sich die Sklaven in ganz besonderer Weise dafür, um  seine Anschauung der Bedeutung der vita Jesu deutlich zu machen – deutlich zu machen für alle Christen! Es wäre ein großes Mißverständnis und ein Mißbrauch unseres Textes, ihn in irgendeinerweise politisch auszuschlachten. Darum geht es nicht.

Der theologische Schlüsselsatz unserer Textstelle und des ganzen Briefes ist Vers 19 – den man nicht weglassen sollte: „Denn das ist Gnade, wenn jemand in der Bindung an Gott Schweres hinnimmt und ungerecht leidet.“

„Gnade“ (Charis – wörtlich: Anmut, Schönheit, dann Geschenk, nicht zu Machendes) und „Leiden“ (Paschein – wörtlich erleben – Angenehmes wie Unangenehmes) gehört untrennbar zusammen.
Wir leben in einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der Leiden, Schmerz und Tod hinter sterilen Glasfassaden abgeschirmt, betäubt und entkeimt wird. Welche Kreativität hat die Menschheit jedenfalls in unserer westeuropäischen Kultur darauf verwandt, sich mit Tod, Krankheit, Schmerz, Trauer, Schwäche nicht konfrontieren zu müssen. Dabei ist in Vergessenheit geraten, was in unserem Brief zusammengehalten wird: Anmut und Schönheit – Gnade – zu erleben heißt sie zu erleiden. Wer verlernt hat aus der Tiefe heraus zu weinen, kann sich auch nicht aus der Tiefe heraus freuen. Und wer „Leiden“ als Kränkung für die eigene vermeintliche Stärke und Unverwundbarkeit erlebt, kann auch nicht mehr sagen: „es tut mir leid!“ Ein weitgehend aus der Mode gekommenes Wort – das eine so wohltuende und versöhnende Wirkung haben kann, wenn es wirklich so erlebt wird.
In dem schönen alten Wort „Wachstumsschmerzen“ ist das Wissen um die Zusammengehörigkeit erhalten: zu wachsen, körperlich wie seelisch, tut immer auch weh, weil wachsen, sich entwickeln ein nicht Machbares und in diesem Sinn ein zu Erleidendes ist. „Wachsen“ „Entwicklung“ geschieht.

Das sich drein fügen in den Schmerz (auch der Ungerechtigkeit) setzt allerdings eine Intuition dafür voraus, dass der Schmerz, das Leiden ja der Tod nicht das letzte Wort haben. Denn Schmerzen bloß um der Schmerzen willen auf sich zu nehmen – hat eher mit Masochismus als mit Wachstum zu tun. Durch die dunkle Nacht der Unsicherheit, des Schmerzes zu gehen, setzt eine Vorahnung von „Leben“ voraus – und zwar: und jetzt scheine ich mir selbst zu widersprechen: jenseits von Krankheit, Schwäche Tod und  Schmerz! Ich meine mit jenseits des Schmerzes etwas, was in unserer Briefstelle in einem Bild ausgedrückt wird: „Ihr irrtet nämlich umher wie Schafe, aber jetzt seid ihr umgekehrt zum Hirten und Beschützer eures Lebens.“ Dieses Bild ist die Veranschaulichung dafür, warum es Gnade ist, „wenn jemand in der Bindung an Gott Schweres hinnimmt und ungerecht leidet“. Ich möchte diesen Zusammenhang mit Hilfe eines eigenen Traumbildes verdeutlichen, das zu einem Traum gehört, den ich in der Zeit der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst träumte:
„Ich predige in einem Raum, der so aussieht wie diese Kirche, aber auf einer Seite ist eine große milchige Wand, wobei unklar ist, ob es eine Milchglasscheibe ist, oder Nebel. Es sind vornehmlich ältere Menschen im Raum und wir blicken gemeinsam auf dieses diffuse Etwas. Während ich rede – ich weiß nicht mehr worüber – lichtet sich der Nebel und man sieht ein herrliches Bergpanaorama, mild  erleuchtet von den letzten Strahlen einer rötlichen Abendsonne. Wir schweigen gemeinsam, sind angerührt von dem wunderbaren Blick. Und ehe wir uns versehen, ist die Sonne am Untergehen und wird abgelöst von einem sternenklaren Himmel. Und jemand sagt vorwurfsvoll: das hat doch alles keinen Sinn – was nützt es, die Sonne zu sehen, wenn sie eh gleich untergeht. Lieber hätte ich sie nicht gesehen! Und jemand anderes sagt: wer die Sonne gesehen hat, hält die Nacht leichter aus. Und vielleicht wird morgen ja wieder ein schöner Tag. Und überhaupt: schau doch, wie schön diese Nacht ist.“

Die Stimme die sagt: es tut mir zu weh, die Sonne zu sehen, weil ich nicht aushalten kann, dass sie untergehen wird; lieber bleibe ich im Nebel, das tut wenigstens nicht weh – das  ist die Stimme des vermeidenden Schmerzes. Sie sagt: „Warum muss gerade jetzt die Sonne untergehen?“ „Warum habe ich das nicht früher gesehen – überhaupt: warum gerade ich?“ Diese Stimme verweigert sich der Hingabe an das Jetzt – paradoxerweise auch dem Genießen der Schönheit – aus Angst vor dem Schmerz der Vergänglichkeit. Dem Schmerz der Trennung.
Die zweite Stimme ist wachstumsfördernd und lebensbejahend. Sie sagt: auch wenn die Sonne nicht mehr scheint, gibt es eine Erinnerung daran – und eine Hoffnung auf einen neuen Tag. Und ein Sich-Einfügen in das was jetzt ist: nämlich Nacht. Diese Stimme hat gelernt, darauf zu vertrauen, dass es Wandlungen und Verwandlungen gibt. Die Gegenwart ist nicht festgeschrieben, sondern ist selbst im Werden. Diese Stimme hat gelernt, dass Trennungen zum Leben gehören, ja lebensdienlich sind. Diese Stimme hat erlebt und erlitten, dass sich Neues nur einstellen kann, wenn Altes freundlich verabschiedet worden ist. Und das tut weh. Wir können dies übrigens mit jedem Atemzug wahrnehmen: indem ich ausatme, den verbrauchten, alt gewordenen Atem loslasse und die dunkle Nacht des Nicht-Atmens wage, erlebe ich, wie aufs Neue die Luft das Leben in meine Lungen strömt: es atmet mich.
Aber was ist, wenn kein freundlicher Abschied möglich war – was ist, wenn das kleine Kind seine Mama oder seinen Papa durch einen Unfall verliert? Was ist, wenn man – warum auch immer, die eigene Heimat verlassen muss – und nicht ohne weiteres zurückkehren kann. Was ist, wenn der Freund, den man so gern mochte, der Führer, dem man so viel zu verdanken hat als Straftäter hingerichtet wird? Was ist, wenn Trennung verklebt ist mit Gewalt, mit Unrecht, ja mit Verbrechen? Das ist das Schicksal der Hinterbliebenen Jesu – seiner ersten Jüngerinnen und Jünger Jesu – ihr geliebter Rabbi wurde in ihren Augen völlig ungerecht hingerichtet. Und das ist die Keimzelle des Evangeliums, der frohen Botschaft – die Idee, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass sich Hass verwandeln lässt in Liebe, Angst verwandeln lässt in Vertrauen, Sterben verwandeln lässt in Leben. Das ist eine ganz andere Botschaft als die, man dürfe Ohnmacht nicht hinnehmen, man darf sich Ungerechtigkeit nicht bieten lassen, man muß das Böse ausrotten.

Liebe Gemeinde,
Jesus hat als Christus vorgelebt, dass sich Leiden, ja der Tod verwandeln läßt. Durch Jesus  – und so wurde er zum Christus – ist der völlig neue Gedanke auf die Welt gekommen, dass Leiden, Schmerzen auch Schuld nicht abgespalten, nicht exkommuniziert werden müssen – sondern ertragen werden können in dem Vertrauen auf ihre Verwandlung. Dieses unbedingte Vertrauen hatte Jesus zu seinem Gott, dieses Vertrauen ist die „Bindung an Gott“ unserer Briefstelle und dieses Vertrauen lässt sich in keine Todesgruft einsperren. Psychologen haben herausgefunden, dass gut an ihre Eltern gebundene Kinder die besten Chancen für ein freies und zufriedenes Leben haben. Gut gebunden sein, heißt, sich trennen zu können, ohne den anderen zu verlieren. Gut in Gott gebundene Menschen fühlen sich von ihrem Gott wie von einem guten Hirten begleitet – einem Hirten, dem es um das Wohlergehen seiner Schafe geht und nicht um deren Gängelung oder Knechtung. Jesus hat zu diesem Gott „abba“ gesagt und bis in die Gealt seines Todes hinein vertraut, dass dieser Gott barmherzig ist: ein Herz hat gerade für die Verwirrten und Verzagten, gerade für die, die  Schmerzen erleiden und ungerecht behandelt werden, gerade für die, die sich verlassen – mutterseelen allein – fühlen.

So ist Jesus zum Christus geworden, zum guten Hirten und „Beschützer“ unseres Lebens. In  dem Vertrauen auf diesen Christus und in der Bindung an diesen Gott des Lebens können wir neu zurückkehren zu unserem Ausgangspunkt: durch den Schmerz hindurch gegangen können wir jetzt neu mit dem Psalmisten singen: Das Leben ist schön – preist Jahwe, den Schöpfer und barmherzigen Gott, durch ihn und mit ihm und in ihm lebt und webt seine Schöpfung – und wir haben daran Anteil – welch eine Gnade!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Sinne in Christus Jesus Amen.

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