Predigt über Apostelgeschichte 10, 21 – 35 (2026)
Liebe Gemeinde!
Vor ziemlich genau 25 Jahren habe ich mich entschlossen, mich um das Amt eines Pfarrers im Ehrenamt zu bewerben. Dieser Entschluss entstand im Zusammenhang mit meiner dritten Psychoanalyse, in der ich begann zu verstehen, dass Abbruch (von Beziehungen) eines meiner großen Themen war (und ist).
Abbrechen fühlt sich leichter an als aushalten.
Und Abbrechen verhindert Abschied-Nehmen.
Abbrechen erspart einem die widerlichen Gefühle des Abschied-Nehmens: Trauer, Depression, Enttäuschung, auch Wut…
Im Abbruch einer Beziehung schaut es so aus, als hätte man sich getrennt. Aber der Schein trügt. Oft verraten Träume – falls man den Mut hat, sie zu erinnern und die Möglichkeit, sie ansatzweise zu verstehen -, dass man immer noch mit dem oder der, wo man dachte, getrennt zu sein, doch noch zusammen ist! So ging es mir mit Kirche: Äußerlich gesehen hatte ich mit Kirche nichts mehr am Hut – nach innen geschaut – indem ich meine Nacht-Träume ernst nahm – stimmte das überhaupt nicht.
Im Zuge der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst hatte ich folgenden Traum:
Erste Szene: „Ich spiele mit jemand Karten und bin dabei, zu verlieren. Und zwar katastrophal zu verlieren: nicht einen einzigen Stich hatte ich gemacht.-„
Zweite Szene: Ich habe etwas Unangenehmes hinter mich gebracht und bin dabei, nach Hause zu fahren. Ich fühle mich frei und unbeschwert. Da denke ich mir: Ich habe ja noch Zeit; dann muss ich nicht die mir vertraute Schnellstraße nehmen, sondern kann auf kleineren Straßen nach Hause fahren. Ich komme an einem uralten Kirchturm vorbei. Dort war gerade eine Demonstration gegen „Rechts“ und für Vielfalt und Lebendigkeit zu ende gegangen. Es herrscht eine gute, lebendige Atmosphäre. Eine junge Frau sagt zum Abschluss: Wir lassen uns unsere Zuversicht nicht nehmen!“
Nun weiß ich als Psychoanalytiker, dass Träume in einer Nacht meist um ein und dasselbe Thema kreisen. Was war das Thema dieser beiden scheinbar so unterschiedlichen Traumbilder? Und gibt es einen Zusammenhang zu den Themen dieses Gottesdienstes?
„Die christliche Botschaft macht nicht vor Volks- und Landesgrenzen Halt. Sie gilt ausnahmslos allen Menschen.“ Darum geht es am heutigen dritten Sonntag nach Epiphanias: so zu lesen auf der Internetseite „Kirchenjahr evangelisch“. Dazu passt unser Wochenspruch aus dem Lukasevangelium: „Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ (Lukas 13, 29) Und dazu passt die Geschichte aus der Apostelgeschichte, die als heutiger Predigttext vorgesehen ist. In Klammern: Dazu passt nicht, dass es immer noch nicht möglich ist, dass evangelische und katholische Christen gemeinsam am Tisch des Herrn sitzen und gemeinsam Abendmahl feiern! Allerdings habe ich auch das Gefühl, dass es derzeit wenig bis gar keinen Leidensdruck darüber unter uns Christen gibt. Jeder wurstelt halt so vor sich hin. Jeder schwimmt im eigenen Saft. Und ohne Leidensdruck gibt es auch keine Notwendigkeit für Veränderung.
Aber anstatt jetzt in ein mittelgroßes nutzloses Lamento zu verfallen, ist es gescheiter, sich dem heutigen Predigttext zuzuwenden und darüber zu predigen. Was ja auch mein Job als Pfarrer ist.
Er ist ein Abschnitt aus einer längeren Geschichte, die davon handelt, dass Gott von Menschen gemachte Grenzen überschreitet. Aufgezeichnet hat sie Lukas in seiner „Apostelgeschichte“.
„Wahrhaftig, jetzt begreife ich,“ sagt Petrus in seiner Rede an die nichtjüdische Bevölkerung, „dass Gott nicht parteilich ist. Vielmehr sind Gott in jedem Volk diejenigen recht, die Gott achten und rechtschaffen handeln“ (Apg. 10, 35). Und weiter: „Das ist die Botschaft, die dem Volk Israel gesandt wurde, als Gott durch Jesus, den Gesalbten, der Macht über alle hat, Frieden verkünden ließ.“ (V. 36)
Doch wie kam es überhaupt zu dieser Rede des Petrus?
Es ging mit einem Tagtraum, einer Vision los, die ein ranghoher römischer Soldat, Kornelius mit Namen, hatte. (Er war ein „Centurio“. Ein Centurio stand über den einfachen Soldaten und unter den höheren Stabsoffizieren. Er war ungefähr 80 Legionären vorgesetzt. Ich kenne mich mit militärischen Rängen nicht aus – in alten Bibelübersetzungen ist von „Hauptmann“ die Rede.)
Es heißt, dass er „fromm“ und „gottesfürchtig“ und dem jüdischen Volk „wohl gesonnen“ war. In der Vision – „etwas um die neunte Stunde des Tages“ hieß es, er solle Männer nach „Joppe“ (heute „Jaffa“ – ein Stadtteil von Tel Aviv) schicken und nach einem gewissen Simon Petrus fragen. Am nächsten Tag – Kornelius hatte seine Männer losgeschickt – hatte auch jener Simon Petrus eine Vision; er hatte sie zur „sechsten Stunde“. Während er auf dem Dach seines Hauses ins Gebet vertieft war, sah er ein „Behältnis“ (griechisch: „skeuos“ – „Mittel“, „Werkzeug“, kann auch „Ehefrau“(!) heißen) – einem „großen Leintuch gleich“ – vom Himmel herabkommen. Das Behältnis enthielt „kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels“. Und eine „Stimme“ forderte Petrus auf: „Schlachte und iss!“
Petrus war entsetzt. „Niemals!“ rief er. „Noch nie habe ich irgend etwas gegessen, was „vor Gott als abscheulich und unrein gilt!“
Die Stimme antwortete: „Was Gott für rein erklärt hat, erkläre du nicht für abscheulich!“ Und dies geschah drei Mal.
Und jetzt verbinden sich die beiden Erzählstränge: Während Petrus noch darüber nachdenkt, was diese Vision bedeuten könnte, kommen die Männer von Kornelius. Sie hatten sich nach dem Haus des Petrus durchgefragt. Als Petrus sie hörte, sprach eine Geistkraft zu ihm: „Sieh doch, die drei Männer verlangen nach dir! So steh denn auf, steige hinab und gehe ohne Bedenken mit ihnen, da ich sie geschickt habe.“
Gesagt – getan. Und jetzt beginnt unser eigentlicher Predigttext für heute:
21 Dann ging Petrus hinunter zu den Männern und sagte: „Siehe ich bin der, den ihr sucht. Aus welchem Grund seid ihr gekommen?“ 22 Sie sagten: „Kornelius, ein Hauptmann, ein gerechter und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf beim ganzen Volk der Juden, hat von einem heiligen Engel Weisung erhalten, dich in sein Haus zu holen und zu hören, was du zu sagen hast.“ 23 Da rief er sie herein und nahm sie als Gäste auf. Am nächsten Tag stand er auf, ging mit ihnen fort und einige der Brüder aus Joppe kamen mit ihm. 24 Und am nächsten Tag kam er in Cäsarea an. Kornelius, der seine Verwandten und engsten Freunde zusammengerufen hatte, erwartete sie. 25 Als Petrus hereinkam, ging Kornelius ihm entgegen, fiel ihm zu Füßen und betete ihn an. 26 Petrus aber richtete ihn auf und sagte: „Steh auf, auch ich selbst bin ein Mensch.“ 27 Und während er sich mit ihm unterhielt, ging er hinein und fand viele, die zusammengekommen waren. 28 Er sprach zu ihnen: „Ihr wisst, wie unerlaubt es für einen jüdischen Mann ist, sich einem Fremden eng anzuschließen oder zu ihm zu kommen; mir aber hat Gott gezeigt, keinen Menschen profan oder unrein zu nennen, 29 weshalb ich auch ohne Widerspruch gekommen bin, als nach mir geschickt wurde. Ich frage nun: Aus welchem Grund habt ihr mich kommen lassen? 30 Kornelius sprach: „Vor vier Tagen war ich zu dieser, der neunten Stunde beim Gebet in meinem Haus; und siehe, ein Mann trat vor mich in leuchtendem Gewand 31 und sprach: „Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. 32 Schicke nun nach Joppe und lass Simon herrufen, der Petrus genannt wird; dieser ist zu Gast im Hause Simons, eines Gerbers, am Meer. 33 Da habe ich sofort (Μänner) zu dir geschickt, und du hast gut daran getan zu kommen. Nun sind wir also alle hier vor Gott, um alles zu hören, was dir vom Herrn aufgetragen ist. 34 Petrus öffnete den Mund und sagte: „In Wahrheit begreife ich, dass Gott nicht die Person ansieht, 35 sondern in jedem Volk ist ihm angenehm, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt.“
Liebe Gemeinde,
Gott sieht nicht die Person an, Gott ist nicht parteilich.
Stimmt nicht ganz.
Gott ergreift sehr wohl Partei: „Wer ihn fürchtet und wer Gerechtigkeit übt„, der ist Mitglied der Partei Gottes. Egal welcher Art seine sexuelle Orientierung ist, egal welcher politischen Partei er angehört, egal ob er Frau oder Mann oder divers oder asexuell ist.
Egal, welche Hautfarbe er hat.
Egal ob er Universitätsprofessor oder ungelernter Arbeiter ist.
Egal ob er Jude, Katholik, Muslim oder Protestant ist.
Egal ober er Nihilist, oder Atheist oder was anderes mit „ist“ ist!
Klingt gut! Aber ist das auch lebbar?
Jedenfalls entspricht es nicht der Wirklichkeit, in der wir leben.
Und was heißt: „Gott fürchten“? Soll ich doch Angst haben vor einem Gott, der mich richtet? Und nach welchen Kriterien richtet er mich?
Soll ich an einen Gott glauben, der von mir Gehorsam erwartet? Und mich verurteilt, wenn ich ungehorsam bin?
Soll ich an einen autokratischen Gott glauben?
Nein – sollst du nicht! Petrus hatte diese Rede gehalten, weil ihm wie Schuppen von den Augen gefallen ist, dass Gott nicht für Exkommunikation, sondern für Integration steht.
Dass – mit den Augen Gottes geschaut – es kein „rein“ und kein „unrein“ gibt.
Mit den Augen Gottes geschaut gibt es auch kein falsch und kein richtig.
Und schon gar keine besseren oder schlechteren Christen!
Es ist nicht richtiger, vegan zu leben.
Es ist nicht falsch, Fisch, Fleisch und Milchprodukte zu essen.
Aber es ist dumm und kindisch, sich nicht der Konsequenzen bewusst zu sein, die mein Verhalten mit sich bringt. „Ich lasse mir doch meine Bratwurst nicht nehmen!“ ist ein ebenso dummer wie kindischer Standpunkt. Es geht gar nicht „um deine Bratwurst“, es geht überhaupt nicht um dich. Es geht auch nicht um die Frage, ob wir das gesamte Leben auf unseren Planeten zerstören werden. Diese Macht haben wir nicht. Es geht nur darum, ob es uns gelingt, so viel Verantwortung zu übernehmen, dass unsere Erde auch noch für Generationen nach uns bewohnbar bleibt.
Verantwortung übernehmen kann aber nur der zu Rücksicht fähige Mensch.
Der dazu nicht bereite sagt: „Nach mir die Sintflut!“
Gott fürchten heißt also genau nicht, vor Gott Angst haben. Ganz im Gegenteil, es heißt Respekt haben vor Gott, vor der Andersartigkeit Gottes. (In der Angst habe ich keinen Platz für Gefühle wie Respekt.)
Es geht um den Respekt vor der Andersartigkeit Gottes. Und in der Konsequenz davon, um den Respekt vor der Andersartigkeit meiner Mitmenschen.
Die Andersartigkeit Gottes: Gott ist wesentlich „anders“ (als wir Menschen ihn uns vorstellen!).
„Gott fürchten und Gerechtigkeit üben“ ist eine Grundhaltung zum Leben. Es ist die Haltung des Respekts vor allem, was da ist. Respekt heißt auf deutsch: „Rück-Sicht“.
Das Wort „Rücksicht“ enthält „zurück“. Sich selbst, sein Ego „zurückzunehmen“, ist eine Fähigkeit, die sehr viel Kraft und Mut erfordert.
Zurück zu meinem eingangs erzählten Traum:
In der ersten Szene geht es um gewinnen und verlieren. Es gibt kein „Dazwischen“. Es gibt auch nur mich und meinen Gegenspieler. Einer wird verlieren, (nämlich ich) einer wird gewinnen.
Von außen betrachtet ist dies eine Macht-Ohnmacht-Beziehung. In solchen Beziehungen gibt es kein Drittes, gibt es keinen Raum für Entwicklung.
In der zweiten Szene gibt es viele Menschen. Was sie verbindet, ist Vielfalt und Lebendigkeit. Und sie haben friedlich demonstriert gegen die Kräfte, die Vielfalt nicht aushalten, weil sie sich von ihr bedroht fühlen.Weil Vielfalt sich einer rigiden Kontrolle entzieht.
Der Traum verrät mir, dass ich beide Kräfte in mir trage. Und er sagt mir auch, dass, wenn ich die vertraute Schnellstraße verlasse, ich meine Lebendigkeit finden werde.
Und ich wünsche uns allen, dass wir die Kraft und den Mut haben, immer wieder die Schnellstraßen unseres Lebens zu verlassen … und so zu der friedlichen Vielfalt, Lebendigkeit und Langsamkeit unseres Lebens zurückfinden, AMEN.
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