Predigten

Predigt über Apostelgeschichte 10, 21 – 35 (2026)

Liebe Gemeinde!

Vor ziemlich genau 25 Jahren habe ich mich entschlossen, mich um das Amt eines Pfarrers im Ehrenamt zu bewerben. Dieser Entschluss entstand im Zusammenhang mit meiner dritten Psychoanalyse, in der ich begann zu verstehen, dass Abbruch (von Beziehungen) eines meiner großen Themen war (und ist).

Abbrechen fühlt sich leichter an als aushalten.

Und Abbrechen verhindert Abschied-Nehmen.

Abbrechen erspart einem die widerlichen Gefühle des Abschied-Nehmens: Trauer, Depression, Enttäuschung, auch Wut…

Im Abbruch einer Beziehung schaut es so aus, als hätte man sich getrennt. Aber der Schein trügt. Oft verraten Träume – falls man den Mut hat, sie zu erinnern und die Möglichkeit, sie ansatzweise zu verstehen -, dass man immer noch mit dem oder der, wo man dachte, getrennt zu sein, doch noch zusammen ist! So ging es mir mit Kirche: Äußerlich gesehen hatte ich mit Kirche nichts mehr am Hut – nach innen geschaut – indem ich meine Nacht-Träume ernst nahm – stimmte das überhaupt nicht.

Im Zuge der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst hatte ich folgenden Traum:

Erste Szene: „Ich spiele mit jemand Karten und bin dabei, zu verlieren. Und zwar katastrophal zu verlieren: nicht einen einzigen Stich hatte ich gemacht.-„

Zweite Szene: Ich habe etwas Unangenehmes hinter mich gebracht und bin dabei, nach Hause zu fahren. Ich fühle mich frei und unbeschwert. Da denke ich mir: Ich habe ja noch Zeit; dann muss ich nicht die mir vertraute Schnellstraße nehmen, sondern kann auf kleineren Straßen nach Hause fahren. Ich komme an einem uralten Kirchturm vorbei. Dort war gerade eine Demonstration gegen „Rechts“ und für Vielfalt und Lebendigkeit zu ende gegangen. Es herrscht eine gute, lebendige Atmosphäre. Eine junge Frau sagt zum Abschluss: Wir lassen uns unsere Zuversicht nicht nehmen!“

Nun weiß ich als Psychoanalytiker, dass Träume in einer Nacht meist um ein und dasselbe Thema kreisen. Was war das Thema dieser beiden scheinbar so unterschiedlichen Traumbilder? Und gibt es einen Zusammenhang zu den Themen dieses Gottesdienstes?

„Die christliche Botschaft macht nicht vor Volks- und Landesgrenzen Halt. Sie gilt ausnahmslos allen Menschen.“ Darum geht es am heutigen dritten Sonntag nach Epiphanias: so zu lesen auf der Internetseite „Kirchenjahr evangelisch“. Dazu passt unser Wochenspruch aus dem Lukasevangelium: „Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ (Lukas 13, 29) Und dazu passt die Geschichte aus der Apostelgeschichte, die als heutiger Predigttext vorgesehen ist. In Klammern: Dazu passt nicht, dass es immer noch nicht möglich ist, dass evangelische und katholische Christen gemeinsam am Tisch des Herrn sitzen und gemeinsam Abendmahl feiern! Allerdings habe ich auch das Gefühl, dass es derzeit wenig bis gar keinen Leidensdruck darüber unter uns Christen gibt. Jeder wurstelt halt so vor sich hin. Jeder schwimmt im eigenen Saft. Und ohne Leidensdruck gibt es auch keine Notwendigkeit für Veränderung.

Aber anstatt jetzt in ein mittelgroßes nutzloses Lamento zu verfallen, ist es gescheiter, sich dem heutigen Predigttext zuzuwenden und darüber zu predigen. Was ja auch mein Job als Pfarrer ist.

Er ist ein Abschnitt aus einer längeren Geschichte, die davon handelt, dass Gott von Menschen gemachte Grenzen überschreitet. Aufgezeichnet hat sie Lukas in seiner „Apostelgeschichte“.

„Wahrhaftig, jetzt begreife ich,“ sagt Petrus in seiner Rede an die nichtjüdische Bevölkerung, „dass Gott nicht parteilich ist. Vielmehr sind Gott in jedem Volk diejenigen recht, die Gott achten und rechtschaffen handeln“ (Apg. 10, 35). Und weiter: „Das ist die Botschaft, die dem Volk Israel gesandt wurde, als Gott durch Jesus, den Gesalbten, der Macht über alle hat, Frieden verkünden ließ.“ (V. 36)

Doch wie kam es überhaupt zu dieser Rede des Petrus?

Es ging mit einem Tagtraum, einer Vision los, die ein ranghoher römischer Soldat, Kornelius mit Namen, hatte. (Er war ein „Centurio“. Ein Centurio stand über den einfachen Soldaten und unter den höheren Stabsoffizieren. Er war ungefähr 80 Legionären vorgesetzt. Ich kenne mich mit militärischen Rängen nicht aus – in alten Bibelübersetzungen ist von „Hauptmann“ die Rede.)

Es heißt, dass er „fromm“ und „gottesfürchtig“ und dem jüdischen Volk „wohl gesonnen“ war. In der Vision – „etwas um die neunte Stunde des Tages“ hieß es, er solle Männer nach „Joppe“ (heute „Jaffa“ – ein Stadtteil von Tel Aviv) schicken und nach einem gewissen Simon Petrus fragen. Am nächsten Tag – Kornelius hatte seine Männer losgeschickt – hatte auch jener Simon Petrus eine Vision; er hatte sie zur „sechsten Stunde“. Während er auf dem Dach seines Hauses ins Gebet vertieft war, sah er ein „Behältnis“ (griechisch: „skeuos“ – „Mittel“, „Werkzeug“, kann auch „Ehefrau“(!) heißen) – einem „großen Leintuch gleich“ – vom Himmel herabkommen. Das Behältnis enthielt „kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels“. Und eine „Stimme“ forderte Petrus auf: „Schlachte und iss!“

Petrus war entsetzt. „Niemals!“ rief er. „Noch nie habe ich irgend etwas gegessen, was „vor Gott als abscheulich und unrein gilt!“

Die Stimme antwortete: „Was Gott für rein erklärt hat, erkläre du nicht für abscheulich!“ Und dies geschah drei Mal.

Und jetzt verbinden sich die beiden Erzählstränge: Während Petrus noch darüber nachdenkt, was diese Vision bedeuten könnte, kommen die Männer von Kornelius. Sie hatten sich nach dem Haus des Petrus durchgefragt. Als Petrus sie hörte, sprach eine Geistkraft zu ihm: „Sieh doch, die drei Männer verlangen nach dir! So steh denn auf, steige hinab und gehe ohne Bedenken mit ihnen, da ich sie geschickt habe.“

Gesagt – getan. Und jetzt beginnt unser eigentlicher Predigttext für heute:

21 Dann ging Petrus hinunter zu den Männern und sagte: „Siehe ich bin der, den ihr sucht. Aus welchem Grund seid ihr gekommen?“ 22 Sie sagten: „Kornelius, ein Hauptmann, ein gerechter und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf beim ganzen Volk der Juden, hat von einem heiligen Engel Weisung erhalten, dich in sein Haus zu holen und zu hören, was du zu sagen hast.“ 23 Da rief er sie herein und nahm sie als Gäste auf. Am nächsten Tag stand er auf, ging mit ihnen fort und einige der Brüder aus Joppe kamen mit ihm. 24 Und am nächsten Tag kam er in Cäsarea an. Kornelius, der seine Verwandten und engsten Freunde zusammengerufen hatte, erwartete sie. 25 Als Petrus hereinkam, ging Kornelius ihm entgegen, fiel ihm zu Füßen und betete ihn an. 26 Petrus aber richtete ihn auf und sagte: „Steh auf, auch ich selbst bin ein Mensch.“ 27 Und während er sich mit ihm unterhielt, ging er hinein und fand viele, die zusammengekommen waren. 28 Er sprach zu ihnen: „Ihr wisst, wie unerlaubt es für einen jüdischen Mann ist, sich einem Fremden eng anzuschließen oder zu ihm zu kommen; mir aber hat Gott gezeigt, keinen Menschen profan oder unrein zu nennen, 29 weshalb ich auch ohne Widerspruch gekommen bin, als nach mir geschickt wurde. Ich frage nun: Aus welchem Grund habt ihr mich kommen lassen? 30 Kornelius sprach: „Vor vier Tagen war ich zu dieser, der neunten Stunde beim Gebet in meinem Haus; und siehe, ein Mann trat vor mich in leuchtendem Gewand 31 und sprach: „Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. 32 Schicke nun nach Joppe und lass Simon herrufen, der Petrus genannt wird; dieser ist zu Gast im Hause Simons, eines Gerbers, am Meer. 33 Da habe ich sofort (Μänner) zu dir geschickt, und du hast gut daran getan zu kommen. Nun sind wir also alle hier vor Gott, um alles zu hören, was dir vom Herrn aufgetragen ist. 34 Petrus öffnete den Mund und sagte: „In Wahrheit begreife ich, dass Gott nicht die Person ansieht, 35 sondern in jedem Volk ist ihm angenehm, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt.“

Liebe Gemeinde,

Gott sieht nicht die Person an, Gott ist nicht parteilich.

Stimmt nicht ganz.

Gott ergreift sehr wohl Partei: „Wer ihn fürchtet und wer Gerechtigkeit übt„, der ist Mitglied der Partei Gottes. Egal welcher Art seine sexuelle Orientierung ist, egal welcher politischen Partei er angehört, egal ob er Frau oder Mann oder divers oder asexuell ist.

Egal, welche Hautfarbe er hat.

Egal ob er Universitätsprofessor oder ungelernter Arbeiter ist.

Egal ob er Jude, Katholik, Muslim oder Protestant ist.

Egal ober er Nihilist, oder Atheist oder was anderes mit „ist“ ist!

Klingt gut! Aber ist das auch lebbar?

Jedenfalls entspricht es nicht der Wirklichkeit, in der wir leben.

Und was heißt: „Gott fürchten“? Soll ich doch Angst haben vor einem Gott, der mich richtet? Und nach welchen Kriterien richtet er mich?

Soll ich an einen Gott glauben, der von mir Gehorsam erwartet? Und mich verurteilt, wenn ich ungehorsam bin?

Soll ich an einen autokratischen Gott glauben?

Nein – sollst du nicht! Petrus hatte diese Rede gehalten, weil ihm wie Schuppen von den Augen gefallen ist, dass Gott nicht für Exkommunikation, sondern für Integration steht.

Dass – mit den Augen Gottes geschaut – es kein „rein“ und kein „unrein“ gibt.

Mit den Augen Gottes geschaut gibt es auch kein falsch und kein richtig.

Und schon gar keine besseren oder schlechteren Christen!

Es ist nicht richtiger, vegan zu leben.

Es ist nicht falsch, Fisch, Fleisch und Milchprodukte zu essen.

Aber es ist dumm und kindisch, sich nicht der Konsequenzen bewusst zu sein, die mein Verhalten mit sich bringt. „Ich lasse mir doch meine Bratwurst nicht nehmen!“ ist ein ebenso dummer wie kindischer Standpunkt. Es geht gar nicht „um deine Bratwurst“, es geht überhaupt nicht um dich. Es geht auch nicht um die Frage, ob wir das gesamte Leben auf unseren Planeten zerstören werden. Diese Macht haben wir nicht. Es geht nur darum, ob es uns gelingt, so viel Verantwortung zu übernehmen, dass unsere Erde auch noch für Generationen nach uns bewohnbar bleibt.

Verantwortung übernehmen kann aber nur der zu Rücksicht fähige Mensch.

Der dazu nicht bereite sagt: „Nach mir die Sintflut!“

Gott fürchten heißt also genau nicht, vor Gott Angst haben. Ganz im Gegenteil, es heißt Respekt haben vor Gott, vor der Andersartigkeit Gottes. (In der Angst habe ich keinen Platz für Gefühle wie Respekt.)

Es geht um den Respekt vor der Andersartigkeit Gottes. Und in der Konsequenz davon, um den Respekt vor der Andersartigkeit meiner Mitmenschen.

Die Andersartigkeit Gottes: Gott ist wesentlich „anders“ (als wir Menschen ihn uns vorstellen!).

„Gott fürchten und Gerechtigkeit üben“ ist eine Grundhaltung zum Leben. Es ist die Haltung des Respekts vor allem, was da ist. Respekt heißt auf deutsch: „Rück-Sicht“.

Das Wort „Rücksicht“ enthält „zurück“. Sich selbst, sein Ego „zurückzunehmen“, ist eine Fähigkeit, die sehr viel Kraft und Mut erfordert.

Zurück zu meinem eingangs erzählten Traum:

In der ersten Szene geht es um gewinnen und verlieren. Es gibt kein „Dazwischen“. Es gibt auch nur mich und meinen Gegenspieler. Einer wird verlieren, (nämlich ich) einer wird gewinnen.

Von außen betrachtet ist dies eine Macht-Ohnmacht-Beziehung. In solchen Beziehungen gibt es kein Drittes, gibt es keinen Raum für Entwicklung.

In der zweiten Szene gibt es viele Menschen. Was sie verbindet, ist Vielfalt und Lebendigkeit. Und sie haben friedlich demonstriert gegen die Kräfte, die Vielfalt nicht aushalten, weil sie sich von ihr bedroht fühlen.Weil Vielfalt sich einer rigiden Kontrolle entzieht.

Der Traum verrät mir, dass ich beide Kräfte in mir trage. Und er sagt mir auch, dass, wenn ich die vertraute Schnellstraße verlasse, ich meine Lebendigkeit finden werde.

Und ich wünsche uns allen, dass wir die Kraft und den Mut haben, immer wieder die Schnellstraßen unseres Lebens zu verlassen … und so zu der friedlichen Vielfalt, Lebendigkeit und Langsamkeit unseres Lebens zurückfinden, AMEN.

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Gedanken zu Silvester 2025

Predigt an Silvester 2025

„Gott ist allzeit bereit, wir aber sind sehr unbereit. 

Gott ist uns nahe, wir aber sind ihm fern. 

Gott ist innen, wir aber sind draußen.

Gott ist in uns daheim, wir aber sind in der Fremde.

Dass ein Mensch ein ruhiges Leben in Gott hat, das ist gut.

Dass ein Mensch ein mühevolles Leben mit Geduld erträgt, das ist besser.

Dass man aber Ruhe hat im mühevollen Leben, das ist das Beste.

Abgeschiedene Lauterkeit kann nicht beten, 

denn wer betet, der begehrt etwas von Gott, 

das ihm zuteilwerden solle, 

oder aber begehrt, dass ihm Gott etwas abnehme.

Nun begehrt das abgeschiedene Herz gar nichts, 

es hat auch gar nichts, dessen es gerne ledig wäre. 

Deshalb steht es ledig allen Gebetes, 

und sein Gebet ist nichts anderes

als einförmig zu sein mit Gott. 

Das macht sein ganzes Gebet aus.“

Liebe ökumenische Gemeinde,

Meister Eckhardt, ein großer Denker und Mystiker (und eines meiner großen Vorbilder) hatte den Mut und die Kraft für diese tiefsinnigen Gedanken.

Das abgeschiedene Herz begehrt nicht.

Und es hat nichts, dessen es gerne „ledig“ wäre.

Also: Es hat auch nichts, was er gerne los würde.

Deshalb bedarf es keines Gebetes.

Sein Gebet ist nichts anderes als einförmig zu sein mit Gott…

Und wäre ein wirkliches „Danke“ das einzige, was ein Mensch jemals gesagt hätte – es wäre Gebet genug.

Wie geht das? Ist das überhaupt lebbar?

Ich verstehe nicht.

Natürlich begehren wir Menschen.

Unentwegt begehren wir.

Wir begehren und wir wünschen.

Wir wünschen uns Gesundheit im Neuen Jahr. Dies sei das Wichtigste, heißt es oft.

Oder auch Frieden.

Eine Arbeit zu haben, mit der sich der Lebensunterhalt verdienen lässt.

Wir sind abgefüllt mit unseren Wünschen und Begierden.

Und wir sind griesgrämig, wenn die Wünsche nicht in Erfüllung gehen.

Dann benehmen wir uns wie quengelnde Kinder, die das Eis, das ihnen vermeintlich versprochen worden ist, nicht bekommen.

„Das ist gemein! Versprochen wird nicht gebrochen!“

„Genau“ – sagen die Verführerinnen und Verführer in blau. „Wenn du mich wählst, dann bekommst du dein Eis.“

„Ich mache dich wieder groß…“

Demgegenüber haben wir Christen ein anderes Standing. Oder, besser: hätten wir Christen ein anderes Standing:

Der Messias Jesus gestern und heute – er ist auch noch derselbe in Ewigkeit. Lasst Euch nicht durch gekünstelte und fremde Lehren von ihm abbringen, denn es ist gut, wenn das Herz durch Zuneigung fest wird…“ (Hebräer 13, 8b-9).

Liebe ökumenische Gemeinde!

Wir haben alles, was wir brauchen!

„Gott allein – genügt“ (Solo dios basta sagt Theresa von Avila)

„Ich will aber ein Eis!“ sagt das nörgelnde Kind.

Was nützt mir Gott, wenn ich Kreuzschmerzen habe?

Was nützt mir Gott, wenn ich meinen Mann/meine Frau so sehr vermisse?

Was nützt mir Gott im Angesicht meiner diffusen Ängste?

Was nützt mir Gott, wenn ich spüre, wie ich täglich etwas gebrechlicher werde?

„Was nützt mir Gott?“

Es ist die kapitalistische Frage: „Was bringt mir das?“ Wie hoch ist die Rendite?

Nüchterne Antwort: Nichts, es bringt dir gar nichts, Gott ist nämlich kein Bringer!

Noch einmal Meister Eckhart: „Aber manche Leute wollen Gott mit den Augen ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen und wollen Gott lieben, wie sie eine Kuh lieben. Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens.

So halten‘s alle jene Leute, die Gott um äußeren Reichtums oder inneren Trostes willen lieben; die aber lieben Gott nicht recht, sondern sie lieben ihren Eigennutz.“

Was aber heißt es dann, „Gott recht zu lieben?“

Es heißt „bereit sein“. Bereit sein für Gott. Und dieses „bereit sein für Gott“ drückt sich aus in einem „bereit sein für die eigene Menschlichkeit“.

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Nicht mehr – und auch nicht weniger.

Wir Christen glauben einen Gott, der selbst Mensch geworden ist. „Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt“. (Steht auch im Hebräerbrief, 5,7)

Bereit sein für Gott: das geht nicht anders als über ein „bereit werden„. Ich glaube, es gibt keinen „Zustand des Bereit-Seins“, so wenig es einen Zustand gibt, in dem „alles gut ist“. Das ist eine ebenso verständliche aber kindliche Sehnsucht.

Eine Sehnsucht nach dem Paradies.

Das Paradies ist ein für alle Mal verloren.

Aber das ist überhaupt nicht schlimm. Denn im Paradies gibt es keine Entwicklung, kein Wachstum. Und wer nicht wachsen, sich entwickeln kann, ist tot.

„Lasst die Toten die Toten begraben!“ – „Ihr aber folgt mir nach!“

Nachfolgen heißt: bereit zu werden. Sich offen zu halten für Gott. Dafür, dass Gott jederzeit in mein Denken einbrechen kann.

Nachfolgen heißt: Den Zustand des Unbereit-Seins aufzugeben.

Es ist nicht schlimm zu erleben, dass ich vieles nicht kann. Schlimm ist nur, wenn ich nicht „lernbereit“ bin. Wenn ich nicht bereit bin, „aus Erfahrung“ zu lernen.

Und besonders schlimm ist es, dass immer wieder Menschen die Macht hatten und derzeit haben, die nicht lernbereit sind. Weil ihnen die Fähigkeit zu lernen „rausgeprügelt“ worden ist. Sie werden regiert von ihrem Hass, den sie mit Größenwahn kompensieren. Zum Leidwesen der Gemeinschaft, die sie gewählt hat!

Liebe ökumenische Gemeinde,

ich wünsche uns allen die Kraft und die Fähigkeit, wieder bereit zu werden.

Bereit zu werden für einen Gott, der Türen öffnet. Für einen Gott, der sich von den Mauern unserer Vor-Urteile und Vor-Annahmen nicht einschüchtern lässt. Der dem Fremden „in mir“ und dem Fremden „draußen“ eine Heimat gibt. Der eingrenzt und nicht ausgrenzt. Der sich daran freut, wenn es irgendwann einmal möglich wird, dass wir gemeinsam Eucharistie feiern.

Ich wünsche uns allen für 2026 eine unzerstörbare Verbindung mit dem „Messias Jesus gestern und heute – und derselbe in Ewigkeit!“ AMEN.

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Predigt an Weihnachten 2025 über Titus 3, 4 – 7

„Da aber erschien unsere Rettung…“ (Vers 4a)

So beginnt unser heutiger Predigttext zum Christfest 2025.

Unsere Rettung ist erschienen.

Dies könnte aufhorchen lassen. Es gibt eine Rettung – wir sind nicht hoffnungslos/rettungslos verloren!

Und was ist unsere Rettung?

„Die göttliche Freundlichkeit und Menschenliebe.“ (Vers 4b)

Oh je, oh je!

„Wer’s glaubt wird selig!“ Mit Freundlichkeit und Menschenliebe wird man diese unsere aus den Fugen geratene Welt wohl nicht retten können. Eher schon mit „Kriegstüchtigkeit“, soll heißen: „Verteidigungsbereitschaft“. „Schwerter zu Pflugscharen“ – das war einmal. Aufrüstung ist das Wort der Stunde. Demgegenüber sind der Klimawandel und die mit ihm einhergehenden Probleme in den Hintergrund getreten.

Und überhaupt: Wer sollte uns retten?

Ist das nicht dieser naiv-christliche Trost, der das Christentum so unglaubwürdig gemacht hat – mit der logischen Folge, dass sich viele Menschen von ihm abwenden? Ein Trost, der in Wirklichkeit kein Trost sondern eine Vertröstung auf eine bessere Zukunft ist. Es waren schon wir, die den Karren in den Dreck gefahren haben. Jetzt bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn da wieder raus zu kriegen. Und ich bin sehr dankbar für all die vernunftbegabten, besonnenen und der Demokratie verpflichteten Mitmenschen, die sich mit aller Kraft um diplomatische Lösungen bemühen – sehr zum Missfallen derjenigen Mitmenschen, die ihre Hoffnung auf selbst ernannte autokratische Führer setzen.

Ist das nicht viel eher unsere Rettung – falls es überhaupt (noch) eine gibt? – als vollmundige Sätze aus religiösen Schriften? Noch dazu, wenn diese aus einem Brief stammen, dessen Verfasser genau die Werte vertritt, die zur Zeit in der rechten bis rechtsextremen Szene wieder (oder nach wie vor) Konjunktur haben: Die Frauen sollen sich „den eigenen Männern“ unterordnen (Titus 2, 5), die Sklaven sollen sich ihren Herren unterordnen (Vers 9) und die Christen im Ganzen sollen den staatlichen Gewalten und Mächten untertan sein (3, 1). Es sind genau jene Werte, mit denen die populistisch-autokratischen Führer der Gegenwart Mehrheiten bekommen.

Und wenn eine Bischöfin dem amtieren Präsidenten der USA versucht, ins Gewissen zu reden: „Haben Sie Erbarmen, Herr Präsident!“ … dann bekommt sie als einzige Antwort, sie müsse sich entschuldigen, denn sie sei eine „Trump-Hasserin“.

„Als aber die Güte und Menschenliebe unseres Retter-Gottes erschien…“ – so könnte man auch übersetzen -, da wurde eben diese abgelehnt: „In das ihr Eigene kam sie, aber die Ihrigen haben sie nicht aufgenommen.“ (Johannes 1, 11)

So ist es – und dass es so ist, das ist nüchtern anzuerkennen und schwer auszuhalten.

Vor kurzem war in der PSYCHE, einer Fachzeitschrift für psychoanalytische Therapeuten und Therapeutinnen, von der „hohlen Nächstenliebe, wie das Christentum sie predigt … “ zu lesen! Bischöfin Mariann Budde – so heißt die amerikanische Bischöfin – hatte keine hohle Nächstenliebe gepredigt – ganz im Gegenteil: Sie verfügte über den Mut, dem frisch gewählten Präsidenten der Vereinigten Staaten beinahe liebevoll ins Gewissen zu reden. Sie hat sich – Gott sei Dank – genau nicht an die Ermahnungen der Briefes an Titus gehalten! Als Frau und Amtsträgerin hat sie sinngemäß gesagt: Wir glauben an einen Gott der Menschlichkeit, an einen Gott, der so sehr menschlich ist, dass er selbst Mensch geworden ist. Dies nämlich ist unsere Rettung: Sich daran zu erinnern, dass wir Menschen sind und keine Maschinen, und dass wir umgeben von Menschen sind und dass unsere Aufgabe als Menschen genau eines ist: das, was wir von Gott bekommen haben – unsere Menschlichkeit – weiter zu geben – nicht indem wir kluge Predigten halten, sondern indem wir es vorleben!

Also, noch einmal: Es ist die“göttliche Freundlichkeit und Menschenliebe“ – „Sie hat uns aus dieser Verstrickung gerettet, keineswegs aufgrund gerechter Taten, die wir vollbracht hätten, sondern allein, weil Gott Mitgefühl mit uns hatte. So hat uns Gott gerettet durch das Bad, in dem wir noch einmal geboren und neu geschaffen werden durch die heilige Geistkraft.“ (V. 5)

Unser Gott ist ein Gott, der zu Mitgefühl (griechisch: Empathie) fähig ist. Ob es der Verfasser unseres Briefes auch ist, bleibt für mich offen, glaube ich aber eher nicht. In den vorhin zitierten Sätzen finde ich kein Mitgefühl mit den Frauen (auch nicht mit den Männern), kein Mitgefühl mit den Sklaven. An seine Stelle, an die Stelle des Mitgefühls, ist die Erwartung oder Forderung der Unterordnung getreten. Und die, die sich nicht unterordnen wollen, „die sinnloses Geschwätz von sich geben und den Verstand beirren“… „denen muss man das Maul stopfen, da sie ganze Familien zerstören, indem sie lehren, was nicht sein darf, und das zu dem schändlichen Zweck, sich zu bereichern.“ (Titus 1, 10b-11) Schöner hätte es ein Trump, ein Musk auch ein Putin nicht ausdrücken können.

Also stimmt es doch: im Christentum wird hohle Nächstenliebe gepredigt! Es stimmt genau so lange, wie es der Predigerin oder dem Prediger nicht möglich ist, „sich selbst über die Schulter zu schauen“. Damit meine ich die Fähigkeit, sich stets ehrlich damit auseinander zu setzen, wofür ich meine veröffentlichten Gedanken verwende. Um diese Frage beantworten zu können, brauche ich die Bereitschaft und Fähigkeit, mich selbst kennenzulernen. Theresa von Avila schreibt zu Beginn ihres Werkes „Die innere Burg“: „… so hoch die Seele auch stehen mag – nie wird etwas anderes die Selbsterkenntnis ersetzen können, ob man dies nun will oder nicht.“ (S.30) „Ohne sie geht alles verloren.“ (ebd.) Selbsterkenntnis hat aber nichts damit zu tun, in endlosen Schleifen um sich selbst zu kreisen. Deshalb fügt Theresa hinzu: „Bedenkt aber, dass die Biene es nicht versäumt, hinauszufliegen, um den Nektar zu sammeln. Genau so muss es die Seele mit der Selbsterkenntnis halten. Glaubt es mir und fliegt zuweilen aus, um die Größe und Majestät eures Gottes zu betrachten.“ (ebd.)

Eures mit-fühlenden Gottes! – ergänze ich.

Mein persönliches Glaubensbekenntnis beginnt nicht mit einem allmächtigen Gott. Ein allmächtiger Gott ist für mich ein uninteressanter weil unglaubwürdiger Gott, der mehr Interesse an seiner eigenen Allmacht als an seiner Schöpfung hat. Und es gibt schon genug selbst ernannte oder gewählte vermeintlich allmächtige „Führer“ unter uns Menschen, die genug Unheil angerichtet haben und anrichten. Wir brauchen keinen allmächtigen Gott.

Was wir brauchen, das ist ein empathischer Gott!

Empathie heißt wörtlich: „Hinein-Fühlung“. Einfühlung entsteht, indem ich bereit und fähig werde, meine eigene Perspektive zu verlassen und in die Perspektive eines anderen Lebewesens „hinein zu gehen“. Nicht nur eines Menschen, auch in die Perspektive eines Tieres oder einer Pflanze. Wer Fleisch isst, sollte sich auch die Bilder von Schlachtviehtransport anschauen. Oder das Geschrei von Schweinen sich anhören, kurz von dem sie betäubenden (erlösenden?) Bolzenschuss!

Ich vertraue einem Gott, der dazu fähig ist. Der im Weg seines Sohnes Jesus Christus gerade nicht seine Allmacht demonstriert hat, sondern sich hinein-gefühlt hat in diese, unsere Welt – mit allen ihren Ungerechtigkeiten und ihrer ganzen Grausamkeit. Ich vertraue einem Gott, der uns an dieser, seiner Empathie Anteil schenkt im „Bad“, gemeint ist unsere Taufe: durch sie sind wir „noch einmal geboren“ und „neu geschaffen worden durch die heilige Geistkraft“. In diesem Geschehen liegt unsere Freiheit begründet: wir sind frei geworden für unser einmaliges Leben hier auf Erden.

Frei geworden heißt: Das Grämen darüber, was wir nicht erreicht haben im Leben, was wir uns selbst schuldig und was Andere uns schuldig geblieben sind, erübrigt sich. Es findet keinen Nährboden mehr. Es ist nämlich in dem „Bad“ unserer Taufe weg gewaschen worden. Stattdessen lebt eine neue Verbindung in uns: die Verbindung mit der „heiligen Geistkraft“, vermittelt durch unseren „Retter“ Jesus Christus. In dieser Verbindung zu leben ist „ewiges Leben“ insofern, als die Lebendigkeit, die schon immer in uns gewesen ist, in ihr auf die Welt kommt. Unsere Lebensaufgabe ist es, eben diese Lebendigkeit immer wieder auf die Welt kommen zu lassen. Nicht nur zur Weihnachtszeit!

Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren“ (Angelus Silsius)

Und indem unsere Lebendigkeit auf die Welt kommt, leuchtet in die dunkle Nacht unseres Lebens „Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe“. Gerade so, wie es in einer chassidischen Geschichte erzählt wird:

Ein alter chassidischer Rabbi fragte seine Schüler, woran man den Zeitpunkt zwischen dem Ende der Nacht und dem Anfang des Tages erkennen könne. Denn das ist die Zeit für bestimmte Gebete. „Ist er gekommen?“ schlug ein Schüler vor, „sobald man erkennen kann, ob ein in der Ferne gesehenes Tier ein Schaf oder ein Hund ist?“ „Nein“, antwortete der Rabbi.

„Ist er gekommen, sobald man auf der Handfläche die Linien klar erkennt?“

„Oder wenn man von einem Baum in einiger Entfernung sagen kann, ob es ein Feigen- oder ein Birnbaum ist?“

„Nein“, antwortete der Rabbi jedes Mal.

„Wann ist er gekommen?“, fragten die Schüler.

„Er ist da, wenn du deine Mitgeschöpfe, Pflanzen, Tiere, Menschen als deine Brüder und Schwestern erkennen kannst. Bis dahin ist es noch Nacht (in dir)…“

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Predigt über Johannes 5, 24 – 29 am Totensonntag 2025

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ Ps. 90, 12

Liebe Gemeinde,

um diesen Gottesdienst am Totensonntag hätte ich mich gerne gedrückt. Bislang ist dieser „Kelch“ auch tatsächlich an mir vorüber gegangen, weil es ja dem Ortspfarrer zusteht, am Totensonntag der Verstorbenen seiner Gemeinde zu gedenken – hat er doch auch die meisten persönlich beerdigt hat. Was nichts daran ändert, dass ich mich auch als „Drückeberger“ fühle. So wie ich auch alle Folgen der Verfilmung von Agatha Christies Hercule Poirot gesehen habe – außer der letzten. Der nämlich, in der Poirot stirbt.

Was ist denn so schlimm am Tod? Warum tue ich mich und viele meiner Mitmenschen, warum tun wir uns so schwer damit zu akzeptieren, dass etwas zu ende geht? Nicht etwas – sondern mein eigenes Leben!

Dass ich eine Weile hier bin, um dann wieder zu verschwinden. So ist es halt.

„Alles Ding währt seine Zeit – Gottes Lieb‘ in Ewigkeit!“

„Alle Lust will Ewigkeit. Tiefe, tiefe Ewigkeit!“ (Nietzsche)

Also so viel ist klar: Die Auseinandersetzung mit Tod ist im höchsten Grade unlustvoll. Und Unlust – das kennen wir seit dem Beginn unseres Lebens – ist etwas, was wir nur allzu gerne vermeiden. Unlust tut weh, macht Gefühle, die wir nicht ertragen wollen – oder können. Oder auch meinen, wir könnten sie nicht ertragen. Es ist unlustvoll, für das Klima auf das Fliegen zu verzichten. Es ist unlustvoll, für das Tierwohl auf das Essen von Tieren zu verzichten. Es ist unlustvoll, den Müll zu trennen. Ich könnte noch viele Beispiele nennen, aber ich denke, Sie wissen, was ich meine.

Aber genügt das, um zu verstehen, warum wir uns mit unserem Tod und dem Tod uns nahestehender Menschen nicht auseinandersetzen wollen?

Vor kurzem las ich, das Schlimme am Tod ist, dass wir ihn nicht mentalisieren können. Dass wir uns mental keine Vorstellung von ihm machen können. Wir können quasi nicht „auf Probe sterben“.

„Probiere es doch mal aus!“ das geht beim Sterben nicht. Sterben ist endgültig und irreversibel.

Und – was vielleicht das Schlimmste ist: Ich kann mein Sterben nicht kontrollieren. Ich muss es „hinnehmen“! Ich bin ihm „ausgeliefert“!

(Es sei, denn ich nehme meinen Tod selbst in die Hand!)

So wird es schon verständlich, dass wir viel dafür tun, das eigene Sterben-Müssen zu verdrängen. Wovon ich mir keine Vorstellung machen kann, das gibt es auch nicht, ist die naive Annahme. S. Freud hat gesagt: „Wir können nicht glauben, dass wir sterben werden!“ Es sei „unvorstellbar!“ Was wir aber können und vielfach auch machen, ist, den eigenen Tod zu verdrängen. So zu tun, als wären wir unsterblich. Vielleicht ist das die unbewusste Verbindung zu verantwortungslosem Leben…. Nach der Art: „Nach mir die Sintflut…“ Oder auch: „Klimawandel gibt es nicht – wir nennen es Wetter.“

Im Moment stehen jene Mitmenschen hoch im Kurs, die verdrängen und verleugnen, um die eigne Lust aufrecht halten zu können … Das ist gefährlich, weil die „Realität“, und die Realität ist das, was wirklich ist, sich davon nicht beeindrucken lässt. Ihr sind unsere Illusionen, unsere Wünsche und unsere Sehnsüchte egal.

Es ist auch deshalb gefährlich, weil wir – solange wir den Tod verdrängen – auch unseren Kindern und Enkeln keine Hilfe sind, mit der Realität des Lebens zu der notwendig das Sterben gehört, gut umzugehen. Wir sagen dann: Ach, Oma und Opa geht es jetzt gut, die sind im Himmel. Oder auch: Der Familienhund ist im Hundehimmel…

Alles ist erträglicher, als sich vorzustellen: Der oder die ist jetzt verschwunden. Es gibt sie oder ihn nicht mehr. Der oder die ist einfach weg!

In der Philosophie des Mittelalters gab es den Begriff des „horror vacui.“ Der Horror, das Erschrecken im Angesicht des Vakuums. Vakuum heißt eigentlich „leerer Raum“. Es geht um das Erschrecken angesichts des Erlebens von „Nichts“. Auf unserer Erde gibt es übrigens keinen luftleeren Raum. Ein Vakuum müssen wir „künstlich“ herstellen.

Genau hier setzt die Bedeutung der Religionen ein. Wie auch immer im einzelnen versuchen sie Trost zu spenden durch den Gedanken, dass vor diesem „Nichts“ nur Angst haben muss, wer nicht an irgendeine „Fortsetzung“ des Lebens nach dem Tod glaubt.

„Alle, die mein Wort hören und an Gott glauben, der mich gesandt hat, haben ewiges Leben und kommen nicht ins Gericht, sondern sind vom Tod zum Leben hinübergegangen.“

Damit beginnt unser heutiger Predigttext. Er ist ein Abschnitt aus einer Rede Jesu im Johannesevangelium (5, 24ff) – unmittelbar nachdem er einen Gelähmten an Sabbat geheilt hatte, womit er sich den Hass des jüdischen Establishments zugezogen hatte.

Johannes hatte das so kommentiert: „Deshalb versuchte die jüdische Obrigkeit umso mehr, ihn zu töten, weil er nicht nur den Sabbat aufgehoben hatte, sondern auch Gott seinen eigenen Vater genannt hatte, wobei es sich Gott gleich machte“ (Johannes 5, 18)

Jesus aber betont seine Vollmacht – eine Macht, für die selbst der Tod keine Grenze ist. Im Gegenteil – und noch einmal: „Alle, die mein Wort hören und an Gott glauben, der mich gesandt hat, haben ewiges Leben und kommen nicht ins Gericht, sondern sind vom Tod zum Leben hinübergegangen.“ Und weiter: „25 Amen, amen, ich sage euch: Es kommt die Stunde, und sie ist (schon) jetzt, dass Tote die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und die, die sie gehört haben, werden leben.

26 Denn wie der Vater Leben hat in sich selbst, so hat er auch dem Sohn gegeben, Leben zu haben in sich selbst. 27 Und er hat ihm gegeben, Gericht zu üben, denn er ist der Menschensohn. 28 Wundert euch nicht darüber! Es kommt nämlich die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden, 29 und die, die Gutes getan haben, werden herausgehen zur Auferstehung des Lebens, die aber Schlechtes getan haben zur Auferstehung des Gerichts.“

Liebe Gemeinde,

wie erleben Sie diese Sätze?

Sind sie tröstlich im Angesicht des eigenen Sterben-Müssens?

Sind sie für Sie tröstlich in Anbetracht des Verlustes eines geliebten Menschen?

Für mich sind sie – ehrlich gesagt – sehr weit weg. Um ihnen näher zu kommen, bräuchte ich eine Übersetzungs-Hilfe.

Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich nicht genug glaube. Denn ich erlebe mich nicht als jemand, der „vom Tod ins Leben hinüber gegangen ist.“ Im Gegenteil: Ich habe Angst vor meinem Tod. Und ich habe wenigstens genauso viel Angst vor dem Tod mir nahestehender Menschen. Ja, ich gebe es zu: Ich habe auch Angst vor dem Tod meiner Hunde.

Nun sind unter uns einige Menschen, die den Tod eines ihnen nahestehenden Menschen im vergangenen Jahr erleben mussten. Und dieser Gottesdienst ist auch als Hilfe gedacht, guten Abschied zu nehmen. Gut Abschied nehmen heißt: Akzeptieren, dass da jemand nicht mehr da ist. Er oder sie ist aus dieser unserer uns bekannten Welt verschwunden. Es heißt aber auch akzeptieren, dass da hat jemand Spuren hinterlassen hat. Er oder sie hat sich mir eingeprägt. Im Guten, wie im nicht so Guten.

Gut Abschied nehmen heißt vor allem: loszulassen. Loslassen heißt: Den Anderen „sein zu lassen“. Aufzuhören, ihn mit meinen Schuldgefühlen zu verfolgen. Das geht in beide Richtungen: Es kann mich quälen, wenn ich glaube, dies oder jenes bin ich dem Anderen schuldig geblieben. Ebenso sehr kann es mich quälen, wenn ich meine, der oder die Andere ist mir etwas schuldig geblieben. Beides vereitelt mein Loslassen. Beides hält mich gefangen.

Wenn Jesus sagt: „Diejenigen, die die Stimme des Sohnes Gottes hören, werden leben …“ und „die, die Gutes getan haben werden hinausgehen zur Auferstehung des Lebens“ … so verstehe ich dies zunächst einmal nicht als Satz, der sich auf ein Leben nach dem Tod bezieht. Sondern und vielmehr als einen Satz, der sich auf ein Leben vor dem Tod, auf unser Leben vor unserem Tod, auf unser Leben im Hier und Jetzt bezieht!

Es gibt nämlich einen seelischen oder mentalen Tod – und zwar im Diesseits! Das lateinische Wort dafür heißt Depression. Auf deutsch: „Unter-Drückung“. Depression entsteht, wenn die Lebendigkeit des Kindes unerwünscht ist und entsprechend gemaßregelt wird. Das Kind lernt, dass es bestimmte Sachen nicht sagen und/oder nicht tun soll. Die (gesunde) Wut, die es darüber empfindet, muss unterdrückt werden, was sich oft schon an der Körperhaltung bemerkbar macht: eingezogene Schultern, gebücktes Stehen – alles ist auf Verteidigung ausgerichtet. Die stillschweigende Vorannahme lautet: Ich bin nicht in Ordnung, mir wird ein Vorwurf gemacht, ich habe bestimmt wieder etwas falsch gemacht…

Es ist ein uraltes Erziehungsprinzip – genannt schwarze Pädagogik – mittels Strafe und Belohnung zu erziehen. Wer mit einem Hund zusammen lebt, weiß, wie wirksam dieses Prinzip ist. Und es funktioniert auch bei uns Menschen. Der große deutsche Denker, Immanuel Kant, hat in seinem berühmten „moralischen Gottesbeweis“ die Notwendigkeit der Existenz eines Gottes postuliert, weil es sonst für uns Menschen keinen Grund gäbe, moralisch wertvoll zu handeln. (In Klammern: Von daher ist es verständlich, dass jemand der einerseits an Gott und sein Gericht glaubt, andererseits weiß, dass er durchaus nicht immer moralisch vorbildlich gehandelt hat, seinem bevorstehenden Tod mit Ängsten entgegenblickt.)

Jesus unterscheidet zwischen der „Auferstehung des Lebens“ und der „Auferstehung des Gerichtes“. Für mich findet diese Unterscheidung bereits im Hier und Heute statt. Das griechische Wort für „Gericht“ heißt „krisis“ – wörtlich „Unterscheidung“. Eine gute, eine konstruktive Kritik, hat kein Interesse an der Vernichtung des Anderen. Es geht um Unterscheidung. Eine konstruktive Kritik unterscheidet zwischen jenen Gedanken, die auf Leben ausgerichtet sind und jenen, die auf Vernichtung aus sind. Es gibt die Redewendung von der „vernichtenden Kritik“. Aus ihr kann man nicht lernen. Man kann sie nur ablehnen, sich schütteln wie ein Hund, der die Nässe aus seinem Fell schüttelt. Wer in seinem frühen Leben Kritik als ihn vernichtend erlebt hat, der wird versuchen, sich immun gegen Kritik zu machen. Damit aber ist seine Fähigkeit zu lernen zerstört. Leider gilt dies für nicht wenige unserer führenden Politiker.

Liebe Gemeinde,

„lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden!“ Das ist die Überschrift des heutigen Totensonntages – es ist auch die Überschrift über meine Predigt.

Die Einsicht in und – ganz wesentlich – die Akzeptanz, ja mehr noch das Einverstanden-Werden mit meinem eigenen Sterben – und in Folge davon mit dem Sterben mir lieb gewordener Menschen und Tiere – führt zu einer Klugheit,die mich befreit für mein eigenes und eigentliches Leben. Es führt aber auch zu einer Dringlichkeit, weil es eben nicht egal ist, ob und wann ich etwas mache. Es gibt ein „Zu spät!“ Es gibt ein „vorbei!“

In unserem Text ist es Jesus als der „Messias“, der die Kraft verkörpert, die wir brauchen, um unser vergängliches und so verdammt kurzes Leben nicht nur „hinzunehmen“, „anzunehmen“ sondern auch kreativ zu gestalten und uns dankbar daran zu erfreuen. Wer Jesu Worte hört und ihnen wirklich glaubt, der wird erleben, dass Gottes Gericht kein Strafgericht ist. Es ist vielmehr ein „Aufrichten“ hin zum Leben. Es ist ein „Gerade-Richten“, wozu ich allein, aus mir selber heraus, nicht in der Lage bin. Das Gericht des Sohnes ist keine Verdammung – ganz im Gegenteil: es ist ein Aufrichten, das mir ermöglicht, mein Leben zu (er-)tragen – mein Leben, zu dem notwendig meine Vergänglichkeit, mein Sterben gehört. Ja, jetzt ich bin da und irgendwann werde ich wieder verschwinden. Und dasselbe gilt auch für die Lebewesen, die mir im Laufe meines Lebens lieb geworden sind.

„Gott will im Dunkel und hat es doch erhellt.

Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.

Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.

Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.“

So hat Jochen Klepper gedichtet, derselbe Jochen Klepper, der mit seiner jüdischen Frau Selbstmord beging, weil er dies als einzigen möglichen Ausweg sah. Weil er die Vorstellung nicht aushielt, seine Frau würde ins Konzentrationslager kommen und er könnte nichts dagegen tun. Ich kann seine Entscheidung verstehen. AMEN.

Predigt über Johannes 5, 24 – 29 am Totensonntag 2025 Weiterlesen »

Predigt über Johannes 5, 1 – 16 am 19. Sonntag nach Trinitatis 2025

Liebe Gemeinde,

die Texte des heutigen Gottesdienstes sind gefährlich.

Ihre Fährte könnte uns auf beunruhigende Gedanken bringen.

Dabei fing es scheinbar ungefährlich an: „Heile mich Herr, so werde ich heil, hilf du mir, so wird mir geholfen“: dieser Satz aus Jeremias war Präludium unseres Gottesdienstes.

Ein scheinbar harmloses Wort. Wer möchte nicht gerne gesund, geheilt sein? Die Gefahr und die Herausforderung die in diesem Wort steckt, ist nicht das, was gesagt wird, sondern das, was nicht gesagt wird:

Das Heil wird von Gott selbst und nur von Gott erbeten – und nicht von einem Menschen. Und auch nicht von einer durch Menschen geschaffenen Apparatur.

Die Herausforderung dieses Wortes liegt in seiner Beschränkung. Es beschränkt unsere omnipotenten Machbarkeits-Illusionen. Auf beiden Seiten. Es beschränkt die Sehnsüchte des Patienten, der sich von der Medizin eine allmächtige Heilung ersehnt. Und es beschränkt die Allmachtsfantasien der Frauen und Männer in weiß.

Selbst-Beschränkung wäre das, was wir, was diese Erde benötigt. Doch die Menschen, die Macht haben und Einfluss: Für sie ist Selbst-Beschränkung ein Zeichen von Schwäche. Viele Texte aus dem Alten wie Neuen Testament handeln von der Allmacht Gottes. Im Glaubensbekenntnis glauben wir an „Gott den Allmächtigen“ . Und sind entsprechend enttäuscht, wenn wir erleben, dass dieser „allmächtige Gott“ „seine“ Erde, oder „unsere“ Erde nicht besser schützt – vor den zerstörerischen Kräften von uns Menschen…

Im heutigen Evangelium scheinen auf den ersten Blick die Allmachtsfantasien wieder die Oberhand bekommen zu haben. Jesus der allmächtige Arzt? So kann man es lesen. Man kann es aber auch anders lesen, nämlich so, dass Jesus auf den unauflöslichen Zusammenhang zwischen Körper, Geist und Seele verweist. Dass einem äußeren Gelähmt-Sein ein seelisches Gelähmt-Sein entspricht. Und dass der Weg zur Freiheit des Aufstehens und zur Fähigkeit, seiner eigenen Wege gehen zu können, über das Vertrauen zu einem liebevollen Gott und (gleichzeitig!) dem Eingeständnis der eigenen Schuld führt. Die Vergebung der Sünden und das Verlassen des Bettes der Gelähmtheit ist in den Augen Jesu dasselbe.

Merken Sie, wohin uns diese Texte führen, wenn wir uns auf sie einlassen? Sie greifen eine bestimmte Art unseres Denkens an. Und zwar jene Art des Denkens, die immer nur eins denken kann. Dieses Denken beruht auf der Unfähigkeit, Unterschiede zusammen zu denken. Es tut sich extrem schwer damit, Widersprüche auszuhalten. Es hält nichts von Diskursen. Stattdessen wirbt es mit einer vermeintlichen Klarheit. Ich möchte dieses Denken als populistisch bezeichnen.

Man kann es daran erkennen, was nicht gedacht werden soll. Es soll nicht „zusammen“ gedacht werden; es soll auseinander gehalten werden. Krank von gesund, gut von böse, Körper von Seele, schwarz von weiß. Vermischungen sind „unrein“ – „Schlammblüter“ heißt es bei Harry Potter. Das sind Zauberer oder Hexen, die von Muggeln (also Menschen) abstammen. Und seit dem Mittelalter gibt es das abwertende Wort „Bastard“, das ein Kind bezeichnet, das von seinem adligen Vater anerkannt worden ist, und das eine nicht „standesgemäße“ Mutter hat. Je rigider eine Gemeinschaft, desto wichtiger ist ihr sogenannte „Reinheit“. Dies gilt natürlich auch und insbesondere für religiöse Gemeinschaft!

Nun gab und gibt es immer wieder Menschen, die sich diesem totalitären Denken widersetzt haben und widersetzen. Einer von ihnen heißt Jesus aus Nazareth. Er war ein Provokateur und ein Unruhestifter. Und er wurde ruhig gestellt an jenem Vorabend des Pessachfestes, wahrscheinlich im Jahre 33 nach Christus.

Vorher hat er provoziert. Indem er sich nicht an die Regeln gehalten hat. Indem er immer wieder etwas tat, „was man nicht tut!“ Zum Beispiel sich anmaßen, etwas zu können, was nur Gott allein zusteht: Sünden vergeben! Das ist Gotteslästerung!

Dieselbe Geschichte, die wir gerade als Evangelium gehört haben (Markus 2, 1 ff) aber mit einer anderen Stoßrichtung, finden wir auch im Johannesevangelium – sie ist der heutige Predigttext.

Ich lese ihn einmal vor:

1 Danach gab es ein jüdisches Fest, und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. 2In Jerusalem ist am Schafstor ein Teich, der auf Hebräisch Betesda genannt wird und der fünf Säulenhallen hat. 3In ihnen lagen viele Kranke: blinde, bewegungsunfähige und verkrüppelte Menschen. 5Es gab dort einen Menschen, der schon 38 Jahre krank war. 6Als Jesus diesen liegen sah und erkannte, dass er schon lange Zeit krank war, sagte er ihm: »Willst du gesund werden?« 7Der Kranke antwortete ihm: »°Rabbi, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich trägt, wenn das Wasser unruhig ist; während ich aber komme, steigt jemand anderes vor mir hinein.« 8Jesus sagt ihm: »Steh auf, hebe deine Liege hoch und geh umher!« 9Sofort wurde der Mensch gesund und hob seine Liege hoch und ging umher.
Jener Tag war ein Sabbat. 10Andere jüdische Menschen sagten dem Geheilten also: »Es ist Sabbat, und es ist dir nicht erlaubt, deine Liege zu tragen.« 11Er antwortete ihnen: »Der mich gesund gemacht hat, der hat mir gesagt: ›Hebe deine Liege hoch und geh umher!‹« 12Sie fragten ihn: »Wer ist der Mensch, der dir gesagt hat: ›Hebe sie hoch und geh umher!‹ ?« 13Der Geheilte wusste nicht, wer es war, denn Jesus hatte sich entfernt, als viele Leute an dem Ort zusammenkamen. 14Danach fand Jesus ihn im Tempel und sagte ihm: »Sieh, du bist gesund geworden; °entferne dich nicht wieder von Gott, damit dir nicht etwas Schlimmeres geschieht!« 15Der Mensch ging weg und erzählte anderen jüdischen Menschen, dass es Jesus sei, der ihn gesund gemacht habe. 16Deshalb verfolgte die jüdische Obrigkeit Jesus, weil er dies an einem Sabbat getan hatte.“

Um mit etwas Kleinem zu beginnen: Anders als bei Markus begegnet uns in dieser Version des Johannes das Wort ἄνθρωπος „Mensch“ (V. 5.7.9.12.15) fünf Mal. Nicht nur der Kranke ist ein „Mensch“ – namenlos, aber auch exemplarisch –, er klagt, dass er „keinen Menschen“ hat (V. 7). Und auch Jesus wird (von den „Juden“) als „Mensch“ bezeichnet. Die Häufung mag zufällig sein, sie ist aber deutbar: Jesus wird dem Menschen, der keinen Menschen hat, zum Menschen. In der Begegnung mit Jesus wird der Kranke ein Geheilter, ein Gesunder, wird aus dem Einsamen ein „Resozialisierter“, einer, der „zurück in die Gemeinschaft der Menschen“ findet.

Wie geschieht das?

Es geschieht dadurch, dass der „andere“ wirklich gesehen wird. Und das Sehen des „Anderen“ beginnt nicht damit, dass Jesus in überheblich-allmächtiger Weise ein: „Steh auf und lauf herum“ sagt. Es beginnt mit einer Frage an den Gelähmten, die ziemlich dämlich anmutet: „Willst du gesund werden?“

Mein Gott, könnte man denken, was denn sonst? Natürlich will er gesund werden, will wieder laufen können, genau deshalb liegt er hier. Was soll diese blöde Frage?

Den Anderen sehen heißt, mit ihm ins Gespräch kommen. Heißt sichtbar zu werden. Dies ist der erste Schritt jeden therapeutischen Handelns: „Was willst du?“ „Willst du (überhaupt) gesund werden?“ Fast zweitausend Jahre später hatte ein anderer jüdischer Arzt entdeckt, dass es nicht selbstverständlich ist, dass jemand gesund werden will. Er müsste nämlich dann auf all die Vorzüge, den „Krankheitsgewinn“ wie S. Freud es formuliert hatte, verzichten.

Erst wenn ich den Anderen sehe, kann ich ihn fragen. Und erst wenn der Andere bereit ist, sich sehen zu lassen, sichtbar zu werden, Antwort zu geben, entsteht „Ver-Antwortung“. Gute, echte Begegnung geschieht in wechselseitiger Ver-Antwortung. Alles andere ist hohl: hohles Um-sich-selber-Drehen, leere Geschwätzigkeit. „Die Geschwätzigkeit des Man“, wie Martin Heidegger es formulierte.

Erst wenn es mir möglich wird, dem Anderen, meinem jeweiligen Nächsten, so zu begegnen, wie Jesus den Gelähmten ansieht, dann werde ich nicht mehr sagen: „Die da oben“ oder „die Ausländer“ oder „die Juden“ oder „die Nazis“ oder „die Sozialschmarotzer“. Oder die „Christen“. Und zu allen: „Sie sind selber schuld!“ Wenn ich hinschaue, wie Jesus in unserer Geschichte hinschaut, dann zerreißt der Vorhang meines Rückzugsortes, in dem ich mich eingerichtet habe, von dem aus ich bewertend auf die Anderen herabschaue. Damit verliere ich aber auch meinen Schutzraum. Ich sehe erstmals die wirkliche Welt, den einzelnen Menschen, die konkrete Person mit und in ihrer ganzen Geschichte. Keine Kategorie, keine Klasse, keine Sorte Mensch. Das beunruhigt!

Das beunruhigt, weil ich die Komfortzonen meines Denkens verlasse, wenn ich mich ganz konkret auf mein Gegenüber einlasse: Was ist der wahre Hinderungsgrund für deine Heilung? Was hindert dich, dein Gekränkt-Sein aufzugeben? Willst du gesund werden? Auch wenn du und ich uns schon in der gegenseitigen Kränkung, in unseren gegenseitigen abwertenden Vorannahmen eingerichtet haben. Wollen wir es wagen, antwortfähig und damit verantwortungsfähig werden?

Oder: Wollen wir es wagen, Menschen zu werden?

Heile mich Herr, so werde ich heil, hilf du mir, so wird mir geholfen!“

Wenn Täter und Opfer gemeinsam auf Versöhnung bezogen sind, wenn Gläubige und Ungläubige auf die Suche nach Wahrheit bezogen sind, wenn Gesunde und Kranke auf das Leben bezogen sind, wenn Lehrer und Schüler auf Erkenntnis bezogen sind, wenn Eltern und ihre Kinder auf Wachstum und Entwicklung bezogen sind, wenn wir hier auf Gott bezogen sind … dann verlassen wir die Welt der Selbst-Bezogenheit, in der Selbst-Beschränkung als Schwäche erlebt und deshalb auf alle Fälle vermieden wird. Und erst dann können wir eine neue Welt betreten, jene Welt in der unser Denken radikal, von der Wurzel her, verwandelt worden ist.

Oder, einfacher: An die Stelle egozentrischen Denkens ist soziales Denken getreten.

Die einzige Voraussetzung, die nötig ist, um diese Welt des „Miteinanders“ zu betreten, ist das Aufgeben der Überzeugung, man wüsste schon alles. Kennzeichen eines guten Arztes, eines hilfreichen Therapeuten, ist, dass er sich und sein Wissen gerade nicht absolut setzt. Dass er sich interessiert für die ihm anvertrauten Patienten. Inter-Esse heißt wörtlich „dazwischen-sein“. Wer von vorneherein vorgibt, „alles zu wissen“, dem ist es nicht möglich, „dazwischen zu sein“. Er redet und handelt „von oben herab“ oder auch von „unten herauf“. Jedenfalls steht er nicht auf demselben Boden wie sein Mit-Mensch.

Damit kommen wir zum zweiten Teil unserer Geschichte. Bis jetzt war nur sehr allgemein von einem „Gelähmten“ und von einem, der ihn gesund gemacht hat, die Rede. Als der Gelähmte gefragt wurde, wer ihn denn gesund gemacht habe, wusste er es nicht. Und so kommt es zu der zweiten Begegnung zwischen Jesus und dem Gelähmten. Wieder geht die Initiative von Jesus aus: „Jesus fand ihn im Tempel und sagte ihm: ‚Sieh, du bist gesund geworden; entferne dich nicht wieder von Gott, damit dir nichts Schlimmeres geschieht!‘ Jetzt erfahren wir die eigentliche Erkrankung des Gelähmten: Sie bestand in seiner Gottesferne! Man könnte auch sagen: Sie bestand in seiner Beziehungslosigkeit. Er hat niemand, der ihn zu den heilsamen Fluten trägt. Das Leiden dieses Menschen, ist ein sehr verbreitetes: Es ist das Leiden an seiner Einsamkeit!

„Deshalb verfolgte die jüdische Obrigkeit Jesus, weil er dies an einem Sabbat getan hatte.“ (V. 16). Damit endet unsere Geschichte. Hier beugt einer das Gesetz, sagt die jüdische Obrigkeit! Und das stimmt. Es ist jenes Gesetz, das sich selbst absolut setzt. Das nicht mehr für den Menschen da ist, sondern um sich selber kreist!

Ja – unser Jesus ist ein Gesetzesbrecher. Er bricht jenes Gesetz, das da sagt, dass es gut ist, im Allgemeinen-Anonymen zu bleiben. Dass es gut ist, seinen Nächsten und sich selber nicht „näher“ kennenzulernen. Dass es gut ist, „eingemauert“ durch das Leben zu gehen. Dieses Gesetz dient nicht unserer Gemeinschaft. Ein sich selber absolut setzendes Gesetz dient nur mehr sich selbst. So gesehen ist es a-sozial.

Nebenbei: Die Psychoanalyse war die einzige Therapieform, die in der DDR verboten gewesen ist. Psychoanalyse ist für totalitäre Herrschaftsformen gefährlich. Je mehr Menschen sich selbst erkennen, desto weniger sind sie in der Gefahr, blind selbst ernannten sogenannten „Führern“ hinterher zu laufen.

Heile mich du mich, Herr, dann werde ich heil“!

Heil“ heißt „ganz“, „unversehrt“, „ganzheitlich“.

So ist es eine Bitte um die Verwandlung meines Denkens! Bitte hilf mir, Brücken zu bauen, hilf mir Gräben zu überwinden, hilf mir, Verbindungen herzustellen. Hilf mir, in Verbindung zu bleiben!

Du, der du der Inbegriff des Heil-Seins, des Ganz-Seins bist, du, in dem die Verbindungen in heiliger Ordnung gefügt sind.

Die Aufgabe eines guten Lehrers oder Therapeuten ist es nicht, diese Verbindungen seinem Schüler oder Patienten einzupflanzen. Was ohnehin nicht funktioniert. Seine Aufgabe ist es, ihn zu lehren, sich nicht „draus“ bringen zu lassen, vielmehr der eigenen Intuition zu folgen und nach ihr zu leben.

Dazu abschließend eine chassidische Geschichte, von mir leicht umgeformt:

Die Schüler des Baal-Schem (dem „Meister des Wortes“) hörten, dass in ihrer Nähe jemand sei, der oder die als wirklich „weise“ galt. Einige von ihnen waren neugierig und wollten den oder die Weise aufsuchen. Ihr Lehrer war damit einverstanden. Die Schüler aber wollten wissen: „Woran sollen wir denn erkennen, dass es sich wirklich um einen ‚Weisen‘ handelt?“

„Erbittet von ihm einen Rat, was ihr machen sollt, wenn Ärger, Ungeduld und Hass über Euch kommen. Wenn Gedanken gedacht werden wollen, die Euch daran hindern, dass ihr in Eurer Mitte bleibt. Die Euch am Lernen und am Ganz-Werden hindern.

Wenn ihr einen Rat bekommt, dann wißt ihr, dass sie oder er kein guter Lehrer ist.

Denn die einzige Lebens-Aufgabe eines Menschen bis zu seiner Todesstunde ist es, mit dem Fremden, ihn Störenden und ihn Verunsichernden zu ringen. Nicht um es zu besiegen! Das Fremde will gezähmt werden, es will integriert und eingebunden werden in die Gesamtheit Eurer Lebendigkeit!“ AMEN.

Predigt über Johannes 5, 1 – 16 am 19. Sonntag nach Trinitatis 2025 Weiterlesen »

Predigt über Jesaja 2, 1 – 5 am 8. Sonntag nach Trinitatis 2025

„Auf und lasst uns im Lichte Gottes gehen!“ Mit diesem Auf- und Ausruf des Propheten Jesaja endet unser heutiger Predigttext.

Dazu passend der Wochenspruch aus dem Epheserbrief: „Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“

Wir sind Kinder des Lichts. Was bedeutet das?

Doch eins nach dem Anderen!

Bleiben wir zunächst bei unserem Predigttext: „Auf, lasst uns im Licht Gottes gehen!“

Ich sehe den Propheten Jesaja voran gehen. Er hat eine deutliche, eine unmissverständliche Botschaft: „Gott wird Recht sprechen zwischen den fremden Völkern…“ (V.4) Mit dem Ergebnis: „Schwerter zu Pflugscharen, Lanzen zu Winzermessern!“ Ich sehe ihn beflügelt von dem „Wort“, das „Jesaja, Sohn des Amoz … schaute“ (V. 1) Er ist so versunken in seine Botschaft, die er in Gottes Namen auszurichten hat, dass er gar nicht gemerkt hat: Er steht jetzt ziemlich alleine da. Wo sind seine „follower„? Die Massen sind wo anders.

„Ich mache Euch wieder groß! Die Fremden haben hier nichts verloren! Amerika first!“ Eine große Mehrheit des amerikanischen Volkes hat sich für einen Führer entschieden, der rücksichtslosen Größenwahn repräsentiert. Auch in Deutschland hat Rücksichtslosigkeit und Größenwahn gepaart mit emotionaler Dummheit Konjunktur. „Deutschland den Deutschen!“ Emotionale Dummheit bedeutet, nicht (mit-)denken zu können, wie destruktiv für uns alle (Menschen, Tiere, Pflanzen) diese Art von nationalem Egozentrismus ist.

Stimmt: Auch in unserem Predigttext gibt es Nationalismus: „Der Berg des Hauses Gottes“ als „Gipfel der Berge“ wird sich „erheben über die Hügel“ (V. 2). Und dieser Berg ist natürlich „Zion“, der Tempelberg in Jerusalem – und nicht Mekka, oder Rom oder Byzanz. Und natürlich ist es das „Haus der Gottheit Jakobs“ – und nicht der Gottheit irgendeines „fremden“ Volkes. Soweit der „nationale“ Rahmen. Aber innerhalb dieses Rahmens soll nur mehr geschehen, was dem Weltfrieden dient: „Niemand wird mehr das Kriegshandwerk lernen.“

Der Form nach ist dies eine göttliche Verheißung. Dem Inhalt nach ist es eine Utopie. Utopie heißt: „Ohne Ort.“ Die Idee eines Weltfriedens auf der Grundlage göttlicher Gerechtigkeit hat „keinen Ort“. Sie ist „weltfremd“. Deshalb wird sie sich unter den Bedingungen dieser unserer Welt sich nicht realisieren lassen. Ähnlich weltfremd wie die Ideen jenes Mannes aus Nazareth, der die Armen selig preist, dessen Reich nicht von dieser Welt ist, mit dem sich „kein Staat machen lässt“ (K. Barth). Der von sich selber sagt: „Füchse haben Höhlen und die Vögel der Lüfte haben Nester. Der Mensch hat keinen Platz, wo er seinen Kopf hinlegen kann.“ (Matthäus 8,20) Oder: Sein Platz ist der U-Topos, sein Platz ist der „Kein-Platz“, die Utopie.

Und wir, die wir uns Christen nennen? Was ist unser Platz?

„Ihr seid das Salz der Erde!“ „Ihr seid das Licht der Welt!“ heißt es im heutigen Evangelium. Und nicht: Ihr sollt Salz oder Licht werden. Auch nicht: Ich mache Euch zum Salz oder zum Licht. Nein: Ihr seid es schon! Bitte lebt auch dementsprechend! Lebt dem, was Ihr seid, entsprechend; lebt Eurer Identität entsprechend.

Man könnte antworten: Aber das Salz kann doch gar nichts anderes als salzen. Und das Licht kann auch nichts anderes als leuchten. Stimmt.

ABER: Wir Menschen können verhindern, dass Salz salzig bleibt, wir Menschen können verhindern, dass Licht leuchtet. Wie geht das?

Das geht ganz einfach durch Ignoranz. Ignoranz drückt sich in Sätzen aus, wie:

Das will ich gar nicht hören!

Darüber will ich nicht nachdenken!

Simples Beispiel:

Dass wir schon wieder 6 Wochen jenseits der Sommersonnenwende sind. Dass schon wieder spürbar die Tage kürzer und die Nächte länger werden.

Das will ich gar nicht hören…

Wir Menschen lieben es, in unseren Komfortzonen zu bleiben. Sie sind so wunderbar vertraut. Neues an sich ran zu lassen verunsichert.

Und im Erfinden von Methoden, Neues nicht an sich ran zu lassen, ja es erst gar nicht entstehen zu lassen, sind wir Menschen sehr kreativ.

Leider, leider auch wir Christen. Durch Denkverbote, Diskussionsverbote, durch die Nötigung, etwas Bestimmtes denken zu müssen, schützen wir unsere vermeintliche Sicherheit. Erhalten wir uns unsere Gefängnisse.

Sie haben den großen Vorteil der Klarheit und Eindeutigkeit. Man weiß, was erwünscht und was verboten ist. Sie – (unsere selbst gebauten) Gefängnisse – haben den großen Nachteil des Verzichts auf Vielheit und Verschiedenheit. „Demokratie ist, wo gestritten wird“, ist ein bekanntes Statement von Helmut Schmidt – nicht um des Streitens willen, sondern um der Wahrheit willen.

Ein paar Beispiele, mit denen ich versuche zu veranschaulichen, was ich meine:

Erstens: „Er / Gott soll dein eigen sein, du sollst sein genießen, und alles was er hat, im Himmel und auf Erden, das soll dein sein. Wer nun solches höret, doch keine Freude davon hat oder diesen Heiland lässt fahren und suchet einen anderen, der ist wert, dass ihn der Donner neun Ellen unter die Erde schlage…“

(Aus einer Predigt Martin Luthers zum ersten Weihnachtstag)

Zweitens: Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Wir, im Westen Europas, bezeichnen den Krieg gegen die Ukraine als russischen Angriffskrieg. In Russland selbst wird er als „Friedensoperation“ bezeichnet. Und Putin ist der Meinung, wir (also Russland) hole sich nur zurück, was ihm ohnehin gehört.

Drittens:

Israel.

Wir sehen und benennen die Grausamkeit, mit der Israels Regierung mit dem palästinensischen Volk und die israelischen Siedler mit den Palästinensern umgeht.

Wenn ich hingegen Texte aus dem Alten Testament ernst nehme, geht es gar nicht um Grausamkeiten, sondern um Gottes Willen:

„Ich gebe Menschen an deiner Stelle und Völker für dein Leben“, heißt es bei Deuterojesaja. Etwas freier übersetzt heißt das: „Ich, Gott, opfere für dein Leben Menschen und Völker…“ ( Es war die Lesung vor zwei Wochen; sie wurde kommentarlos vorgetragen in dieser Kirche.)

Wer diese Gedanken auf sich wirken lässt, dem bleibt nichts anderes übrig, als die Beschaulichkeit seiner Rückzugsorte (Stichwort: „Komfortzone“) zu verlassen. Sie oder er wird dadurch notgedrungen hineingezogen in die Turbulenzen und Widersprüche dieser Welt. Im Lichte Gottes gehen aber heißt für mich zuallererst, diese Widersprüche und Ambivalenzen zu ertragen. Um dies zu können, muss man sich seine eigene Bedürftigkeit klar gemacht haben.

„Im Namen unseres Gottes bitte ich Sie (sc. Mr. Trump), Erbarmen mit den Menschen in unserem Land zu haben, die jetzt Angst haben.“ So predigte die Bischöfin Budde bei der Amtseinführung von D. Trump. Seine Reaktion war: „Ich erwarte ein Entschuldigung!“ Und: Frau Budde sei eine „Trump-Hasserin“. Es ist die klassische Antwort des Narzissten. Jede Kritik an sich abprallen lassen und den Kritiker zu beschimpfen und/oder versuchen, ihn kalt zu stellen.

Um dies predigen zu können, was Frau Budde in beeindruckender Weise konnte, bedarf es einer Freiheit und Unabhängigkeit gegenüber dem Anderen. Genauer: Ich muss frei davon sein, Anerkennung oder gar Liebe vom Anderen zu erwarten. Seien es Mächtige oder auch Ohnmächtige. Jesus hat weder den Mächtigen noch den Ohnmächtigen nach dem Mund geredet. Er hat Gott, den er liebevoll „Abba“ (Papa) nannte, „nach dem Mund geredet“. So sehr, dass er zu Gottes Mund, zu seinem „Wort“ wurde, wie es im Johannesevangelium heißt: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott…“ (Johannes 1,1) Er war so sehr bei Gott, dass er sein eigener („eingeborener“) Sohn genannt worden ist.

Und der Inhalt seiner Predigt war: „Das Reich Gottes“, das Reich seines Vaters, ist nahe!

Wenn wir als Christen Salz, wenn wir Licht sein wollen, wenn wir im Licht Gottes gehen wollen, dürfen wir uns nicht davon abhängig machen, ob und wie unsere Botschaft in dieser Welt ankommt. Wir schwächen uns und unsere Botschaft, wenn wir meinen, wir müssten den oder die Anderen erreichen.

Das Salz würzt aus sich heraus, das Licht leuchtet aus sich heraus.

Liebe Gemeinde!

Vielleicht denken Sie sich jetzt – Mein Gott, was der da predigt! Das kann ich nicht! Und das will ich auch nicht! Ja, wo kämen wir denn da hin, wenn ich damit aufhörte, etwas zu tun, um dafür Anerkennung zu bekommen?

Und außerdem nehme ich ihm das nicht ab. Der will doch auch Anerkennung für sein Predigen bekommen. Oder ein Publikum, das ihm zuhört. Oder vielleicht hofft er auch, auf diese Weise sich Patienten angeln zu können.

Dies sind Gedanken, die ausschließlich eine Funktion haben: Das Salz fad zu machen und das Licht zu verdunkeln.

Denn – wo kämen wir hin, wenn wir wirklich versuchten, im Lichte Gottes zu gehen?

Ja – wo kämen wir da hin?

Kurt Marti drückt es so aus:

Wo kämen wir hin,

wenn jeder sagte,

wo kämen wir hin

und keiner ginge,

um zu sehen,

wohin wir kämen,

wenn wir gingen. (Kurt Marti)

Jesaja sagt: „Auf, lasst uns im Licht Gottes gehen.“ Wohin wir dann kämen? Vielleicht würden wir dann ein bisschen salziger werden, auch ein bisschen erleuchteter. Vielleicht würden wir sogar ein bisschen „erlöster“ ausschauen.

Vielleicht auch nicht.

Rauskriegen tun wir das erst, wenn wir uns auf den Weg machen, anstatt zu sagen: „Ja, wo kämen wir denn hin!“ Mag sein, dass wir nicht gleich im „Licht Gottes“ gehen. Aber ich meine, dem „Licht Gottes“ kämen wir allemal ein großes Stück näher! AMEN.

Predigt über Jesaja 2, 1 – 5 am 8. Sonntag nach Trinitatis 2025 Weiterlesen »

Predigt über Johannes 5, 39-47 am 1. Sonntag nach Trinitatis in Jakobus (Pullach)

(Vorbemerkung)

„Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr…“ haben wir gerade gesungen. Und so ist es auch.

Es ist aber kein versteckter Hinweis darauf, dass mir keine Predigt eingefallen ist. Es ist vielmehr eine Warnung davor, dass ich mir nichts einbilde darauf, was mir eingefallen ist…

Liebe Gemeinde,

kennen Sie diese eigentümliche „Suche“ nach etwas, ohne genau zu wissen, wonach eigentlich…?

Dieses eigentümliche „Getrieben-Sein“: aber was treibt mich denn an?

Das wäre Stoff für einen Roman: „Der Mensch, der nicht satt werden konnte“.Oder auch: „Der Mensch als Raupe ‚Nimmersatt'“!?

Freilich ohne Schmetterlings-Garantie.

Diese eigentümliche Suche. Suche und Sucht: etymologisch hängen beide Worte miteinander zusammen. Im Duden wird „Sucht“ als „krankhafte Abhängigkeit“ definiert.

Sehn-Sucht wäre dann eine krankhafte Abhängigkeit … wovon?

„Sehnen“ , mittelhochdeutsch „senen“, heißt: „sich härmen, liebend verlangen…“

Ja, aber was wird denn liebend verlangt? Und passt das zusammen: lieben und verlangen oder begehren?

„Was willst du wirklich?“ fragt Luzifer mit funkelnden Augen in der gleichnamigen Serie. Was sind deine geheimsten Wünsche. So geheim, dass du sie vor dir selbst versteckst?

„39 Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen (ewiges) Leben zu haben, und (in der Tat), sie sind es, die Zeugnis über mich ablegen. 40 Doch ihr wollt nicht zu mir kommen, um ewiges Leben zu haben.“

Damit beginnt eine längere Predigt des sogenannten „Christus des Johannesevangeliums“. Gerichtet ist diese Predigt an das das jüdisch-religiöse Establishment, also die sogenannten „Schriftgelehrten“, die theologischen Lehrer der damaligen Zeit. Die Rede stellt eine massive Polemik gegen eben diese „Lehrer“ dar, die als Autoritäten in Glaubens- und Lebensfragen gelten. Der Vorwurf Jesu besteht darin, dass sie nicht sehen (können), was doch da ist, was vor Augen steht: „Jesus ist der Gesalbte Gottes, der ersehnte Messias (Christos).“

Oder auch: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben…“ (Johannes 14, 6).

Aber: Wer ist dieser „Ich“?

Wir Christen bekennen ihn als „Jesus Christus“. Das ist eine Definition. Aber was bedeutet sie?

Zunächst einmal bedeutet sie etwas Negatives. „In den Schriften werdet ihr nicht finden, was ihr sucht!“ (Mit Schriften ist sind die Texte gemeint, die wir heute als Altes Testament bezeichnen. Das Neue Testament gab es noch nicht!)

Das ließe sich als Aphorismus, als Lebensweisheit formulieren:

„In den Büchern wirst du nicht finden, was du suchst“.

Hier könnten wir eine Analogie sehen zur Mystik des Taoismus:

„Sag bar das Dao, doch nicht das ewige Dao,

nennbar der Name, doch nicht der ewige Name“ (Laotse, Tao-Te-King)

(Dao heißt „Weg“ im Sinne von „Methode“.)

Beiden, der Mystik des Johannesevangeliums wie der des Taoismus ist gemeinsam die Annahme: Es gibt einen Weg, es gibt eine Wahrheit, es gibt ein Leben …

Der Gegenspieler hierzu ist nicht ein anderes Verständnis von Wahrheit.

Der Gegenspieler hierzu ist die Zerstörung von Wahrheit und sich selbst an ihre Stelle zu setzen.

Beispiel: Bei den jüngsten Demonstrationen in Amerika gegen das Trump-Regime lautete ein Slogan: „Amerika ist von Migranten gegründet worden und nicht von Milliardären.“

Der Gegenspieler ist die populär-populistische Meinung: Unsere Rettung bestünde darin, sich selbst, das eigene Denken und Handeln absolut zu setzen.

In unserem Predigttext wird das so ausgedrückt: 40 Doch ihr wollt nicht zu mir kommen, um ewiges Leben zu haben. 41 Ich nehme keine Ehre von Menschen.“

Genau das ist die Frage: Wofür verwendet jemand sein Denken? Um sich in der Bewunderung seiner Mitmenschen zu spiegeln? Dann nimmt er „Ehre von den Menschen.“ So etwas wie Wahrheit interessiert ihn nicht. Ihn interessiert nur, was ihn selbst groß und bedeutend machen könnte. Und natürlich reich. „Wer zahlt, schafft an!“ So einfach ist das.

Eine radikal andere Haltung zum Leben ist, seine Energie dafür zu verwenden, zu erforschen, was „wirklich“ ist, was „wirklich“ stimmt, worauf ich mich in der Tiefe verlassen kann. Welcher Boden mich wirklich trägt.

Nüchterne Antwort: Das ist der Boden der Wahrheit. Der Boden dessen, was da ist.

Das ist etwas sehr Nüchternes. Thích Nhất Hạnh hatte sein erstes Erlebnis von Erleuchtung beim Reinigen der Latrine seines Klosters.

Erleuchtung ist wesentlich auf Gemeinschaft bezogen. Ansonsten ist sie ein narzisstisches Irrlicht.

Wer Bewunderung von Anderen sucht (Sucht!) lebt in Abhängigkeit von eben diesen Anderen Er ist verführbar. Er ist verführbar von solchen vermeintlichen Führern, die es lieben, sich bewundern zu lassen. Es sind die Führer mit den großen Verheißungen, die an der Realität zerschellen wie Seifenblasen, die auf den harten Boden der Tatsachen fallen. „Wenn ich Präsident bin, werde ich an einem einzigen Tag den Krieg zwischen der Ukraine und Russland beenden.“ … Von wegen!

Die Frage ist: Suchen wir einen Führer, der uns von unseren belastenden Gefühlen und Gedanken „erlöst“ – oder vertrauen wir uns einem Führer an, der uns vorlebt, wie das geht, Verantwortung zu übernehmen und fürsorglich für sich und für Andere zu leben. Der uns vorlebt, dass Belastungen, Schmerzen, Trauer, alles sogenannte „Unangenehme“ auszuhalten sind.

Ich nehme keine Ehre von Menschen“ ließe sich auch übersetzen im Sinne: „Ich sammle keine Anerkennung von Menschen.“ Heißt: Ich gründe den Sinn meines Lebens, meinen Selbstwert nicht darauf, wie andere mich sehen. Vielmehr: Ich bleibe gelassen. Wer mich bewundern will, möge es tun, wer mich abwerten, schlecht finden will, möge es auch tun. Und wer mit all dem, was ich sage, gar nichts anfangen kann – das ist schade, aber das ist dann halt auch so. Dies alles trifft mich in der Tiefe nicht, weil ich mir darüber im Klaren bin: Es handelt sich ohnehin nur um Projektionen der Anderen auf mich.

Aus dieser nüchternen und ernüchternden Freiheit heraus fährt Jesus fort:

„…ich habe euch durchschaut: Ihr habt die Liebe Gottes nicht in euch.“

Das ist schon mutig, vielleicht auch ein bisschen vermessen, dies seinen Zuhörern auf den Kopf zuzusagen: „Ihr habt die Liebe Gottes nicht in euch!“

Und es sind ja nicht irgendwelche Zuhörer. Gemeint sind wie gesagt die religiösen Führungspersönlichkeiten der damaligen Zeit.

Wie meint er das?

„Ich bin im Namen Gottes gekommen, die mir wie Vater und Mutter ist, und ihr nehmt mich nicht an; wenn jemand anders im eigenen Namen kommt, den werdet ihr annehmen.“

Whow! Ist das aktuell! Wir leben in einer Zeit, in der die populistischen Verführer hoch im Kurs stehen. Die nicht für Inhalte stehen, sondern für Großartig-Sein. Verbunden mit der Botschaft: „Schließe dich mir an, dann mache ich dich auch so großartig!“

Und weiter: „Wie könnt ihr (an Gott) glauben, wenn ihr Anerkennung voneinander sammelt, statt nur die Anerkennung von Gott, der einzigen, zu suchen?“

Ich liebe diesen Jesus. Er spricht mir so was von aus dem Herzen.

Und das ist natürlich gefährlich.

Ich muss mich damit auseinandersetzen, dass es mir in meinem Leben (auch?) nicht möglich gewesen ist, innerhalb des Establishments – sei es des religiösen, sei es des psychoanalytischen – einen guten Platz zu finden. Ich bin (nur) Pfarrer im Ehrenamt; ich bin ein unbekannter Wald-und-Wiesen-Therapeut. Und niemand trägt daran Schuld. Aus dem Blickwinkel von „Karriere machen“ ist aus mir nichts geworden. Aus diesem Blickwinkel heraus bin ich gescheitert.

Gott sei Dank ist dies aber nicht der einzige Blickwinkel. Es gibt so viele Perspektiven, mit denen man auf sein Leben zurückschauen kann. Der Blickwinkel, die Perspektive, die Christus anbietet, ist die Perspektive Gottes. Für ihn ist das Leben seines Sohnes eine „Weisheit“ und keine „Torheit“ (Paulus). Diesen Gott hat Jesus so tief verinnerlicht, dass er dies alles benennen kann und dabei gelassen bleibt:

45 Glaubt nicht, dass ich euch vor dem Vater anklagen werde. Mose ist euer Ankläger, auf den ihr hofft. 46 Denn wenn ihr Mose glauben würdet, würdet ihr auch mir glauben. Denn jener hat über mich geschrieben. 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie könnt ihr (dann) meinen Worten glauben?“

„Ich klage euch nicht an!“

Vielmehr Mose ist euer Ankläger.

Übersetzt heißt das:

Die Wirklichkeit ist, was sie ist.

Solange ich Menschen anklage, erreiche ich gar nichts. Außer, dass ich ein bisschen von meinem Unmut loswerde. Was in der Regel dazu führt, dass sich die Fronten noch mehr verhärten.

Der einzige mir bekannte Weg ist der Versuch, den Anderen zu verstehen. Und es kann nicht mehr als ein Versuch sein. Nicht wenige Menschen wollen gar nicht verstanden werden.

Verstehen bedeutet nicht, dem Anderen Recht zu geben. Ich finde es gut, Petitionen zu unterschreiben oder zu initiieren. Ich finde es wichtig, an Demonstrationen für die Bewahrung unserer Demokratie teilzunehmen, Geld zu spenden für Greenpeace oder Campact, oder Weact, ich würde eine Initiative „Opas gegen rechts“ sofort unterstützen … um dann wieder loszulassen.

Ansonsten vermiese ich nur mein eigenes Leben und das Leben meiner Mitmenschen.

Teresa von Avila wusste, wovon sie sprach, als sie in ihrem Gebet vom Älter-Werden formulierte:

„Bewahre mich davor, ein alter Griesgram zu werden. Er ist das Krönungswerk des Teufels.“

Für mich heißt das: „Gott, bewahre mich davor zu verbittern. Schenke mir die Kraft, die Wirklichkeit so hinzunehmen, wie sie nun einmal ist. Und schenke mir die Kapazität, auszuhalten, wie schwer mir, wie schwer uns Menschen wirkliche Veränderung fällt. Denn jede Veränderung beginnt mit und bei mir selbst.

Im Tao-Te-King heißt es:

„Wer die Menschen kennt ist klug; wer sich selbst erkennt ist erleuchtet!“

Erleuchtung ist aber kein Ziel, sondern nur eine Etappe auf unserem Lebensweg.

Jakobus, der Namenspatron unserer Kirche, benennt das Ziel mit dem wunderbaren Satz: „Seid aber Täter des Wortes und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst.“ (Jakobus 1, 22) Oder in anderer Übersetzung: „Folgt dem Wort, das in euch wirkt, indem ihr es in die Tat umsetzt. Sonst betrügt ihr euch selbst.“ (Sie finden den Satz unterhalb der Orgelpfeifen in unserer Kirche.)

„Sonst betrügt ihr euch selbst.“

„Lasst eure tiefen Erkenntnisse wirksam werden; das, was ihr in der Tiefe schon immer gewusst habt, macht es stark, bringt es auf die Welt – sonst macht ihr euch euer Lebtag etwas vor.“

„Und dann wundert ihr euch, dass ihr mit Depressionen zu tun habt“, füge ich hinzu.

Der Selbstbetrug besteht darin, dass nicht gelebt wird, was gesagt wird.

Was zählt, ist nicht, was jemand sagt. Was zählt, ist, was jemand tut.

Und deshalb höre ich jetzt auch auf zu reden.

Oder, auf bayrisch: „Mehr sog i ned!“ AMEN.

Nachbemerkung:

Ein alter chassidischer Rabbi fragte seine Schüler, woran man den Zeitpunkt zwischen dem Ende der Nacht und dem Anfang des Tages erkennen könne. Denn das ist die Zeit für bestimmte Gebete. „Ist er gekommen?“ schlug ein Schüler vor, „sobald man erkennen kann, ob eine in der Ferne gesehenes Tier ein Schaf oder ein Hund ist?“ „Nein“, antwortete der Rabbi.

„Ist er gekommen, sobald man auf der Handfläche die Linien klar erkennt?“ „Oder wenn man von einem Baum in einiger Entfernung sagen kann, ob es ein Feigen- oder ein Birnbaum ist?“ „Nein“, antwortete der Rabbi jedes Mal. „Wann ist er gekommen?“, fragten die Schüler.

„Er ist da, wenn du deine Mitgeschöpfe, Pflanzen, Tiere, Menschen als deine Brüder und Schwestern erkennen kannst. Bis dahin ist es noch Nacht…“

Predigt über Johannes 5, 39-47 am 1. Sonntag nach Trinitatis in Jakobus (Pullach) Weiterlesen »

Taufpredigt über 1. Samuel 16, 7.

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.“

1. Samuel 16, 7

Liebe Eltern, liebe Taufpaten, liebe Gemeinde,

„Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.“

Dieses Wort habt Ihr für Euren Sohn als Taufspruch ausgewählt.

Es findet sich im Alten Testament. Der Kontext ist eine Geschichte, die erzählt, wie David, der jüngste und unscheinbarste Sohn eines Hirten, zum König von Israel gesalbt wird, obwohl seine starken und schönen Brüder sich äußerlich viel besser als Könige gemacht hätten. Gottes Wahl beruht offenbar nicht auf Äußerlichkeiten. Gottes Wahl ist keine narzisstische.

Im Narzissmus, der derzeit groß in Mode ist (Frage: Ist er je aus der Mode gekommen?) , kreist alles um die Frage:

„Wie werde ich gesehen?“ Dem entspricht: „Wie will ich mich zeigen?“

Meine Oma, Jahrgang 1887, hatte oft gesagt:

„In den Magen kann man nicht schauen, wohl aber auf den Kragen!“

Was hieß: Ein weißer, vornehmer Hemdkragen ist wichtiger als das, was ich in mich hinein aufnehme, z.B. meine Ernährung. Wobei: Natürlich kann man auch seine Ernährung in den Dienst des Narzissmus, nicht aber in den Dienst der Gesundheit stellen.

Aber die grundlegende Frage ist doch: Wie wichtig ist mir etwas Äußeres, Sichtbares – und: Wie wichtig ist mir etwas Inneres, etwas in der äußeren Welt Unsichtbares?

Und dahinter steht die Frage: Was macht wirklich satt?

„Gott sieht das Herz an!“

Kann dieses Gesehen-Werden sättigen?

Ich glaube schon – auch wenn dieser Satz zunächst einmal beunruhigt.

Heißt er doch: Vor Gott kann ich mich nicht verstecken.

„Adam, wo bist du?“ fragt Gott, nachdem Adam und Eva miteinander geschlafen hatten.

Es sind Schuldgefühle und Schamgefühle, die uns Menschenkinder dazu bringen, uns zu verstecken.

Dabei sind Schuldgefühle leichter zu ertragen, da es die Möglichkeit einer Wiedergutmachung gibt. Und es gibt die Möglichkeit der Vergebung:

„Vergib uns unsere Schuld – wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…“ beten wir im Vaterunser.

Nicht so bei Schamgefühlen.

Schamgefühle sind anders, fühlen sich anders an. Zu ihnen gehört der Satz: „Wie konnte ich mich nur in die und die Situation bringen?!“ Sie lösen den Reflex aus, verschwinden zu wollen, unsichtbar zu werden.

„Ich wünschte, die Erde hätte sich aufgetan und ich könnte im Boden verschwinden“, sagt der, der sich schämt.

Zu Schamgefühlen gehört die Heimlichkeit, das Sich-Verstecken.

Von daher ist der Taufspruch für Christoph: „Gott sieht das Herz an!“ zunächst einmal sehr beunruhigend.

Er ist solange beunruhigend, solange Gott mit einer kalten moralischen Instanz verbunden wird, die darauf aus ist, den Menschen seine Macht zu demonstrieren und sie zu beschämen. Sich über die Schwächen des Anderen lustig zu machen. Menschen bloß zu stellen.

Gott aber ist anders.

Gott hat sich in seinem Sohn Jesus Christus offenbart als bedingungslose Liebe, die radikale Ohnmacht aushält.

Er hat seinen Sohn nicht vom Kreuz herunter geholt. Aber: Er hat seinen Sohn auch nicht verspottet, im Sinne von: „Das hast du jetzt davon. Hast den Mund ein bisschen zu voll genommen, oder?“

Nein: Er hat mit seinem Sohn mitgelitten. Er war im Leiden seines Sohnes da – in und mit seiner ganzen Ohnmacht!

Von daher müsste unser Glaubensbekenntnis am Anfang eigentlich heißen:

„Ich glaube an Gott, den Ohne-Macht-Seienden“.

Sein Blick in mein Herz ist barmherzig. Er schaut mit liebevollen, warmherzigen Augen auf mich, auf mein gelebtes Leben.

Anstatt mich bloß zu stellen, deckt er die Verletzungen meiner Seele zu.

Er näht eigenhändig die Kleidung als Schutz für seine Kinder, für Adam und Eva.

Und er verstößt Adam und Eva auch nicht aus dem Paradies – sondern er entlässt sie in ihr erwachsenes Leben. Er entlässt sie in ihre Freiheit!

„Wenn das Junge zu fliegen beginnt, ist die Aufgabe der Adler-Eltern erledigt,“ habe ich gestern gelesen. So ist es: In gewisser Weise ist das „Erziehen“ der Kinder eine permanente Übung im vertrauensvollen Loslassen. Möge eben dieses liebevolle Loslassen – das nicht mit Fallen-Lassen zu verwechseln ist – die Matrix für das Aufwachsen Eures Sohnes sein.

Ich wünsche Euch, den Eltern, dass Ihr es wie Gott macht: Mit liebevollen Augen auf sein Herz schauen. Liebevoll heißt nicht, „alles durchgehen lassen…“ Echte Liebe schaut genau hin – ohne zu verurteilen und ohne zu beschämen. Und falls eine Verletzung passiert ist – und auch das ist unvermeidlich im Zusammenleben zwischen Menschen – wird die Liebe sagen, dass es ihr leid tut. Sagen zu können, dass mir etwas leid tut, was ich gesagt oder getan habe, ist kein Ausdruck von Schwäche – ganz im Gegenteil: Es ist ein Ausdruck von Stärke.

Es ist die Stärke, den Anderen, den Fremden in seinem So-Sein zu respektieren – auch und gerade, wenn ich ganz anderer Meinung bin. Es ist die Stärke, mich in den Anderen einzufühlen und immer wieder zu versuchen, die Welt aus seinen Augen zu sehen. (Stichwort: Perspektivenwechsel!)

Was aber genau nicht heißt, zu allem Ja und Amen zu sagen.

Sich Hemmen zu können und die eigenen Hass Impulse nicht auszuleben, ist keine Schwäche sondern eine Stärke! Eine Stärke, die allerdings noch nie sehr modern war.

Im Tragen und Ertragen seines Kreuzes hat Jesus Christus uns diese Stärke vorgelebt. Er konnte das, weil er in innigster Verbindung mit Gott, den er liebevoll abba nannte, stand. Die Alte Kirche hat diese Verbindung als „vinculum caritatis“ bezeichnet, das (unzerstörbare) Band der Liebe. Und sie hat diesem Band sogar einen eigenen Namen gegeben: Es ist die dritte Person in Gott, es ist der Heilige Geist. Im Johannes-Evangelium, aus dem wir vorhin einen Ausschnitt gehört haben, wird er der „Parakletos“, der „Herbeigerufene“ genannt. Und der „Tröster“. Weil er den Abschiedsschmerz, das Jesus zu einem Vater zurückkehrt, mildert. Im Heiligen Geist bleibt Jesus – verwandelt – gegenwärtig

Gebe Gott, dass auch wir immer tiefer aus dem Vertrauen heraus zu einem gütigen Gott unser Leben leben. Gebe Gott, dass wir alltäglich uns in Verbindung mit einem Gott erleben, der mit liebevollen Augen auf mein Leben und in mein Herz blickt.

Gebe Gott, dass ich mich aufgehoben fühle in dem unzerstörbaren Band der Liebe zwischen Vater und Sohn, AMEN.

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Gedenke deiner Barmherzigkeit (Gedanken zum Sonntag Reminiscere 2025)

Liebe Gemeinde,

als ich neulich im Wartezimmer meines Zahnarztes saß, bekam ich folgendes Gespräch mit. Ein Junge, geschätzt 14 Jahre alt, sagt zu seiner Mutter:

„Also damit eines klar ist: Ich möchte entweder eine Vollnarkose, damit ich gar nichts mitbekomme, oder überhaupt keine Narkose. Alles, was dazwischen drin ist, will ich nicht!“

Das „Dazwischen“.

Dazwischen ist das Vage, das Unbestimmte, das jenseits der Pole des Eindeutigen.

Dazwischen ist das sogenannte „Sandwich-Kind“: zwischen Erstgeborenem und an dritter Stelle Geborenem.

Dazwischen ist irgendwie störend:

„Wieder stehst du zwischen mir und meinem Weg in die Freiheit,“ sagt der Pirat Jack Sparrow in dem Film: „Der Fluch der Karibik“ zu Will Turner.

(In Klammern: Manchmal sind es sich unterhaltende Gottesdienstbesucher*innen, die zwischen dem Versuch des Pfarrers, Gottesdienst zu halten und seiner Realisierung stehen.)

„Weder Fisch noch Fleisch…“ Ja – was denn dann?

Dazwischen ist der Kompromiss, der für eine demokratische Politik unerlässlich ist.

Dazwischen, zwischen dem Nord- und dem Südpol hat sich das Leben auf unserem „blauen Planeten“ entwickelt.

Dazwischen:

Dazwischen ist das Dritte. Das Mittlere.

Lateinisch „medium“.

Im Griechischen gibt es eine eigene Tätigkeitsform, die zwischen aktiv und passiv steht: das Medium.

Sprachgeschichtlich hat sich wohl unser bekanntes Passiv aus diesem Medium heraus entwickelt. Es drückt die „Tätigkeitsrichtung“ des Verbums aus.

Beispiel: Ich verstecke – aktiv.

Das Osternest wurde versteckt – passiv.

Ich bin versteckt – medium.

Im Altgriechischen ist das Medium eine eigene Tätigkeitsform und die Verben im Medium haben eine eigene Endung. In den meisten anderen Sprachen sind die Passivformen auch die Formen des Mediums.

Meditation könnte man als Einübung in ein „mittleres Denken“ bezeichnen. Ein Denken, das versucht, zwischen den Impulsen des Tuns und dem passiven Erleiden etwas Mittleres sich vorzustellen. Ein Denken, das es für denkbar hält, dass sich etwas ereignet. Ein Denken, das darauf vertraut, dass sich Sinn ergibt und nicht gemacht werden muss. Dies kann sehr entlasten, muss ich doch auf einmal nicht mehr so viel tun.

Angewandt auf unser Zusammensein hier: Ich trage nur die Verantwortung dafür, dass ich Ihnen einen vernünftigen Gottesdienst anbiete. Dazu gehört, dass ich mir bei seiner Vorbereitung Mühe gegeben habe. Dass ich versuche so zu predigen, dass sie verstehen können, was ich meine. Dass ich versuche, sie irgendwie zu erreichen, sie „abzuholen“, wie es so schön heißt. Aber ob Ihr oder Sie Euch erreichen lasst, das habe ich letztlich nicht in der Hand. Was zwischen uns in diesem Gottesdienst geschieht, ist ein „es geschieht!“ Genau deshalb bitte ich am Beginn meines Predigens darum, dass die lebende Gemeinschaft des Heiligen Geistes uns begleite. Damit verweise ich auf eine Dritte Kraft, über die ich nicht verfügen kann. Es geschieht oder es geschieht nicht. Anders, mit den Worten des Johannesevangeliums ausgedrückt: „Der Geist weht, wo er will!“ In der Bibel in gerechter Sprache heißt es: „Die Geistkraft weht, wo sie will…!“

Es geht um die Stärkung des Mittleren. Politisch: Um die Stärkung der Mitte.

Mittleres steht irgendwo dazwischen: Zwischen dem vermeintlichen Zwang, ich muss alles im Griff haben und dem laissez-faire, macht doch was ihr wollt. Ich lasse es einfach laufen.

In diesem „Mittleren“ eröffnet sich die Möglichkeit, dass „Gott ins Denken einfällt“, wie Emmanuel Levinas so schön formuliert. Ob er dann auch wirklich „einfällt“ – auch ob mir etwas „einfällt“ – das kann ich – wie gesagt – nicht machen.

So weit, so gut. Mit diesen Gedanken habe ich versucht, mich unserem Predigttext, einem Abschnitt aus dem Johannesevangelium (Kapitel 3, 14 -21)  zuzuwenden.

Und musste einsehen: Es ging nicht.

In dem Text geht es – wie an so vielen Stellen im Alten und Neuen Testament (und im übrigen auch im Koran) – genau nicht um Mittleres. Es geht um Licht versus Finsternis; und den latenten Vorwurf, dass die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht, „denn ihre Handlungen waren böse“. (V. 19b)

Es geht um die, die gerettet werden und um die, die nicht gerettet werden – sie werden gerichtet.

In diesem Denken, das uns Menschen so vertraut ist, und von dem wir alle herkommen, ist die Mitte zerstört. Es ist ein polares Entweder-Oder-Denken.

Entweder du bist für oder du bist gegen mich!

Historisch ist diese Art zu denken sehr verständlich, wenn man bedenkt, wie jung die Erfindung der Demokratie ist, jener Staatsform, in der das neue Zentrum die Gemeinschaft der „Vielen“ ist und nicht die Herrschaft des „Einen“ und/oder einiger weniger über den Rest. Wir bezeichnen heute die Herrschaft der Vielen als Demo-Kratie (demos: Volk; kratie: Herrschaft), die Herrschaft von Einem als Autokratie, die von einigen Wenigen als Oligarchie.

Und wir erleben eine Zeit, die deutlich macht, auf welch wackeligem Boden demokratisches Denken steht. Wie angreifbar es ist.

Demokratisches Denken ist mittleres Denken. Durchaus auch im Sinne von: gemäßigt oder maßvoll. Sich an Grenzen haltend. Einen Sinn dafür haben, was Meines ist und was Deines ist.

Mittleres Denken ist respektvolles Denken.

Respekt vor der Meinung, dem Standpunkt des Anderen.

Dies beinhaltet die Fähigkeit, sich nicht unbegrenzt auszubreiten.

Eigene Grenzen zu akzeptieren.

„Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er/sie ihren Erwählten, ihr einziges Kind, gegeben hat…“ heißt es in unserem Text. (In der Bibel in gerechter Sprache ist Gott manchmal weiblich, manchmal männlich.) Es heißt nicht: So sehr hat Gott die Welt geliebt. Nein: So hat Gott die Welt geliebt – so und nicht anders.

So hat Gott geliebt, dass er „gegeben“ hat. Gottes Liebe drückt sich im Geben aus. „Geben ist seliger als Nehmen“.

Keine Rede von einem Verrat. Sondern von einer Gabe.

Gabe auch im Sinne von Hingabe.

Hingabe an das Leben als etwas Mittleres.

Zwischen Vollnarkose und überhaupt nicht betäuben.

Zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Zwischen noch-nicht-leben und nicht-mehr-leben.

Zwischen meinem Leben und „dem Leben der Anderen“.

Hingabe an das Jetzt.

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will!“ hat Albert Schweitzer gesagt. Schweitzer kennt kein „gutes“ oder „böses“ Leben: für ihn ist „alles Leben heilig“. So ist die Grundlage seiner Ethik die „Ehrfurcht vor dem Lebendigen“. Dass auch hierbei Konflikte unvermeidlich sind, veranschaulicht er an folgender Geschichte:

Ich kaufe Eingeborenen einen jungen Fischadler ab …, um ihn aus ihren grausamen Händen zu retten. Nun habe ich zu entscheiden, ob ich ihn verhungern lasse oder ob ich täglich soundso viele Fischlein töte, um ihn am Leben zu erhalten. Ich entschließe mich für das Letztere. Aber jeden Tag empfinde ich es als etwas Schweres, dass auf meine Verantwortung hin dieses Leben dem anderen (sc. Leben) geopfert wird.“ Dass dies so ist, sei Ausdruck der „Selbstentzweiung des Willens zum Leben“. Ist der Mensch „von der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben berührt, so schädigt und vernichtet er Leben nur aus Notwendigkeit, der er nicht entrinnen kann, niemals aus Gedankenlosigkeit.“ (ebd.) Dahinter steht der bescheidene Grundsatz: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ (Aus meinem Leben und Denken, Fischer Taschenbuch 1987, S. 65)

Um diesen Gedanken denken und vor allem leben zu können, brauche ich eine gute Distanz zum Anderen.

Wenn ich mit dem Anderen so sehr verschmolzen bin, dass ich darauf angewiesen bin, er muss so sein, so „ticken“ wie ich, gibt es keinen gegenseitigen Respekt.

Beispiel: Mein Arm ist ein Teil von mir – ich habe vor ihm keine Ehrfurcht. Er soll die neuronalen Impulse/Befehle, die er von mir empfängt, umsetzen. Er soll gehorchen! Und ich bin wütend, wenn er das nicht tut. Wenn er schmerzt.

Wer seine Mitmenschen als Verlängerungen des eigenen Egos sieht, der kann Präsident von Amerika, Russland oder China werden – was er nicht kann, ist, das eigene Leben in Ehrfurcht vor dem Leben der Anderen zu führen.

„Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ Dieses Motto kommt bei Pippi Langstrumpf lustig daher. Nicht mehr so lustig ist es, wenn die Basis der eigenen Vorstellungen ist: Alles Fremde, alles Unpassende, alles, was mir nicht gefällt, soll verschwinden. Es soll „remigriert“ werden. Vor nicht allzu langer Zeit hieß das: es soll liquidiert werden. Die Ermordung von Millionen von Menschen galt als die „Endlösung“. Ja – so sind wir Menschen (auch).

Liquidieren war im übrigen auch die Lösung, die das religiöse Establishment zur Zeit Jesu als die geeignete ansah: Der – aus der Sicht des Establishments – sich selbst ernannte Messias, der sich selbst ernannte Gottessohn, soll einfach verschwinden!

Er stört unsere Selbstzufriedenheit. Er verunsichert. Er macht Angst.

Zwischenräume sind wesentlich Räume der Unsicherheit. Es sind Räume der Freiheit, die nicht kontrollierbar sind. Zwischenräume sind die Ritzen zwischen den Gehwegplatten, in denen das sogenannte Unkraut wächst. Das mit einem Gasbrenner „ausgebrannt“ wird. Hätte ich in der Politik etwas zu sagen, würde ich ein Gesetz erlassen, demzufolge es gerade uns Deutschen untersagt ist, Lebendiges (und sogenanntes Unkraut ist genauso lebendig wie Sie und ich!) zu verbrennen!

Totalitäres Denken und Leben aber will alles unter Kontrolle haben. Es lässt keine Zwischenräume zu. Ritzen sind zu schließen, am besten, indem man sie zubetoniert.

Ecce homo sagt Pilatus – mehr zu sich selbst als zu Jesus!

„Sieh da, ein Mensch!“

Also so einer, wie Sie und Ich.

Es ist der Mensch, der sich seines Mensch-Seins bewusst wird und aus diesem Bewusstsein heraus „menschlich“ handelt.

Sich seines Mensch-Seins bewusst werden, bedeutet anzuerkennen: ein Leben unter und neben vielen anderen Lebewesen zu sein:

Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.

Ohne Wertungen irgendwelcher Art. Es gibt kein höher stehendes und kein niedrigeres Leben. Und schon gar nicht gibt es ein unwertes Leben. Es gibt größere Komplexität und kleinere Komplexität. Und das eine ist nicht besser als das andere.

Ich habe mir gemeinsam mit meiner Frau in der Passionszeit ein „Bewertungs-Fasten“ vorgenommen. Das heißt ganz bewusst darauf zu verzichten, etwas oder jemanden zu bewerten. Stattdessen versuche ich, wenn ich mich über etwas oder jemanden ärgere oder empöre, mir vor Augen zu stellen, inwieweit ich das, worüber ich mich so ärgere, auch bei mir selber finde. Denn in aller Regel ist es so, dass ich andere dafür verwende, etwas, was ich bei mir nicht sehen will, bei ihm oder ihr unterzubringen. Dies ist keine schöne Einsicht.

Ich bin Leben, das Leben will, in Verbindung mit einer Kraft, die mein Leben gewollt hat. Andernfalls gäbe es mich nämlich gar nicht.

Ich bin gewollt … und ich bin einer/eine unter Anderen.

Der oder die Andere ist genauso gewollt, wie ich.

Nicht weniger und nicht mehr.

Und je stärker diese Kraft des gewollten Daseins in mir wirkt, desto leichter wird mein Leben. Desto mehr Raum entsteht – für mich und für alles, was da um mich herum ist.

„Ich bin da.“ Und „du bist da“. Und „Ihr seid da!“ Und siehe, es ist gut!

Kennen Sie die Peanuts? (Es ist ein Comic aus den 50er.)

In meinem Fasten-Wegweiserr fand ich gestern folgendes Comic:

Erstes Bild: Man sieht Lucy, eine gute Freundin von Charlie Brown, wie sie kniend innig ins Gebet vertieft ist.

Zweites Bild: Lucy hat das Gebet beendet – oder auch abgebrochen.

Drittes Bild: Charlie und Sally frühstücken.

Sally sagt: Ich wollte eigentlich für mehr Geduld und mehr Verständnis beten.

Aber ich hab’s dann sein gelassen.

Viertes Bild: Ihr Freund Charlie schaut sie fragend an.

Sally sagt: Am Ende hätt‘ ich’s noch gekriegt.

Wenn wir also beten: „Gedenke Herr deiner Barmherzigkeit …“ dann sollten wir vorsichtig sein. Am Ende geht der Wunsch auch noch in Erfüllung… AMEN.

Gedenke deiner Barmherzigkeit (Gedanken zum Sonntag Reminiscere 2025) Weiterlesen »

Predigt über Johannes 4, 5 – 14 am 3. Sonntag nach Epiphanias 2025 in der Thomasgemeinde Grünwald (Der Gottesdienst ist auf you tube aufgezeichnet und kann auf der Website der Thomasgemeinde angesehen werden.)

Liebe Gemeinde,

heute geht es um Bedürfnisse.

Zum Beispiel um das Bedürfnis, einen gesunden Diener zu haben.

Oder auch – wie wir gleichen hören werden – um das geradezu existentielle Bedürfnis, Wasser zum Trinken zu bekommen.

Es gibt nur ein paar Grundbedürfnisse, die Lebewesen haben:

Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken, Nahrung zum Essen, Raum zum Leben.

Und es gibt noch ein Grundbedürfnis das die Brücke in eine „andere“ nicht sinnfällige Welt darstellt: Das Bedürfnis nach Wertschätzung, nach „Würde“.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar!“

Ich möchte das ausweiten: „Die Würde, von allem, was da lebt, ist unantastbar.“

Es ist ein Grundbedürfnis, wertvoll zu sein. Wer sich als wertvoll erlebt, erlebt sich, erlebt sein Leben als sinnvoll. Und damit hat er beste Voraussetzungen für ein einigermaßen zufriedenes Leben.

Nun sind wir Menschen allesamt soziale Lebewesen. Das heißt, der Ort, an dem das Bedürfnis nach Wert befriedigt oder nicht befriedigt wird ist der gesellschaftliche.

Das Bedürfnis nach Wertschätzung ist ein Grundbedürfnis innerhalb unseres sozialen Zusammenlebens.

Und bereits hier wird es kompliziert. Die Frage und das Problem ist nämlich: „wertvoll wofür?“ „Wertvoll für wen?“ Wir haben vorhin vom „Diener des Hauptmanns von „Kapernaum“ gehört. (In Klammer: Das Griechische kennt zwei Formen von Sklaven und hat dafür auch zwei verschiedene Worte: „Pais“ und „Dulos“. Pais kann auch Kind bedeuten, betont also die „gute“ Beziehung zu seinem Herrn, während Dulos der Sklave ist, mit dem der „Herr“ machen kann, was er will. Seine Würde ist nicht nur nicht unantastbar – er hat keine Würde!)

Heutzutage ist es rechtsextremes Gedankengut, das anderen Menschen ihre Würde aberkennt. Wie sehr dies auf die Verfechter dieses Gedankenguts ausstrahlt, kann man an ihrem eigenen würdelosen Schreien radikaler un-menschlicher Paraolen erkennen!

Der Hauptmann setzt sich für seinen Diener ein. Warum? Natürlich kann man sagen: Weil er ihn braucht. Es liegt ihm nichts an seinem Diener als Menschen – aber er braucht seine Arbeitskraft. Deshalb will er einen gesunden Diener. Man kann auch sagen: Er mag seinen Diener unabhängig davon, was er zu leisten vermag und was nicht. Es geht ihm um das Leben seines Dieners „an sich“ – vor allem „brauchen“.-

Mit diesen Gedanken sind wir inmitten von schwer zu beantworteten Fragen gelandet. Was heißt den Anderen zu brauchen? Wo es ein Brauchen gibt, gibt es auch ein Missbrauchen. Wo es einen Diener gibt, gibt es einen Herrn – und damit ein hierarchisches Gefälle. Hierarchie heißt wörtlich: „Herrschaft des Heiligen“. Es bezog sich auf das Priesteramt.

Heute bezeichnet das Wort „Hierarchie“ die „Rangordnung“ von Menschen. Als Hauptmann kennt man sich mit Rangordnungen aus. Und mit Würde. Gegenüber Jesus bezeichnet er sich selber als „unwürdig“. Und bekommt die Anerkennung Jesu: „Wahrhaftig, ich sage euch, nicht einmal in Israel habe ich solch ein Vertrauen gefunden!“ (Matthäus 8, 10b) Heißt das, es ist erwünscht, sich selbst als „unwürdig“ zu bezeichnen? Ist das nicht die Haltung des im Rudel rangniederen Tieres, das sich dem Alpha-Tier/Wolf unterwirft? Ist das Christentum eine Religion für Menschen, die einen starken Führer suchen – weil sie sich selbst als schwach fühlen? Hat Nietzsche, der Pfarrers-Sohn, recht, wenn er sagt: „Sucht den Übermenschen“?

Das hieße, ein Donald Trump oder ein Elon Musk oder ein Jeff Bezos oder ein Marc Zuckerberg: sie machen alles richtig. Milliardäre an die Macht! Ist das die moderne Interpretation von: „Sucht den Übermenschen!“?

Sie merken: Fragen über Fragen.

Und – ich bin nicht Jesus – ich verfüge nicht über die Antwort.

Ich bin selbst auf der Suche.

Von daher bin ich von vorne herein als Heilsbringer ungeeignet. Von daher muss ich all‘ jene enttäuschen, die von einem Gottesdienst/einer Predigt erwarten, er oder sie könne ihn gesund machen.

Auch in meinen Gottesdiensten bekommen Sie mit, was mich ausmacht:

Ich bin unterwegs. Ich bin auf der Suche. Ich habe nichts Endgültiges, nichts: „SO ist es und nicht anders!“ dabei.

Vielleicht verbindet mich das mit dem Einen oder Anderen von Ihnen.

Vielleicht ärgert das aber auch den Einen oder Anderen von Ihnen, der sagt: Ich gehe doch nicht in die Kirche, um Fragen zu bekommen. Davon habe ich selber genug. Ich gehe in die Kirche, um Antworten zu finden! Antworten, die mich befriedigen, die mich satt machen, die meinen Durst nach etwas löschen, von dem ich selber nicht ganz genau weiß, was es eigentlich ist!

So ging es jener Frau aus Samaria, die beim Wasser-Holen Jesus begegnete.

Hören Sie selbst – unseren heutiger Predigttext (Johannes 4, 5-14):

5 Er [= Jesus] kam nun in eine Stadt Samarias, die Sychar heißt, nahe bei dem Grundstück, das Jakob seinem Sohn Joseph gegeben hatte. 6 Dort war der Brunnen Jakobs. Jesus nun, müde von der Reise, setzte sich so [wie er war] an den Brunnen. Es war aber ungefähr die sechste Stunde. 7 Da kommt eine Frau aus Samaria, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagt zu ihr: „Gib mir zu trinken.“ 8 Seine Jünger waren nämlich in die Stadt weggegangen, um Nahrung zu kaufen. 9 Da sagt die samaritanische Frau zu ihm: „Wie kannst du, ein Jude, von mir, einer samaritanischen Frau, (etwas) zu trinken erbitten?“ Juden haben nämlich keine Gemeinschaft mit den Samaritanern. 10 Jesus antwortete und sagte zu ihr: „Wenn du die Gabe Gottes kenntest und (wüsstest), wer der ist, der zu dir sagt: ‚Gib mir zu trinken!‘, so würdest du ihn bitten, und er gäbe dir lebendiges Wasser.“

11 Die Frau spricht zu ihm: „Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief. Woher hast du dann das lebendige Wasser? Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gab und selbst aus ihm trank, und seine Söhne und sein Vieh?“ 13 Jesus antwortete und sagte zu ihr: „Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst haben. 14 Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird für immer keinen Durst mehr haben, vielmehr wird das Wasser, das ich ihm geben werde, in ihm zu einer Quelle von Wasser werden, das in (das) ewige Leben sprudelt. 15 Die Frau sagt zu ihm: „Gib mir dieses Wasser, damit ich nicht mehr Durst habe und (nicht mehr) zum Schöpfen hierher kommen muss!“

Whow! denke ich mir, als ich diesen Text das erste Mal lese. Eine Quelle, die direkt in das ewige Leben hinein sprudelt. Von diesem Wasser möchte ich auch haben! Und – nein, mehr noch: nicht nur das Wasser, die Quelle selber verheißt Jesus: Wer von dem Wasser, das Jesus gibt, trinkt: in ihm wird das Wasser zu einer Quelle, das (direkt) in das ewige Leben hinein sprudelt. Nicht schlecht, oder? Ist das eine Spielart von „I’ll make Ameria great again: „I’ll make You great again!“?

Aber schon bald mischt sich mein innerer Bedenkenträger – „Rationalität“ mit Namen – ein. Er sagt: Falle doch nicht auf so unrealistische Verheißungen herein. Es gibt kein ewiges Leben! Schau dir doch deinen älter werdenden Körper an; denke an deine Kreuzschmerzen und andere Zipperlein. Denke an deine zwei Operationen im letzten Jahr: Dank moderner Medizin und moderner hygienischer Standards ist deine Lebenserwartung deutlich verlängert, aber sicher nicht dank irgend einer Quelle, die ein vor 2000 Jahren gestorbener Mann verheißen hat!

STOP! Sagt mein Ich. Auseinander Ihr beiden. Jetzt erst mal langsam.

Was ist denn das Zentrum des Textes? Ist es das „ewige Leben“?

Oder steht nicht etwas Anderes im Mittelpunkt?

Dass Jesus nämlich sich nicht um hierarchische Strukturen, um gesellschaftliche Rangordnungen kümmert. Dass es ihm ziemlich egal ist, innerhalb welcher Rangordnung sein Gegenüber steht. (Die Samaritaner waren aus der Sicht der Israeliten in der Rangordnung vor Gott niedriger. Und Frauen standen natürlich noch mal niedriger als Männer!) Und eben an so eine „niedrig stehende, unbedeutende“ Samaritanerin wendet sich Jesus mit seiner Bitte: „Gib mir etwas zu trinken!“

Das riecht nach Umbruch, nach Aufruhr, nach Umwertung der zur Zeit gültigen Werte. Es beunruhigt.

Freilich – unsere Erzählung stellt schnell eine Rangordnung wieder her: „Wenn du wüsstest, wer es ist, der dir sagt: ‚Gib mir zu trinken!‘ – dann hättest du ihn gebeten, dass er dir Wasser gäbe, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben!“ Das ist ganz schön provokant – noch dazu, wo Jesus keinen Schöpfeimer hat, mit dem er Wasser aus der Tiefe des Brunnens schöpfen könnte. „Bist du etwas größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gab…“ Damit bezieht sich die Frau auf die ihr bekannte Rangordnung. Sie holt Jesus sozusagen runter auf die Erde. Frei über setzt heißt das: „Jetzt mach mal halblang! Du meinst doch nicht im Ernst, du wärst größer als unser Stammvater Jakob, dem wir den Brunnen verdanken?! Worauf Jesus noch einmal „steigert“: Doch, genau das meine ich! Das Wasser nämlich, das ich gebe, ist eines, das nicht nur jeden Durst löscht – es ist quasi ein Vorgeschmack auf das Paradies, indem es sich zu einer Quelle sprudelnden Wassers verwandelt.

Liebe Gemeinde,

in Zeiten, in denen (wieder einmal) menschlicher Größenwahn Konjunktur hat, in denen Größenwahnsinnige zu Präsidenten gewählt werden – in solchen Zeiten möchte ich besonders darauf achtgeben, selber „auf dem Boden zu bleiben“.

Es geht (mir) um die gute Verbindung eines zuversichtlichen Glaubens/Vertrauens auf dem nüchternen Boden der Wirklichkeit. In Zeiten, in denen Verdrehungen der Wirklichkeit bis hin zu vorsätzlichen Lügen im Dienste von Propaganda Konjunktur haben, ist die Fähigkeit zu Nüchternheit und das nüchterne Überprüfen dessen, was jemand sagt und/oder verheißt, besonders wichtig. Der „Faktencheck“! Zurecht ist gesagt worden, man könnte den Text als Werbekampagne für Jesus-Wasser lesen. Mit dem Slogan: „Wer dieses Wasser trinkt, bei dem lösen sich alle Probleme wie von selbst. Er bekommt jetzt schon den (Vor-)Geschmack des Paradieses.“

(Ich muss an das HB-Männchen meiner Kindheit denken: Nach mehreren vergeblichen Versuchen kommt die „Erlösung“: Greife lieber zu HB, dann geht alles wie von selbst! Es gab auch ein gehässige Variante dieser Werbung: Das HB-Männchen versucht sich vergeblich umzubringen. Um dann zu hören: „Greife lieber zu HB; dann sinkst du friedlich in dein Grab!“)

Aber zurück. In unserer Wirklichkeit gilt: „Paradiese lost“ – unser Leben findet außerhalb des Paradieses statt. Und das ist überhaupt nicht schlimm. Schlimm ist und tragisch, wenn jemand vor lauter Paradieses-Sehnsucht vergisst, dass sein Leben im Hier und Jetzt stattfindet.

Dazu eine Geschichte, die ich bei Willigis Jäger in dem Büchlein: „Das Leben endet nie“ gefunden habe:

„Eine alte Frau bügelte einen Haufen Wäsche. Da trat der Todesengel zu ihr: ‚Es ist Zeit! Komm!‘ Die Frau antwortete: ‚Gut, aber erst muss ich die Wäsche fertig bügeln, wer tut es denn sonst, und ich dann muss ich kochen, meine Tochter arbeitet im Geschäft, sie braucht etwas zum Essen, wenn sie heimkommt. Siehst du das ein?‘ Der Engel ging. Eine Zeit später kam er wieder…. Die Frau ging gerade aus dem Haus. ‚Ich hab jetzt keine Zeit‘, sagte sie. ‚Ich gehe ins Altersheim. Da warten Dutzende von Menschen auf mich, die sehr einsam sind. Die kann ich doch nicht im Stich lassen.‘ Der Engel ging. Und so ging es weiter. Immer fand die Frau einen Grund, warum es jetzt gerade nicht möglich war zu sterben.

Als die alte Frau dann eine uralte Frau geworden ist, dachte sie bei sich: ‚Jetzt könnte der Engel kommen. Nach all der Arbeit und der Mühen muss die Seligkeit des Paradieses doch sehr schön sein.‘ Der Engel kam. Die Frau fragte ihn: ‚Führst du mich jetzt in die Seligkeit?‘ Der Engel frage zurück: ‚Und wo, glaubst du, warst du die ganze Zeit?'“

Jäger schreibt dazu: „Wir sind durchtränkt von der Idee, es gäbe eine bessere Welt. Wir meinen, es müsse eine Alternative zum Hier und Jetzt geben, das uns offensichtlich nicht genügt. Wir fordern eine ganz andere Schöpfung – die jetzige hat zu viele Unvollkommenheiten. Sie ist, um es deutlich zu sagen, das Werk eines Stümpers.“ (Jäger, S.74-75)

In den Religionen ist aus diesen Gedanken der Glaube an ein besseres Jenseits, an ein Reich Gottes entstanden, in dem nur Harmonie herrscht. „Kummer und Seufzen“ werden entfliehen, heißt es bei Jesaja. „Löwe und Lamm werden friedlich nebeneinander lagern“, heißt es in der Offenbarung des Johannes. „Sprudelnde Quelle ewigen Lebens“ heißt es in unserem Text.

Alle Mystiker hingegen sind sich darin einig: Es gibt gar nichts anderes und schon gar nicht etwas Besseres als das Jetzt. Und wir können es jeden Augenblick erleben, indem wir uns unserer Atems bewusst werden.

„Die Wirklichkeit des menschlichen Lebens dauert ein Einatmen lang“, sagt der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh.

Im Erleben des Augenblicks, im Erleben des „Jetzt und Hier“ werde ich frei! Befreit von meiner Sehnsucht, es gäbe vielleicht doch die Möglichkeit einer Rückkehr in das Paradies. Befreit von meinen Qualen, ich, mein Leben, meine Mitmenschen „es“ ist nicht gut genug!

In der großartigen Dichtung von J. Milton „paradise lost“ aus dem Jahr 1667 – „Das Paradies ist verloren“ – ist es der Satan, der dies nicht anerkennen und dadurch das Paradies nicht verlassen kann. Er kann/will die Realität dieser Welt, in der wir leben, nicht akzeptieren. Anders unsere Vorfahren: Eva und Adam werden zu erwachsenen Menschen, indem sie anerkennen: Es gibt kein zurück! Die Pforten des Paradieses sind geschlossen. Adam und Eva sind über das Paradies hinausgewachsen! Sie sind erwachsen geworden. Und sie wurden nicht von einem zornigen Gott ausgestoßen. Im Gegenteil – ein liebevoller, mitfühlender Gott hatte ihn noch eigenhändig aus Tierfellen Röcke genäht Genesis 3, 20-21! Und gerade so sind die Tore, die uns in unser einmaliges Leben hinein führen, in dem wir immer schon gewesen sind, weit offen. Alles, was wir tun müssen, ist: los zu gehen. In dem sicheren Vertrauen: Gott geht mit.

Denn – mit Meister Eckhardt: „Gott ist ein Gott der Gegenwart!“ AMEN

Ich kenne jemand, der hat mit anderen sozial engagierten Menschen zusammen die „STIFTUNG WASSER“ gegründet. Sie ist leicht im Internet zu finden!

Predigt über Johannes 4, 5 – 14 am 3. Sonntag nach Epiphanias 2025 in der Thomasgemeinde Grünwald (Der Gottesdienst ist auf you tube aufgezeichnet und kann auf der Website der Thomasgemeinde angesehen werden.) Weiterlesen »

Predigt über 1. Johannes 5, 11 – 13 (2. Sonntag nach Weihnachten 2025)

Liebe Gemeinde,

Wer an Heilig Abend in der Christvesper gewesen ist, der konnte Gedanken zum Vater-Sein hören. Sehr persönlich hat unser Pfarrer Martin Zöbeley mitgeteilt, dass ihn der Wusch seiner Tochter, von ihm getraut zu werden, sehr berührt hat.Und er hat dieses sein Erleben verknüpft mit der Bedeutung des eigenen Vater-Seins und dass er gespürt hat, wie wichtig er als Vater genau in diesem Moment für seine Tochter gewesen ist. Und es stimmt ja auch: Zu Beginn des Lebens eines Neugeborenen steht die nährende Mutter viel stärker im Zentrum als der Vater; von ihr fließt die lebensspendende Milch in den Körper des Babys. In ihrem Selbstwert verunsicherte Männer können sich dabei leicht überflüssig fühlen – was sie in Wirklichkeit aber überhaupt nicht sind: repräsentieren sie doch den nicht minder lebensspendenden „Dritten“, der eine andere Welt repräsentiert, eine Welt außerhalb der mütterlichen, in der es nur die Zweiheit Baby und Mutter gibt. Jedes Kind aber braucht für seine gesunde seelische Entwicklung beide: Vater und Mutter. Und: Es braucht für sein eigenes, gesundes Wachstum die liebevolle Beziehung zwischen den Beiden, zwischen seinen Eltern.

Je jünger Kinder sind, desto ungeschützter ist ihre Seele, das heißt sie nimmt alles auf, alles in sich hinein. Und da der Verstand noch nicht da ist, der im Sinne unserer Jahreslosung „alles prüft“ (1. Thessalonicher 5, 21), „behält“ die junge Seele nicht nur das „Gute“, sondern alles, was sie erleben muss. Gerade am Anfang eines Menschenlebens fließt mit der Muttermilch eben auch alles an Empfindungen und Fantasien in das Baby hinein, was gerade in der Mutter ist.-

Unser heutiger Predigttext – sie haben ihn vorhin schon einmal gehört – lädt dazu ein, nicht über die Vaterschaft sondern über die „Sohnschaft“ nachzudenken. (Spannend: Das Wort „Sohnschaft“ gibt es im Deutschen nicht!) Mit „Sohnschaft“ ist das eigene Sohn-Sein gemeint, das für jeden Vater gilt, sofern jeder Vater auch ein Sohn ist! (Das Rechtschreibprogramm von Microsoft Word kennt übrigens den Begriff „Sohnschaft“ nicht; es schlägt stattdessen „Sohnschuft“, oder „Sohnchaot“ oder „Sohnschaf“ vor! Welche Vater-Sohn-Beziehung hat wohl der Programmierer dieses Programms erlebt?)

Jeder Sohn wurde gezeugt von einem Vater. (Ich vernachlässige hier die durch moderne Medizin möglich gewordene „künstliche Befruchtung“.)

Von daher gibt es „den Sohn“ nicht ohne „den Vater“ und den Vater nicht ohne den Sohn. Auch unser heutiger Wochenspruch stellt das Sohn-Sein in den Mittelpunkt: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und voller Wahrheit.“ (Joh. 1,14b). Nahtlos schließt sich hier unser Predigttext an (auch von Johannes, und zwar aus seinem ersten Brief):

Und darin besteht das Zeugnis: Gott gab uns das ewige Leben, und eben dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn in sich hält, der hält das Leben in sich. Wer das Leben nicht in sich hält, der hält auch nicht den Sohn Gottes in sich.

Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben in euch haltet, und zwar die, die vertrauen in den Namen des Sohnes Gottes.“

(1. Joh. 5,11-13)

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Aber natürlich denke ich, wenn ich von Vater und Sohn höre, als allererstes an meinen eigenen Vater und meine Beziehung zu ihm. Und als zweites an meine Beziehung zu meinen beiden eigenen Söhnen. Und das ist gut so, weil sonst die Gefahr besteht, sich in abstrakten Ideen aufzuhalten, denen der Boden unter den Füßen fehlt.

Meine persönliche Erfahrung – einmal als Vater, einmal als Sohn – „materialisiert“ die idealtypische, die abstrakte Vater-Sohn-Beziehung, von der hier die Rede ist. Es ist gut, wenn ich mir meiner erlebten Beziehung bewusst werde – erst dann kann ich verstehen, kann „das Gute behalten“ und das Nicht-so-Gute transformieren.

Denn darum geht es: „Es ist der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“ (Hebräer 11,1) Als Prediger erwarte ich von mir, so zu predigen, dass Sie als meine Hörer etwas damit anfangen können. Mit meiner persönlich erlebten Vater-Sohn-Beziehung habe ich selbst fertig zu werden; sie hat in einer Predigt nichts verloren. Wir müssen uns auch deshalb von dieser konkreten Ebene verabschieden, weil Gott natürlich auch Mutter ist, und sein Sohn natürlich auch seine Tochter. In Gott ist die polare Geschlechtlichkeit unserer Welt „aufgehoben“ (im Hegelschen Sinne): Gott ist Beides: ying und yang, Mann und Frau, Mutter und Tochter oder eben auch Vater und Sohn.

Es ist eine Gratwanderung: Entferne ich mich zu weit von den Vorstellungen der materiellen Welt, wird mein Nachdenken über Gott (und die Welt) anämisch, es fehlt meinen Gedanken die Kraft der Lebendigkeit. Bleibe ich zu sehr im Konkreten nehme ich meinen Gedanken die Möglichkeit, bei Ihnen weiter zu wirken: bei Ihnen, da jeder von Ihnen seien ganz eigene, ganz einmalige Beziehung zu seinem Vater hatte. Es geht also einmal mehr um die Entdeckung des Zwischenraums: zwischen abstrakter Leblosigkeit und konkret-individuellem Erleben.

Wie also, so könnte man das Problem noch einmal anders formulieren, können wir alle – egal ob wir Söhne, Töchter, Mütter, Väter sind – erleben, was Johannes da schreibt: „Gott gab uns das ewige Leben, und eben dieses Leben ist in seinem Sohn“? Die Antwort von Johannes im Duktus seines Briefes (wie auch seines Evangeliums) ist sehr klar: Es geht darum, liebesfähig zu werden. Liebes-fähig-Sein heißt, narzisstisches, um sich selbst kreisendes Machtdenken durch soziales Liebesdenken zu ersetzen.

„Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Joh. 4, 16b)

Das ist auch so sein Satz, der abstrakt genommen gut klingt. Aber was heißt „Liebe“ konkret? „Ich habe das alles aus Liebe getan!“ Dieser Satz kann als Motiv für mörderische Handlungen verwendet werden. „Wen der Herr liebt, den züchtigt er!“ Wie viele Väter haben aus diesem Satz abgeleitet, dass sie ihren Kindern und besonders ihren Söhnen etwas Gutes tun, wenn sie diese verprügeln. Und wenn die Söhne dann selbst groß und Väter geworden sind, sagen sie, dass ihnen dies nicht geschadet hätte. Kurz um: „Liebe“ lässt sich – wie alles auf dieser Welt – für Wachstum genauso verwenden wie für Zerstörung.

Für mich ist das Besondere und das Bemerkenswerte an der Sohnschaft Jesu:

Gott-Vater und Gott-Sohn sind nicht in konkurrierender Macht aufeinander bezogen. Es geht in ihrer Beziehung gerade nicht darum: Wer ist der Stärkere, wer besiegt wen? Sie sind im Schmerz gemeinsam zu (er-)tragender Ohn-Macht aufeinander bezogen, der Ohn-Macht des Kreuzes. Das ist das Bemerkenswerte an dieser göttlichen Vater-Sohn-Beziehung: Gerade im gemeinsamen Aushalten der Ohnmacht, des Ohne-Macht-Seins, entfaltet sich ihre Stärke. Dieses Aushalten wird zum katastrophalen Wendepunkt: zunächst für die Beziehung der beiden und dann (als Folge) für die Beziehung all derer, die den Mut und das Vertrauen haben, die Katastrophe, die die Verwandlung von Machtdenken in Liebesdenken mit sich bringt, zu ertragen!

Die (scheinbare) Katastrophe, die zur Rettung der Beziehung führt, ist die Zerstörung einer Beziehung, die auf Macht gegründet ist. Dies ist die eigentliche Bedeutung der Kreuzigung Jesu. Das fleischgewordene Wort ist nichts anderes als „das Wort vom Kreuz“! In und aus dieser Zerstörung heraus erwächst das radikal Neue. Das Neue ist das, was wir als „Reich Gottes“ benennen; es ist das „Reich des Sohnes“ – wiederum nicht biologisch-konkret zu verstehen. Die Predigt dieses Reiches ist das Herzstück der Predigt Jesu, die wir auch in diesem Neuen Jahr hören werden und – falls wir das können und wollen – in uns Gestalt annehmen lassen. Im Reich des Sohnes leben heißt: ein Leben nicht mehr aus Macht, Kontrolle, Neid und Misstrauen heraus zu führen, sondern ein Leben aus Vertrauen, Dankbarkeit und Liebe zu wagen.

Ich weiß aus eigener Erfahrung: Das ist viel leichter gesagt als getan. Wer es wagt, sein Leben auf Vertrauen zu gründen, der setzt sich dem Spott und Hohn eines ganzen Systems aus: Jenes Systems, das der Meinung ist, ohne Macht und Kontrolle ist Leben nicht möglich. So manche Dornenkrone wurde und wird dem Ohn-Mächtigen aufgesetzt. Es ist eine große Illusion zu meinen, das „Vertrauen in den Namen des Sohnes Gottes“ führt zu einem unbeschwerten, paradiesischen Leben.

Wer dies Kind mit Freuden umfangen, küssen will, muss vorher mit ihm leiden groß Pein und Marter viel“ heißt es in einem alten Adventslied.

Das gilt nicht zuletzt auch für uns Pfarrer: Es ist viel leichter, Liebe und Vertrauen zu predigen … als zu leben! Und natürlich ist die Institution Kirche – auf katholischer wie auf evangelischer Seite – voller Beispiele, wo es um Macht, um Sich-Durchsetzen um Recht-Haben – und nicht um Liebe geht.

Wie stark mein Gott-Vertrauen wirklich ist, kann ich daran erkennen, wie es mir geht, wenn mein Leben nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle. Wenn die nüchterne Wirklichkeit sich mit meinen Wünschen und Sehnsüchten nicht in Einklang bringen lässt. So lange alles „glatt“ geht, kann ich leicht „im Vertrauen“ leben. Die Gefahr ist die, dass wir – ohne es zu merken – unseren „Glauben“ dafür verwenden, dass unser Leben so läuft, wie wir es haben wollen, und dass wir Gott dafür verwenden, dass er uns doch bitte dafür helfen soll, dass unser Leben nach unseren Vorstellungen und Wünschen abläuft. Die Gefahr ist, dass wir statt an Gott an unser eigenes Ich glauben.

Das dazu passende Stoßgebet lautet: „Ich, mich, meiner, mir – Gott erhalte diese vier!“

Wenn ich versuche zu erleben, wovon Johannes schreibt, wenn ich versuche, den Sohn wirklich in mir zu (be-)halten, dann führt mein Weg notwendig zum Kreuz. Gekreuzigt werden all jene Ich-Wünsche, die mich von Gott trennen. Sie sind es, die mich von meinem eigentlichen, von meinem „wesentlichen“ Leben trennen. Wenn ich versuche, den Sohn in mir zu (be-)halten, dann gebe ich den erschöpfenden Kampf um den Sinn meines Lebens ab. Ich muss nicht länger „Sinn generieren“ – ich muss auch keinen „Sinn machen“. Stattdessen lasse ich los, überlasse mein Ich jener Liebesbeziehung, die zwischen Vater und Sohn im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi offenbart worden ist. Und in diesem Loslassen geschieht das, was unsere Welt so dringend braucht:

Die Verwandlung der Machtbeziehung in eine Liebesbeziehung.

Oder, mit Paul Gerhardt:

„Eins aber hoff ich, wirst du mir, mein Heiland nicht versagen:

dass ich dich möge für und für in, bei und an mir tragen.

So lass mich doch dein Kripplein sein;

komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden.“

Und ich füge hinzu: Auch alle deine Leiden  AMEN

Und die Liebe Gottes, die höher ist als all unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, AMEN.

Predigt über 1. Johannes 5, 11 – 13 (2. Sonntag nach Weihnachten 2025) Weiterlesen »

Predigt über Micha 6 am 22. Sonntag nach Trinitatis (27. 10. 2024)

Liebe Gemeinde,

1 Hört doch, was der HERR sagt:

Damit beginnt unser heutiger Predigttext aus dem alttestamentlichen Buch Micha (c. 6). Es geht um hören, um zuhören.

Als Zuhörer bin ich „Empfänger“. Ich empfange ganz viele Mitteilungen auf ganz vielen Ebenen. Wer Erfahrung in der Kommunikation mit Tieren hat, weiß, dass unsere menschliche Sprache nur eine Möglichkeit der Kommunikation ist. Es gibt die vielen Signale, die unser Körper aussendet: mit unseren Augen, mit unserer Gestik, mit unserer Mimik.

Ein aufmerksamer Zuhörer ist ein ganzheitlicher Zuhörer: Er nimmt wahr, was auf ihn einströmt. Und, ganz wesentlich: Er nimmt wahr, ohne zu bewerten.

Dies ist nur möglich, wenn ich einen „Raum“ in mir finde, in dem ich den Anderen „sein lassen“ kann. Das Gegenteil dazu ist der Drang, möglichst schnell etwas zu „ent-gegnen“. Als wäre es gefährlich, einen bewertungsfreien Raum zur Verfügung zu stellen. Als wäre es bedrohlich, dem Gespräch oder der Begegnung Zeit zu lassen. Zei zu lassen, das Gehörte erst einmal auf mich einwirken zu lassen.

Wenn Sie mögen, können Sie immer wieder freundlich wahrnehmen, wie viel Raum und Zeit Sie sich und Ihrem Gegenüber zur Verfügung stellen. Oder wie sehr es Sie drängt, Eigenes „hinzustellen“. Eine häufige Art dies zu tun, ist der Satz: „Ja, das kenne ich auch…“ Ich denke mir manchmal, wirklich? Kennt du mich wirklich so gut, dass du sagen kannst: „Das kenne ich auch!“ Oder verwendest du diesen Satz vor allem dafür, um dich dann mit deinem ausbreiten zu können?

„Hört doch, was der Herr sagt!“

Um diesem Satz des Propheten Micha zu befolgen, brauche ich Raum und Zeit. Die verbreitete Hetze ist ein Ausdruck davon, dass beides – Raum und Zeit – angegriffen sind.

Körperlich drückt sich das in einem flachen Atem aus.

Thích Nhất Hạnh sagt in einen „Worten der Weisheit“:

Jedes Mal, wenn ich einatme, bin ich mir bewusst, dass ich einatme.

Und wenn ich ausatme, bin ich mir bewusst, dass ich ausatme.

Und während ich einatme spüre ich: Mein Einatmen wird tiefer.

Und während ich ausatme, spüre ich: Mein Ausatmen wird länger.

Während ich einatme beruhige ich mich.

Während ich ausatme fühle ich mich erleichtert.

        –  Das versuchen wir jetzt mal: Meditation –

Auf diesem Hintergrund wollen wir hören, was Gott durch seinen Propheten Micha sagt: Er fordert sein Volk auf, einen Rechtsstreit gegen ihn selbst zu führen:

»Mach dich auf, führe einen Rechtsstreit vor den Bergen, lass die Hügel deine Stimme hören!« 2 Hört, ihr Berge, den Rechtsstreit des HERRN, ihr starken Grundfesten der Erde; denn der HERR will mit seinem Volk rechten und mit Israel ins Gericht gehen!

Das ist starker Tobak! Gott will, dass sein eigenes Volk ihn anklagt: 3 »Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich beschwert? Das sage mir!

Etwas einfach – und darin durchaus zu Micha passend – könnte man sagen:

Gott ist sauer! Und zwar so richtig!

Das wird daran deutlich, dass der Satz: „Was habe ich dir getan, mein Volk?“ eine rein rhetorische Frage ist. Gott erwartet keine Antwort. Im Gegenteil – er fährt fort und holt so richtig in seinem Zorn aus: 4 Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam. 5 Mein Volk, denke doch daran, was Balak, der König von Moab, vorhatte und was ihm Bileam, der Sohn Beors, antwortete; wie du hinüberzogst von Schittim bis nach Gilgal, damit du erkennst, wie der HERR dir alles Gute getan hat.« 

Gott verweist auf die Heilsgeschichte, die er mit seinem Volk erlebt hat. Seine Befreiung aus Ägypten unter der Führung von Moses, Aaron und Mirjam. Nebenbei – zum Thema Gleichberechtigung: Mirjam wird als Frau in einem Atemzug neben den Männern Moses und Aaron genannt.

Und weiter: Israel möge sich daran erinnern, was der Moabiterkönig Balak gegen es im Schilde führte und was ihm der Seher Bileam antworten musste! Der Moabiterkönig hatte die Sorge, dass das wandernde Volk, das sich auf seinem Gebiet niedergelassen hatte, alles Essbare aufbrauchen würde und dass die israelitischen Tierherden alles Grün fressen würden. Daher versuchte er den Propheten Bileam mit Geld zu bestechen, dass er das Volk Israel verfluche, damit sie das Land verlassen würden. Dank einem Tier – einer Eselin! – ging das schief! Dank er einer Eselin erkannte Bileam – wenn auch widerwillig – den Willen Gottes und verfluchte das Volk Israel nicht! Dazu ein Zitat des jüdischen Philosophen Moses Maimonides:

Unsere Weisen haben festgestellt, dass es in der Torah ausdrücklich verboten ist, einem Tier Schmerzen zu verursachen, und dass dieses Verbot auf dem Satz beruht: Warum hast du deine Eselin geschlagen?“

Und noch an eine dritte Erfahrung erinnert Gott, an den glücklich verlaufenden Jordanübergang zwischen Schittim und Gilgal! (Dieser Übergang war gefährlich!)

Und das Volk scheint sich von dieser Gottesrede erreichen zu lassen. Etwas kleinlaut antwortet es:

6 »Womit soll ich mich dem HERRN nahen, mich beugen vor dem Gott in der Höhe? Soll ich mich ihm mit Brandopfern nahen, mit einjährigen Kälbern? 7 Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?«

Wenn ich Gott wäre, würde ich antworten:

„Jetzt weicht Ihr schon wieder aus!“ „Ich will Eure Opfer nicht, Euer frommes Getue, Eure süßlichen Gebete, Eure scheinheiligen Predigten…“

Und in die ratlose Stille hinein kommt dann das entscheidende Wort:

8 Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. 

Schauen wir uns die drei „Forderungen“ Gottes an:

Erstens: „Halte dich an Gottes Wort“, übersetzt Luther. Wörtlicher heißt es: „Übe Recht“. Halte es ein, befolge es!

Was Recht ist und was Unrecht, das hat Jahwe seinem Volk mit den „Zehn Worten“ (die fälschlich als 10 Gebote übersetzt wurden) mit auf dem Weg gegeben. Eine Richtschnur, in der es klare Aussagen über ein gutes Leben gibt. Halte dich an das Recht, sagt der Herr, brich es nicht! Umgehe es nicht! Beuge es nicht! Sondern tue es! Und du kannst es tun, indem du dich immer wieder daran erinnerst, dass du frei bist, dass ich dein Gott bin, der dich aus Ägypten, dem Land in dem du Sklave deiner Lust und Unlust gewesen bist, befreit hat!

Nun gibt es Menschen, die meinen, sie seien immer im Recht. Dies kann zu sehr „unmenschlichen“ Menschen führen. Recht tun ist verbunden mit Empathie. So heißt es zweitens:

„Liebe Güte!“

Das hebräische „Chäsäd“ (Güte) bedeutet:

Verbundenheit, Gemeinschaftssinn, Solidarität. Das Wort kommt öfter vor, z.B. auch im Psalmwort: Danket dem Herr, denn er ist freundlich und sein Chäsäd währet ewiglich. Seine Güte übersetzt Luther.

Es geht um die Verbundenheit des Lebendigen!“ Indem ich mich eingebunden erlebe in die vielfältige Gemeinschaft des Lebendigen, entwickle ich Verständnis für das (mir) Fremde, „Andere“. Aus diesem Verständnis heraus entsteht Achtung und Respekt gegenüber dem Anderen. Dem Fremden.

Achtung und Respekt gerade auch dann, wenn ich mich nicht respektiert, wenn ich mich in meinem Eigenen nicht geachtet fühle. Das ist die Herausforderung: Chäsäd/Güte lieben heißt: Ich muss mich nicht mehr rächen, nicht mehr den Anderen spüren lassen, was er mir angetan hat. Oder, anders:

Ich habe die Kraft, es gut sein zu lassen. Das ist die Kraft des Ausatmens!

Dies kann nur aus der Liebe heraus geschehen.

Und noch einmal mit Thích Nhất Hạnh:

Während ich einatme, lächle ich.

Während ich ausatme, lasse ich los.

Und in diesem Loslassen geschieht die dritte Anweisung Gottes:

„Gehe bescheiden mit deinem Gott!“

Wer mit Gott geht, versucht nicht länger in blindem Gehorsam Regeln zu befolgen. Er schaut auch nicht hochnäsig auf die herab, die in seinen Augen zu wenig „fromm“ sind. Die scheinheilige Frage: „Womit soll ich mich dem Herrn nähern, mich beugen vor dem Gott in der Höhe?“ lenkt vom Wesentlichen ab.

„Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden“ – sagt Gott zu dem Propheten Hesekiel (Hes. 2, 1)! Gott will ihrer selbst und so ihres Selbst bewusste Menschen. Dies aber sind mutige Menschen.

Wer mit Gott geht, verfügt über einen aufmerksamen, einen wachen Blick – und einen aufrechten Gang.

Und wer mit Gott geht, der lebt aus der Vergebung heraus:

Gerade so, wie wir eingangs hörten:

„Bei dir ist Vergebung, dass man dich fürchte!“

Im Sinne von: Bei dir ist Vergebung, dass man dich respektiere!

Im Akt des Vergebens geschieht letztes Loslassen:

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

In diesem Loslassen geschieht Beides:

In dem ich vergebe, wird mir vergeben.

Vergeben heißt auch – und nicht zuletzt: sich selber zu vergeben. Aufzuhören, mit sich und dem eigenen Leben zu hadern. Liebevoll anzuerkennen, dass es mir „damals“ nicht anders möglich gewesen ist, zu leben und zu handeln, wie ich es halt getan habe.

Und so und nur so kann ich mich dem Augenblick, dem, was jetzt gerade ist, zuwenden.

Und das ist die letzte Atemübung von Thích Nhất Hạnh:

Während ich einatme verweile ich im gegenwärtigen Augenblick.

Während ich ausatme genieße ich diesen einmaligen Augenblick.

Ja, liebe Gemeinde, wir dürfen im Gottesdienst auch genießen…. Amen.

Predigt über Micha 6 am 22. Sonntag nach Trinitatis (27. 10. 2024) Weiterlesen »

Predigt über 1. Petrus 4, 7 – 11 am 18. Sonntag nach Trinitatis (29.09.2024)

Liebe Gemeinde,

wer die Kraft hat sich und Andere zu fragen: „Wie soll ich leben?“ der ist in seiner Entwicklung bereits weiter gekommen als all jene, die unbewusst, unreflektiert ihr Leben leben. Und mit der Frage nichts anfangen können.

Nun fragt der „reiche Jüngling“ im Evangelium nicht nur: „Wie soll ich leben?“ sondern er fügt hinzu: „… damit ich das ewige Leben ererbe.“

In seiner Antwort geht Jesus darauf nicht ein.

Stattdessen beschwert er sich, dass er „gut“ genannt wird – „Niemand ist gut außer Gott allein“ – und verweist auf die Thora, in unserem Sprachgebrauch die „Zehn Gebote“.

Ich finde es außerordentlich wichtig, sich darüber im Klaren zu werden, wofür ich etwas tue. Das ist die Frage nach der Verwendung meines Lebens. Warum will ich eigentlich ein „guter Mensch“ sein? Und was heißt das: „Niemand ist gut, außer Gott allein?“

Oder warum bin ich nicht bereit, etwas zu akzeptieren? Mein Älter-werden zum Beispiel. Meine zunehmende Gebrechlichkeit. Meine Schmerzen … Die steigende Popularität von Parteien wie der AFD?

Fragen über Fragen.

Oder, noch eine Frage: Wofür verwende ich meine Predigtgedanken? Welches Anliegen habe ich damit?

Verwende ich Sie dafür, dass Sie mich toll finden?

Oder verwende ich Sie dafür, eine Botschaft Ihnen mitzuteilen, die mir wichtig ist, die aber nicht unmittelbar etwas mit mir zu tun hat.

Im ersten Fall geht es um meinen Narzissmus. Da ist es mir wichtig, wie Sie mich sehen.

Im zweiten Fall geht es um Inhalt. Um eine „Sache“.

Die Sache, über die ich nachgedacht habe, ist mir vorgegeben: Sie heißt „Predigttext“. Bevor ich Ihnen Anteil an meinen Gedanken darüber geben werde, lese ich den Text erst einmal als Ganzes vor.

Es ist ein Ausschnitt aus dem ersten Petrusbrief, Kapitel 4, 7-11:

7 Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge. So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet. 8 Vor allen Dingen habt untereinander beharrliche Liebe; denn »Liebe deckt der Sünden Menge zu« 9 Seid gastfrei untereinander ohne Murren. 10 Und dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes: 11 Wenn jemand redet, rede er’s als Gottes Wort; wenn jemand dient, tue er’s aus der Kraft, die Gott gewährt, damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus. Ihm sei Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

„Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge.“ Unter dieser Überschrift sind die dann folgenden Handlungsanweisungen zu verstehen.

Diese Überschrift ist heute – nachdem fast 2000 Jahre vergangen sind, ohne dass das „Ende aller Dinge“ eingetreten ist, nicht sehr glaubwürdig. Aber eines gilt auch heute noch: Dass es ein „Ende unseres Lebens“ geben wird. Und das heißt einen Zeitpunkt, an dem ich nichts mehr an meinem gelebten Leben ändern kann. Es ist dann so, wie es ist, bzw. wie es gewesen ist. Und ich habe nur die Wahl, dieses mein Leben so zu akzeptieren oder der eben nicht.

Viel „Altersgrantelei“ und viel „Missmut“ quillt aus der Ablehnung dessen, wie mein Leben war bzw. wie es ist.

Schauen wir mal, wie die Gedanken unseres Predigttextes hierzu passen.

Erstens: „So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet“. Besonnenheit und Nüchternheit tut gut. Sie verhindert unüberlegtes Handeln „aus dem Affekt“ heraus. Spannend dass es heißt: „zum Gebet“. Für mich heißt das: Lasst Euch in Euren Gebeten nicht dazu hinreißen, um die Realisierung Eurer Illusionen zu bitten. Betet vielmehr realistisch. Anstelle um eine wunderbare Heilung zu bitten, betet um die Kraft, Schmerzen, Enttäuschungen usw. zu ertragen. Bete um die Kraft, sich auf den Boden der Wirklichkeit zu stellen…. Mit der Überschrift: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“

Zweitens: „Vor allen Dingen habt untereinander beharrliche Liebe; denn ‚Liebe deckt der Sünden Menge zu‘. Es geht nicht darum, Fehlverhalten zu vertuschen. Im Gegenteil: Fehlverhalten ist zu benennen. Aber „in Liebe“. Das Gegenteil dazu wäre: „in Verurteilung“. Es steht uns Menschen nicht zu, über einen Mitmenschen zu urteilen. Nicht einmal vor Gericht. Auch hier werden Taten von Menschen verurteilt – aber nicht Menschen als solche. Wichtig ist das Adjektiv „beharrlich“. Es ist leicht einen anderen Menschen zu lieben, solange er mir meine Wünsche erfüllt. Aber ist das wirklich Liebe? Liebe hat mit Ausdauer, eben Beharrlichkeit, zu tun. Und damit, es auch wieder „gut sein lassen zu können“. Beharrliche Liebe ermöglicht das Freiwerden von dem, was gewesen ist. Das Gegenteil hierzu ist nachtragend sein. Mir und dem Anderen lebenslang das „hinterher zu tragen“, was geschehen ist. Nachtragend hat mit „unverzeihlich“ zu tun. „Das hätte nie passieren dürfen!“ Hier hilft das nüchterne Gebet: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ ( Matthäus 6, 12)

Drittens: „Seid gastfrei untereinander ohne Murren.“ Gilt das nur für die christliche Gemeinschaft? So klingt es. Aber ich verstehe es anders. Ich möchte Dekan Rudolf Rengstorf aus seiner Predigt zitieren: „Hier geht es um Menschen, die wir nicht kennen, die fremd sind in unserem Ort, weil sie hier als Ausländer hergekommen oder aufgewachsen sind. Ihnen Raum zu geben und Chancen, hier heimisch zu werden, ist mühsam, erfordert viel Phantasie und Einfühlungsvermögen. Hinzu kommt: Das alles gibt es nicht zum Nulltarif. Die Beschaffung von Wohnungen für größere Familien, Sprachunterricht, zusätzliches Training an Arbeitsplätzen, Integration in Kindergärten und Schulen. Das kostet Steuergelder. Da kommt man schnell ins Murren und Protestieren mit dem Tenor:: Das Boot ist voll! Grenzen bei uns und in den Nachbarländern dicht machen!
Nein, wir unterstützen in unseren Gemeinden alle Bemühungen, den Fremden ein neues Zuhause und Bürgerrechte zu geben. Wir tun das, weil die Fremden in der Bibel durchgehend Achtung genießen bis dahin, dass Jesus unseren Umgang mit Fremden zum Maßstab dafür gemacht hat, wie wir mit ihm umgehen.“ (Rudolf Rengstorff, Predigt zu 1. Petrus 4, 7-11; im Internet zu finden unter: evangelisch.de)

Viertens: „Und dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat…“ Das heißt, es geht nicht darum, sich ein Talent, über das man nicht verfügt, aus den Fingern zu saugen. Niemand kann alles. Aber jeder kann etwas. Und das ist gut so und – das genügt auch.

Und woran erkenne ich die Gabe, die ich empfangen habe? Woran erkenne ich meine „Be-Gabung“? Ganz einfach: Indem mir etwas leicht fällt, indem mir etwas Spaß macht. Ansonsten quäle ich mich ganz umsonst. Und das meint Paulus nicht, wenn er präzisiert: „… als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes“ Das heißt, es geht darum, mit den eigenen Begabungen pfleglich umzugehen, eben „Haus zu halten“.

„Haus halten“ hat damit zu tun, Begrenzungen zu akzeptieren. Und im Rahmen von Begrenzungen Prioritäten zu setzen. „Alles auf einmal“ geht nicht. Es überfordert mich. Und führt dazu, dass ich gar nichts tue.

Etwas vereinfacht könnte man sagen: Es geht um Projektarbeit. Welches Projekt nehme ich mir heute vor? Und – ganz wichtig: Schließe es dann auch ab. Beides ist die Voraussetzung dafür, am Ende eines Tages für diesen Tag Gott zu danken und mich wohlig in die Arme Gottes fallen lassen zu können.“ Viele Schlafprobleme haben damit zu tun, dass Unabgeschlossenes in unserer Seele geistert und uns keine Ruhe finden lässt.

Ein Letztes: „Wer Gott liebt, der liebt auch seinen Bruder!“ Das ist die Überschrift über den heutigen Sonntag. Zum guten Haushalten gehört Fürsorge. Fürsorge für alles, was mir anvertraut ist. Fürsorge für mich und für das Lebendige, das mich umgibt. Die Fähigkeit zu dieser Fürsorge gründet für uns Christen in unserem Glauben an Gott. So heißt es am Ende unseres Predigttextes: „Wenn jemand redet, rede er’s als Gottes Wort; wenn jemand dient, tue er’s aus der Kraft, die Gott gewährt, damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus. Ihm sei Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Gott die Ehre geben bedeutet für mich: Dem Fremden, dem Unbekannten, dem, was mir nicht bewusst ist die Ehre zu geben. Und „Ehre geben“ heißt: Meinem Unbewussten eine Unterkunft, ein Zuhause, eine Bleibe bei mir zu geben. Es gehört zum Kern der jüdisch-christlichen Religion, den Fremden zu ehren.

Der Fremde ist der „Nächste“ – ihn zu lieben wie sich selbst ist neben der Gottesliebe das höchste christliche Gebot. Das bedeutet, die Sicherheit verleihenden „Güter“ loszulassen. „Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben,“ antwortet Jesus auf die Frage des reichen Jünglings: „Was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“

Diese Antwort machte den Frager „betrübt“ „und (er) ging traurig davon, denn er hatte viele Güter“.

So ist das.

„Gott die Ehre geben“ fühlt sich gar nicht berauschend an.

Es ist ein nüchternes und manchmal sehr ernüchterndes Geschehen. Gefühle der Trauer gehören unweigerlich dazu. Gott die Ehre geben bedeutet auch, von Vertrautem Abschied zu nehmen.

Nur so können neue, fremde Gedanken und Erkenntnisse in unsere Seele hinein kommen.

Wer es jedoch wagt, durch diese Ernüchterungen hindurch zu gehen, wird reichlich belohnt.

Er beginnt, die wirkliche Wirklichkeit – jenseits seiner Illusionen – sehen zu lernen.

Dazu eine Geschichte:

Eines Nachts stolperte ein Betrunkener über eine Brücke und stieß mit seinem Freund zusammen. Die beiden lehnten sich über das Geländer und schwatzten eine Weile.

„Was ist das da unten?“ fragte plötzlich der Betrunkene.

„Das ist der Mond“, sagte der Freund.

Der Betrunkene blickte noch einmal hin, schüttelte ungläubig den Kopf und sagte: „Okay, okay! Aber wie zum Teufel bin ich hier hinaufgekommen?“ Anthony de Mello

Wenn jemand redet, rede er es als Gottes Wort, sagt Paulus. Gottes Wort aber ist das Wort der Liebe zu allem Lebendigen.

Und Rumi sagt: „Schweigen ist die Sprache Gottes, alles andere ist schlechte Übersetzung.“

In diesem Sinne: Ich habe genug geredet. Lassen wir jetzt in der Stille Gott selbst zu Wort kommen, AMEN.

Predigt über 1. Petrus 4, 7 – 11 am 18. Sonntag nach Trinitatis (29.09.2024) Weiterlesen »

Predigt über 3. Moses 19, 1-3. 13- 18. 33-34 am 13. Sonntag nach Trinitatis 2024

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext ist ein Abschnitt aus dem sogenannten „Heiligkeitsgesetz“. Es findet sich im 3. Buch Mose (Leviticus), Kapitel 17-26. In ihm geht es um die Beziehung zwischen der Heiligkeit Jahwes und der Heiligung Israels. Letztere – die Heiligung Israels – stellt das Hauptmotiv dafür da, bestimmte Gesetze zu befolgen.

Dahinter steht die grundlegende Frage: „Was soll ich tun?“ Oder: „Wie soll ich leben?“

Diese Frage entspricht nicht unserem Zeitgeist. Zeitgeist konform ist die Frage:

„Wie will ich leben?“

Unser Zeitgeist meint, es gäbe ein selbstbestimmtes Ich.

Er nennt es „Freiheit“!

Ein Ich, das sich von nichts und niemandem etwas vorschreiben lässt.

Für dieses Ich ist Religion nichts weiter als Ausdruck von Unmündigkeit und selbst gewählter Abhängigkeit.

Der freie Mensch braucht keine Religion.

Er braucht Religion gerade so wenig, wie die freie Marktwirtschaft keine Regularien von außen braucht: Sie reguliert sich selbst.

Ich halte diese Art von Freiheit für eine Illusion unseres Zeitgeistes. In Wirklichkeit sind wir Menschen doch ziemlich abhängig und ziemlich ausgeliefert: und zwar nicht nur vom Klima.

Zunächst einmal sind wir uns selbst ausgeliefert: unseren Ideen oder Anschauungen von dem, was wir für das Leben halten.

Und es ist ein großer Unterschied zwischen dem, wofür ich etwas oder jemanden halte und dem, wie „er“, „sie“ oder „es“ wirklich ist.

Immanuel Kant hat dies als das „Ding an sich“ bezeichnet.

Und hinzugefügt: Es sei unerkennbar. Wir können uns der Wirklichkeit bestenfalls annähern.

Dazu passt eine wunderbare chassidische Geschichte:

Die Schüler des Baalschem hörten von einem Mann als von einem Weisen reden. Einige unter ihnen verlangte es, ihn aufzusuchen und seine Lehre zu erfahren. Der Meister gab ihnen die Erlaubnis; sie aber fragten weiter: „Und woran sollen wir erkennen, ob er ein wahrer Zaddik ist?“ „Erbittet von ihm“, antwortete der Baalschem, „einen Rat, wie ihr es anzufangen habt, damit die unheiligen Gedanken euch nicht mehr beim Beten und Lernen stören. Gibt er euch einen Rat, so wisst ihr, dass er der Nichtigen einer ist. Denn das ist der Dienst des Menschen in der Welt bis zur Todesstunde, Mal um Mal mit dem Fremden zu ringen und es Mal um Mal einzuheben in die Eigenheit der göttlichen Namen.“ (M. Buber 1949, S. 151).

Ein weiser Mensch weiß um die Grenzen seiner Erkenntnismöglichkeiten. Und weil er das weiß, bleibt er „auf dem Teppich“, bleibt er „geerdet“.

Auch dies entspricht nicht unserem Zeitgeist: Er meint allwissend zu sein. Und weil er das meint, lässt er sich auch von niemandem etwas sagen.

„Von dir und deinem Gott werde ich mir gerade sagen lassen, was ich tun soll!“

Und genau damit beginnt unser heutiger Predigttext:

Und der Herr redete mit Mose und sprach: Rede mit der ganzen Gemeinde der Israeliten und sprich zu ihnen:„Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott“.

So lautet der göttliche Appell: „Ihr sollt heilig sein!“

Darum geht es. Dies ist Euer Job, Eure Aufgabe als Menschen.

Ihr sollt heilig sein!

Von der Struktur her entspricht das dem sogenannten „Dekalog“, den 10 Geboten, die Sie alle kennen. Auch Sie beginnen ja nicht mit einer Handlungsanweisung, sondern mit einem Statement: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ (Exodus 20, 2) Und in der Beziehung zu mir wirst du … und dann folgen die „Zehn Worte“ die wir fälschlich als „Zehn Gebote“ bezeichnen. Es sind in Wahrheit Worte für ein gesundes, gelingendes Leben.

Und darum geht es: Dem Leben dienende Sprache, dem Leben dienende Gesetze für eine dem Leben dienende Gemeinschaft zu finden. Dazu gehört auch eine dem Leben dienende Erziehung.

Sie lässt den Anderen sein. Sie sagt ihm nicht, was er zu tun und zu lassen hat. Sie erteilt ihm keine Ratschläge, die bekanntlich auch „Schläge“ sind.

„Gibt er euch einen Rat, so wisst ihr, dass er der Nichtigen einer ist.“

Dem Leben dienende Erziehung lässt frei.

Und sie weiß darum, dass jedes Lebewesen einen guten Rahmen benötigt, innerhalb dessen es wachsen kann.

Den Anderen frei lassen heißt gerade nicht, ihn seiner Gier, seiner Hemmungslosigkeit, seiner Destruktivität selbst zu überlassen.

Die Freiheit, die ich meine, hat nichts mit dem schwer erträglichen Slogan: „Freie Fahrt für freie Bürger!“ zu tun. Auch nichts mit dem arroganten: „Man gönnt sich ja sonst nichts!“

Frei-lassen hat damit zu tun, einen Rahmen zur Verfügung zu stellen, innerhalb dessen die Seele wachsen, sich entwickeln kann. Einen Rahmen, der stark genug ist, den uns Menschen innewohnenden destruktiven Impulsen Einhalt gebietet. Und der großzügig genug, um gesundes Wachstum zu fördern.

Ein guter Rahmen ermöglichst Wachstum, indem er Destruktivität hemmt. Dieser Rahmen ist insofern ein „heiliger“ Rahmen, als er auf Ganzheit ausgerichtet ist. Eine Ganzheit, die zu einem Leben „aus einem Guss“ (Martin Buber) führt.

Ein solcher guter Rahmen – bei weitem nicht der einzige – findet sich im Alten Testament in den berühmten „Zehn Geboten“, die wie gesagt eigentlich „Zehn Worte“ heißen. Eine Variante davon ist das Heiligkeitsgesetz, aus dem der heutige Predigttext stammt:

13 Du sollst deinen Nächsten nicht bedrücken noch berauben. Es soll des Tagelöhners Lohn nicht bei dir bleiben bis zum Morgen. 14 Du sollst dem Tauben nicht fluchen und sollst vor den Blinden kein Hindernis legen, denn du sollst dich vor deinem Gott fürchten; ich bin der HERR. 15 Du sollst nicht unrecht handeln im Gericht: Du sollst den Geringen nicht vorziehen, aber auch den Großen nicht begünstigen, sondern du sollst deinen Nächsten recht richten. 16 Du sollst nicht als Verleumder umhergehen unter deinem Volk. Du sollst auch nicht auftreten gegen deines Nächsten Leben; ich bin der HERR. 17 Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich lädst. 18 Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR. 

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR. 33 Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. 34 Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott.

Das also ist der Kompass für denjenigen, der aus der Heiligkeit Gottes heraus leben möchte. Das wird schon daran deutlich, dass diese „Du-sollst-Gebote“ immer wieder unterbrochen werden von: Ich bin der HERR, euer Gott!

Die Gebot wollen in der Beziehung zu Gott und aus ihr heraus gelesen und verstanden werden, entsprechend der Überschrift: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig!“

Dieses „In-Beziehung-zu-Gott-leben“ ist nicht sehr modern.

Und es ist vergiftet. Vergiftet durch ein Bild von Gott, das Gott mit Moral verwechselt. Mit schwarzer Pädagogik. Über Jahrhunderte hinweg wurde und wird Gott als verlängerter Arm einer autoritären Erziehung missbraucht.

Dass unsere jungen Menschen diesen Gott und die dahinter stehende Haltung ablehnen, ist verständlich und gut. So einen Gott braucht niemand!

Ganz davon abgesehen, dass er ohnehin eine Fiktion, ein Hirngespinst ist.

Wenn der aktuelle Bundeskanzler es ablehnt, bei seinem Amtseid den Zusatz „so wahr mir Gott helfe“ hinzuzufügen, so vermute ich, dass er genau dieses Bild eines autoritären persönlichen Gottes verinnerlicht hat und von ihm sich abwendet.

Was wir brauchen, ist, das Erleben eines Gottes, der uns frei lässt, indem er unsere Grenzen schützt. Der streng gegenüber unserer Destruktivität ist und liebevoll zu unseren Fehlern und Irrtümern.

Dies wäre so entlastend.

Es würde die eigene Verantwortung relativieren. In Bezug setzen. Und uns dadurch vor einem Gefühl des Überfordert-Seins schützen.

Ich allein kann nichts ausrichten. Aber ich muss auch nichts ausrichten.

Ich kann nur in Beziehung etwas bewirken. In Beziehung zu Gott und daraus fließend in Beziehung zu meinem Mitmenschen, zu meinem Nächsten.

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

Aktuell, in unserer von Spaltungen bedrohten Gesellschaft, heißt das:

Der Andere ist genauso ein Mensch wie du. Selbst wenn er noch so gegenteiliger Meinung ist wie du, vergiss nicht: Er hat genauso Gefühle wie du, er hat Wünsche, er hat Sehnsüchte, er blickt auf dieselbe Welt wie du – auch wenn er sie aus einer völlig anderen Perspektive sieht, wie du.

Es ist so verführerisch, „mit gleicher Münze zurückzuzahlen.“ Sich zu rächen für Erlittenes. Den Anderen zu diskreditieren, kurz zu „dissen“.

Das kannst du natürlich machen. Nur: Dann machst du dich abhängig vom Anderen, du re-agierst. Und damit ist es vorbei mit deiner Freiheit.

Gott aber, der dein Leben heiligt, hat dich dazu erschaffen, dass du in deiner Freiheit agierst. Dafür hat er dir seine Gebote gegeben – sie stärken dein seelisches Immunsystem und machen dich weniger anfällig dafür, von den gängigen gesellschaftlichen Spaltungen angesteckt zu werden.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal eine chassidische Geschichte zu Wort kommen lassen. Sie stammt von Rabbi Mendel von Kossow und handelt davon, wie wichtig es ist, bei aller eigenen echten oder vermeintlichen Rechtschaffenheit die Menschlichkeit nicht zu vergessen.

Rabbi Mendel sagte: „Wenn du Deinen Nächsten einen Fehler begehen siehst, dann beschuldige ihn nicht, denk dir: ‚Nach welchen Ausreden würde ich suchen, um mich zu rechtfertigen?'“ Diese Rechtfertigung sollst du auch für ihn suchen und dich bemühen, ihn zu entschuldigen. Und so ist die Schrift zu verstehen: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.'“

Oh – wie schön ist dieser jüdische Humor. Auch er ist heilig! AMEN.

Predigt über 3. Moses 19, 1-3. 13- 18. 33-34 am 13. Sonntag nach Trinitatis 2024 Weiterlesen »

Predigt am Israelsonntag 2024 über eine chassidische Geschichte

Am Tag der Zerstörung“

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Sonntag heißt Israelsonntag. Gedacht als Erinnerungssonntag. Er steht zeitlich in Zusammenhang mit dem jüdischen Festjahr, und zwar dem 9. Aw. Aw ist in dem von Israel übernommenen babylonischen Kalender der 5. Monat im Jahr. (Er liegt zwischen Juli und August nach unserer Zählung.) Am 9. Aw erinnert sich die jüdische Gemeinde traditionell der Zerstörung des „ersten Tempels“ von Jerusalem 586 v.Chr., der Zerstörung des „zweiten Tempels“ 70 n.Chr., der blutigen Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes 135 n.Chr. und der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492. Erst der Holocaust hat in unseren Tagen einen eigenen Gedenktag erfordert.-

Das sind alles keine schönen Erinnerungen, an denen wir heute in Solidarität mit unseren jüdischen Brüdern und Schwestern teilhaben. Hinzu kommen unsere eigenen Erinnerungen an Leid, das wir Anderen zugefügt haben und Leid, das wir selbst zu ertragen hatten. Und das alles gilt nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch und besonders für die Gegenwart: Es gibt keine Gegenwart ohne Leid in dieser Welt – ohne Leid, das wir zufügen – sei es Anderen, sei es uns selbst; – und ohne Leid das wir zu ertragen haben, das uns zugefügt wird.

Und wie geht die jüdische Gemeinde mit solch leidvollen Erinnerungen um?

Nun … – sie erzählen einander Geschichten. Dahinter steht die Idee, dass von Geschichten etwas Heilsames ausgehen kann. Vorausgesetzt, wir lassen uns mit Herz und Seele auf sie ein. Ansonsten bleibt es bei einer „erbaulichen“ Geschichte. Wellness ohne Tiefgang.

Ich möchte heute über eine Geschichte predigen, die gerne am 9.Aw erzählt wird. Martin Buber hat sie in seinen „Chassidischen Erzählungen“ gesammelt.

Sie lautet:

Am Tag der Zerstörung

Man fragte Rabbi Pinchas: ‚Warum soll, wie uns überliefert ist, der Messias am Jahrestag der Zerstörung des Tempels geboren werden?’

Das Korn’, sprach er, ‚das in die Erde gesät ist, muss zerfallen, damit die neue Ähre sprieße. Die kraft kann nicht auferstehen, wenn sie nicht in die große Verborgenheit eingeht. Gestalt ausziehen, Gestalt antun, das geschieht im Augenblick des reinen Nichts. In der Schale des Vergessens wächst die Macht des Gedächtnisses. Das ist die Macht der Erlösung. Am Tag der Zerstörung, da liegt die Macht auf dem Grunde und wächst. Darum sitzen wir an diesem Tag am Boden, darum gehen wir an diesem Tag auf die Gräber, darum wird an diesem Tag der Messias geboren.“

Man fragte Rabbi Pinchas so fängt die Geschichte an.

Es ist unüblich, dass „man“ fragt. Üblicherweise weiß „man“; was zu tun und zu lassen ist. „Man“ kennt den neusten Trend, „man“ weiß, was gerade angesagt ist. Wer keine Fragen stellt, will auch keine Antworten. Wird „man“ konfrontiert mit der Frage nach tieferem Sinn, wird „man“ gereizt. „Das macht man halt so“, ist die Nicht-Antwort. Man funktioniert ungedacht-routiniert, im Schwarm. Nur nicht auffallen! Nur nicht persönlich, nur nicht wesentlich werden!

Wenn unsere Geschichte mit „man fragte“ beginnt, ist das schon sehr ungewöhnlich. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass von der Geburt des Messias erzählt wird.

Man ist immer auf der Suche nach einem „Messias“ – nach Einem, den man bewundern kann, einem Star. Auch hier geht es keinesfalls um Persönliches. Man schwimmt auf der Welle mit. Hauptsache, es gibt jemand, der die Welle in Gang bringt. Wer der Trendsetter ist, ist dem „Man“ völlig egal. Hauptsache er garantiert Gefühle von „Dazugehören“, „Dabeisein“, „mitschwimmen“ … und darin „hype“ sein. Von daher ist es völlig unverständlich, wenn die Geburt dieses Messias mit Zerstörung verbunden wird. Das versteht „man“ nicht. Und so kommt es zu der Frage:

Warum soll, wie uns überliefert ist, der Messias am Jahrestag der Zerstörung des Tempels geboren werden?

Natürlich drückt sich in der Frage des Man seine gelernte Art zu denken aus, wie „man eben denkt“: in Kausalität (warum), in Raum (Tempel) und in Zeit (am Jahrestag). Kausalität, Raum und Zeit sind durch „Zerteilungen“ (Spaltungen) entstanden. Diese sind Ausdruck keimend-differenzierenden Denkens: Das anfängliche „Ein und Alles“, in dem es „drunter und drüber“ (tohu wa bohu) geht, wird unterschieden in vorher und nachher, in innen und außen, in Ursache und Wirkung. So entsteht Ordnung. Ordnung, die davon lebt, dass das eine mit dem anderen nicht vermischt wird. Der Täter ist nicht das Opfer, innen ist nicht außen, vorher ist nicht nachher, rechts ist nicht links. In diese – auf den ersten Blick – scheinbar klare Ordnung hinein passt kein Denken, dem zufolge der Messias am Jahrestag der Zerstörung des Tempels geboren werden soll. Geburt des Messias ist Heil, ist Erlösung, ist Freude pur. Zerstörung des Tempels ist Zerstörung der Identität, ist Strafe, ist Trauer, ist Zusammenbruch. Beides „in eins“ zu denken gefährdet die mühsam errungene stabilisierende Ordnung, die „man braucht, um zu (über)leben“. Die vermeintliche Rettung ist das „Warum?“ zu verstehen. Wenn man weiß, warum, ist die vermeintliche Sicherheit wieder hergestellt. Also wird: „Warum?“ gefragt.

Ein weiterer Hinter-Grund für die „Warum?“-Frage ist eine gewisse Beunruhigung des „Man“. Was beunruhigt ist die „Überlieferung“. „Überlieferung“ ist Tradition – sie wird als Verbündeter des Man erwartet und gewertet: „Weil man das schon immer so gemacht hat…“ ist die Vermählung von Tradition und Man (Brauchtum). Das Man denkt und fühlt mit jeder Faser konservativ. Es kann mühelos und ohne einen Hauch von Beunruhigung alles Neue ignorieren, aus der schlichten Begründung heraus, dem Neuen fehle die Tradition. Oder auch: „Das passt nicht zu uns!“ Das Alte hingegen, das Überkommene, das Bewährte, „das, was schon immer so gewesen ist“, kann und soll nicht einfach weggewischt werden; das käme einer Revolution gleich und Revolutionen sind dem Man fremd. So fragt das Man: „Was soll diese Tradition, die die Zerstörung des Tempels mit der Geburt des Messias zusammen fügt?“)

Und der Rabbi antwortet:

„’Das Korn’, sprach er. ‚das in die Erde gesät wird, muss zerfallen, damit die neue Ähre sprießt.’“

Mit dieser Antwort hat man nicht gerechnet, kann man nicht gerechnet haben. Der Antwortende scheint in Gedanken nicht da zu sein. Hat er die Frage überhaupt gehört? Was hat „das Korn, das in die Erde fällt…“ mit der Zerstörung des Tempels zu tun? Und was hat Beides mit der Geburt des Messias zu tun?

Gute Antworten verbünden sich nicht mit den Fragen. Gute Antworten werden selbst zu Samenkörnern, tragen Wachstumsmöglichkeiten in sich. Gute Antworten machen satt, indem sie selbst „ungesättigt“ sind. Der Lehrer, der „Zaddik“, „tut nichts statt deiner, was du schon selber zu tun erstarkt bist;“ sagt Martin Buber. „Er nimmt deiner Seele keinen Kampf ab, den sie selber bestehen muss, um ihr besonderes Werk in der Welt zu vollbringen.“ Dies gelte auch und gerade „für die Beziehung zu Gott: Der Zaddik (Lehrer) hat seinen Chassisidim (Schüler) den unmittelbaren Zugang zu Gott zu erleichtern, nicht zu ersetzen.“1

(In Klammer: Es wäre günstig, wenn sich jede Pfarrerin und jeder Pfarrer am Beginn eines Gottesdienstes diesen Satz vor Augen führt! Er bewahrt nicht nur vor Überheblichkeit sondern auch vor unnötigem Druck! Und da solche Sätze gefährlich sind, wende ich ihn jetzt auf mich an. „Lothar, nimm dich nicht so wichtig!“)

Doch zurück zu unserer Geschichte: Rabbi Pinchas entkleidet die Frage ihrer kausalen Konkretheit und führt sie weiter – hinein in die dunkle Tiefe des Lebendigen selbst:

Das Korn muss zerfallen, damit die neue Ähre sprießt. Oder, anders gewendet: Die Kraft kann nicht auferstehen, wenn sie nicht in die große Verborgenheit hinein geht.“

Die heilsam-berührende Kraft hängt daran, wie weit sie das in der menschlichen Seele Verborgene erreicht. Hierfür muss sie in des Menschen Seele „hinein-gehen.“ Dieses „Hineingehen“ ist ein Hinabsteigen: „hinabgestiegen in das Reich des Todes.“ Das Reich des Todes ist das Reich der Dunkelheit des Nicht-Wissens. Nicht-Wissen, was meine Predigt-Gedanken bei Ihnen auslösen. Nicht-Wissen, woher diese Gedanken kommen. „Es geschieht“ – „es geschehen lassen““: das ist es, was uns Menschen mit unserem überdimensionierten Gehirn solche Mühe bereitet.

Wirklich Neues, das in sich die Potenz zur Fruchtbarkeit trägt, entsteht aus der Dunkelheit. Es bleibt dem hellen Licht des Verstandes verborgen. Diese Verborgenheit will ertragen werden. Sie wird so ertragen, dass ich mich selbst davon abhalte, das bekannte „Licht des Verstandes“ einzuschalten. Nur im Dunkeln kann das „Leben der Dunkelheit“ wahrnehmend erkannt werden. Der Mystiker Dionysios Pseudareopagita hat das Bild des „Strahles der Finsternis“ geprägt. Dieser Strahl leuchtet, indem die blendenden Suchscheinwerfer unserer Rationalität ausgeschaltet worden sind. Dies ist unser Beitrag auf dem Weg zur Erlösung. Er besteht in einem Nicht-Tun: In einem Vermeiden, den naheliegenden Verstand zu gebrauchen. Dagegen prostestiert der Verstand aufs Schärfste. Er erlebt dies als seine „Tötung“. Und er rächt sich mit energischer Abwertung. Was lernt ihr bei Euren Meistern? fragt ein Gegner der chassidischen Bewegung. „Nichts“ ist die lächelnde Antwort.

Und so fährt Rabbi Pinchas fort:

Gestalt ausziehn, Gestalt antun, das geschieht im Augenblick des reinen Nichts.

Das Weizenkorn zerfällt im dunklen Schoß der Mutter Erde. Solange es dazu nicht bereit ist, findet kein Wachstum, keine Entwicklung statt. Die Bereitschaft zum Zerfall, die Bereitschaft, sich von Gott für Gott zerstören zu lassen – dies ist wohl der schwierigste Schritt auf dem dunklen Weg des Wachsens in Gott hinein. Des Wachsens zum eigenen authentischen Selbst . „Reines Nichts“ macht Angst, panische Angst. Die Alten nennen es den „horror vacui“ – das Erschrecken des Erlebens, dass „Nichts“ ist.

Dieser Schritt – weil so schwierig – ist besonders anfällig für Selbst-Betrug. Dann wird ein Phönix aus der Asche „gezaubert“, an die Stelle zerstörerischer Verwandlung tritt die Statik von „Ausziehen“ und „Anziehen“, von Verschwinden und Dasein, von Tod und Auferstehung. Wenn am Karfreitag schon klar ist, dass übermorgen Ostersonntag ist, werden die Gefühle der Ungewissheit vermieden. An die Stelle eines je und je von Neuem zu durch-leidenden Prozesses tritt ein erstarrtes „Kippbild“. So wird der „Augenblick des reinen Nichts“ vermieden. So wird auch vermieden, wozu der Weg des lösenden Vergessens führt:

In der Schale des Vergessens wächst die Macht des Gedächtnisses.

Die Macht des Gedächtnisses entsteht in der Kraft des Sich-Erinnerns. Es ist das Nicht-Erinnerte, das scheinbar Nicht-Erinnerbare, das quält. Was nicht er-innert werden kann, kann nicht in die Person „hinein-genommen“ werden. Damit kann es nicht verdaut werden. Stattdessen blockiert und quält es gedächtnis- und gedankenlos. Eine nur scheinbare Befreiung ist das „Hinaus-Stoßen“, das im selben ein „Hinein-Stoßen“ in den „Anderen“ ist. So wird der Aus-Wurf zum Vor-Wurf an den Anderen.

Es geht um ein Wachsen der Erinnerung, des Gedächtnisses, der Sprache des Gedenkens, um es schließlich „gut sein lassen zu können“. (Beides stimmt: „gut sein lassen können“ und „gut sein lassen können“.) Die „Schale des Vergessens“ ist das „Containment“, innerhalb dessen der echte Los-Lösungsprozess sich vollzieht. Der bekannte Spruch: „Kaum ist Gras über etwas Schlimmes gewachsen, schon kommt ein Kamel und frisst es weg“ – ist das Gegenteil dessen, was hier gemeint ist. In der Schale des Vergessens wird nichts mehr zugedeckt; von daher bedarf es auch keines „zudeckenden“ Grases.

Im Gedächtnis – und nur darin – geschieht jene äußerst schmerzhafte „Ver-Wandlung“. Es ist die Vermeidung eben dieses Schmerzes, die vielen Menschen den Weg in die Freiheit blockiert. Die Macht des Gedächtnisses ist die Macht, das erlebte Leid, den erlebten Schmerz, „wieder“ zu sich zurückzunehmen. Und zwar so, dass anerkannt wird: Dies war mein Weg, gerade so und nicht anders. Indem ich damit einverstanden werde, indem ich aus tiefstem Herzen zu diesem meinen Weg ja zu sagen gelernt habe, kann ich endlich die quälend-blockierenden „Spaltungen“ in Täter und Opfer gut sein lassen. Endlich muss ich keine Schuldigen mehr suchen und auch keine Rache mehr üben für das mir Zugefügte. Ich muss auch nicht mehr beleidigt sein und mich zurück ziehen. Und schließlich muss ich mich nicht mehr schuldig fühlen für das Leid, was ich Anderen zufügte. Für dieses Geschehen gibt es ein traditionelles Wort, über das leicht zu predigen, das schwer zu leben ist: Das Wort heißt „Vergebung“!

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldiger!“

Auf dem Weg dieser doppelten Vergebung werde ich frei: Frei vor Gott. Frei für Gott.

Endlich, endlich kommt meine Seele nach Hause. Das Haus meiner Seele aber ist Gott selbst. In seinem Schoß ruhend lächelt sie ihrem Leben entgegen:

Die Seele ist auf ihren eigenen Grund gekommen:

Das ist die Macht der Erlösung.

Am Tag der Zerstörung, da liegt die Macht auf dem Grunde und wächst.

Darum sitzen wir an diesem Tag am Boden, darum gehen wir an diesem Tag auf die Gräber, darum wird an diesem Tag der Messias geboren. AMEN.

1Erzählungen der Chassidim, Zürich, S. 21.

Predigt am Israelsonntag 2024 über eine chassidische Geschichte Weiterlesen »

Predigt über Epheser 5, 8-14 am 8. Sonntag nach Trinitatis 2024

Liebe Gemeinde,

“ 8 … einst wart ihr Finsternis, jetzt aber ⟨seid ihr⟩ Licht im Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts 9 – denn die Frucht des Lichts ⟨besteht⟩ in lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit –, 10 indem ihr prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist.
11 Und habt nichts gemein mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, sondern stellt sie vielmehr bloß!
12 Denn was heimlich von ihnen geschieht, ist selbst zu sagen schändlich.
13 Alles aber, was bloßgestellt wird, das wird durchs Licht offenbar;
14 denn alles, was offenbar wird, ist Licht. Deshalb heißt es: »Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten!, und der Christus wird dir aufleuchten!“

Wie geht es Ihnen, wenn jemand so mit Ihnen spricht? Es sind die Gedanken unseres heutigen Predigttextes. Meine erste Reaktion darauf war:

Um Himmels willen. So lichtvoll fühle ich mich nicht!

Ja, bei genauerem Hinsehen/ Hinspüren merke ich: Mir machen diese Sätze eher Angst. Als Kind des Lichtes werde ich ja auf einmal sichtbar. Licht leuchtet.

Und wenn ich sichtbar bin, bin ich angreifbar, bin ich verletzbar.

Wenn ich sichtbar bin, stehe ich da. Einfach so.

Will ich das? Kann ich das?

Licht kann etwas Gnadenloses haben: jeder Flecken wird sichtbar, jede Falte, jedes graue Haar, jeder Pickel …

„Bei Licht besehen“, sagt man …

Was ist, wenn „bei Lichte besehen“ ich weit weniger gütig gelebt habe, als ich mir das einbildete?

Was ist, wenn „bei Licht besehen“ nicht nur meine Liebe leuchtet, sondern auch und gerade meine Enttäuschungen, mein Zorn, ja mein Hass?

Um Himmels willen, Paulus, was erwartest du da von mir, von uns?

Wo bleibt deine Barmherzigkeit, wo ist deine Milde, wo ist dein gütiges Lächeln angesichts von Fehlern, von Verfehlungen?

Wo bleibt deine Menschlichkeit?

Du lädst zu lichtvollem Leben ein, heißt es in fast jeder Predigt, die ich im Internet zu unserer Textstelle gefunden habe.

Ich tue mich schwer damit, in deinem Brief Einladendes zu finden. Ich erlebe ihn als fordernd – als mich in meinem Mensch-sein überfordernd!

Wenige Verse nach unserem Predigttext heißt es: „Und sauft euch nicht voll Wein, was zu Ausschweifung führt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen.“

Ja, Paulus, du hast ja so recht!

Aber sonst hast du leider nichts, aber auch rein gar nichts.

Einem Alkoholiker zu sagen, er soll aufhören mit seiner Sauferei ist völlig sinnlos.

Einem notorischen Betrüger zu sagen, er soll aufhören zu betrügen, ist wirkungslos.

Der Punkt ist: Veränderung geschieht erst dann und erst in dem Moment, wo jemand

die Kraft hat, sich einzugestehen, wo er gerade steht. Was wirklich mit ihm los ist. Dies ist die größte Hürde.

Warum?

Warum fällt uns Menschen Veränderung bloß so schwer?

Ich weiß es auch nicht.

Ich vermute, es hat nicht mit Wissen zu tun, sondern mit Gefühlen.

Jeder Alkoholiker weiß, dass er sich mit maßlosem Alkoholkonsum nichts Gutes tut. Aber dieses Wissen allein hilft nicht. Es trägt nicht bei für eine wirkliche Veränderung.

Es bedarf einer anderen Kraft. Und diese Kraft muss von innen heraus, sie muss in dem Betroffenen selbst sein.

Er muss zu dem Punkt kommen zu sagen: „Ich habe die Schnauze so was von voll mit mit meiner Sauferei, oder Betrügerei, oder mit den Pornovideos und und und…“ „Ich will so nicht weiter leben!“

Es ist ein verbreiteter Irrtum zu meinen, irgend jemand „außerhalb“ des Betroffenen könne ihn dazu bewegen, sich zu ändern… Je mehr ich versuche, den Anderen zu verändern, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, mit ihm abhängig zu werden. Man nennt das dann „co-abhängig“.

Der Co-Abhängige „hängt“ an dem Abhängigen dran, versucht ihn dazu zu bewegen, sein Verhalten, seine Sucht aufzugeben.

Wozu alle beide nicht fähig sind, das ist: loszulassen, sich zu trennen.

Deshalb wirken Abhängigkeitsbeziehungen oftmals wie zementiert.

Alles erscheint besser, als sich zu trennen.

„Ich liebe ihn oder sie doch!“ sagt die/der Co-Abhängige.

„Nein – tust du nicht!“

Lieben beginnt nämlich damit, den Anderen sein zu lassen. Und das heißt, meine Erwartungen und Wünsche an ihn los zu lassen.

Einander lieben und einander brauchen schließen sich aus.

„Ohne dich kann ich nicht leben!“ ist kein Liebesgeständnis.

Es ist ein Abhängigkeitsgeständnis.

In der Tiefe weigere ich mich, meine Illusionen loszulassen.

Was der/die Andere doch für ein toller Mensch wäre, wenn er/sie nur nicht das und das machen würde …

Das mag sein. Aber die nüchterne Wirklichkeit lautet:

Es gibt ihn/sie nicht anders.

Entweder ich ertrage dich, so wie du bist – oder eben nicht.

Das setzt voraus, dass ich nicht länger in das Bild, das ich mir vom Anderen gemacht habe, verliebt bin.

„Lebt als Kinder des Lichts!“

Als Kind des Lichts habe ich zu sehen gelernt, wie „es“ wirklich ist – und nicht, wie ich „es“ mir wünsche, dass „es“ wäre.

Als Kind des Lichts habe ich akzeptiert, dass Licht und Schatten sich gegenseitig bedingen. „Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten.“

Licht und Schatten gehören zusammen.

Gerade so wie Leben und Sterben zusammen gehören.

„On the sunny side of the street“ ist schön.

Der kühlende Schatten unter einem alten Baum ist auch schön.

Es kommt darauf an, wie es sich gerade anfühlt.

Es gibt keine Rezepte für ein gelingendes Leben.

Aber es gibt die Idee eines ganzheitlichen Lebens, in dem die scheinbaren Widersprüche, die zu diesem unseren Leben auf diesem Planeten nun mal dazu gehören, ausgehalten werden.

Indem ich dies erkenne, anerkenne und ertrage, werde ich keine „Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis“ haben. Es geht schlicht und einfach nicht mehr.

Hier ist es wesentlich zu unterscheiden: Die Finsternis ist nicht der Schatten des Lichts. Die Finsternis, von der Paulus hier spricht, ist vor aller Ordnung. Diese Finsternis kennt weder Licht noch Schatten. Es ist die „Urfinsternis“, die in Genesis 1 als „tohu wa bohu“ – als „drunter und drüber“ bezeichnet wird. Mit der Erschaffung des Lichtes ist auch der Schatten oder die Dunkelheit erschaffen: mit der Erschaffung des Tages auch die Nacht. Diese ist nur die andere Seite des Tages, so wie das Unbewusste die andere Seite des Bewussten ist.

Finsternis hingegen ist Chaos, das sich gegen jede Ordnung sträubt.

Finsternis ist Verwirrung, die verwirren möchte. Die sich gegen Ent-Wirrung sträubt.

Dunkelheit hingegen ist Noch-nicht-Wissen, das sich nach Helligkeit sehnt.

Zwischen Finsternis und Dunkelheit unterscheiden zu lernen bedeutet „aufwachen“. Der „Aufgewachte“ sieht und erlebt den direkten Zusammenhang zwischen Licht und Schatten, Leben und Tod, schlafen und wach sein, Yin und Yang. Dieses Aufwachen ist gleichbedeutend mit Erleuchtung. „Wach auf, du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ heißt es am Ende unseres Predigttextes. Paulus zitiert hier aus dem Alten Testament (Jesaja 60, 1) wo es heißt:

„Mach dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!“ Die Herrlichkeit des Herrn aber ist der „Glanz“ Gottes. Er findet sich in „allen“ Dingen. Glanz entsteht, wenn es gelingt einheitlich zu sehen. Einheitlich sehen bedeutet, mit beiden Augen das EINE Bild zu sehen. So entsteht Tiefe. Solange ich nur mit einem Auge sehe, kann ich keine Tiefe sehen. Es fehlt die dritte Dimension.

Die dritte Dimension ist das „Dazwischen“. Das Zwischen dem Guten und dem Bösen, Rechten und dem Linken, dem Richtigen und dem Falschen.

Im „Dazwischen“ erlebe ich Brücken.

Es sind Brücken „over troubled water“.

Brücken, die meine aufgewühlten Emotionen überbrücken, die mir ermöglichen, meine heftigen Gefühle zu erleben, ohne von ihnen mitgerissen zu werden.

Es sind Brücken, die mir ermöglichen, tolerant und akzeptierend zu meinem Nächsten zu sein, indem ich „seine andere Seite“ mitdenke, mit berücksichtige.

Es sind Brücken der Empathie und der Einfühlung in das mir Fremde.

Jemand der wirklich „aufgewacht“ ist, jemand, der eine Ahnung von der „Herrlichkeit des Herrn“ hat, jemand, der vom Glanz Gottes berührt wurde -: Er hat unsere vertraute Welt mit ihren vertrauten Bewertungen von gut und schlecht, annehmbar und unannehmbar, akzeptabel und inakzeptabel verlassen.

Dies ist die Welt der Mystik.

Der Mystiker weiß um die Unerkennbarkeit Gottes bzw. der Wahrheit, er weiß darum, dass Gott im Dunkeln wohnt. Und er weiß, dass Erkenntnis Gottes ein unverfügbares Geschenk ist, das sich weder machen noch festhalten lässt.

Und er weiß, dass jeder Mensch sein ganz eigenes Schicksal zu (er)tragen hat, seinen ganz eigenen Weg zu gehen hat.

Damit erübrigt sich die Idee des Missionierens.

Missionieren heißt in der Tiefe: Sei doch so wie ich; glaube so, wie ich glaube; lebe so, wie ich lebe.

Dahinter steht die Sehnsucht nach Verschmelzung mit dem Anderen.

Je näher mir jemand steht, desto schwerer fällt es mir logischerweise, ihn „sein zu lassen“. Ihn sein zu lassen heißt stets auch: ihn gehen zu lassen.

Ihn nicht länger mit meinen Wünschen und Erwartungen zu verfolgen.

„Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ fragt der Auferstandene den Paulus. Das ist der Beginn seines berühmten Damaskus-Erlebnisses – mit dem wir uns in der letzten Bibelstunde beschäftigt haben. Es ist die Bekehrung, die „Umkehr“ des Paulus, die damit endete, dass aus dem „Saulus“ der „Paulus“ wurde. Zu dieser Umkehr gehörte auch, dass Paulus mit Blindheit geschlagen war. Das ist ein Zeichen für wirkliche tiefgreifende Veränderung.

Echte Veränderung geht notwendig einher mit Gefühlen der Katastrophe.

Wirklich Neues ist unbekannt, unvertraut. Das macht Angst. Und was mir Angst macht, das mag ich nicht. Ich möchte in meiner vertrauten Komfortzone bleiben.

Wer es aber wagt, diese Gefühle des Neuen, des Katastrophalen zu durchleben, dem geht ein Licht auf, oder es fällt ihm etwas „wie Schuppen von den Augen.“ (So wird in der Apostelgeschichte die „Bekehrung“ des Paulus beschrieben.)

Und auch dies lässt sich nicht festhalten. Umkehr oder Bekehrung ist kein einmaliger Akt. Ganz einfach deshalb, weil wir Menschen keine Maschinen sind, die Schalter haben. Schalter, die man bloß umlegen müsste, und dann ist alles anders. Die Briefe des Paulus zeigen auch, wo Paulus „ganz der Alte“ geblieben ist: Der alte Verfolger, der sehr hart und empört sich über seine Mit-Menschen äußern kann. Insbesondere dann, wenn sie offenkundig nicht so leben, wie er sich das vorstellt.

Ich vermute, das kennen wir alle auch.

Und daneben steht:

„Lebt als Kinder des Lichts!“

Traut Euch!

Werdet deutlich!

Werdet spürbar in Eurem Streben nach Wahrheit, nach Gerechtigkeit, nach Güte.

Nicht als Appell.

Wohl aber als Ermutigung zu einem Leben in Freiheit und Freude, in dem der Glanz Gottes seine Kinder des Lichtes umhüllt.

Und wenn Sie sich jetzt denken, ja, schon, klingt schon gut, aber so geht Leben doch nicht. Und überhaupt, wo kämen wir denn da hin? Wo kämen wir hin, wenn wir wirklich als Kinder des Lichts leben würden?

Ein Gedicht von Kurt Marti gibt Antwort:

„Wo kämen wir hin,

wenn jeder sagte,

wo kämen wir hin

und keiner ginge,

um zu sehen,

wohin wir kämen,

wenn wir gingen. AMEN.

Predigt über Epheser 5, 8-14 am 8. Sonntag nach Trinitatis 2024 Weiterlesen »

Predigt über 1. Samuel 24, 1-20 am 4. Sonntag nach Trinitatis 2024

Der Historiker und Journalist Rutger Bregman hat unter dem Titel

„Im Grunde gut“ eine „neue Geschichte der Menschheit“ geschrieben. Es ist eine Art Gegenentwurf zu Hararis Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, in der er mit vielen Beispielen veranschaulicht, welche eine Spur der Verwüstung das Lebewesen „Mensch“ – seit es auf der Bühne der Erde aufgetaucht ist – nach sich gezogen hat.

Bregman stellt die westeuropäische, durch Augustins Erbsündenlehre maßgeblich beeinflusste autorisierte Denktradition, derzufolge der Mensch böse sei – und zwar „von Mutterleibe an“, in Frage. Er weist darauf hin, dass wirklich Bösartiges in der menschlichen Geschichte immer nur von sehr wenigen bösartigen Menschen ausging. Das Problem sei, dass sie Meister der Manipulation, der Verführung sogenannter „gutgläubiger“ Menschen sind.

Ein Beispiel aus Bregmans Buch: Der Roman „Herr der Fliegen“ ist ein Weltbestseller geworden. Er handelt von der Grausamkeit von Jugendlichen, die auf einer einsamen Insel gestrandet sind. Dazu , so Bregman, gibt es eine wahre Geschichte. In der wahren Geschichte stranden ebenso Jugendliche auf einer Insel, und sind sich selbst überlassen. Und es gelingt ihnen für zwei Jahre so gemeinsam zu leben und zu überleben, dass kein Mord geschieht. Im Gegenteil: Sie helfen zusammen, bauen Getreide und Früchte an. Wenn es Streitigkeiten gibt, werden die Betroffenen von einander getrennt, sie müssen eine Zeit lang in großer räumlicher Distanz verbringen, bis sich die Wogen geglättet haben. Dies, so Bregman, sei die wahre Geschichte vom „Herrn der Fliegen“.

In unserem heutigen Predigttext geht es um Versöhnung. Das Wort kommt nicht von „Sohn“ – sondern von Sühne. Es bedeutet so was wie: „Es gut sein lassen“, „loszulassen“, erleben zu können: „Es ist vorbei. Der/die Andere schuldet mir nichts mehr“. Mit dem schönen Nebeneffekt: „Ich bin frei!“ Sätze wie: „Das hätte nicht passieren dürfen!“, „Wie konnte der/die Andere mir das antun?! Auch: „Was war/bin ich doch für ein unmöglicher Mensch!“ haben nur einen Zweck: An dem Geschehenen festzuhalten.

Versöhnung: Die etymologische Herkunft des Wortes „Sühne“ ist unklar. Über den Gedanken des „Sühnopfers“ gibt es eine Verbindung zu Sterben und Tod. Dahinter steht eine tiefe Wahrheit: Indem ich aufhöre, den/die Andere(n) mit meinem Hass und mit meinen Rachegelüsten zu verfolgen, füttere ich diese Emotionen nicht länger; und wenn ich aufhöre sie zu füttern, werden sie allmählich verhungern. Wie elend sich das anfühlt können Sie beim Heiligen Johannes vom Kreuz nachlesen. Es sind die Gefühle der (drei) dunklen Nächte der Seele.

Versöhnung ist – anders als Vergebung – ein Geschehen, das nur in Beziehung mit einem Anderen, einer Anderen möglich ist. Um Versöhnung erleben zu können, benötige ich ein Du. Wenn der/die Andere nicht dazu bereit ist, ist Versöhnung unmöglich.

Ganz anders ist es bei der Vergebung: Die Bitte im Vaterunser: „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ kann ich jederzeit verwirklichen, ohne dass ich meine Schuldiger dazu benötige. Vergeben geschieht aus mir heraus!

In unserer Geschichte geht es um Saul, dem ersten König des Volkes Israel und um David, von Beruf Schafhirte und Harfenspieler, Saul repräsentiert Macht und Brutalität. David repräsentiert Intelligenz und Besonnenheit. Und in unserer Geschichte die Kraft, seine eigenen aggressiven Impulse zu hemmen. Ihnen nicht nachzugeben.

Unser heutiger Predigttext ist ein Ausschnitt aus den Geschichten von Saul und David. David – zunächst von Saul protegiert – war dem König zu mächtig geworden. Er war beliebt beim Volk und damit gefährlich für den Erhalt der Macht von Saul geworden. So versucht Saul, David zu töten. Aber immer wieder muss Saul gegen die Philister kämpfen und verunmöglichen eine wirkungsvolle Verfolgung und Beseitigung von David. David war auch nicht untätig geblieben: Er hatte Männer um sich gesammelt, eine Art Privatarmee. Diese zog durch die Lande und verdingte sich, wo sie gebraucht wurde. (Eine moderne Form dieser „Privatarmee“ ist die russische Gruppe „Wagner“.)

Unser Predigttext beginnt mit der zufälligen Begegnung von Saul und David in der Oase En Gedi.

1 Und David zog von dort hinauf und blieb in den Bergfesten bei En-Gedi. 2 Als nun Saul zurückkam von der Verfolgung der Philister, wurde ihm gesagt: Siehe, David ist in der Wüste En-Gedi. 3 Und Saul nahm dreitausend auserlesene Männer aus ganz Israel und zog hin, David samt seinen Männern zu suchen bei den Steinbockfelsen. 4 Und als er kam zu den Schafhürden am Wege, war dort eine Höhle, und Saul ging hinein, um seine Füße zu decken[1]. David aber und seine Männer saßen hinten in der Höhle. 5 Da sprachen die Männer Davids zu ihm: Siehe, das ist der Tag, von dem der HERR zu dir gesagt hat: Siehe, ich will deinen Feind in deine Hand geben, dass du mit ihm tust, was dir gefällt. Und David stand auf und schnitt leise einen Zipfel vom Rock Sauls. 6 Aber danach schlug ihm sein Herz, dass er den Zipfel vom Rock Sauls abgeschnitten hatte, 7 und er sprach zu seinen Männern: Das lasse der HERR ferne von mir sein, dass ich das tun sollte und meine Hand legen an meinen Herrn, den Gesalbten des HERRN; denn er ist der Gesalbte des HERRN. 8 Und David wies seine Männer mit diesen Worten von sich und ließ sie sich nicht an Saul vergreifen. Als aber Saul sich aufmachte aus der Höhle und seines Weges ging, 9 machte sich danach auch David auf und ging aus der Höhle und rief Saul nach und sprach: Mein Herr und König! Saul sah sich um. Und David neigte sein Antlitz zur Erde und fiel nieder.  10 Und David sprach zu Saul: Warum hörst du auf das Reden der Menschen, die da sagen: David sucht dein Unglück? 11 Siehe, heute haben deine Augen gesehen, dass dich der HERR heute in meine Hand gegeben hat in der Höhle, und man hat mir gesagt, dass ich dich töten sollte. Aber ich habe dich verschont; denn ich dachte: Ich will meine Hand nicht an meinen Herrn legen; denn er ist der Gesalbte des HERRN. 12 Mein Vater, sieh doch hier den Zipfel deines Rocks in meiner Hand! Dass ich den Zipfel von deinem Rock schnitt und dich nicht tötete, daran erkenne und sieh, dass nichts Böses in meiner Hand ist und kein Vergehen. Ich habe mich nicht an dir versündigt; aber du jagst mir nach, um mir das Leben zu nehmen. 13 Der HERR wird Richter sein zwischen mir und dir und mich an dir rächen, aber meine Hand soll nicht gegen dich sein; 14 wie man sagt nach dem alten Sprichwort: Von Frevlern kommt Frevel; aber meine Hand soll nicht gegen dich sein. 15 Wem zieht der König von Israel nach? Wem jagst du nach? Einem toten Hund, einem einzelnen Floh! 16 Der HERR sei Richter und richte zwischen mir und dir und sehe darein und führe meine Sache, dass er mir Recht schaffe und mich rette aus deiner Hand! 17 Als nun David diese Worte zu Saul geredet hatte, sprach Saul: Ist das nicht deine Stimme, mein Sohn David? Und Saul erhob seine Stimme und weinte 18 und sprach zu David: Du bist gerechter als ich, du hast mir Gutes erwiesen; ich aber habe dir Böses erwiesen. 19 Und du hast mir heute gezeigt, wie du Gutes an mir getan hast, als mich der HERR in deine Hand gegeben hatte und du mich doch nicht getötet hast. 20 Wo ist jemand, der seinen Feind findet und lässt ihn im Guten seinen Weg gehen? Der HERR vergelte dir Gutes für das, was du heute an mir getan hast! 21 Nun siehe, ich weiß, dass du König werden wirst und das Königtum über Israel in deiner Hand Bestand haben wird. 22 So schwöre mir nun bei dem HERRN, dass du mein Geschlecht nach mir nicht ausrotten und meinen Namen nicht austilgen wirst aus meines Vaters Hause. 23 Und David schwor es Saul. Da zog Saul heim. David aber mit seinen Männern zog hinauf auf die Bergfeste.

Lied 495, 4-6

Ihr Lieben,

zwei Punkte möchte ich herausgreifen:

Erstens: Dass David keinen Mord begeht, dass er über die Kraft verfügt, sich zu hemmen, dies verdankt er seiner Beziehung zu Gott. Das lasse der HERR ferne von mir sein, dass ich das tun sollte und meine Hand legen an meinen Herrn, den Gesalbten des HERRN; denn er ist der Gesalbte des HERRN. Oder, etwas nüchterner ausgedrückt: Die letzte Instanz für David ist nicht seine „gottlose“ Selbst-Gerechtigkeit sondern Gottes Gerechtigkeit.

„Gott sitzt im Regimente“ hat Paul Gerhardt in dem Lied „Befiehl du deine Wege“ gedichtet.

„Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht,

lass fahren was das Herze betrübt und traurig macht;

bist du doch nicht Regente, der alles führen soll,

Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.“

Diese Gedanken nicht nur denken sondern erleben zu können, ist meines Erachtens ein sehr wirksamer Schutz gegen depressive Verstimmungen. Die einzige Nebenwirkung dieser Art des Schutzes sind jene Gefühle, die damit hadern, dass ich meinen vermeintlich „gerechten“ Zorn ins Leere laufen lasse. Die mir einflüstern: „Das darfst du dir nicht bieten lassen!“ Diese Gefühle bei mir zu halten, ihnen kein Futter geben: darin sehe ich meine alltägliche Aufgabe als Mensch und als Christ. Das heißt anders herum, dass ich meinen Missmut, mein Gereizt-Sein so weit ich kann, bei mir halte, es ertrage. Es ist übrigens nichts anderes als das „Murren“ des hungrigen Volkes der Israeliten in der Wüste.

Zweitens: Versöhnung geschieht im Augenblick, Versöhnung ist ein Geschehen der Gegenwart. Damit hängt zusammen, dass es keinen dauerhaften Frieden auf dieser Welt gibt und auch nicht geben kann. Das Bestmögliche sind Augenblicke der Versöhnung, der Befriedung. Wir haben eine siebzigjährige Friedenszeit erlebt, deren Fortdauer aktuell in großer Gefahr ist.

In unserer Geschichte gelingt es David, Saul mit seinen friedlichen Absichten zu erreichen. Saul ist berührt davon. Durch dieses Berührt-Sein kann Saul kurzzeitig über den Tellerrand seines Hasses hinaus schauen. David sagt, wem jagst du eigentlich nach? Einem einzelnen Floh? Einem toten Hund? Damit meint er: Du jagst Hirngespinsten nach. Die Wirklichkeit ist: Ich tue dir nichts. Ich erkenne dich, deine Position als meinen von Gott erwählten König an. Es ist Sauls Paranoia, die ihn dazu geführt hat, David zu ermorden. Indem er diese erkennt, kann er von seinem Hass auf David ablassen.

Die eigene Paranoia, die eigenen paranoiden Gefühle als „meine eigenen“ zu erkennen, setzt allerdings die Bereitschaft und Fähigkeit voraus, sich selbst über die Schulter zu schauen. Erst dann wird es möglich, den Balken dort zu sehen, wo er wirklich ist: im eigenen Auge. Erst und nur indem ich meine Projektionen als Projektionen durchschaue, kann ich sie zu mir zurücknehmen. Und muss meine Mitmenschen nicht länger damit behelligen.

Liebe Gemeinde,

zu lernen, die eigenen destruktiven Impulse zu hemmen, sehe ich als die einzige Chance für unser Überleben als Lebewesen, die die Bezeichnung „Mensch“ verdienen. Wir leben in einer Zeit, in der Hemmungslosigkeit mit Mut, Übergriffigkeit mit Stärke verwechselt wird. Ja – wir alle sind „hemmungslos“ auf die Welt gekommen, als Babys sind wir heftigsten Emotionen ausgeliefert gewesen. Und wenn wir Glück hatten, durften wir Eltern erleben, die unsere „ungehaltenen“ Gefühle ausgehalten haben, uns getröstet haben, und uns materiell wie emotional genährt haben. So hat sich in unserer Seele sehr allmählich eine Art Schutzmantel entwickelt, der uns vor destruktiven Impulsen – und zwar sowohl diejenigen, die von außen kommen, als auch die, die von mir selber kommen – schützt. Wenn wir Pech hatten, und (zu)viel von den ungehaltenen destruktiven Emotionen unserer Eltern und Erzieher abbekommen haben, dann ist es um so dringender zu lernen, wie ich mir so einen „Schutzmantel“ selber nähen kann. Dazu gehört auch, den Mut aufzubringen, mir Hilfe zu holen.

In einer Geschichte, deren Autor ich nicht kenne, wird dieser Schutz als „Sieb“ bezeichnet. Die Geschichte geht so:

Die drei Siebe

Zum weisen Sokrates kam einer gelaufen und sagte: „Höre Sokrates, das muss ich dir erzählen!“

„Halte ein!“ – unterbrach ihn der Weise, „Hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?“

„Drei Siebe?“, frage der andere voller Verwunderung. „Welche drei Siebe?“

„Ja guter Freund! Lass sehen, ob das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe hindurchgeht: Das erste ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?“

„Nein, ich hörte es erzählen und…“

“ So, so! Aber sicher hast du es im zweiten Sieb geprüft. Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst gut?“

Zögernd sagte der andere: „Nein, im Gegenteil…“

„Hm…“, unterbracht ihn der Weise, „So lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden. Ist es notwendig, dass du mir das erzählst?“

„Notwendig nun gerade nicht…“

„Also“ sagte lächelnd der Weise, „wenn es weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit.“

(Gelesen in: Jung im Kopf: Erstaunliche Einsichten der Gehirnforschung in das Älterwerden von Martin Korte)

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir lernen, in unserem alltäglichen Miteinander von diesen drei Sieben Gebrauch zu machen. Ein wichtiges Hilfsmittel ist dabei der Gedanke: Nicht ich bin der Regente – sondern „Gott sitzt im Regimente!“

Oder mit Theresa von Avila: „Gott allein genügt!“ AMEN.

Predigt über 1. Samuel 24, 1-20 am 4. Sonntag nach Trinitatis 2024 Weiterlesen »

Predigt über Epheser 2, 17 – 22 (2. Sonntag nach Trinitatis 2024)

„Komm, wer immer du bist,

Wanderer, Götzenanbeter, den Abschied Liebender.

Es spielt keine Rolle.

Dies ist keine Karawane der Verzweiflung.

Komm, auch wenn du deinen Schwur tausendfach gebrochen hast.

Komm, komm, noch einmal: KOMM!“

Dies ist die Grabinschrift des großen islamischen Mystikers Rumi.

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will Euch erquicken!“

Dies ist der Wochenspruch für die vor uns liegende Woche, er findet sich im Matthäusevangelium.

Beide Male geht es um eine Einladung.

„Komm!“

Es ist eine Einladung ohne Vorbedingungen, ohne Drohung, ohne Ausschluss.

Rumi schließt niemand aus: „Wer auch immer du bist!“

Ebenso Jesus: „Kommt her zu mir, alle, …“

Diese Einladung umrahmt unseren heutigen Gottesdienst.

Und natürlich freue ich mich, dass Ihr alle gekommen seid.

Und natürlich gibt es jene, die nicht gekommen sind. Warum auch immer.

Davon handelt das heutige Evangelium, das „Gleichnis vom großen Gastmahl“: Nicht Gott schließt die Menschen aus. Es ist genau anders herum. Die Menschen schließen Gott aus. „Einer nach dem Anderen fing an sich zu entschuldigen…“ Und wie reagiert Gott als Gastgeber? Na ja: nicht gerade souverän. Er wird zornig und sagt beleidigt: Dann halt nicht! So kommen die Armen, körperlich Beeinträchtigten in den Genuss des Gastmahles. Das finde ich schwierig: Sie sind also bloß die zweite Wahl. Lückenbüßer!Ist das echte Integration?

Sie kennen das. Ich könnte mich jetzt darüber ausbreiten, wie wenig Menschen heutzutage noch in die Kirche, zum Gottesdienst kommen. Wie viele aus der Kirche ausgetreten sind. Und dass das der Grund ist, dass die Petruskirche sich nicht mehr rechnet…

Und was bringt das?

Es bringt eine gewisse Entlastung. Es ist die Entlastung, die ich bekomme, wenn ich mich empöre.

Es ist nicht die Leichtigkeit, die mir geschenkt wird, wenn ich mich auf das, was ist, einlasse.

Und was ist?

Dass wir jetzt hier gemeinsam Gottesdienst feiern dürfen.

Sich einlassen ist stets auch ein Loslassen. Loslassen von all dem, was mich auch noch beschäftigt.

Und jetzt lassen wir uns auf einen alten Text ein, den heutigen Predigttext.

Es ist ein Abschnitt aus dem Epheserbrief des Paulus, Kapitel 2, 17 – 22. Ich lese ihn erst einmal vor:

17 Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. 18Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.

19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, 20erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, 21auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. 22Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

Ihr Lieben,

„und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.“

Mit anderen Worten: Es wird dir nicht vorgerechnet, was du getan hast, wo du gewesen bist, bevor du dich als Christ bekannt hast.

Deine Vergangenheit war so, wie sie war. Sie ist nicht mehr zu verändern. Aber – und: Du wirst darauf nicht fest geschrieben. Was zählt, ist nicht wer du warst. Was zählt ist, wer du bist. Hier und jetzt.

Komm, wer auch immer du bist, komm …!

Ein kleiner historischer Exkurs zum Verständnis des Textes:

Durch die Ausbreitung der Botschaft Jesu war das Problem entstanden, was eigentlich mit denjenigen Menschen ist, die Jesus als den Christus bekennen und nicht jüdischen Glaubens sind. Sind das „Gläubige zweiter Klasse“? Paulus ist an dieser Stelle ganz klar. Nein, sind sie nicht. Und es ist auch nicht nötig, dass sie sich beschneiden lassen. Die Taufe genügt.

Die Beschneidung ist nichts, und das Unbeschnittensein ist nichts“, sagt Paulus im ersten Korintherbrief. „Sondern das Halten der Gebote.“ (1. Korinther 7, 19)

Im Halten der Gebote Gottes wird jener Friede verwirklicht, der höher ist als unsere Vernunft. Im Halten der Gebote Gottes „sitzt Gott im Regimente“, wie es in dem Lied „Befiehl du deine Wege“ (EKG 361, 7) von Paul Gerhardt heißt:

Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht,

lass fahren was das Herz betrübt und traurig macht;

bist du doch nicht Regente, der alles führen soll,

Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.

In Klammer: Diese Strophe immer wieder zu meditieren könnte ein sehr wirksames Antidepressivum sein! Besonders der Vers: „Bist du doch nicht Regente … !“

Und zu diesem Gott, den Paulus den „Vater“ nennt, haben wir jetzt alle gleichermaßen Zugang, sagt Paulus.

„Komm, wer immer du bist,

Wanderer, Götzenanbeter, den Abschied Liebender.

Es spielt keine Rolle.“

Der Zugang zum Vater geschieht durch EINEN Geist, sagt Paulus.

Diese Gedanken durchweht ein Geist der Freiheit und der Gleichberechtigung.

Wir alle sind nicht länger „Fremde“. Wir sind „Gottes Hausgenossen“.

Das macht uns aus. Das ist unsere Identität.

Wir wohnen im Haus Gottes!

Das ist das einzige, was zählt. Nicht unsere sogenannte „Konfessionalität“. Auf dieser Ebene gibt es kein evangelisch oder katholisch. Auch kein islamisch oder buddhistisch. Oder jüdisch.

Auf dieser Ebene geht es um unser Mensch-Sein vor Gott.

Das in jedem Augenblick erlebbar ist.

Es genügt, auf den eigenen Atem zu lauschen.

Und es genügt, sich bewusst zu machen, auf welchem Boden ich stehe. Was ist die Grundlage meines Denkens?

„Ihr seid aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten … mit Jesus Christus als Eckstein.“

Es ist eben jener Christus Jesus, der getötet worden ist. Es ist eben jener Eckstein, den die „Bauleute verworfen haben“ (Lukas 20, 17b). Das Abgelehnt-Werden gehört zu dieser Art Grundstein wesentlich dazu. Das Nicht-Erwünscht-Sein. Nicht wenige Propheten und Mystiker, auch Wissenschaftler können ein Lied davon singen. Der Heilige Johannes vom Kreuz saß zwei Jahre im Gefängnis, Meister Eckhart entkam dem Kirchenbann nur dadurch, dass er vorher starb. Und Paulus selbst starb in Rom den Märtyrertod. Martin Luther King wurde ermordet, Nelson Mandela wurde eingesperrt, Galileo Galilei musste widerrufen, um der Todesstrafe zu entgehen. Diese Reihe lässt sich beliebig verlängern. Die Wahrheit bzw. Wirklichkeit ist nicht beliebt bei uns Menschen. In einer einer chassidischen Geschichte heißt es:

„Der Baalschem sprach: ‚Was bedeutet das, was die Leute sagen: Die Wahrheit geht über die ganze Welt? Es bedeutet, dass sie von Ort zu Ort verstoßen wird und weiterwandern muss.'“

Also – noch einmal: „Ihr seid aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten … mit Jesus Christus als Eckstein.“ Ihr seid aufgebaut – und Ihr bleibt aufgebaut – da können noch so viele Kirchen geschlossen werden. Ihr seid nicht aufgebaut auf dem evangelisch-lutherischen Landeskirchenamt, auch nicht auf dem römischen Papsttum. Ihr seid aufgebaut auf dem Eckstein Christus Jesus, in der Gemeinschaft der Heiligen. Und als solche seid Ihr „nicht mehr Fremdlinge“ sondern ihr seid „Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen!“

Das erscheint mir als der wirksamste Trost!

Mein lieber Kollege, Herr Pfarrer Müller, hat das letzte Woche so schön gepredigt. Er hat von der Katastrophe und von der Zuversicht gesprochen. Und er war sich nicht sicher, ob unsere Zuversicht als Christen ein wirklicher Trost oder eher eine Vertröstung ist.

Ja, die Petruskirche wird entwidmet werden. Ich weiß nicht, wie es dann weiter geht. Wem oder was sie dann gewidmet wird. Fest steht: Sie ist dann nicht mehr dem Erleben Gottes in der ökumenischen Gemeinschaft gewidmet.

Das finde ich sehr traurig. Und für manchen von uns – vermute ich – ist es auch sehr ärgerlich.

Beidem ist Raum zu geben.

Vertröstung ist, wenn ich versuche, mir und/oder Anderen einzureden: „Ist doch nicht so schlimm!“ „Wird schon wieder!“

Doch – es ist schlimm.

Und – es ist, was es ist.

Wir erleben exemplarisch an und mit der Petruskirche, dass etwas zu ende geht. Etwas, was gut war und gut ist. Ich bin so gerne bei Euch, weil hier ein lebendiger Geist weht.

Und nun wird sie geschlossen. Entwidmet. Das ist gleichsam die Gegenbewegung dazu, was Paulus am Ende unseres Textes schreibt: In Christus Jesus als Eckstein „wächst der ganze Bau zu einem heiligen Tempel im Herrn.“ Hier wächst kein „heiliger Tempel“ – er wird vielmehr „entwidmet“. „Die Petruskirche war mit 42 Jahre Heimat“, hat mir jemand geschrieben. In ihrer Entwidmung geht jetzt Heimat verloren. Da ist nichts schön zu reden.

Aber – der letzte Satz von Paulus hat noch einen zweiten Teil:

„Ihr werdet mit aufgebaut zu einer Behausung Gottes im Geist.“ Gemeint ist natürlich der Heilige Geist. Die „Behausung Gottes im Heiligen Geist“ ist überall auf dieser Welt möglich. Sie ist immer da. Sie kann gar nicht verschwinden. Wir müssen sie bloß sehen.

Der Historiker und Journalist Rutger Bregman hat unter dem Titel

„Im Grunde gut“ eine „neue Geschichte der Menschheit“ geschrieben. Er stellt die westeuropäische, durch Augustins Erbsündenlehre maßgeblich beeinflusste Denktradition, derzufolge der Mensch böse sei – und zwar von Mutterleibe an, in Frage. Er weist darauf hin, dass wirklich Bösartiges in der menschlichen Geschichte immer nur von sehr wenigen bösartigen Menschen ausging. Das Problem ist, dass sie Meister der Manipulation, der Verführung der „gutgläubigen“ Menschen gewesen sind. Es ist dieselbe Verführung, die die Israeliten in der Wüste dazu brachte, ihr ganzes Geschmeide herzugeben und davon ein „goldenes Kalb“ machen zu lassen.

Es ist die Verführung, den Gott des Lebens durch einen toten Gott, durch einen Götzen zu ersetzen.

Und was verführt uns Menschen immer wieder dazu, uns dem Unlebendigen zuzuwenden?

Ich denke, zunächst mal sind es Sehnsüchte nach einem starken Führer. Wenn ich mich ihm anschließe, dann verleiht mir das ein Gefühl der Sicherheit.

Und dann kommen noch zwei wesentliche Gefühle dazu:

Das eine ist Angst – das andere ist Hass.

Es ist die Angst vor dem Lebendigen und der Hass auf Lebendiges. Es ist die Angst vor dem unverfügbaren Gott, dessen Geist „weht, wo er will, und du hörst ein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht.“ (Johannes 3, 8)

Es ist die Angst vor dem Kontrollverlust. Leben lässt sich nicht kontrollieren. Jeder, der mit Kindern lebt oder gelebt hat, weiß das.

An einen lebendigen Gott zu glauben heißt, an einen unverfügbaren Gott zu glauben. Der sich meinen Denk-Traditionen und Denk-Schemata entzieht. Der sich nicht in Formen pressen lässt, der sich nicht an Regeln und Erwartungen hält.

Es ist ein freier Gott.

Und ein freier Gott ist ein undogmatischer Gott.

Sich ihm hinzugeben würde genügen.

Sich ihm hinzugeben hieße: „Es gut sein zu lassen!“

Hieße zu akzeptieren: Nicht ich bin der Regent meines Lebens (und des Lebens der Anderen. Sondern: Gott sitzt im Regimente.

Oder, mit Theresa von Avila: „Solo dios basta“. „Gott allein genügt.“

Oder auf bayrisch: „Mehr sog i ned!“ AMEN!

Predigt über Epheser 2, 17 – 22 (2. Sonntag nach Trinitatis 2024) Weiterlesen »

Predigt über Hesekiel 37, 1 – 14 an Pfingsten 2024

(Die Predigt wurde auf dem Hintergrund der bevorstehenden „Entweihung“ der Petruskirche gehalten.)

Ihr Lieben!

Pfingsten gilt als Geburtstag der Kirche.

Und Pfingsten ist das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes.

Pfingsten ist also einerseits ein Geburtstagsfest, bei dem wir singen können:

„Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst!“

Pfingsten ist andererseits ein Abschiedsfest:

Die Ausgießung des Heiligen Geistes ist die Folge der Rückkehr Jesu zu seinem Vater. Für seine ersten Jünger bedeutete diese Rückkehr ein Verlassen-Werden. Ein Zurück-Gelassen-Werden. Weil dieses Geschehen des Verlassen-Werdens mit sehr schmerzhaften Gefühlen verknüpft ist, sagt Jesus: Aber ich lasse „Euch nicht verwaist zurück“. Der Trost, den Jesus ankündigt, ist der Trost des Heiligen Geistes. Es ist der „Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht noch ihn kennt.“ (Johannes 14,17)

So nah sind Abschied und Neuanfang zusammen.

Dies gilt für Leben überhaupt. Ohne Abschied gibt es keinen Neubeginn. Neues kann es nur geben, wenn Altes verabschiedet worden ist. Viel Leid, viel Qual von uns Menschen hat mit der Unfähigkeit zu tun, loszulassen, und ja zu sagen zu dem, was gerade ist. Dass es so eben nicht weiter geht.

Hautnah erleben wir dieses Geschehen mit unserer Petruskirche.

Auch von ihr heißt es demnächst, Abschied zu nehmen.

Und auch hier gilt: „Ich lasse Euch nicht verwaist“ zurück.

Der Geist der Petruskirche, der Heilige Geist, ist unzerstörbar.Und er wirkt, wo und wann er will.

Die Kirche, die Gemeinschaft, die auf diesen Geist gründet, ist unzerstörbar. Sie lässt sich nicht „entweihen“ oder gar schließen. Sie ist jederzeit und für jeden offen.

Pfingsten ist auch der Geburtstag der Kirche, habe ich gesagt. Geburtstag feiern heißt auch, anerkennen, dass wieder ein Jahr gelebten Lebens vorbei ist. Der Depressive sieht an seinem Geburtstag nur, dass „schon wieder ein Jahr vergangen ist“. Was er nicht erleben kann, das ist die Freude und die Dankbarkeit für das, was er in diesem Jahr alles erleben „durfte“. Deshalb sagt Meister Eckhardt: „Wäre das Wort ›Danke‹ das einzige Gebet, das du je sprichst, so würde es genügen.“

Dies gilt auch für hier:

Danke, liebe Petruskirche, was wir in und mit dir erleben durften!

Freude und Dankbarkeit lässt sich freilich nicht auf Knopfdruck „machen“. Es ist ein Geschehen, das – Gott sei Dank – unserer Manie des „Nichts ist unmöglich“ entzogen ist. Dankbarkeit, Freude, Freundschaft, Friede, Liebe all‘ dies sind Ausdrücke für ein Geschehen, das sich von uns Menschen nicht machen lässt. Alles, was wir tun können, – und das ist nicht wenig – ist, ein Klima, ein Milieu, eine „Haltung“ zu finden, innerhalb derer Freude Dankbarkeit und Liebe sich entfalten, aufblühen können.

Zu dieser Haltung gehört wesentlich ein Gefühl der Gelassenheit.

Meister Eckhardt war neben vielem Anderen der Erfinder dieses Wortes und er meinte damit: „Losgelassen-Sein“ im Sinne von: „an nichts festhalten“. Was er damit nicht meinte, ist ein fatalistisches „Laisser faire“.

Auf diesem Hintergrund möchte ich mich jetzt mit Ihnen dem heutigen Predigttext zuwenden, einem Abschnitt aus dem 37. Kapitel des Buches Hesekiel (in der Übertragung Martin Bubers, die dem Hebräischen am Nächsten kommt.)

Hesekiel 37, 1-14

1 Über mir war SEINE Hand, im Geistbraus entführte mich ER, ließ mich nieder inmitten der Ebne, die war voller Gebeine. 2 Er trieb mich rings, rings an ihnen vorbei, da, ihrer waren sehr viele hin über die Fläche der Ebne, und da, sehr verdorrt waren sie. 3 Er aber sprach zu mir: Menschensohn, werden diese Gebeine leben? Ich sprach: Mein Herr, DU, du selber weißt. 4 Er aber sprach zu mir: Künde über diese Gebeine, sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret SEINE Rede! 5 so hat mein Herr, ER, gesprochen zu diesen Gebeinen: Da, Geistbraus lasse ich kommen in euch, und ihr lebt. 6 Ich gebe über euch Sehnen, ich lasse Fleisch euch überziehn, ich überspanne euch mit Haut, Geistbraus gebe ich in euch, und ihr lebt und erkennt, daß ICH es bin. 7 Ich kündete, wie mir war geboten. Als ich gekündet hatte, geschah ein Rauschen, und da, ein Schüttern, die Gebeine rückten zusammen, Gebein zu seinem Gebein. 8 Ich sah, da waren über ihnen Sehnen, Fleisch überzog sie, Haut überspannte sie obendrauf, doch kein Geistbraus war in ihnen. 9 Er aber sprach zu mir: Künde auf den Geistbraus zu, künde, Menschensohn, sprich zum Geistbraus: So hat mein Herr, ER, gesprochen: Von den vier Brausewinden, Geistbraus, komm, wehe diese Erwürgten an, daß sie leben! 10 Ich kündete, wie er mir geboten hatte. Der Geistbraus kam in sie ein, sie lebten. Sie standen auf ihren Füßen, ein sehr sehr großes Heer. 11 Er aber sprach zu mir: Menschensohn, diese Gebeine, die sind alles Haus Jissrael. Da sprechen sie: Verdorrt sind unsre Gebeine, geschwunden unsere Hoffnung, losgeschnitten sind wir! 12 Darum künde, sprich zu ihnen: So hat mein Herr, ER, gesprochen: Da, ich öffne eure Gräber, ich ziehe euch aus euren Gräbern, mein Volk, ich lasse euch kommen zu dem Boden Jissraels. 13 Dann werdet ihr erkennen, daß ICH es bin. Wann ich öffne eure Gräber, wann ich euch ziehe aus euren Gräbern, mein Volk, 14 gebe in euch meinen Geistbraus, daß ihr lebet, lasse euch nieder auf eurem Boden, dann werdet ihr erkennen, daß ICH es bin, ders redet, ders tut. SEIN Erlauten ists.“

Liebe Gemeinde,

welch‘ eine Vision, die der Prophet Hesekiel hier vor uns ausbreitet!

Hesekiel, hebräisch Jecheskel, heißt: Gott stärkt mich; Gott gibt mir Kraft; auch: Gott ist mein Halt. Er war Exilsprophet und erlebte sowohl die 1. Vertreibung der Juden aus ihrer palästinischen Heimat 597 v. Chr. durch die babylonische Weltmacht als auch die sich anschließende 2. Vertreibung. Diese ging mit der Zerstörung des Zentralheiligtums in Jerusalem im Jahre 587 v. Chr. einher.

Man könnte auch sagen: Hesekiel war ein schwer traumatisierter Mann – er hat die Zerstörung all dessen, was ihm, was seinen Eltern (er stammt aus einem alten Priestergeschlecht), was seinen Landsleuten heilig ist, erlebt. Und – als wäre das alles noch nicht genug: Dann wurde er auch noch aus seiner eigenen Heimat vertrieben.

Auf diesem Hintergrund verstehe ich die Vision des Propheten auch als Versuch einer einer „Selbst-Heilung“. Ich meine das nicht in dem Sinne, als könne man sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Ich meine das so:

Knochen = עֲצָמוֹת azamot bedeutet im Hebräischen auch: Das „Wesen“ eines Menschen, sein „wesentliches Selbst“, oder auch: das „eigene Eigene“ (Bollas). Meister Eckhardt spricht von der „Selbigkeit“ des Menschen. Wir würden heute vielleicht von seiner „Identität“ sprechen, und meinen damit, das, was den Menschen wesentlich ausmacht. Das „Wesen“ des Menschen.

„Homo“ – das lateinische Wort für Mensch – besagt, so Meister Eckhardt, dass ihm ein „vernunftbegabtes Sein“ mitgegeben ist. „Ein solchermaßen vernunftbegabter Mensch ist der, der sich selbst mit der Vernunft begreift und in sich selbst losgelöst (wörtlich: ‚abgeschieden‘) ist von allen Dingen und in sich selbst gekehrt, je mehr er alle Dinge klar mit seiner Vernunft in sich selbst erkennt, ohne Hinwendung nach außen, um so mehr ist er ein ‚Mensch'“ (Deutsche Werke Band I, S. 176; Predigt 15 über Lukas 19, 12). Das heißt im Umkehrschluss: Je weniger ein Mensch zu Selbsterkenntnis bereit und/oder fähig ist, desto weniger wird er seiner Bestimmung als Mensch gerecht. Oder mit den Worten von Theresa von Avila: „… so hoch die Seele auch stehen mag – nie wird etwas anderes die Selbsterkenntnis ersetzen können, ob man dies will oder nicht“ (Innere Burg, S. 30)

In der Vision des Hesekiels ist das „vernunftbegabte Sein des Menschen“ der Atem Gottes. Luther übersetzt mit „Odem“, was an „Adam erinnert. All dies sind Versuche, das hebräische Wort „Ruach“ einzudeutschen. Ruach kann auch ganz einfach „Wind“ oder „Sturm“ meinen. Bezogen auf Lebewesen beschreibt es ihre die Lebenskraft. Sie ist in innigster Weise verbunden mit dem „Geist Gottes“. Von daher ist eine verbreitete Auslegung der Vision Hesekiels vom „Toten-Acker“, dass es sich um „geistlich Tote“, um „spirituell Gestorbene“ handelt. Hierüber zu streiten, um welche Tote es jetzt geht, um „wirklich Tote“ oder „nur“ um „geistlich Tote“ ist eine Ablenkung vom Wesentlichen.

Das Wesentliche ist: Mensch-Sein bedeutet, nicht nur in Beziehung mit Gottes Geist zu leben, sondern aus seinem Geist heraus zu leben. Wer aus Gottes Geist lebt, der lebt wirklich – und wenn er auch sterben müsste.

Der Heilige Johannes vom Kreuz nennt Gottes Geist „ilama de amor“, die „Liebesflamme“. Er beschreibt ihn als die personifizierte Liebe Gottes, die den Menschen in seinem Wesenskern, in seiner „Selbigkeit“ berührt, um ihn immer mehr dem Gott, der die Liebe ist, gleichzugestalten. Um zu veranschaulichen, wie er das meint, verwendet Johannes das Bild vom Feuer: Gott gleicht einem „verzehrenden Feuer“, das die Seele des Menschen „läutert“, in dem alles verbrennt, was nicht seinem Wesen entspricht. Dies erlebt der Mensch als Schmerzen im Dienste seiner Erleuchtung hin zu Gott. Indem der Mensch dies an sich geschehen lässt, wird er immer tiefer erleuchtet und entflammt, bis er mit der Liebe Gottes gleichgestaltet ist. Den Weg selbst beschreibt Johannes als „Dunkle Nacht“ und veranschaulicht die Gefühle der dunklen Nacht mit dem Bild des noch feuchten Holzscheids, das mit Zischen und Krachen versucht, sich gegen seine Entflammung zu wehren.

Liebe Gemeinde,

Gott ist ein guter Therapeut. Therapeut heißt wörtlich: „Begleitender Diener im Kampf“. Der Kampf, um den es geht, ist der Kampf der sich ausbreitenden Liebe gegen die Mächte des Hasses. Das Futter des Hasses sind die Gefühle des Verlassen-Werdens. Jedes Baby kennt und durchleidet diese Gefühle. Selbst wenn es noch so liebevolle Eltern hat: Es erlebt immer wieder, allein zu sein. Angewendet auf die „Entweihung“ der Petruskirche: Ich bitte Sie und Euch, sich nicht von (naheliegenden) Gefühlen der Empörung leiten zu lassen. Sie eignen sich nur dazu, Schuldige zu finden, und bei ihnen den eigenen Hass und die eigene Enttäuschung unterzubringen.

Noch einmal: Der Geist Gottes braucht keine Räume. Der Geist der entflammenden Liebe lebt – und er ist unzerstörbar. Kirchen kann man entweihen, Lebewesen kann man töten – den Geist Gottes nicht. Drei Mal heißt es in unserem Text:

„Und Ihr werdet erkennen, dass ICH es bin“.

Aus dieser Erkenntnis heraus leben bedeutet, aus der Liebe Gottes heraus zu leben. Dieser Liebe ist es egal, wer du bist, welcher Religion du angehörst, ob du Atheist bist. Diese Liebe lässt sich von Kirchenentweihungen ebenso wenig beeindrucken, wie von den prunkvollsten Kirchenbauten.

„Die Liebe gleicht einem Hund“, sagt Rumi. „Sie packt dich am Genick und schleppt

dich zappelnd zu Gott.“

Und auf seinem Grab steht:

„Komm, wer immer du bist,

Wanderer, Götzenanbeter, den Abschied Liebender.

Es spielt keine Rolle.

Dies ist keine Karawane der Verzweiflung.

Komm, auch wenn du deinen Schwur tausendfach gebrochen hast.

Komm, komm, noch einmal: KOMM!“ AMEN.

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Karfreitag 2024: Von Gott verlassen?

Liebe Gemeinde,

bei der Vorbereitung auf den heutigen Karfreitagsgottesdienst fühlte ich Widerwillen. Es ist derselbe Widerwille, mit dem ich mir die Nachrichten im Fernsehen anschaue, mit dem ich Zeitung lese, mit dem ich bei vielen meiner Patienten konfrontiert werde. Es ist der Widerwille dagegen, Qual, Leid, Folter aber auch Lüge, Betrug, Täuschung an mich heran zu lassen, zu akzeptieren, dass Menschen, dass wir Menschen dank unserer Intelligenz zu unfassbarer Zerstörung in der Lage sind. Im Kleinen, wie im Großen.

Es ist auch der Widerwille dagegen, anzuerkennen, dass der Mensch, dessen Predigten mich so tief berühren, dessen Gebete ich nachspreche, den ich als „Sohn Gottes“ bekenne – dass derselbe Mensch als Gotteslästerer zusammen mit zwei Verbrechern hingerichtet worden ist.

Was war sein Verbrechen? Dass er sich selbst als „König der Juden“, als der verheißene Messias ausgab? Vielleicht. Konkreter und naheliegender ist jedoch, dass er sich mit dem damaligen gesellschaftlichen Mainstream anlegte. Er warf die Händler aus dem Tempel: Das war ein Frontalangriff auf die damalige Zusammenarbeit von Wirtschaft und Synagoge. Er predigte Liebe anstelle von Macht. Das geht gar nicht. Wenn der Papst sagt, die Ukraine solle die weiße Flagge der Kapitulation hissen, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, gibt es einen Aufschrei der westlichen Welt. Damit würde dem Imperator und Kriegsverbrecher Putin in die Hände gespielt, heißt es. Der nicht aufhören würde, ehemalige Sowjetstaaten zurück zu erobern. Wahrscheinlich ist das so.

Daraus folgt: Macht muss mit Gegen-Macht bekämpft werden. Und: Ohnmacht ist unter allen Umständen zu vermeiden.

Nicht so bei und für Jesus, dem Prediger der Liebe. Er steht auf der anderen Seite der Macht: Er steht auf der Seite der Ohnmacht. Des Ohne-Macht-Seins.

Das kann die Seite der Verzweiflung, der Kapitulation sein.

Muss aber nicht.

Es kann auch die Seite aufkeimender Liebe sein.

„Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.“

Wir haben vorhin die Kreuzigung Jesu in der Fassung gehört, wie sie Johannes uns überliefert hat. Im Vergleich zu der Fassung des Matthäus – sie ist der heutige Predigttext – ist die Darstellung des Johannes ruhiger, auch milder. Nicht so hart und grausam wie bei Matthäus. Zum Beispiel endet bei Matthäus das Leben Jesu mit einem Schrei der Gottverlassenheit. Bei Johannes sind die letzten Worte Jesu ein „es ist vollbracht!“

Wenn ich ehrlich bin, würde ich lieber über die Johanneische Version predigen. Es fällt mir schwer, Gottverlassenheit zu predigen.

Gefühlt ist Gottverlassenheit nichts anderes als Horror.

Der Horror im Angesicht des Nichts.

Sollte alles, was ich glaubte, nichts sein?

Ich glaubte:

Endlich Einer

Denn mit Jesus war EINER da, der sagte:

Selig sind die Armen!

Und nicht: Wer Geld hat, ist glücklich.

Endlich EINER, der sagte: Liebe deine Feinde!

Und nicht: Nieder mit dem Gegner!

Endlich EINER, der sagte:

Erste werden Letzte sein!

Und nicht: Es bleibt alles beim Alten!

Endlich EINER, der sagte:

Wer sein Leben einsetzt und verliert,

der wird es gewinnen!

Und nicht: Seid schön vorsichtig!

Endlich EINER, der sagte:

Ihr seid das Salz!

Und nicht: Ihr seid die Creme.

Endlich EINER, der starb,

wie ER lebte.

(Nikolaikirche, Leipzig)

Ich werde jetzt nicht über den Text (Matthäus 27, 33 – 54) im einzelnen mit seinen vielen Anspielungen predigen. Auch auf die sublimen antisemitischen Gedanken, gipfelnd in der Verbindung des Namens von Judas als der „Jude“, der Jesus verrät, gehe ich nicht weiter ein.

Stattdessen möchte mit Ihnen über den Karfreitag als „mentales Geschehen“ nachdenken. Das mentale Geschehen des Karfreitags ist das Erleben des Verlassen-Werdens. Es ist das Erleben, dass sich das „radikal Gute“, die „nährende und wärmende Liebe“, dass sich Gott in der Gestalt seines Sohnes aus dieser unserer/meiner Welt zurückzieht. Karfreitag ist die Abwesenheit Gottes. Übrig bleibt der „von allen guten Geistern“ verlassene Mensch.

Karfreitag ist der jüngste Anschlag in Moskau, ist Stalingrad, ist Auschwitz, ist Gaza Streifen, ist Ukraine.

Karfreitag ist, von der Mutter zur Adoption freigegeben zu werden. Ist, von desinteressierten überforderten, weil selbst traumatisierten Eltern im Kinderheim „abgegeben“ zu werden.

Karfreitag ist der sexuelle Missbrauch von Menschen, die in Abhängigkeitsverhältnissen stehen.

Karfreitag ist narzisstischer Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.

Karfreitag ist die Qual der Tiere, die eingepfercht in einem Tiertransporter ihrer Schlachtung entgegen fahren. Karfreitag ist die Qual der Hühner, deren Lebenssinn darin besteht, auf engstem Raum möglichst viel Eier zu legen. Karfreitag ist die Qual der Kühe, deren Euter so groß gezüchtet wird, dass sie nicht mehr laufen können.

Karfreitag ist die Qual der hochgezüchteten Pflanzen. Die in Käfigen, genannt Gewächshäuser, möglichst hohen Ertrag bringen sollen.

Kurzum: Karfreitag ist der Triumph der Mächtigen über die Ohnmächtigen, der Triumph der Bestimmer über die Bestimmten. Karfreitag ist die Rücksichtslosigkeit und Ignoranz derer, die Gewalt ausüben, gegenüber denen, die sich nicht wehren können oder wollen.

Karfreitag ist das Wegbrechen von Menschlichkeit, von Einfühlung, von Liebe.

Karfreitag ist der Triumph kalten Hasses, legiert mit Neid und Gier.

Wie kann es dazu kommen?

Gibt es Elemente, die dieses Geschehen, diese Entwicklung verständlich machen?

Ja – die gibt es!

Es ist nämlich so, dass wir Menschen allesamt Abhängigkeit erlebt haben. Zunächst einmal verbringen wir neun Monate in einem Behältnis, genannt Mutterleib, das uns Leben schenkt. Das uns aber auch vergiften kann, wenn seine Besitzerin Drogen nimmt. Oder uns töten kann, wenn sie uns wieder los werden will. Das wird dann Abtreibung genannt. Dem sind wir als Fötus wehr- und machtlos ausgeliefert.

Mutterleib heißt im Arabischen, „Rachim“. Das bedeutet auch „Erbarmen“, oder „Barmherzigkeit“. Dieses „Erbarmen“ erleben zu dürfen, ist nicht selbstverständlich. Es ist eine Gnade, ein Geschenk, einen Mutterleib zu erleben, in dem wir wachsen und am Ende unseres Wachstums das Licht der Welt erblicken dürfen.

Am Beginn unseres extrauterinen Lebens sind wir dann immer noch radikal abhängig von einer „Kraft“ oder „Macht“, die uns am Leben erhält, die uns füttert, sich unserer auch mental annimmt, die für unsere Sauberkeit sorgt. Und – falls wir Glück haben -: Die uns lieb hat.

Und wir, die wir hier zusammen sind:

Wir haben bei allem Leid etwas „Gutes“ und „Fürsorgliches“ im weitesten Sinne gebraucht und es auch bekommen – sonst gäbe es uns nämlich gar nicht!

Und wir haben alle Verlassen-Werden, Alleine-Sein erlebt. Auch die Brust, die mich nährt, die mich liebt: Sie verschwindet wieder. Die Hand, die mich zärtlich streichelt, ist irgendwann wieder weg. Je jünger ich bin, je weniger ich größere Zusammenhänge erkennen kann, desto ausgelieferter erlebe ich mich in diesem Verlassen-Werden. Ich werde immer ängstlicher, immer misstrauischer – bis ich überzeugt davon bin: Ich bin umzingelt von bösen Mächten die nur eines im Sinn haben: Mich zu zerstören. (Das ist der Stoff, aus dem unsere Albträume und die guten Thriller sind.)

Es gibt keine Erinnerung mehr an das Gute, das ich erlebt habe. Da, wo das Gute gewesen ist, ist jetzt das Böse. Im Märchen heißt das: Die „gute Mutter“ ist gestorben, an ihre Stelle ist die böse Stiefmutter getreten, die mich demütigt, die mich quält. Das Gute scheint nur gut zu sein, in Wirklichkeit aber ist es böse geworden. Wie konnte ich mich nur so täuschen: Die Frau, von der ich die leckeren Schokoladen-Lebkuchen bekam, ist in Wirklichkeit eine böse Hexe. Sie füttert mich nur, weil sie mich verzehren will… (Sie kennen Hänsel und Gretel.)

Freut sich Gott – das schlechthin Gute – in Wirklichkeit an meiner Ohnmacht, an meiner Hilflosigkeit, an meinem Ausgeliefert-Sein?

Ich dachte, ich wäre sein Ein-und-Alles. Von ihm eigenhändig erschaffen. Ich dachte, er verlässt mich nie. Ich dachte, ich habe die Macht, ihn bei mir zu halten. Ich dachte, ich habe alle Macht.

Und jetzt muss ich feststellen: Ich habe überhaupt keine Macht; hilflos ausgeliefert bin ich meinen Feinden, die sich an meiner Qual erfreuen und mich elendiglich verrecken lassen.

Anstatt von guten Kräften umgeben zu sein, bin ich von Hexen und Dämonen umgeben, die auf meinen Untergang aus sind.

Wo bist du, Gott?

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Liebe Gemeinde,

ich habe versucht, Ihnen einen Einblick in das mentale Erleben des Karfreitags zu geben. Die Quellen dieses Erlebens führen zurück in unsere Baby-Zeit.

Lange Zeit dachte man, Babys spüren nichts. Sie haben noch keine Empfindungen. So wurden sie noch in den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts ohne Narkose operiert.

Es war Melanie Klein, die das Seelenleben des Kleinkindes erforscht hat. Sie hatte durch einfühlende Beobachtung erforscht, wie Seele, wie seelisches Leben entsteht.

Sie wurde und wird bekämpft. Es gibt einen großen Widerstand dagegen, sich in dieses ganz frühe Leben und Erleben von uns Menschenkindern einzufühlen. Es ist im übrigen derselbe Widerstand, der sich aufbaut, sich in das Leben und Erleben von Tieren und Pflanzen einzufühlen. Dass sie beseeltes Leben sind – so wie Sie und ich!

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“, hat Albert Schweitzer einmal gesagt. Entscheidend ist der Gedanke, ich bin inmitten von Leben. Von Leben, das genauso leben will, wie ich. Dessen Würde genauso unantastbar ist, wie meine eigene.

In dieser Haltung will ich versuchen, den heutigen Karfreitag zu erleben.

Diese Haltung führt heraus aus den verzweifelten Gefühlen meiner Einsamkeit, meiner Gottverlassenheit.

In dieser Haltung verwandelt sich mein Karfreitag in einen Kraftfreitag. (Dieses Wort verdanke ich der Autokorrektur meines Textprogrammes.)

Diese Haltung aber kann ich mir nicht selber erarbeiten. Ich kann sie mir nur schenken lassen. Es ist die Haltung, die die eigene Begrenztheit und Vergänglichkeit anerkannt hat. Die Menschen, die schreien, „Kreuzige ihn!“ – das sind dieselben, die schreien: „Hosianna dem König Davids!“

Karfreitag ist das Kippen der Allmachts-Illusion in die Ohnmachts-Illusion. Es ist der Zusammenbruch der manischen Gefühle und das Überflutet-Werden von depressiven Gefühlen.

Aber und: Es gibt ein „Dazwischen“. In den Ritzen zwischen den Felsen von Allmacht und Ohnmacht lebt jene Liebe auf, die längst erstorben schien:

„Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.“ AMEN

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